Der Begriff „Beschimp­fung“ ist, wie der ganze Text, nicht allzu ernst zu nehmen. Schließ­lich geht es bei „Rechtstwit­ter“ (RT) nicht um eine Bewe­gung oder eine poli­ti­sche Ideo­lo­gie, son­dern im Grunde um einen poli­tisch belang­lo­sen Zeit­ver­treib. Seine Kritik muss daher not­wen­di­ger­wei­se noch ein Stufe belang­lo­ser sein und „Ne komm“ wäre even­tu­ell ein guter Ersatz für diesen ganzen Arti­kel. (Wir hoffen den war­ten­den Leser damit nicht allzu tief ver­grämt zu haben, fanden es aber bei diesem Thema ange­mes­sen.) Doch RT könnte als Sym­ptom des Zustands rech­ter Zusam­men­hän­ge Teil einer Pro­ble­ma­tik sein, die alles andere als belang­los ist.

Kon­kret tauch­te der Begriff als Selbst­be­zeich­nung für eine lose Gruppe meist anony­men Twit­ter­ac­counts auf, die sich zum rech­ten Lager zählt. Der Begriff sowie das Erschei­nungs­bild von RT ist „Sifft­wit­ter“ nach­emp­fun­den, einem ebenso losen Twit­ter-Troll­ring, der aus der „Dra­chen­lord­hai­derbla­se“ erwuchs. (Wem all diese Begrif­fe nichts sagen, der kann sich beglück­wün­schen und sie ein­fach über­le­sen.) Wäh­rend Sifft­wit­ter durch rigo­ro­ses Trol­len und einen völlig anar­chi­schen Humor auf­fiel, der kei­ner­lei Poli­ti­cal Cor­rect­ness kannte, und sich vom links­li­be­ra­len Main­stream ebenso abgrenz­te wie von rech­ten Bewe­gun­gen, so ordnet sich RT poli­tisch klar rechts ein. Man ist in der Regel natio­nal­kon­ser­va­tiv, aber auch Natio­nal­bol­sche­wis­ten, Neo­pa­ga­nis­ten und Radi­kalka­tho­li­ken werden gedul­det. Wich­tig ist im Grunde nur, dass man mög­lichst „edgy“, also rand­stän­dig und radi­kal, rüber­kommt.

Edgy­ness & Ironie

Auf RT gilt: wer zuerst Gefüh­le und Skru­pel zeigt, zurück­schreckt, mora­li­siert oder per­sön­lich betrof­fen ist, ist „getrig­gert“ und hat ver­lo­ren. Keine mora­li­schen Hem­mun­gen zu haben und alles iro­nisch zu meinen gehört bei RT zum guten Ton. Die Jagd nach „Edgy­ness“ und Kan­tig­keit führt zu absur­den ideo­lo­gi­schen Aus­wüch­sen. Hyper­ra­di­ka­le Patch­workideo­lo­gi­en wech­seln sich Woche für Woche ab, und werden stolz in Twit­ter­bi­os prä­sen­tiert. Da sich der Akti­vis­mus der RT-User auf Pos­tings beschränkt und sie in der Regel keine Bewe­gung oder Partei, son­dern nur sich selbst ver­tre­ten, misst sich ihre Rele­vanz an der Reak­ti­on, die ihre digi­ta­len Ent­äu­ße­run­gen erzeu­gen. Da aber jedes Twit­ter­pro­fil prin­zi­pi­ell gleich, und das Design jedes Tweets ident ist, muss man zu hartem Tobak grei­fen um auf­zu­fal­len. RT repro­du­ziert das Pro­blem des neu­zeit­li­chen Sub­jek­ti­vis­mus und libe­ra­len Indi­vi­dua­lis­mus. Die ega­li­tär nivel­lier­ten Sub­jek­te erfah­ren ihre Aus­tausch­bar­keit und Belang­lo­sig­keit und ver­su­chen mit den irrs­ten Win­dun­gen und Iden­ti­täts­sal­tos „ein­zig­ar­tig“ zu werden. Reich­ten vor weni­gen Jahren noch Tat­toos und pein­li­che Fri­su­ren, so greift man heute immer häu­fi­ger zum (manch­mal che­mi­schen) Messer, um sich zur „indi­vi­du­el­len“ Hor­mon­bau­stel­le zu defor­mie­ren. RT funk­tio­niert nach den­sel­ben Prin­zi­pi­en.
Hun­der­te anony­me Ein­zel­pro­fi­le bas­teln an einem mög­lichst ori­gi­nel­len Avatar, mit mög­lichst auf­fäl­li­gem Pro­fil­bild, kras­sem Namen und mög­lichst anstö­ßi­gen, scho­ckie­ren­den und „authen­ti­schen“ Tweets. Kom­pli­ziert wird es dadurch, dass man diesen Auf­wand und diese Ernst­haf­tig­keit nicht anse­hen darf. Es muss wie gleich­gül­tig hin­ge­wor­fen wirken und erin­nert so an die „Torn­jeans“, oder den „messy Look“, der mit hohem Auf­wand vor­be­rei­tet wird.
Auf Twit­ter kann man keine Aktio­nen setzen. Man kann nicht durch Cha­ris­ma, Auf­tre­ten oder Taten glän­zen. Als anony­mes Profil bleibt einem nur der Schock, die Pro­vo­ka­ti­on und die so gene­rier­te Auf­merk­sam­keit, um her­vor­zu­ste­chen. Der NS und Rechts­ex­tre­mis­mus im All­ge­mei­nen ist, wie ein bekann­tes Inter­net­ge­setz beweist, der Flucht­punkt aller Radi­ka­li­tät. Da in einer füh­rungs­lo­sen und hier­ar­chie­lo­sen Assem­bla­ge an anony­men Usern keine „Messa­ge Con­trol“ durch­ge­setzt werden kann, wirken diese Mecha­nis­men völlig unge­hemmt und unge­bremst. Post für Post setzt sich der radi­kals­te Tabu­bruch durch. Wich­tig ist dabei nur, dass diese sicht­bar iro­nisch getä­tigt werden, also das klar wird, dass der­je­ni­ge nicht wirk­lich über­zeugt und idea­lis­tisch an NS und Faschis­mus glaubt. Bewusst wird an diesen Ideo­lo­gi­en letzt­lich nur ihr Schock­po­ten­ti­al geschätzt, womit ihr Miss­brauch durch die herr­schen­de Elite affir­miert wird. Wer Ein­halt gebie­tet macht sich lächer­lich und wirkt schwach. Der RT-User will zwar nicht sein Gesicht zeigen, noch weni­ger will er aber sein Gesicht ver­lie­ren.
Not­wen­dig findet damit eine Ent­hem­mung, Desen­si­bi­li­sie­rung und Radi­ka­li­sie­rung statt. „Die Authen­ti­zi­tät ist letz­ten Endes eine neo­li­be­ra­le Pro­duk­ti­ons­stra­te­gie. Das “Ich” wird dem Zwang unter­wor­fen, als Unter­neh­mer seiner selbst per­ma­nent sich selbst zu pro­du­zie­ren“, schreibt Byung-Chul Han in einem Auf­satz über Nar­ziss­mus. Der RT-User pro­du­ziert und reprä­sen­tiert sich ent­spre­chend der­sel­ben Mecha­nis­men und aus den­sel­ben Grün­den wie die durch­schnitt­li­che TikTok-Userin: er will Aner­ken­nung und Wert­schät­zung. Seine Welt­an­schau­ung ver­weist ihn dabei nur auf eine bestimm­te poli­ti­sche Nischen-Peer­group, und statt mit knap­pen Out­fits und sexy Tanz­chal­len­ges macht er eben mit Memes und kan­ti­gen Aus­sa­gen auf sein „ein­zig­ar­ti­ges Ich“ auf­merk­sam. Gewiss gibt es User, die mit qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Über­le­gun­gen, ori­gi­nä­rem Witz oder krea­ti­vem Talent Auf­merk­sam­keit erzeu­gen. Wem das fehlt (und das sind viele) dem blei­ben nur Schimpf­ti­ra­den, faschis­ti­sche Ästhe­tik, NS-Anspie­lun­gen, Ver­nich­tungs­fan­ta­si­en und im schlimms­ten Fall die scham­lo­se Pro­sti­tu­ti­on inti­mer Gefüh­le und sexu­el­ler Fan­ta­si­en, um sich im Auf­merk­sam­keits­wett­streit durch­zu­set­zen. Was man damit errei­chen will ist das­sel­be, wovon jedes TikTok-Girl träumt: der RT-User will als Person wahr­ge­nom­men werden und sein Selbst­wert­ge­fühl, dass womög­lich in seinem beruf­li­chen und stu­den­ti­schen Dop­pel­le­ben als ange­pass­ter Normie leidet, radi­kal auf­wer­ten.
Wie das TikTok-Girl täuscht der RT-User sich und andere dabei und tut so, als wäre ihm das alles nicht wich­tig, und als wäre Twit­ter all­ge­mein und RT im Beson­dern ohne­hin unter seiner Würde. Die Beharr­lich­keit, mit der er jedoch nach jeder Account­sper­rung immer und immer wieder mit einem neuen Konto zurück­kommt legt nahe, was er nicht wahr haben will: er braucht RT um sein Ich zu sta­bi­li­sie­ren.
Das Tra­gi­sche daran: Der Schutz­schild der Ironie, der ihn davor bewahrt naiv und „cringy“ zu wirken, führt zu einer Spi­ra­le des Zynis­mus. Nur der, dem irgend­et­was etwas ernst und heilig ist, der kann dar­über ernst­haft „getrig­gert“ werden. Jeder echte Mann hat Werte und Ideale, deren Belei­di­gung im realen Leben zu Kon­se­quen­zen führen muss.
Da man auf Twit­ter in diesem Fall nur in frucht­lo­se Beschimp­fun­gen und pein­li­che „Her­aus­for­de­run­gen“ im Stil des Dra­chen­lords ver­fal­len kann, muss der, dem etwas ernst und heilig ist, ent­we­der diese Sphä­ren meiden, oder er baut diese Gefüh­le ab und „desen­si­bi­li­siert“ sich. Die iro­nie­ge­tränk­ten DIY-Ideo­lo­gi­en und Shit­pos­tings können daher wie eine psy­cho­lo­gi­sche Mühle wirken, die alle Ideen und Werte sar­kas­tisch zer­mahlt und in zyni­schen Staub ver­wan­delt. Ernst­haf­te Wahr­heits­su­che wird auf Twit­ter mehr als in jeder ande­ren Debat­te durch Schock­mo­ment und Schlag­fer­tig­keit ersetzt. Nicht was sinn­voll, gut und erstre­bens­wert, son­dern was „based“ ist, zählt. Wessen pri­mä­res poli­ti­sches Umfeld RT ist, der läuft Gefahr dieses plumpe und geis­tes­schwa­che Denken zu inter­na­li­sie­ren, und am Ende sogar diese Spra­che in seinen per­sön­li­chen Sprach­ge­brauch ein­flie­ßen zu lassen. Wir kennen tat­säch­lich einige Per­so­nen, die sich durch ihren Auf­ent­halt auf RT radi­kal zum Schlech­ten ver­än­dert haben.

Fol­gen­lo­se Kan­tig­keit

In Kor­po­krei­sen exis­tiert sein gerau­mer Zeit der Begriff „abhit­lern“. Gemeint ist damit der über­trie­be­ne Ver­bal­ra­di­ka­lis­mus man­cher „Alter Herren“ und „Ver­kehrs­gäs­te“, die im Alltag aal­glat­te Libe­ra­le sind, jedoch einmal im Monat hinter Schloss und Riegel zu ver­we­ge­nen Kel­ler­re­bel­len mutie­ren. Jeder „Fuchs“ der schon einmal Bei­sit­zer dieser bier­se­li­ger Eska­la­tio­nen sein und als Pro­jek­ti­ons­flä­che für die „eigene, wilde Jugend“ her­hal­ten musste, wird wissen, wovon die Rede ist. Den RT-User quält ver­mut­lich ebenso ein Über­druss am apo­li­ti­schen Alltag, seiner linken Schul­klas­se oder seinem lang­wei­li­gen Job, indem er sein poli­ti­sches Power­le­vel ver­ber­gen muss. Die Dif­fe­renz zwi­schen seinem Wissen (um Deutsch­lands Unter­gang), seinem Wollen (Deutsch­lands Auf­er­ste­hung) und seinem Tun (nichts) quält ihn und diese Qual treibt ihn auf Twit­ter. Der digi­ta­le Ver­bal­ra­di­ka­lis­mus ist Aus­druck einer realen Apa­thie und Taten­lo­sig­keit.
Bewe­gun­gen und Par­tei­en sind dem RT-User nur Gegen­stand des Spot­tes. Er ver­lacht sie für ihre Imper­fek­tio­nen und ihr „Schei­tern“, das er glas­klar daraus fol­gert, dass noch kein futu­ris­ti­scher Eth­no­st­aat eta­bliert ist. Der Grund dafür, dass er vor diesem Schei­tern gefeit ist, liegt jedoch nicht darin, dass er es besser macht. Es liegt daran, dass er gar nichts tut und daher keiner Fehler bege­hen kann.
Die Radi­ka­li­tät mit der er extre­me Tweets raus­haut, die Kühn­heit mit der er Begrif­fe wie „Neger“ (vor­zugs­wei­se in einer koor­di­nier­ten Tweet­ket­te) gebraucht und radi­ka­le poli­ti­sche Lösun­gen ein­for­dert, leidet etwas dar­un­ter, dass er das alles anonym und über VPN-Tunnel tut. Das Repres­si­ons-Risiko des RT-Users ist gleich null, und liegt unter dem eines belie­bi­gen AfD-Wahl­kampf­hel­fers oder You­Tubers. Das ein­zi­ge was ihn bedroht ist ein WLAN-Aus­fall. Den­noch hat er pani­sche Angst davor, gedo­xxt zu werden. Bei dem Thema ist plötz­lich alle Ironie und Edgy­ness wie weg­ge­bla­sen: RT wird auf einmal wei­ner­lich und spie­ßig. Es geht ja um den Stu­di­en­platz und die Fami­lie, um den Beruf und den Freun­des­kreis. Wie kann man nur!

Andere, die all das aufs Spiel gesetzt haben, werden vom RT-User gering geschätzt, da sie seinen Ver­bal­ra­di­ka­lis­mus nicht teilen. Er wirft ihnen Anpas­sung und Libe­ra­lis­mus, oder, falls sie „Boomer“ sind, ihr feh­len­des Stil­ge­fühl, vor und unter­streicht dies mit zahl­rei­chen Screen­shots und Zita­ten. Am wenigs­ten gefällt dem RT-User eine Ableh­nung von Gewalt, oder gar eine Abgren­zung zu poli­ti­schen Extre­men von­sei­ten real­po­li­ti­scher Akteu­re. Rasch wird der­je­ni­ge als „Cuck“ abge­stem­pelt und dem Gespött von RT preis­ge­ge­ben. Dort frönt man indes der digi­ta­len Mili­tanz (natür­lich nur solan­ge der VPN-Tunnel steht.) Real­po­li­ti­sche Akteu­re hin­ge­gen, welche die Codes von RT auf­grei­fen, oder gar ver­pön­te Begrif­fe wie „Neger“ sagen, den Usern Shou­touts geben und sich sonst wie an die digi­ta­le Com­mu­ni­ty anbie­dern, werden von ihnen als „Kings“ abge­fei­ert. Ein guter Teil der Ent­wick­lung der US-ame­ri­ka­ni­schen Alt-Right kann dieser Dyna­mik zuge­rech­net werden. Füh­ren­de Akteu­re sehn­ten sich nach der Aner­ken­nung und digi­ta­len Apo­theo­se durch kleine, radi­ka­le Inter­net­com­mu­nities, und ließen dafür Stra­te­gie, ziel­füh­ren­de Kom­mu­ni­ka­ti­on und den Fokus auf die breite Masse fallen. Der typi­sche RT-User wäre nach seinem Profil: jung, männ­lich, gebil­det, radi­kal und an Euro­pas Unter­gang lei­dend, eigent­lich der ideale Ver­tre­ter einer akti­vis­ti­schen, rech­ten Avant­gar­de. Auch das „Chaos“, das er in sich trägt, wäre hier hilf­reich. Er passt weder in die mas­sen­ba­sier­te Partei, noch in die mas­sen­ori­en­tier­te Gegen­öf­fent­lich­keit, son­dern wäre beru­fen, im Bereich des Akti­vis­mus, der Gegen­kul­tur und der Bewe­gung wirk­sam zu werden. Der Zynis­mus, die Anony­mi­tät, die Pseu­do­mi­li­tanz und Lar­mo­yanz des Twit­ter­da­seins sowie das Vege­tie­ren in digi­ta­len Schein­ge­mein­schaf­ten schei­nen heute jedoch eine gang­ba­re Alter­na­ti­ve zur Aktion und der Grün­dung realer meta­po­li­ti­scher Pro­jek­te zu sein. Das Sta­gnie­ren der Gegen­kul­tur, der Bewe­gung und der Mangel an avant­gar­dis­ti­schen rech­ten Pro­jek­ten, sowie das Auf­tre­ten und Wach­sen von RT hängen womög­lich zusam­men.

Apo­ka­lyp­tik & Anony­mi­tät

Gesicht zeigen“ gilt auf RT bes­ten­falls als belä­chel­tes Meme, teil­wei­se sogar als gefähr­li­che Dumm­heit. Die eigene Anony­mi­tät, die den „basier­ten“ Ver­bal­ra­di­ka­lis­mus ermög­licht, wird teil­wei­se sogar auf ver­schla­ge­nen geis­ti­gen Pfaden zur stra­te­gi­schen Ent­schei­dung sti­li­siert. Man ima­gi­niert sich in eine Rolle als Unter­grund­kämp­fer und das eigene Posten zu einer Form des „Akti­vis­mus“, einer Art von Pro­pa­gan­da im meme­ti­schen Info­krieg. Tat­säch­lich ist es aber eine digi­ta­le Selbst­be­frie­di­gung in einer klei­nen Echo­kam­mer, die außer eini­gen staats­fi­nan­zier­ten Rechts­ex­tre­mis­mus­ex­per­ten nie­man­den inter­es­siert. In einem hat man Recht: „Gesicht zeigen“ ist als Aufruf ver­brann­ter Akti­vis­ten oder 0815-You­Tuber eine leere Parole. Warum sollte man grund- und ziel­los seine Anony­mi­tät lüften, um sich Anti­fa­ter­ror oder gar Straf­ver­fol­gung aus­zu­set­zen? Noch absur­der ist es aber, die Anony­mi­tät als eine Art „Schlä­fer­tak­tik“ und „Unter­wan­de­rungs­stra­te­gie“ dar­zu­stel­len. Tat­sa­che ist, dass im Moment keine Idee, keine Stra­te­gie und keine Bewe­gung exis­tiert, die es dem RT-User wert wäre, den Rubi­kon der Öffent­lich­keit zu über­schrei­ten. Wenn dieser Weg jedoch exis­tie­ren würde, wäre es die mora­li­sche Pflicht eines jeden, ihm zu folgen und dafür zur Not auch Gesicht zu zeigen. Dass er nicht exis­tiert, bedeu­tet eine andere Auf­ga­be: näm­lich an diesem Weg zu arbei­ten, ihn den­ke­risch vor­zu­be­rei­ten, akti­vis­tisch aus­zu­lo­ten und dabei aus Erfah­rung, Erfol­gen und Feh­lern der Vor­gän­ger zu lernen. Davon ist aber auf RT nichts zu lesen und im „Real-life“ (RL) nichts zu sehen. Über das „Gesicht zeigen“ nach­zu­den­ken, heißt, über das Aktiv werden nach­zu­den­ken und nach einer Auf­ga­be zu suchen, die es wert ist „All in“ zu gehen und sich ihr ganz, falls nötig auch mit Klar­na­men, zu opfern. Dieser Gewis­sens­be­fehl ist dem RT-User lästig, wes­we­gen er das „Gesicht zeigen“ zum Meme ver­zerrt hat. Vielen Usern scheint zudem nicht klar zu sein, worauf der Mythos des „Gesicht-zei­gens“ wirk­lich beruht. Dass es heute einer Über­win­dung bedarf, sich als Patri­ot und Rech­ter zu outen, ist Aus­druck der tota­li­tä­ren Domi­nanz unse­rer Gegner. Die Sorgen sind begrün­det und die Ängste real. Ein repres­si­ves System der sozia­len Kon­trol­le ahndet jedes Aus­sche­ren. Wer seine Aus­bil­dung, Kar­rie­re und bür­ger­li­che Exis­tenz behal­ten möchte, fügt sich. Genau dieser Zustand, und mit ihm die linke Meta­po­li­tik, muss über­wun­den werden, um eine poli­ti­sche Ver­än­de­rung zu bewir­ken. Ver­än­de­run­gen in diesem System sind erst denk­bar, wenn sie über­haupt öffent­lich ansprech­bar sind. Sie anzu­spre­chen bedeu­tet aber immer „Gesicht zeigen“, ob das nun beim Fami­li­en­tref­fen, in der Kan­ti­ne, auf einer Demo oder im natio­na­len Fern­se­hen der Fall ist. Es gibt viele Stra­te­gi­en und Aktio­nen, die anonym mög­lich sind. Ob in der Gegen­öf­fent­lich­keit, wo viele anony­me Medi­en­pro­du­zen­ten wesent­lich effek­ti­ver sind als die Masse jener die „Gesicht zeigen“, oder im digi­ta­len Schwarm­ak­ti­vis­mus, wie er zB. vom „Recon­quis­ta Ger­ma­ni­ca (RG)“-Forum orga­ni­siert wurde. Doch all diese Vor­ge­hens­wei­sen müssen letzt­lich immer das End­ziel haben, die erzwun­ge­ne Anony­mi­tät zu über­win­den. Anony­me Vor­be­rei­tun­gen der Sau­ber­keit müssen immer in realer Sau­ber­keit münden, die zur poli­ti­schen Umset­zung führt. Der Ein­wand gegen das „Gesicht zeigen“ ist daher nur inso­fern gerecht­fer­tigt, als man es als „zu früh“ oder als „unklu­ge Ver­hei­zung“ kri­ti­siert. Diese Kritik impli­ziert aber, dass es einen rich­ti­gen Zeit­punkt und einen klugen Ein­satz­mo­ment für das Outing gibt, an dem zu arbei­ten und dessen stra­te­gi­sche Vor­be­rei­tung die Pflicht wäre.
Statt­des­sen ist ein ande­rer Trend bemerk­bar. Die all­ge­mei­ne Anony­mi­tät im rech­ten Lager ist Aus­druck seiner Ohn­macht und Unter­wer­fung unter den linken Status quo. Daraus wird nun absur­der­wei­se eine rebel­li­sche Pose. Man fühlt sich als anony­mer „Unter­grund­kämp­fer“, und macht aus der erzwun­ge­nen Not eine sub­kul­tu­rel­le Tugend. Es ist, als würde man die Ketten, in die man geschla­gen ist, ver­gol­den, und sich als Mode­ac­ces­soires um den Hals hängen. Wir müssen statt­des­sen einen Zustand erwir­ken, in dem man auch unter Klar­na­men kon­tro­ver­se Mei­nun­gen posten kann, ohne damit seine sozia­le Exis­tenz in die Luft zu jagen. Wer das als uto­pi­schen Pathos betrach­tet, hat sich bereits dem Zynis­mus erge­ben oder hofft auf ein Wunder.
Tat­säch­lich ist der Kult der Anony­mi­tät direkt mit dem Tag-X-Denken ver­schwis­tert. Der Tag an dem man die Masken fallen lassen, „All-in“ gehen und aktiv werden will, wird von einem äuße­ren unbe­ein­fluss­ba­ren Ereig­nis abhän­gig gemacht. Bis dahin ver­folgt man brav seine Kar­rie­re, macht eine gute Aus­bil­dung, geht arbei­ten, trai­nie­ren und gönnt sich eben auch den Urlaub mit den Eltern in Tune­si­en, das Par­ty­wo­chen­en­de mit den Jungs in Prag, die täg­li­che Gamings­es­si­on, das wochen­end­li­che Bin­ge­sau­fen, das neue Auto, etc. pp.
Wer nicht daran glaubt, dass eine kon­kre­te Ver­än­de­rung im Rahmen des Bestehen­den, und sei es auch nur eine Ver­bes­se­rung der Lage, mög­lich ist, sollte diesen Rahmen sofort ver­las­sen, anstatt seine Ener­gi­en weiter dem System zuzu­füh­ren. In einem nach eige­ner Ansicht abso­lut tod­ge­weih­ten System eine Zukunft auf­zu­bau­en, einer Aus­bil­dung, oder einem Beruf nach­zu­ge­hen, oder halb­her­zig und hoff­nungs­los an einem halb­ga­ren patrio­ti­schen Pro­jekt mit­zu­ar­bei­ten, wäh­rend man sich auf Twit­ter in Zynis­mus ergeht, ist hoch­gra­dig inkon­se­quent. Viele RT-User neigen daher, offen oder unbe­wusst, zum Tag-X Denken. Sie hoffen auf den Zusam­men­bruch des Bestehen­den. Einige sehen ihre Anony­mi­tät und Apa­thie sogar bewusst als eine Art „Drop Out“, also Sys­tem­aus­stieg wie ihn James Mason in „Siege“ anemp­fiehlt. Die stra­te­gi­schen Schwä­chen dieses Den­kens sind hin­läng­lich bekannt und wurden am Funken vor langer Zeit in diesem Arti­kel auf­ge­zeigt. Tat­säch­lich sind sie nichts ande­res, als eine blinde Hoff­nung auf eine erlö­sen­de Krise und eine Ände­rung der Umstän­de, in denen sich die Pro­blem­stel­lung dem eige­nen Lösungs­an­ge­bot anpasst. In der der­zei­ti­gen Lage ist man ohn­mäch­tig und steht dem meta­po­li­ti­schen Macht­ge­fü­ge ratlos und ver­zwei­felt gegen­über.
Der alt­rech­te Wehr­sport­ler war wie ein Wahn­sin­ni­ger, der hun­dert­mal hin­ter­ein­an­der ver­sucht hat, mit einem Schlüs­sel eine Key­card-gesi­cher­te Tür zu öffnen. Der Tag-X-Anony­mous sitzt mit seinem Schlüs­sel dane­ben und hofft, dass sich der Kar­ten­le­ser irgend­wann in ein Schloss ver­wan­delt, in das sein Schlüs­sel zufäl­lig passen wird.
Das erhoff­te Ereig­nis wird in der Regel als eine rei­ni­gen­de, gewal­ti­ge Welle ima­gi­niert, die ein und für alle mal alles in Ord­nung bringt, und die eigene Gruppe mira­ku­lös an die Macht spült. Dass poli­ti­sche Ver­än­de­rung eine lang­wie­ri­ge und schwie­ri­ge Arbeit erfor­dert, die in Krisen nur Beschleu­ni­gun­gen und Inten­si­vie­rung bestehen­der Ten­den­zen und keinen zufäl­li­gen „New Deal“ bedeu­tet, bleibt unbe­dacht. Erkennt man Ver­net­zung, Schu­lung, Orga­ni­sa­ti­on, Kader- und Struk­tur­bil­dung als „poli­ti­sches Kapi­tal“, das selbst­ver­ständ­lich vor einer Krise auf­ge­baut werden muss, um dann ein­ge­setzt zu werden, so ist Rechtstwit­ter schlicht pleite. Das liegt, wie ein­gangs gesagt, daran, dass RT keine Bewe­gung und keine Orga­ni­sa­ti­on, son­dern ein Kon­glo­me­rat ist. Das Pro­blem ist, dass der Dis­kurs, den es geschaf­fen hat, nicht einmal den Willen zur Form und zur Bewe­gung auf­weist, son­dern das Gegen­teil bewirkt. Die Kritik an bestehen­den Grup­pen und Orga­ni­sa­tio­nen ist meist rein destruk­tiv. Man hat keine Ver­bes­se­rungs­vor­schlä­ge. Am Ende will sie nicht durch eigene Ansät­ze über­trump­fen und über­flü­geln, wie das in der iden­ti­tä­ren Kritik am alt­rech­ten Lager deut­lich wurde. Was man an ihnen statt­des­sen kri­ti­siert, ist ihre Ernst­haf­tig­keit, ihre seriö­sen Ver­su­che eine Messa­ge Con­trol und gute „Optics“ her­zu­stel­len, die mit einer hämi­schen Per­fi­die sabo­tiert werden. Die Bilder schlacht­rei­fer Krebse im Plas­tik­kü­bel, die ein­an­der immer, wenn einer aus dem Todes­ge­fäß krab­beln könnte, wieder hin­un­ter­zie­hen, kommt in den Sinn. Was RT letzt­lich an kon­kre­ten poli­ti­schen Bewe­gun­gen kri­ti­siert ist, dass sie ihre Pseu­do­mi­li­tanz und ihren Ver­bal­ra­di­ka­lis­mus nicht teilen und ihnen nicht durch Codes und Shou­touts Tribut zollen.
Als Anti­the­se zu jedem geplan­ten, stra­te­gi­schen, öffent­lich­keits­wirk­sa­men und anschluss­fä­hi­gen Auf­tre­ten, dass sich nicht wie RT den TikTok-Geset­zen der Schock­wir­kung beugt, muss jede poli­ti­sche Partei und Bewe­gung deren Kritik ver­fal­len.
Jedes Anzei­chen von ernst­haf­ter Pla­nung, Orga­ni­sa­ti­on und Hier­ar­chie wird lächer­lich gemacht, statt­des­sen erregt man sich sehn­süch­tig an Bil­dern von kom­mu­nis­ti­schen Gue­ril­las aus dem 20. Jh, Balkan-Fight­clubs, migran­ti­schen Gangs oder mas­kier­ten Waf­fen­samm­lern.
Der RT-User will vom Akti­vis­mus und der Poli­tik primär unter­hal­ten werden. Mehr noch: er glaubt, ganz in seiner Rolle als Bestand­teil des digi­ta­len Publi­kums auf­ge­gan­gen, einen Anspruch auf diese Unter­hal­tung zu haben. Er misst Poli­ti­ker und Akti­vis­ten daher am Unter­hal­tungs­wert ihrer Aktio­nen und Aus­sa­gen. Ob sie stra­te­gisch sinn­voll sind ist zweit­ran­gig. Das Spek­ta­kel muss span­nend, edgy, ästhe­tisch anspre­chend und packend sein, sonst wird weg­ge­klickt wie bei einer lang­wei­li­gen Net­flix­se­rie. Jeder Ansatz im Bestehen­den, der not­wen­dig am Status quo anset­zen muss, wird so als „schwul“ und „libe­ral“ ver­wor­fen, wäh­rend man im end­lo­sen digi­ta­len Dopa­min­trip ohn­mäch­tig auf eine erlö­sen­de Krise wartet.

Dopa­min und Ein­sam­keit

Die Sucht nach Aner­ken­nung und der Drang wahr­ge­nom­men zu werden treibt den RT-User auf Twit­ter. Seine anony­me Pseu­do­mi­li­tanz, seine Edgy­ness, würde ihm, ohne die zur Schau­stel­lung auf einer Main­stream-Platt­form, nichts geben. Was wäre er ohne Twit­ter? Was wären seine mis­an­tro­phi­schen, hyper­ra­di­ka­len Tweets, wenn sie nicht gele­sen würden?
Wenn ein RT-User eine Skull-Maske über­zieht, aber davon kein Foto auf Twit­ter stellt, hat es dann über­haupt statt­ge­fun­den?

Was wir auf Twit­ter sehen ist eine Per­so­na, die der RT-User wie eine Reuse im Netz aus­legt, um regel­mä­ßig Likes, Threads, Ret­weets und andere Formen frem­der Wahr­neh­mung abzu­ern­ten. Der Dopa­min-Kick, den er darin sucht, führt ins­be­son­de­re dann zur Abhän­gig­keit, wenn im realen Leben solche Mög­lich­kei­ten der Aner­ken­nung aus­blei­ben. Ein poli­ti­scher Akteur oder Akti­vist sucht seine Bestä­ti­gung über reale Aktio­nen auf der Straße. Ein Erfolgs­ge­fühl stellt sich nach einer Aktion oder einer erfolg­rei­chen Ver­an­stal­tung ein. Seine Iden­ti­tät und sein Selbst­be­wusst­sein werden durch die Zuge­hö­rig­keit zu einer grö­ße­ren Gemein­schaft, in die er sich hier­ar­chisch ein­fügt, sta­bi­li­siert. Der Ein­zel­ne tritt daher hinter Gemein­schaft, Gemein­schafts­werk, der Aktion und ihrer meta­po­li­ti­schen Wir­kung zurück. Der RT-User steht als tota­ler Indi­vi­dua­list und Teil einer losen, zän­ki­schen und iro­nisch frag­men­tier­ten „Com­mu­ni­ty“ nur für sich als Ein­zel­ner und für sein „Eigen­tum“ (also seinen edgy Feed). Dieser steht in harter Kon­kur­renz zu hun­der­ten ande­ren. Man gibt sich in wech­seln­den Alli­an­zen gegen­sei­tig Rücken, trägt Fehden aus und durs­tet täg­lich nach dem neu­es­ten Skan­dal und Klatsch. Da jede ver­ei­nen­de Welt­an­schau­ung und jede gemein­sa­me Stra­te­gie fehlt, ver­tritt jeder User eine Ich-AG im Auf­merk­sam­keits­markt. Der regel­mä­ßi­ge Klick auf die App, das Che­cken der eige­nen Men­ti­ons, (im Fort­ge­schrit­te­nen Sta­di­um, das Suchen nach Non­men­ti­ons), werden zur Gewohn­heit und bald zum unver­zicht­ba­ren Bedürf­nis. Der pure Dopa­min­trip, den man sich auch in höhe­rer Qua­li­tät bei einem Com­pu­ter­spiel ver­schaf­fen könnte, ist hier aller­dings zweit­ran­gig. Es geht um eine kom­ple­xe­re Psy­cho­dy­na­mik. Der Reiz von RT ist der einer „poli­ti­schen Mas­tur­ba­ti­on“. Der durch­schnitt­li­che RT-User weiß genau, was gerade in Deutsch­land und Europa abläuft. Er hat kei­ner­lei Auf­klä­rungs­be­dürf­nis über den Ernst der Lage. Der logi­sche Drang sich poli­tisch zu betä­ti­gen und Bestä­ti­gung für die ima­gi­nier­te Rolle als Rebell zu suchen, treibt ihn aber nicht auf die Straße oder in kon­kre­te digi­ta­le poli­ti­sche Pro­jek­te, son­dern in ein kom­mu­ni­ka­ti­ves Spiel ohne jeden meta­po­li­ti­schen Wert. Die Struk­tur der Platt­form macht das unmög­lich. Wäh­rend sogar aus alt­rech­te RT-Vor­läu­fern wie dem „Thiazi-Forum“, noch Pro­jek­te und Ver­net­zung her­vor­ge­hen konn­ten, ver­kom­men Privatnachrichten(PN)-Gruppen auf RT end­gü­tig zu Shit­post­äm­tern. RT nimmt in der Zer­streu­ungs­in­dus­trie die Rolle eines spe­zi­el­len MMORPGs für Rechte ein, das sie spie­len, um ihren poli­ti­schen Bestä­ti­gungs­drang fol­gen­los abzu­re­agie­ren. Dieses Online-Rol­len­spiel zur Bin­dung, Desen­si­bi­li­sie­rung und vor allem Beschäf­ti­gung aus­ge­wähl­ter, poli­tisch inter­es­sier­ter Jugend­li­cher ist aller­dings kein Trick der „Eliten“. Es ist von allei­ne ent­stan­den. RT ist nicht was Twit­ter mit Rech­ten gemacht hat, es ist was Rechte aus Twit­ter gemacht haben. Die RT-Mas­tur­ba­ti­on ist unfrucht­bar, fol­gen­los und steril. Aus der digi­ta­len Assem­bla­ge erwach­sen nie­mals echte Grup­pen und Gemein­schaf­ten. Auch Pro­jek­te der Gegen­öf­fent­lich­keit, die vom Geiste RTs ver­seucht sind, repro­du­zie­ren dessen Pro­ble­me, von erzwun­ge­ner Edgy­ness, Ver­bal­ra­di­ka­lis­mus, zwang­haf­tes puber­tie­ren­des Wit­zeln, Stra­te­gie­lo­sig­keit bis hin zum Kult der Anony­mi­tät und Gewalt und blei­ben von dem RT-Dis­kurs abhän­gig. Letzt­lich sind ihre Pro­duk­tio­nen nur erwei­ter­te Shit­posts, „RT-Reports“ die zur Unter­hal­tung, Pro­vo­ka­ti­on und Selbst­be­weih­räu­che­rung einer gelang­weil­ten Twit­te­ria dienen. Durch RT werden weder neue Ziel­grup­pen erschlos­sen, noch ent­ste­hen dort in Thre­ats neue Ideen und Theo­rie­bil­dung. Es bilden sich dort bis­lang kaum gegen­kul­tu­rel­len Pro­jek­te, und schon gar keine ernst­haf­te Debat­ten über eine Stra­te­gie zur Ret­tung Deutsch­lands. Allein das anzu­spre­chen und ein­zu­for­dern muss im zyni­schen Licht von RT bereits als lächer­li­cher „cringe“ erschei­nen. Der Ernst und der Idea­lis­mus, der vor RT in den meis­ten rech­ten Pro­jek­ten vor­herr­schend war und teils in pein­li­chen Posen ver­knö­cher­te, schlägt nun in sein Gegen­teil um. Kaum aus­zu­den­ken, was jene Vor­den­ker und Helden des rech­ten Lagers, die auf RT als „based“ gewür­digt werden, über diesen neu­ar­ti­gen Aus­wuchs sagen würden.
Wenn man RT als einen wich­ti­gen Dis­kurs­raum des rech­ten Lagers sieht, ist diese Ana­ly­se in der Tat ernüch­ternd. Tat­säch­lich ist Twit­ter eine wich­ti­ge Platt­form, die für jede poli­ti­sche Bewe­gung eine große Bedeu­tung hat. Die Mög­lich­keit einen der­ge­stal­ti­gen semi-öffent­li­chen, dyna­mi­schen, kosten- und bin­dungs­lo­sen Dis­kurs zu führen gibt es der­zeit auf keiner ande­ren Platt­form. Eigent­lich sollte Twit­ter aber als poli­ti­sches Werk­zeug und nur hin und wieder zur Unter­hal­tung gebraucht werden. Dass es RT als eige­nes Phä­no­men mit Regeln, Denk­wei­sen und Ritua­len gibt, das mit einem eige­nen „Gra­vi­ta­ti­ons­zen­trum“ sogar in andere Pro­jek­te ein­strahlt und junge poten­ti­el­le Akti­vis­ten prägt und defor­miert ist bedenk­lich. Trau­ri­ger­wei­se ist RT sogar das, was im Moment einer rech­ten Jugend­sub­kul­tur noch am nächs­ten kommt. Weist es doch eine eigene Spra­che und eine gewis­se ori­gi­nä­re Dyna­mik auf. RT selbst ist nicht ernst zu nehmen und jeder Ver­such auf Twit­ter dage­gen zu argu­men­tie­ren ist zum Schei­tern und zur Lächer­lich­keit ver­ur­teilt. Die Folgen eines RT, das weiter wächst, ähn­lich der US-ame­ri­ka­ni­schen Alt-Right, die mit „Blood­sports“, Cli­quen­bil­dung und end­lo­sen Fehden eine Bewe­gung des Spek­ta­kels erzeugt, wären aber ver­hee­rend. Diesen durch und durch „anglo­ame­ri­ka­ni­schen“ Geset­zen des Spek­ta­kels, der Öffent­lich­keit, der Show und des Scheins sollte eine kon­ti­nen­tal­eu­ro­päi­sche Hal­tung der Dis­zi­plin, Hier­ar­chie, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kon­trol­le und instru­men­tel­len Her­an­ge­hens­wei­se auf Social Media ent­ge­gen­ge­stellt werden. All das wird auch spä­tes­tens dann von selbst ein­tre­ten, wenn wieder eine neue akti­vis­ti­sche Welle durch die deut­sche Jugend geht, und mit Taten Fakten setzt, vor denen selbst der aus­ge­feil­tes­te Shit­post ver­blasst.

Die viel­leicht ein­zi­ge Gefahr besteht darin, dass RT genau jene jungen Leute, die auf einer ernst­haf­ten Suche über Ein­sam­keit, Ver­zweif­lung über die Lage und schließ­lich zur Set­zung einer neuen Form und Grün­dung einer Gemein­schaft der Tat kämen, wäh­rend ihrer wert­vol­len, ent­schei­den­den Jahre bindet, sediert und aus dem Spiel nimmt. Ihnen sei mit Oswald Speng­ler etwas gesagt, das man auf RT nie sagen könnte:
„Es ist die hei­li­ge Pflicht der jungen Gene­ra­ti­on, sich für Poli­tik zu erzie­hen. (…) Beru­fen ist man heute nicht dadurch, daß man sich und andere begeis­tern kann, son­dern ledig­lich durch Eigen­schaf­ten, die denen des Geg­ners eben­bür­tig sind. Auch für den Gerings­ten findet sich noch eine Auf­ga­be. Es gibt Tugen­den für Führer und Tugen­den für Geführ­te. Auch zu den letz­ten gehört, daß man Wesen und Ziele echter Poli­tik begreift – sonst trabt man hinter Narren her und die gebo­re­nen Führer gehen einsam zugrun­de. Sich als Mate­ri­al für große Führer erzie­hen, in stol­zer Ent­sa­gung, zu unper­sön­li­cher Auf­op­fe­rung bereit, das ist auch eine deut­sche Tugend. Und gesetzt den Fall, daß in Deutsch­land in den schwe­ren Zeiten, die uns bevor­ste­hen, starke Männer zum Vor­schein kommen, Führer, denen wir unser Schick­sal anver­trau­en dürfen, so müssen sie etwas haben, worauf sie sich stüt­zen können. Sie brau­chen eine Gene­ra­ti­on, wie sie Bis­marck nicht vor­fand, die Ver­ständ­nis für ihre Art zu han­deln hat und sie nicht aus roman­ti­schen Gefüh­len ablehnt, eine erge­be­ne Gefolg­schaft, die auf Grund einer langen und erns­ten poli­ti­schen Selbst­er­zie­hung in die Lage gekom­men ist, das Not­wen­di­ge zu begrei­fen und nicht, wie es heute ohne Zwei­fel der Fall sein würde, es als undeutsch zu ver­wer­fen. Das, diese Selbst­er­zie­hung für künf­ti­ge Auf­ga­ben ist es, worin ich die poli­ti­sche Pflicht der her­an­wach­sen­den Jugend sehe.“

Das Phä­no­men RT ist Aus­druck und nicht Ursa­che eines tie­fer­lie­gen­den Pro­blems. Wer es kri­ti­siert, gleich­zei­tig aber kein Pro­jekt auf­zeigt oder schafft, an dem Zeit und Ener­gie der RT-User besser inves­tiert wäre, ist eben­falls Teil des Pro­blems. Dass Rechtstwit­ter das ist, was diese Gene­ra­ti­on her­vor­ge­bracht hat und am ehes­ten einer “Bewe­gung” gleich­kommt, hat sie allei­ne zu ver­ant­wor­ten. Dass jedoch alle bestehen­den Bewe­gun­gen und Par­tei­en nicht in der Lage sind, diese Gene­ra­ti­on anzu­spre­chen und zu moti­vie­ren, fällt letzt­lich auf diese zurück. Aber das wird Gegen­stand kom­men­der Texte sein.