Nach eini­gen äußert dis­si­den­ten Arti­keln, die vor allem die Zustän­de in rech­ten Zusam­men­hän­gen aufs Korn nahmen, wollen wir unse­ren kri­ti­schen Blick wieder einmal auf die herr­schen­den, gesell­schaft­li­chen Umstän­de rich­ten. Zuvor sei noch ein Wort an jene gerich­tet, die sich durch unsere Arti­kel vor den Kopf gesto­ßen fühl(t)en. Wir haben es uns zur Auf­ga­be gemacht, eben die Kritik an den Zustän­den und Mei­nungs­ho­hei­ten in unse­rem Lager nicht den Fein­den Euro­pas zu über­las­sen. Eine allzu große, unan­ge­foch­te­ne Ein­stim­mig­keit ist meist ein Zei­chen von geis­ti­ger Erlah­mung, Träg­heit und eben das Resul­tat der unre­flek­tie­ren Ver­samm­lung um Feti­sche oder lokale Szene-Macker. Das bringt uns nicht weiter. Was uns aber wei­ter­bin­gen soll und, so hoffen wir, wird, ist fol­gen­der Arti­kel über das sozio­kul­tu­rel­le Phä­no­men der Post­mo­der­ne.

 

Die Post­mo­der­ne findet sich über­all. Ob in Wochen­dendse­mi­na­ren a la “Finde dich selbst und rette die Welt”, in Eli­te­unis, Umwelt- und Volks­par­tei­en, Bür­ger­pro­test­be­we­gun­gen, Dorf­dis­cos, Uni-Debat­tier­clubs, Kir­chen, Schul­klas­sen, Betrie­ben — kurz, in allen Schich­ten und Alters­klas­sen wird man fündig. Das post­mo­der­ne Credo ist zum all­ge­mei­nen Bocks­ge­sang gewor­den, der einem aus tau­send halb­ge­öff­ne­ten Mün­dern ent­ge­gen­hallt. Viel mehr als mar­xis­ti­sche oder neo­kon­ser­va­ti­ve Thesen sind post­mo­der­ne Steh­sät­ze tief ins kol­lek­ti­ve Bewusst­sein ein­ge­si­ckert und werden von den meis­ten Men­schen reflex­ar­tig wie­der­ge­ge­ben. Sie sind fest mit dem herr­schen­den Libe­ra­lis­mus und Hedo­nis­mus ver­zahnt und prägen das Bewusst­sein des homo oeco­no­mi­c­us mehr als alles andere.

 

Wir wollen in unse­rer Betrach­tung die Chan­cen und Gefah­ren, die von dieser Strö­mung für iden­ti­tä­re Ziele aus­ge­hen, ein­ge­hend ana­ly­sie­ren. Eines sei gleich vor­weg­ge­schickt: Hier liegt ein immenses Poten­ti­al brach und wer sich auf die exo­ti­schen Dschun­gel­pfa­de dieses Den­kens ein­lässt, kann auf ihnen, wenn er seinen Ver­stand nicht ver­liert, sogar aus dem uni­ver­sa­lis­ti­schen Dogma der Moder­ne aus­bre­chen. Bevor wir diesen Pfaden folgen, zeich­nen wir eine kurze Über­sicht über das Phä­no­men der Post­mo­der­ne aus unse­rer Sicht.

 

Der Garten Eden der Beliebigkeit

 

Wir haben ein­gangs geschrie­ben, dass post­mo­der­ne Ansich­ten bis in die wei­tes­ten Aus­läu­fer der Gesell­schaft ver­brei­tet sind. Um dem Wesen der Post­mo­der­ne näher­zu­kom­men, werden wir genau von diesen All­tags­er­fah­run­gen aus­ge­hen. Die post­mo­der­ne Aporie ist es, in der heut­zu­ta­ge fast alle Debat­ten, ob in Talk­shows, der großen Pause oder abends in der Kneipe enden und mit Flos­keln wie “Jedem seine Mei­nung”, “Das muss man noch aus­dis­ku­tie­ren”, “Das muss man dif­fe­ren­ziert betrach­ten”, “Solan­ge es nie­man­den schä­digt, soll jeder machen was er will”, bekräf­tigt wird.

 

Die Post­mo­der­ne gibt die Rah­men­be­din­gun­gen für die end­lo­se Dis­kus­si­on vor, die unser par­la­men­ta­ris­ti­sches Zeit­al­ter erfasst hat. Jeder darf mit­plau­dern und schwät­zen, solan­ge er keinen Anspruch stellt, Recht zu haben oder gar die abso­lu­te Wahr­heit des Gesag­ten behaup­tet. Jede Aus­sa­ge ist eine gleich­be­rech­tig­te Mei­nung, über alles muss man reden können, alles ist ver­han­del­bar, jeder hat seine eigene Wahr­heit, alles ist rela­tiv und solan­ge man seine see­li­ge Ruhe hat, ist eigent­lich alles egal.

 

Diese Atmo­sphä­re der Ega­li­tät und Sub­jek­ti­vi­tät ist Gift für gemein­schaft­li­che Ideale, Werte und Reli­gio­nen und lässt nur deren Tra­ves­tie in Trends, Moden und Sub­kul­tu­ren zu. Alles, vom Uni­form­fe­tisch bis zur FKK, vom großen Fres­sen bis zur Totalas­ke­se, von Blas­phe­mie bis Eso­te­rik-Kult ist erlaubt, solan­ge es nur als sub­jek­ti­ve “Selbst­ver­wirk­li­chung” betrie­ben wird und jeden Anspruch auf poli­ti­sche Wirk­sam­keit und Wahr­heit auf­gibt. Kurz: Übrig bleibt nur das, was belie­bi­ges Kon­sum­gut und belie­bi­ge Mei­nung ist. Dieser Garten Eden der Belie­big­keit, der Gut und Böse nur mehr hedo­nis­tisch, nach dem Ausmaß an Schmerz oder Lust misst, hat nur wenige ver­bo­te­ne Räume, die in Dis­kus­sio­nen meist gemie­den werden. Ein­wan­de­rung, Abstam­mung, Abtrei­bung, Eth­no­zid und natür­lich der his­to­ri­sche Schuld­kom­plex gehö­ren dazu. Hier sind keine Debat­ten mög­lich. Hier wird apo­dik­tisch jede Dis­kus­si­on ver­bo­ten.

 

Über­all sonst herrscht eine schein­ba­re Frei­geis­te­rei vor, die in ihrer Pseu­do­kri­tik immer das­sel­be meint: Eine Beja­hung des Status Quo als einzig mög­li­chen. Um die Lage in einem dys­to­pi­schen Gleich­nis dar­zu­stel­len: Das schein­ba­re Para­dies der gleich­be­rech­tig­ten Dis­kurs­teil­neh­mer wird von den eiser­nen Mauern der herr­schen­den uni­ver­sa­lis­ti­schen Ideo­lo­gie und den Gefäng­nis­wär­tern des the­ra­peu­ti­schen Staa­tes begrenzt, die von vorn­her­ein den Rahmen der Debat­ten und damit auch ihr Ergeb­nis vor­ge­ben. Das tun sie, indem sie gewis­se Themen ganz aus­drück­lich vor der all­ge­gen­wär­ti­gen Kritik und Belie­big­keit abschir­men. Die Post­mo­der­ne über­nimmt in unse­rer Gesell­schaft die Auf­ga­be der tota­len Kritik und Dekon­struk­ti­on. Sie ist das Fer­ment der stän­di­gen Zer­set­zung und Eman­zi­pa­ti­on, der per­ma­nen­ten Mikro­re­vo­lu­ti­on im Inne­ren der recht­staat­li­chen Mauern der uni­ver­sa­lis­ti­schen Ideo­lo­gie.

 

Enttäuschte Universalisten

 

Die post­mo­der­nen Frei­geis­ter sind meist ent­täusch­te Uni­ver­sa­lis­ten. Oft weist ihre Bio­gra­phie eine mar­xi­sisch ange­hauch­te Jugend auf, die sie, wie eine sanfte Woge, ins groß­bür­ger­li­che Milieu der links­grü­nen Rot­wein­gür­tel trug. Die heiß­blü­ti­ge, jugend­li­che Anma­ßung, mit His­to­mat und Diamat die Schlei­er der Welt durch­sto­ßen und dem Welt­geist gegn­über­tre­ten zu können, zer­brach und mün­de­te in eine große Müdig­keit. Das Fieber der tota­len dog­ma­ti­schen Wahr­heit, zer­schmol­zen zu einem kon­zi­li­an­ten, aber ebenso dog­ma­ti­schen tota­len Rela­ti­vis­mus, der jede Spur von Wahr­heit dekon­stru­ie­ren und hin­ter­fra­gen will.

 

Die Träume vom großen welt­ver­än­dern­den Akti­vis­mus der RAF- und APO-Gene­ra­tio­nen endet in Stutt­gart 21 und dem typi­schen Mikro­an­ar­chis­mus des in “Bür­ger­be­we­gun­gen” enga­gier­ten Mit­tel­stan­des. Der mobi­li­sie­ren­de Hass auf die “Väter- und Täter­ge­ne­ra­ti­on” und der ador­ni­ti­sche kate­go­ri­sche Impe­ra­tiv wurde zum staats­tra­gen­den Mythos (Josch­ka Fischer) und zum schul­meis­ter­li­chen Kult des Eth­no­ma­so­chis­mus. Die Hoff­nung auf einen zu erkämp­fen­den Welt­frie­den nach dem “letz­ten Gefecht” wurde zu einem impo­ten­ten, all­ge­gen­wär­ti­gen Pazi­fis­mus.

Die Soli­da­ri­tät für den “Befrei­ungs­na­tio­na­lis­mus” unter­drück­ter Völker endet im inner­deut­schen Kar­ne­val der Kul­tu­ren, dem die ver­grei­sen­den, kin­der­lo­sen Post­mo­der­nen — ihr ganzes Leben lang auf dem Selbst­fin­dungs­trip — ent­zückt mit Tibet­fähn­chen zuwin­ken. Die Fas­zi­na­ti­on über den edlen Wilden, den Auf­stand der “Ver­damm­ten dieser Erde” (Franz Fanon) gegen die weißen Herr­scher der Welt kann man sich heute direkt vor der Haus­tür im Auf­be­geh­ren der edlen isla­mi­schen Migran­ten gegen täter­deut­sche Rent­ner holen. (Wie etwa Feul­li­ton-Res­sor­lei­ter der Zeit Jens Jens­sen, der den “unter­träg­li­chen deut­schen Rent­nern” die Schuld an den “Zusam­men­stö­ßen” gibt.)

 

Die großen Visio­nen der mar­xis­ti­schen Ideo­lo­gi­en enden in klein­bür­ger­li­chen Krei­sen um den eige­nen Bauch­na­bel. Zwar haben linke Kräfte im Zuge einer Gras­wur­zel­re­vo­lu­ti­on, die gesell­schaft­li­che Hege­mo­nie errun­gen, doch dabei haben sie die Geschlos­sen­heit ihrer Ideo­lo­gie ver­lo­ren und sich in tau­sen­de kleine Stell­ver­tre­ter­kämp­fe um Eman­zi­pa­ti­on, gegen Logo­zen­tris­mus, Iden­ti­täts­po­li­tik, Ras­sis­mus, Gen­tri­fi­zie­rung, Sexis­mus, Homo­pho­bie, etc. pp. dif­fun­diert. Der Klas­sen­kampf kann warten. Einzig den revo­lu­tio­nä­ren Habi­tus hat man sich kon­ser­viert.

 

Die Mythen und Dogmen des “wis­sen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus” sind ver­ges­sen und ver­femt. Der “real exis­tie­ren­de Sozia­lis­mus” — spä­tes­tens seit “Archi­pel Gulag” unver­tret­bar. Seit dem Zer­fall der Sowjet­uni­on hat der Mar­xis­mus end­gül­tig sein Cha­ris­ma des Umstur­zes und unauf­halt­sa­men Auf­stiegs ver­lo­ren. Die Strö­mung, auf die sich die säku­la­re Reli­gio­si­tät ganzer Gene­ra­tio­nen gerich­tet hatte, war aus­ge­trock­net. Das ver­lei­te­te viele ehe­ma­li­ge Par­tei­gän­ger dazu, den Glau­ben an die “großen Erzäh­lun­gen” und die großen Welt­erklä­rungs­ver­su­che, die großen mobi­li­sie­ren­den Mythen end­gül­tig auf­zu­ge­ben. Der Glaube an einen Sinn der Geschich­te und des Daseins wurde weit­ge­hend über Bord gewor­fen. Aus­schlag­ge­bend dafür war die Ent­täu­schung über das Ver­sa­gen des Mar­xis­mus, diesen Sinn durch eine geschicht­li­che Macht­er­grei­fung her­bei­zu­zwin­gen.

 

Enttäuscht, aber immer noch universalistisch

 

Trotz allem sind die Post­mo­der­nen immer noch Uni­ver­sa­lis­ten. Noch immer befin­den sie sich in der­sel­ben ideo­lo­gi­schen Sphäre wie die Mar­xis­ten und die meis­ten Neo­cons. Das End­ziel bleibt auch bei ihnen eine welt­weit befrei­te, eman­zi­pier­te Gesell­schaft, in der sich “die Indi­vi­du­en frei asso­zi­ie­ren” (Marx). Die eigene Ideo­lo­gie soll sich also über die ganze Erde aus­brei­ten und so ein “Ende der Geschich­te”, also ein Ende der Kon­flik­te und Poli­tik im tota­len glo­ba­len Ega­li­ta­ris­mus ermög­li­chen. Dafür sollen alle “irra­tio­na­len” orga­ni­schen Gemein­schaf­ten, Sip­pen­ver­bän­de, gewach­se­nen Kul­tu­ren, Mythen und Reli­gio­nen destru­iert und besei­tigt werden.

 

Nur in der Wahl des Weges zu diesem gemein­sa­men Ziel unter­schei­den sich die oben genann­ten Strö­mun­gen. Wäh­rend die Neo­kon­ser­va­ti­ven und rechts­he­ge­lia­ni­schen Kapi­ta­lis­ten sich, im Geiste der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, vor­erst mit einer de jure Gleich­heit zufrie­den geben und im Zuge der all­ge­mei­nen Kapi­ta­li­sie­rung, Moder­ni­sie­rung und Glo­ba­li­sie­rung ihre uni­ver­sa­lis­ti­sche Mis­si­on erfül­len wollen, for­dern die Kom­mu­nis­ten eine mate­ri­el­le Gleich­heit ein, die sie mit­tels revo­lu­tio­nä­rer Poli­tik hin zur Welt­macht errei­chen wollen. Beide sind bereit, für dieses Ziel, im Namen eines quasi gött­li­chen Rechts für die Mensch­heit, gegen die Achse des Bösen, die Unmen­schen zu kämp­fen, wobei sie eine äußert machia­vel­lis­ti­sche Macht­po­li­tik ent­wi­ckeln.

 

Die post­mo­der­ne Ideo­lo­gie in Europa ver­eint Teile beider Strö­mun­gen, hat aber eine ent­schei­den­de Dif­fe­renz, der auch alle gesell­schafts­po­li­ti­schen Unter­schie­de mit den USA (als deren Nach­bild Europa nach dem Zwei­ten Welt­krieg ja hätte auf­ge­baut werden sollen) schlüs­sig erklärt. Sie glaubt, das Ende der Geschich­te sei bereits ange­bro­chen und das Zeit­al­ter der Kämpfe und Kriege sei end­gül­tig vorbei. Inso­fern steht sie in der typisch euro­päi­schen Stra­te­gie des treu­doo­fen, ideo­lo­gi­schen Extre­mis­mus, der keinen Uni­ver­sa­lis­mus erträgt ohne ihn zu Ende zu denken, keine Lüge aus­spre­chen kann ohne sie selbst zu glau­ben.

 

Die Post­mo­der­nen neigen auf­grund ihres Hangs zur tota­len, alles zer­set­zen­den, rela­ti­vis­ti­schen Kritik zur all­ge­mei­nen Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit, wes­we­gen sie heute als ” linke Gut­men­schen” oder neo­li­be­ra­le Bür­ger­li­che von links und rechts ins Kreuz­feu­er der Kritik gera­ten sind. Wenn “rechte” Islam­kri­ti­ker den herr­schen­den, selbst­zer­stö­re­ri­schen Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus und Eth­no­ma­so­chis­mus der “Linken”, ihren Öko­wahn, ihre Hyper­mo­ral und ihre Dau­er­be­trof­fen­heit gei­ßeln, meinen sie damit die Post­mo­der­nen. Wenn Anti­deut­sche einen ver­kapp­ten Israel­hass im Pazi­fis­mus der Linken und eine regres­si­ve Sehn­sucht zur Bar­ba­ri­se­rung der Gesell­schaft in ihrer mul­ti­kul­tu­rel­len Gleich­gül­tig­keit gegen den Islam orten, meinen sie damit eben­falls die Post­mo­der­nen. Und wenn ortho­do­xe Kom­mu­nis­ten die Prin­zi­pi­en­lo­sig­keit und den ideo­lo­gi­schen Verrat der Sozi­al­de­mo­kra­tie ankla­gen, dann meinen sie damit — wen wohl – genau, die Post­mo­der­nen.

 

Es sollte all­mäh­lich klar gewor­den sein, dass wir diesen Begriff sehr weit dehnen. Kon­kret post­mo­der­ne Phi­lo­so­phen und Mei­nungs­bild­ner dienen uns nur als Eck­punk­te dieser all­ge­mei­nen, die Gesell­schaft beherr­schen­den libe­ra­lis­ti­schen Ideo­lo­gie. Den­noch wollen wir hier eine Defi­ni­ti­on ver­su­chen:

 

Die Post­mo­der­nen hängen dif­fu­sen Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen mar­xis­ti­scher Ideo­lo­gi­en an, die von deren tota­lem Uni­ver­sa­lis­mus in einen völ­li­gen Rela­ti­vis­mus gekippt sind und deren ideo­lo­gi­sche Grund­mus­ter sich von der Welt­büh­ne der großen Poli­tik auf klein­bür­ger­lich-psy­cho­lo­gi­sche Pro­ble­me und auf die Spra­che ver­la­gert haben.

 

Sie machen kur­zer­hand aus dem Schei­tern der großen, revo­lu­tio­nä­ren, uni­ver­sa­lis­ti­schen Ideo­lo­gi­en einen Erfolg und erklä­ren, dass ein Ende der Geschich­te, eine Erfül­lung der Auf­klä­rung und Mensch­heits­ent­wick­lung bereits erreicht sei. Alle Herr­schaft legi­ti­mie­ren­den Metaer­zäh­lun­gen seien gestor­ben. Die Epoche der großen Kriege, Kon­flik­te und Gren­zen sei vor­über. Sie ver­kün­den damit den Traum aller uni­ver­sa­lis­ti­schen Ideo­lo­gi­en als ein­ge­tre­te­nen Status Quo.

 

Tat­säch­lich herrscht in Europa, man­gels Ein­tritt der Ver­elen­dungs­theo­rie und dank dem Hybrid aus Markt­wirt­schaft und Sozia­lis­mus sowie dem all­ge­gen­wär­ti­gen the­ra­peu­ti­schen Staat, seit Jahr­zehn­ten ein “para­die­si­scher” Zustand des Frie­dens und Über­flus­ses. Die EU — apo­li­tisch, wohl­stän­dig, kul­tu­rell durch­mischt, fried­lich und sich unauf­halt­sam immer weiter aus­deh­nend — als Blau­pau­se für eine neue fried­li­che Welt­ord­nung.

 

Die Wirt­schaft und Tech­nik als Garan­ten des Wohl­stands, die in einer All­mäh­lich­keits­theo­rie und mit Spill-over Effekt die Erde ver­ei­nen werden, Poli­tik als trans­pa­ren­te, mög­lichst herr­schafts­lo­se büro­kra­ti­sche Ver­wal­tung dieses unab­wend­ba­ren, his­to­risch not­wen­di­gen Pro­zes­ses und ein stän­di­ger eman­zi­pa­to­ri­scher Dis­kurs in der offe­nen Gesell­schaft, der jede Form von Herr­schaft und Dis­kri­mi­nie­rung aus­schal­tet, gleich­zei­tig eine mul­ti­kul­tu­rel­le Folk­lo­re und Nischen der Kunst und des Irra­tio­na­lis­mus, die auch die Frei­geis­ter der moder­nen Welt­ge­sell­schaft befrie­di­gen sollen — das ist die post­mo­der­ne Voll­stre­ckungs­phan­ta­sie ihres nor­ma­ti­ven “Endes der Geschich­te”, mit dem sie das Ende aller Normen ver­laut­bart hatte.

 

In dieser Utopie des Frie­dens­reichs, das nur dank des “eigen­tüm­li­chen Zwangs des bes­se­ren Argu­ments” (Haber­mas) expan­diert, schuf sich Europa eine post­mo­der­ne Iden­ti­tät, die sich sowohl den USA als auch der ehem. Sowjet­uni­on erha­ben fühlte. Die EU sollte die Krö­nung dieses Pro­jekts werden.

 

Sie erweist sich tat­säch­lich als letz­ter Trop­fen, der das Fass des post­mo­der­nen Wahns zum über­lau­fen bringt. Denn dass diese Phase der Beschau­lich­keit, in der allein eine der­ar­ti­ge Strö­mung ent­ste­hen konnte, bald vorbei ist, haben wir schon beschrie­ben. Ebenso, dass das post­mo­der­ne Welt­ver­ständ­nis nur eine Pro­jek­ti­on der eige­nen Ideo­lo­gie und Erfah­rung auf den Globus ist. Das alters­mü­de Europa sieht durch den grauen Star seiner schwa­chen Augen eine alters­mü­de Welt.

 

Zum säu­seln­den Gela­ber eines Haber­mas, zum mah­nen­den Gesei­er eines Popper, umtau­melt von den Har­le­kins, wie Saus­su­re, Butler, Lyo­tard und Der­ri­da, sollte das post­mo­der­ne, kryp­to­mar­xis­ti­sche, posi­ti­vis­ti­sche, büro­kra­ti­sche Europa als end­gül­ti­ge Krone der Auf­klä­rung seine geschicht­li­che Mis­si­on, deren Antrieb der eigene Eth­no­ma­so­chis­mus war, erfül­len.

 

Dabei wurde die zwei­tau­send­jäh­ri­ge Matrix des uni­ver­sa­lis­ti­schen Den­kens keine Sekun­de ver­las­sen. So formte sich aus ent­täusch­ten (Post-)Marxisten, oppor­tu­nis­ti­schen Bür­gern, 68ern, Exis­ten­zia­lis­ten, u. v. a. die in Europa herr­schen­de uni­ver­sa­lis­ti­sche Ideo­lo­gie der Moder­ne, die, mit dem post­mo­der­nen Dreh vom Ende der Poli­tik und Geschich­te, vorgab, unge­schicht­lich, unpo­li­tisch, ja gar keine Ideo­lo­gie zu sein.

 

Sie hat keine großen Anspür­che mehr an die Welt, will keine großen letz­ten Gefech­te mehr. Sie ist von der End­gül­tig­keit und Abge­schlos­sen­heit ihrer Ent­wick­lung über­zeugt. Man ist in der best­mög­li­chen, frei­es­ten Gesell­schaft, die ein Vor­lauf­mo­dell zum Welt­staat ist. Der Fort­schritt der Tech­nik und der öko­lo­gi­schen Wirt­schaft wird ein mul­ti­kul­tu­rel­les Welt­pa­ra­dies erzeu­gen und die frohe Bot­schaft vom Ende der Geschich­te lang­sam aber sicher über die ganze Erde ver­brei­ten. Dabei grenzt man sich zu Dys­to­pi­en à la Orwell scharf ab. Eine abso­lu­te Viel­falt, eine Ent­fes­se­lung des Indi­vi­du­ums, eine bunte Welt soll es werden!

 

Die wabern­de Masse der Hedo­nis­ten, Öko­as­ke­ten, Pazi­fis­ten, Eso-Freaks, anti­ras­sis­ti­schen Bür­gern, Frie­dens­de­mons­tran­ten, Bio­la­den­ein­käu­fer, evan­ge­li­ka­len Chris­ten, Dalai-Lama-Jün­gern eint aber den­noch ein gemein­sa­mer Nenner: Tota­ler Wer­te­re­la­ti­vis­mus, Hedo­nis­mus und Ego­zen­tris­mus. Spaß und Fun um jeden Preis und für jeden Geschmack. Aber ja kein Wert der höher steht als das Leben und der lüs­ter­ne Leib selbst. Ihr Credo: Abso­lu­ter Libe­ra­lis­mus, bis dahin “wo die Frei­heit des Ande­ren anfängt”.

 

Dass man mit einer derart ato­mi­sier­ten, weh­lei­di­gen, gleich­gül­ti­gen Masse keine west­li­che Zivi­li­sa­ti­on, ob nun als Erfül­lung oder Keim­zel­le der Auf­klä­rung, ver­tei­di­gen kann, das spüren wir deut­lich. Schon der Wind vor dem Gewit­ter der kom­men­den Krisen lässt einen Kon­ti­nent erbe­ben. Die post­mo­der­ne Ideo­lo­gie ist derart welt­fremd und sui­zi­dal, dass sie keine ein­zi­ge der kom­men­den Lebens­fra­gen wird lösen können. Darin sind sich anti­deut­sche und neo­kon­ser­va­ti­ve Kri­ti­ker einig. Beide bekämp­fen sie heute die post­mo­der­nen Gut­men­schen aus ver­schie­de­nen Grün­den. Denn das Pro­jekt Frie­dens­welt­macht, das Pro­jekt herr­schafts­frei­er Dis­kurs welt­weit, das Pro­jekt Ende der Geschich­te wird heute von der Geschich­te selbst als Utopie gerich­tet.

 

Bevor wir zum nächs­ten Punkt über­ge­hen eine kleine Zusam­men­fas­sung:

Die neue post­mo­der­ne, libe­ra­lis­ti­sche Iden­ti­tät Euro­pas, die das Gift der Deka­denz der tota­len Kritik und des Rela­ti­vis­mus bis ins letze Berg­dorf, bis ins jüngs­te Hirn gepumpt hat, führte zu einer mora­li­schen, demo­gra­phi­schen und poli­ti­schen Kata­stro­phe, wie sie dieser Kon­ti­nent und seine Völker noch nicht erlebt haben. Es scheint so, als würde Europa an der bit­te­ren Pille des ame­ri­can way zugrun­de gehen und mit dem­sel­ben Fana­tis­mus, mit dem es im zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert Ideo­lo­gi­en nach­jag­te, nun in der uni­ver­sa­lis­ti­schen, post­mo­der­nen Ideo­lo­gie lust­voll den Eth­no­zid bege­hen. Damit rich­tet sich der zer­stö­re­ri­sche Trieb des Uni­ver­sa­lis­mus in seiner vor­läu­fi­gen End­form direkt gegen sich selbst statt den Rest der Welt.

 

Kein gemein­sa­mes Ideal hält die jewei­li­gen euro­päi­schen Fami­li­en und Völker, geschwei­ge denn den Kon­ti­nent als Ganzes, noch zusam­men. Keine Sinn­stif­tung ver­leiht den Willen und die Kraft sich fort­zu­pflan­zen, geschwei­ge denn eine Hoch­kul­tur her­vor­zu­brin­gen oder sich zu ver­tei­di­gen. Der Tod Gottes, also der Tod der uni­ver­sa­lis­ti­schen Ideo­lo­gi­en endete im tota­len büro­kra­tisch ver­wal­te­ten Nihi­lis­mus. Mit dem Nie­der­gang Euro­pas und seiner Völker gehen aber auch alle seine Hoff­nun­gen darauf, das Ende der Geschich­te um- und durch­zu­set­zen baden — was Rechts- und Links­he­ge­lia­ner in helle Auf­re­gung ver­setzt.

 

Der Suizid Euro­pas wird von linken und rech­ten Uni­ver­sa­lis­ten als quasi anti­se­mi­ti­scher, reak­tio­nä­rer Akt gedeu­tet (es stiehlt sich aus seinem pflicht­schul­di­gen Ver­ant­wor­tung zur Ver­tei­di­gung Isra­els und zur Unter­stüt­zung der Auf­klä­rung davon). Sie führen des­halb beide seit eini­ger Zeit einen geis­ti­gen Krieg gegen die herr­schen­de, ver­filz­te wie hete­ro­ge­ne Masse der post­mo­der­nen Zivil­ge­sell­schaft, die sich als in sich unre­for­mier­bar und unbe­lehr­bar erwie­sen hat.

 

Gegen den tota­len Rela­ti­vis­mus behaup­ten sie sich auf der uni­ver­sa­lis­ti­schen Wahr­heit von Dogmen wie dem Men­schen­recht, der euro­päi­schen Zivi­li­sa­ti­on, der west­li­chen Auf­klä­rung und der Mis­si­on zur Welt­ver­bes­se­rung. Die Frage lautet nun: Sollen wir als Iden­ti­tä­re mit­kämp­fen und wenn ja auf wel­cher Seite? Hierzu werden wir, von ihrem gesell­schaft­li­chen Nie­der­schlag zurück­ge­hend, die für uns inter­es­san­ten Aspek­te der post­mo­der­nen Ideo­lo­gie näher beleuch­ten, ohne dabei, das Ver­spre­chen gilt, allzu hoch­tra­bend phi­lo­so­phisch werden zu wollen. Als erstes behan­deln wir den nega­ti­ven Aspekt der post­mo­der­nen Phi­lo­so­phie, der auch die nega­ti­ven Aspek­te der heu­ti­gen Gesell­schaft aus­macht.

 

Der Fluch des Relativismus

 

Wie bereits erwähnt, ver­kün­de­te die Post­mo­der­ne mit dem Phi­lo­so­phen Lyo­tard, der diesen Begriff in dem Sinne erst­mals gebrauch­te, das “Ende der Geschich­te”. Man befin­de sich in einer Zeit, in der keine Reli­gio­nen und keine reli­gi­ons­ar­ti­gen Ideo­lo­gi­en mehr Herr­schaft legi­ti­mie­ren könn­ten. Die Welt ist ein Neben­ein­an­der von zahl­rei­chen gleich­be­rech­tig­ten Dis­kur­sen, die nur durch einen selbst­herr­li­chen Machtakt, einem bestimm­ten Dis­kurs (kon­kret dem kolo­nia­lis­tisch-west­li­chen) unter­ge­ord­net werden könne.

 

Der hier anklin­gen­de Rela­ti­vis­mus machte aber nicht auf der Ebene der Kul­tu­ren halt, son­dern drang bis in die kleins­ten Gemein­schaf­ten, am Ende bis ins Indi­vi­du­um selbst vor. Wahr­heit und gerech­te Herr­schaft wurde völlig ver­wor­fen. Vom Aus­gangs­punkt des nack­ten ein­zel­nen Sub­jekts wurden alle Ideen, Begrif­fe und Tra­di­tio­nen einer ätzend und zer­set­zen­den Kritik unter­zo­gen, die sich des Dekon­struk­ti­vis­mus bedien­te.

 

Dabei wurde aber, wie oben bereits ange­deu­tet, stän­dig auf sich selbst und die eigene Spra­che refle­xiert und eine psy­cho­lo­gi­sche Ebene kaum ver­las­sen. Es ging weni­ger um die Herr­schaft in der Gesell­schaft als die Herr­schafts­me­cha­nis­men in der Spra­che – den Logo­zen­tris­mus. Auch die Bedeu­tung ein­zel­ner Wörter wurde hin­ter­fragt, ihre Zuord­nung zu Dingen als anma­ßen­de Ver­ge­wal­ti­gung der Welt ver­dammt.

 

Ja, die Iden­ti­tät des Ein­zel­nen wurde zu einer unge­recht­fer­tig­ten Set­zung, die im Namen der Eman­zi­pa­ti­on kri­ti­siert werden müsse. Nur noch ein loses dif­fu­ses System von Ver­wei­sen und Rela­tio­nen, eine unein­hol­ba­re, unbe­nenn­ba­re Masse an Ein­drü­cken lässt das post­mo­der­ne Denken bestehen. Nichts ist wahr, nichts ist aus­sag­bar. Auch die Natur­wis­sen­schaft wurde über Denker wie Kuhn, Fey­er­a­bend u. a. zur bloßen Mög­lich­keit der Welt­be­trach­tung, die sofort auf ihre Macht­auss­übung hin kri­ti­siert werden muss.

 

Herr­schen­de Normen erschei­nen dem Post­mo­der­nen, der seinen Geist in die end­lo­sen Tiefen des Rela­tivi­mus gewor­fen hat, nur mehr lächer­lich und mit wahr­haft zyni­scher Grau­sam­keit unter­wirft er sie dem Hammer der Dekon­struk­ti­on. Es gibt gar keine Wahr­heit, auch keine Natur mehr. Alles ist sub­jek­ti­ve mensch­li­che Kon­struk­ti­on, die ein Ver­bre­chen gegen das Pos­tu­lat der tota­len Gleich­heit dar­stellt.

 

In der nach dem Tod Gottes und dem Ende der Geschich­te herr­schen­den, völ­li­gen Bin­dungs­lo­sig­keit war es ein leich­tes, die Trüm­mer, die von Anthro­po­lo­gi­en und Staats­theo­ri­en der alten uni­ver­sa­lis­ti­schen Ideo­lo­gi­en übrig­ge­blie­ben waren und noch eine Prä­gung von orga­ni­scher Ord­nung auf­wie­sen, weg­zu­räu­men. Waren doch ihre zen­tra­len Ideen und Mythen ver­nich­tet, weil nun­mehr kri­ti­sier­bar. Die tota­len Wahr­heits­an­sprü­che und Beteue­run­gen des Uni­ver­sa­lis­mus, die er dog­ma­tisch fixiert hatte, bra­chen zusam­men und wurden an allen Dingen grau­sam voll­zo­gen.

 

Wenn nicht einmal mehr die zen­tra­len Wahr­hei­ten der euro­päi­schen Geis­tes­ge­schich­te unkri­ti­sier­bar waren, so musste alles falsch sein. Hatte die Revo­lu­ti­on der reli­giö­sen, christ­li­chen Wahr­heits­an­sprü­che diese noch durch die uni­ver­sa­le Ver­nunft ersetzt, so mün­de­te das Ende der mate­ria­lis­ti­schen Mani­fes­ta­tio­nen des Uni­ver­sa­lis­mus, des revo­lu­tio­nä­ren Mar­xis­mus, im irra­tio­na­len Nichts.

 

Im Zuge der Sprach­phi­lo­so­phie, bei der sich die Phi­lo­so­phen Saus­su­re und später Der­ri­da her­vor­ta­ten, ver­stumm­te die post­mo­der­ne Den­ker­welt vor der Viel­falt der Dinge und der Begrenzt­heit der Begrif­fe — es ver­schlug ihr die Spra­che und sie tru­del­te in einen infi­ni­ten Regress der selbst­be­züg­li­chen Rela­ti­vi­tä­ten, die letzt­end­lich die Grenze zwi­schen Meta­pher und Spra­che, Wahr­heit und Dich­tung, Leben und Spiel gänz­lich auf­ho­ben. Unter dem Ein­fluss von Butler u. a. rich­te­te sich die post­mo­der­ne Kritik gegen den Körper selbst und brach­te die Gen­der­ideo­lo­gie hervor.

 

Als letz­tes Ziel wählte sie die mensch­li­che Iden­ti­tät, die sie mit der selben apo­dik­ti­schen Non­cha­lance für erle­digt erklär­te wie vorher das Ende der Geschich­te. Die kör­per­li­chen wie geis­ti­gen Gren­zen des Ein­zel­nen wurden dem Schwe­fel­bad der Kritik unter­zo­gen und hin­ter­lie­ßen die zer­ris­se­nen Indi­vi­du­en, die sich uns heute über­all prä­sen­tie­ren. Fami­lie, die Kultur, die Tra­di­ti­on und die Reli­gi­on, alle iden­ti­tä­ren Rest­be­stän­de, die Jahr­tau­sen­de des Uni­vera­lis­mus über­lebt hatten, wurden dabei gleich mit kas­siert und ver­nich­tet.

 

Direkt pro­por­tio­nal zur rela­ti­vis­ti­schen Ver­nich­tung der Werte und zur Ent­wur­ze­lung der Men­schen stieg die emp­fun­de­ne Sinn­lo­sig­keit und der Bedarf nach hedo­nis­ti­scher Ablen­kung. Der Staat hatte Mühe sich dem gal­lo­pie­ren­den Ver­fall von Tra­di­tio­nen und Werten anzu­pas­sen und drang mit Ver­recht­li­chung und Büro­kra­ti­sie­rung in die dekon­stru­ier­ten Lebens­be­rei­che vor. Der totale, the­ra­peu­ti­sche Staat betreu­te fortan fast rund um die Uhr die post­mo­dern Ich-geschä­dig­ten, ato­mi­sier­ten, selbst­has­sen­den Sub­jek­te.

 

Letzt­lich press­te der totale Rela­ti­vis­mus, dessen ein­zi­ger inner Zusam­men­halt die Regeln des Mark­tes bedeu­te­ten, Euro­pas Sub­stanz bis auf den letz­ten Trop­fen aus. Ein Schutz­wall der Tra­di­ti­on und Moral nach dem ande­ren wurde in der uner­müd­li­chen Wühl­ar­beit der linken Post­mo­der­nen genom­men. Von der Abtrei­bung über die Sexua­li­sie­rung, die anti­au­to­ri­tä­re Erzie­hung bis hin zur gleich­ge­schlecht­li­chen Ehe. Nur der Lega­li­sie­rung der Pädo­phi­lie wird wohl der Eth­no­zid oder die Wie­der­ge­burt Euro­pas zuvor­kom­men.

 

Der totale Rela­ti­vis­mus der Post­mo­der­nen stammt aus den uni­ver­sa­lis­ti­schen Ideo­lo­gi­en und wurde durch ihr Abster­ben völlig ent­grenzt und ent­fes­selt, wie im Frei­mau­rer­tum und der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on der reli­giö­se Ega­li­ta­ris­mus des Chris­ten­tums aus seinem meta­phy­isch-staat­li­chen Gehäu­se. Die Post­mo­der­nen woll­ten den von Marx und allen uni­ver­sa­lis­ti­si­chen Ideo­lo­gi­en vor ihm proph­zei­ten Zustand der Frei­heit, Gleich­heit und Brü­der­lich­keit, der freien Asso­zia­ti­on der Indi­vi­du­en radi­kal zur Wirk­lich­keit machen.

 

Er diente nicht mehr einem im wesent­li­chen her­kömm­li­chen Vehi­kel-Staat wie etwa der UdSSR (was Fami­lie, Moral, Hier­ar­chie usw. betrifft) als Parole son­dern sollte mate­ri­ell ver­wirk­licht werden. Der Tota­li­tät der Herr­schaft in den Ideo­lo­gi­en des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts wurde eine Tota­li­tät des Irra­tio­na­len gegen­über­ge­stellt. Der völ­li­gen Auf­la­dung, ja Über­la­dung mit Bedeu­tung und his­to­ri­scher Pflicht wurde eine völ­li­ge Erschlaf­fung und Geschichts­lo­sig­keit, eine kos­mo­po­li­ti­sche Traum­welt ent­ge­gen­ge­setzt. Gleich blieb nur der uni­ver­sa­lis­ti­sche glo­ba­le Rahmen, indem diese Ideen von der Welt pro­je­ziert werden.

 

Die Post­mo­der­nen sehen in der Unhin­ter­geh­bar­keit der Spra­che, ihrer kon­sti­tu­ti­ven Macht, der tota­len Will­kür aller gesell­schaft­li­chen “Kon­struk­tio­nen” und der Not­wen­dig­keit ihrer “Destruk­ti­on” eine uni­ver­sa­le Not­wen­dig­keit, die unauf­halt­sam global voll­streckt werden soll. Sie wollen am Ende das Glei­che wie die Mar­xis­ten, Neo­cons, Isla­mis­ten und die meis­ten Chris­ten — eine totale Welt­he­ge­mo­nie ihrer Auf­as­sung der Welt.

 

Hier liegt auch ihr inne­rer Wider­spruch begra­ben. Denn auch das Ende aller Metaer­zäh­lun­gen ist selbst wieder eine Metaer­zäh­lung. Auch die Behaup­tung der tota­len sub­jek­ti­vis­ti­schen Kon­struk­ti­on der ganzen gesell­schaft­li­chen Rea­li­tät ist eine Herr­schafts­aus­übung und Anma­ßung, wie es jeder Stu­dent, der nicht ins Schema F passt, Tag für Tag an der Uni erle­ben kann.
Der totale Rela­ti­vis­mus, den man auch als end­gül­ti­ge Seins- und Selbst­ver­ges­sen­heit deuten könnte, hat Europa gründ­lich ver­dor­ben. Er schafft das spöt­ti­sche, alt­klu­ge Klima, das Gift für das Auf­kom­men neuer Mythen und Ideale ist. Die letze Wahr­heit findet das post­mo­der­ne Sub­jekt meist nur mehr im nack­ten Hedo­nis­mus, der als unaus­weich­li­cher End­punkt auf jeden an der Tal­soh­le des Rela­ti­vis­mus lauert.

 

Die totale Frei­heit und Bin­dungs­lo­sig­keit, das Kippen in einen Irra­tio­na­lis­mus, das Wälzen von psy­cho­lo­gi­sier­ten Pseu­do­pro­ble­men, Sprach­spie­len und Dis­kurs­ana­ly­sen machte tat­säch­lich den Weg frei für eine Clique an posi­ti­vis­ti­schen Sozi­al­tech­ni­kern (Popper) und Büro­kra­ten, die das post­mo­der­ne, libe­ra­lis­ti­sche Gesetz des Ega­li­ta­ris­mus und der Dekon­struk­ti­on aller Werte betriebs­mä­ßig voll­stre­cken.

 

Echte Gesell­schafts­kri­tik, nicht einmal die mar­xis­ti­sche Pseudo-Gesell­schafts­kri­tik, ist aus dem schwe­re­lo­sen Äther, indem sich post­mo­der­ne Ideo­lo­gen befin­den, schlech­ter­dings mög­lich. Kri­ti­sie­ren sie doch uner­müd­lich jede Form von Gemein­schafts­sinn und jede Hier­ar­chie, sowie jeden Mythos als “Iden­ti­täts­po­li­tik”. Es erscheint für sie fast unmög­lich, klar im Namen irgend­ei­ner Iden­ti­tät, irgend­ei­ner For­de­rung auf­zu­tre­ten. Gera­de­mal ein “stra­te­gi­scher Uni­ver­sa­lis­mus” und eine stra­te­gi­sche „pro-forma-Iden­ti­tät“ wird von post­mar­xis­ti­schen und post­mo­der­nen Ideo­lo­gen wie Mouffe, Laclau und Butler gewis­sen Min­der­hei­ten zuer­kannt, um einen eman­zi­pa­to­ri­schen Dis­kurs vor­an­trei­ben zu können.

 

Das heißt im Klar­text: Eigent­lich ist ja jede Form von Gruppe, Bewe­gung und jede Bezeich­nung eines Indi­vi­du­ums mit bestimm­ten Eigen­schaf­ten, eine Anma­ßung und Herr­schafts­aus­übung — den­noch soll das in eini­gen Fällen erlaubt sein, wenn es nur zur wei­te­ren Eman­zi­pa­ti­on, also zur Her­aus­schä­lung des nack­ten Ichs aus den kul­tu­rel­len und eth­ni­schen Bin­dun­gen dient. Ein ähn­li­ches Zwie­den­ken weisen die Post­mo­der­nen beim Begriff der Men­schen­rech­te auf, der, obwohl der totals­te Uni­ver­sa­lis­mus von allen, als not­wen­di­ges Axiom vor­aus­ge­setzt wird.

 

Das Geheim­nis der radi­kal sub­jek­ti­vis­ti­schen und rela­ti­vis­ti­schen Posi­ti­on der Post­mo­der­ne ist, dass sie im Grunde bloß eine Spie­ge­lung des tota­len Wahr­heits­an­spruchs des Uni­ver­sa­lis­mus ist. Wenn dieser vor­gibt, alles mit einer Feld­theo­rie schlüs­sig erklä­ren zu können und dem­zu­fol­ge als poli­ti­sche Ideo­lo­gie alles auf einen Nenner anglei­chen will, kann die Post­mo­der­ne nichts mehr erklä­ren, keine Gemeins­schaft, keine Herr­schaft, keine Iden­ti­tät mehr akzep­tie­ren und recht­fer­ti­gen.

 

Ihr fehlt der Glaube an die abs­trak­ten Dogmen des Uni­ver­sa­lis­mus — somit bleibt ihr am Ende ein stum­mes Nichts. Dass den­noch die west­li­che Befrie­dungs­mis­si­on der Erde von Europa ver­schämt, aber mit Nach­druck betrie­ben wird, liegt daran, dass sich die Post­mo­der­ne vor allem in psy­cho­lo­gi­sier­ten Pseu­do­pro­ble­men und einem hedo­nis­ti­schen Müßig­gang aus­wirkt. Ihre end­gül­ti­ge Kon­se­quenz wäre ein stum­mer Suizid.

 

Für sie sind Dinge ent­we­der abso­lut und unbe­streit­bar wahr — oder völlig belie­big. Einen Zwi­schen­zu­stand gibt es nicht. Die Dinge sind ent­we­der total wahr und damit mate­ri­ell (wie es noch der Mar­xis­mus pos­tu­lier­te), oder sie sind völlig sub­jek­ti­ve Kon­struk­tio­nen. Bei­spiel­haft dafür sind etwa die Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter zur Dekon­struk­ti­on der “Geschlech­ter­ver­hält­nis­se”.

 

Mit dem Ver­weis auf ver­schie­de­ne Ver­hält­nis­se der Geschlech­ter in ver­schie­de­nen Zeiten und Kul­tu­ren werden ihre kon­kre­ten Aus­drucks­for­men rela­ti­viert. Indem ihre feh­len­de, sta­ti­sche abso­lu­te und natur­haf­te Wahr­heit so ent­larvt wurde, werden sie im näch­ten Schritt total auf­ge­ho­ben — die Gen­der­ideo­lo­gie ent­steht. Dass immer und über­all ein unter­schied­lich aus­ge­stal­te­ter all­um­fas­sen­der Unter­schied zwi­schen den Geschle­chern bestan­den hat, wird unter den Tisch gekehrt. Der wahre Antrieb ist auch nicht, das Wesen der Geschlech­ter und ihre Bezie­hung zu erken­nen, son­dern über Rela­ti­vie­rung und Dekon­struk­ti­on alle Schran­ken zu besei­ti­gen, die dem Ein­zel­nen in seinem Hedo­nis­mus irgend­wie im Wege stehen könn­ten.

 

Der Post­mo­der­ne geht an die Welt mit einem uni­ver­sa­lis­tisch-for­dern­den Blick, aber mit voller Ehr­lich­keit heran und sucht nach abso­lu­ten Wahr­hei­ten. Da er sie natür­lich nicht findet ist sie ihm eine völlig fal­sche, unein­hol­ba­re Pro­jek­ti­on, inner­halb derer sich allen­falls noch vage Rela­tio­nen fest­ma­chen lassen. Der Dis­kurs, als mate­ri­el­ler Nie­der­schlag dieser Nicht-Erkennt­nis, soll jede Form von Herr­schaft erset­zen. Das totale, all­um­fas­sen­de Nein zu jedem Wert im all­ge­gen­wär­ti­gen Rela­ti­vis­mus der Post­mo­der­nen, (der selbst bereits zu einer Ideo­lo­gie samt pas­sen­der Staats­form geron­nen ist) voll­zieht heute in Europa das, was es auch auf phi­lo­so­phi­scher Ebene tut – es ver­nich­tet sich selbst.

 

So wie z. B. Pop­pers kri­ti­scher Ratio­na­lis­mus sich nicht selbst begrün­den kann und der Satz “Es gibt keine Wahr­heit” per­for­ma­tiv seine eigene Gel­tungs­grund­la­ge ver­nich­tet, so zer­stört der Libe­ra­lis­mus und Rela­ti­vis­mus die Lebens­grund­la­ge des Men­schen: Die Gemein­schaf­ten. Wie sich der Rela­ti­vis­mus phi­lo­so­phisch ver­nich­tet, so ver­nich­tet der post­mo­der­ne Libe­ra­lis­mus die Gemein­schaft, der er inne­wohnt. Er ist ins sich eine System und Betrieb gewor­de­ne Ver­nei­nung des Bestehen­den, ohne auf eine ande­res Ideal hin­zu­wei­sen. Kritik ist ihm Kunst­form gewor­den, Ver­höh­nung von Idea­len und Reli­gio­nen zum liebs­ten Hobby.

 

Doch die abso­lu­te Wahr­heit der heroi­schen Epoche der uni­ver­sa­lis­ti­schen Ideo­lo­gi­en wird von der Post­mo­der­ne nicht über­wun­den, indem sie sie ad acta legt. Sie kehrt in der Tota­li­tät des Rela­ti­vis­mus und der tota­len Selbst­ver­nich­tung und Ent­frem­dung des Ein­zel­nen wieder. Dieser Tota­li­tät kann der Post­mo­der­ne nichts mehr ent­ge­ge­sez­ten. Er kauert nackt, stumm, frie­rend und ohne Ver­mitt­lung am Rand des Seins. Er ver­steht sich selbst nicht mehr.

 

Denn der post­mo­der­ne Libe­ra­lis­mus leug­net seinen eige­nen Ideo­lo­gie-Cha­rak­ter. Er leug­net, dass das “Ende aller Mythen” selbst ein eige­ner Mythos ist und ist in dieser man­geln­den Distanz zu seinen eige­nen Pos­tu­la­ten in tota­ler Ver­blen­dung ver­lo­ren. Eine Ver­blen­dung, die nur die harte und bit­te­re Rea­li­tät, die eben kein reines gesell­schaft­li­ches Kon­strukt ist, zer­schla­gen kann. Im Klei­nen in Form einer “kul­tu­rel­len Berei­che­rung” in der U-Bahn und im Großen in der Rück­kehr der Geo­po­li­tik und dem Schei­tern der Fort­schritts­ideo­lo­gi­en.

 

Das Dasein selbst kann nur in und mit seiner Beja­hung gelebt werden!  Das größte Ja zum Leben und zur eige­nen Iden­ti­tät ist der Wille, dass sie wei­ter­be­stehe. Es ist die Fort­pflan­zung und Wei­ter­ga­be der eige­nen Kultur. Beides ist ver­pöhnt im post­mo­der­nen Europa, in dem Mut­ter­schaft als “sozia­les Kon­strukt” (Bad­in­ter) abge­kan­zelt und dekon­stru­iert wurde, Abtrei­bung eine sozia­le Errun­gen­schaft und Eth­no­ma­so­chis­mus erste Bür­ger­pflicht ist.

 

Der Rela­ti­vis­mus der Werte, der nichts Höh­reres als das eigene Ich und seine Befind­lich­kei­ten erken­nen will, ist der größte Feind Euro­pas. Er ist das deka­den­te Gift, das zum kol­lek­ti­ven Eht­no­zid führte und uns zur Mul­ti­kul­ti­zo­ne, zur welt­weit ver­lach­ten Kolo­nie weh­lei­di­ger Lust­grei­se und über­fet­te­ter Ein­zel­kin­der werden ließ. Er ist das Gift und die Gefahr der Post­mo­der­ne — ver­stan­den als Tod und Ende der großen, selbst­be­wuss­ten uni­ver­sa­lis­ti­schen Ideo­lo­gi­en.

 

Dieser Rela­ti­vis­mus ver­nich­tet all jene zen­tra­len Werte, die eine Gemein­schaft zur Exis­tenz benö­tigt und lässt nur eine hedo­nis­ti­sche Kon­su­men­ten­ge­sell­schaft unter dem Banner des Eth­no­ma­so­chis­mus zurück. Alle Beteue­run­gen über die his­to­risch ein­ma­lig lange Frie­dens­zeit in Europa, den großen Wohl­stand und die große Frei­heit ver­blas­sen vor der Tat­sa­che, dass seine Völker sich kul­tu­rell und bio­lo­gisch selbst abschaf­fen. Es ist eine Ord­nung zum Tode. Eine büro­kra­tisch ver­wal­te­te Selbst­ent­fer­nung. Die Frie­dens­ru­he Euro­pas ist eine Gra­bes­stil­le, die Vor­herr­schaft des Öko­no­mi­schen über das Macht­po­li­ti­sche ist seine Impo­tenz.

 

Die oben genann­ten Jubel­phra­sen glei­chen der “Freude” eines fri­gi­den Ein­sied­lers über aus­blei­ben­de Bezie­hungs­pro­ble­me und Lie­bes­kum­mer oder eines sie­chen­den, bett­läg­ri­gen Ster­bens­kran­ken über man­geln­de Abnut­zung seiner Gelen­ke. Der Wille, sich über das Nichts des Rela­ti­vis­mus zu erhe­ben und dem Leben einen Sinn zu stif­ten, ist kaum mehr, nicht einmal in seinen sub­jek­ti­vis­tischs­ten Aus­prä­gun­gen, vor­han­den.

 

Nietz­sche hat diesen Zustand pro­phe­tisch vor­her­ge­se­hen. Mit der Ent­fer­nung des dog­ma­ti­schen Kor­setts der uni­ver­sa­lis­ti­schen Ideo­lo­gi­en, wel­ches ihre Staats- und Wert­ord­nun­gen stütz­te, sackt die wil­lens­lo­se Skla­ven­mo­ral eines ganzen Kon­ti­nents ins tiefe Nichts. Wer seit Jahr­tau­sen­den Sklave abs­trak­ter, kate­go­ri­scher, uni­ver­sa­ler Dogmen und Pflich­ten war, lernt den auf­rech­ten Gang schwer von allei­ne. Die post­mo­der­nen Rela­ti­vis­ten sind die letz­ten Men­schen, denen Nietz­sche sein “Frei wozu?” ent­ge­gen­ruft. Es sind die, die aus dem Leich­nam des toten Gottes ein Denk­mal wider alle Denk­mä­ler gemacht haben.

 

Die Post­mo­der­ne ist quasi der Selbst­zer­stö­rungs­mo­dus der Völker Euro­pas, die keine andere Iden­ti­tät kennen als die, Vehi­kel uni­ver­sa­lis­ti­scher Ideo­lo­gi­en zu sein. Mit dem Ende dieser großen Erzäh­lun­gen haben sie ihre Schul­dig­keit getan und erzäh­len lust­voll ihren eige­nen, elen­den Tod.

 

Das Ziel iden­ti­tä­rer Kräfte muss der ent­schie­de­ne Kampf gegen den gemein­schafts­zer­set­zen­den Ich-Kult und die iko­no­klas­ti­sche Wir­kung des Rela­ti­vis­mus und der Post­mo­der­ne sein, da wo sie unser eth­no­kul­tu­rel­les Erbe bedroht. Aus der zeit­li­chen und eth­no­spe­zi­fi­schen Kon­tin­genz unse­rer Per­spek­ti­ve ergibt sich nicht, dass die Natur nur eine kon­stru­ier­te Pro­jek­ti­on ist. Aus der Erkennt­nis, dass die Spra­che die Welt eines Ethnos bildet, indem sie die ihn umge­ben­de Welt beschreibt, ergibt sich nicht die totale Rela­ti­vi­tät und Will­kür – die bered­te Sprach­lo­sig­keit der Post­mo­der­ne.

 

Abs­trakt gesagt: Aus der Geschicht­lich­keit unse­rer Per­spek­ti­ve auf die Welt und damit unse­rer Wahr­heit ergibt sich nicht die Inexis­tenz von Wahr­heit. Dass die Post­mo­der­nen beides untrenn­bar ver­bin­den und eine strik­tes Ent­we­der-Oder-Denken auf­wei­sen (Uni­ver­sa­lis­mus oder Rela­ti­vis­mus) zeigt ihr uni­ver­sa­lis­ti­sches, dog­ma­ti­sches Ver­ständ­nis von Wahr­heit, das alle ande­ren Auf­fas­sun­gen von Wahr­heit ver­wirft, weil sie nicht seinen unaus­ge­spro­che­nen Axio­men ent­spre­chen.

 

Wir müssen die hedo­nis­ti­schen, gleich­gül­ti­gen Steh­sät­ze der post­mo­der­nen Jünger in ihrem nicht­sa­gen­dem Hedo­nis­mus ent­lar­ven, wo wir sie tref­fen. Die Frei­heit hört eben nicht erst da auf, wo die “eines ande­ren anfängt”. Nicht alles was erlaubt ist und Lust bringt ist gut. Alles anzu­zwei­feln und zu hin­ter­fra­gen ist keine Tugend und kein Zei­chen von Intel­li­genz, son­dern von Feig­heit und Prin­zi­pi­en­lo­sig­keit.

 

Nur weil diese Hal­tung mög­lich ist, heißt es nicht, dass sie gut ist. Jeder muss sich ihre direk­ten poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Folgen vor Augen halten und seine eigene Ver­ant­wor­tung dafür erken­nen. Denn jeder ein­zel­ne, der sich in den post­mo­der­nen Hedo­nis­mus fallen lässt, der sein Gehirn auf die nied­ri­gen Schwin­gun­gen der Gleich­gül­tig­keit ein­stimmt und seinen IQ dem lau­war­men Bade­was­ser der intel­lek­tu­el­len Senio­ren­gym­nas­tik angleicht, macht sich mit­schul­dig.

 

Gerade wir Stu­den­ten an der Uni dürfen uns nicht in die Belie­big­keit der Wis­sens- und Bil­dungs­ma­schi­ne­rie ein­bau­en lassen und wie “Müßig­gän­ger im Garten des Wis­sens” (Nietz­sche) von einer duf­ten­den Blume zur nächs­ten fla­nie­ren und For­schungs­ge­bie­te nur nach Pres­ti­ge oder “Uner­forscht­heit” wählen. Das Leben ist kein Sprach­spiel. Die Geschich­te ist nicht zu Ende. Die Welt ist keine mul­ti­kul­tu­rel­le Frie­dens­ge­mein­schaft.

 

Es gibt eine Wahr­heit, auch wenn sie jen­seits des tota­len Uni­ver­sa­lis­mus und des tota­len Rela­ti­vis­mus liegt. Sie liegt in unse­rem Dasein selbst ver­bor­gen.  Wir wollen uns von den Fes­seln eines läh­men­den Uni­ver­sa­lis­mus, der nur abs­trak­te Pflich­ten, totale Wahr­hei­ten, Mensch­heit, Fort­schritt, tota­li­tä­re Ver­nunft, Büro­kra­tie und glo­ba­le Expan­si­on kennt, befrei­en. Doch wir gehö­ren nicht ins Lager jener “Frei­geis­ter”, über die Nietz­sche mit atem­be­rau­ben­der Bril­li­anz und Klar­heit urteilt:

 

In allen Län­dern Europa’s und ebenso in Ame­ri­ka giebt es jetzt Etwas, das Miss­brauch mit diesem Namen treibt, eine sehr enge, ein­ge­fang­ne, an Ketten geleg­te Art von Geis­tern, welche unge­fähr das Gegen­theil von dem wollen, was in unsern Absich­ten und Instink­ten liegt,—nicht zu reden davon, dass sie in Hin­sicht auf jene her­auf­kom­men­den neuen Phi­lo­so­phen erst recht zuge­mach­te Fens­ter und ver­rie­gel­te Thüren sein müssen. Sie gehö­ren, kurz und schlimm, unter die Nivel­li­rer, diese fälsch­lich genann­ten “freien Geister”—als bered­te und schreib­fing­ri­ge Skla­ven des demo­kra­ti­schen Geschmacks und seiner “moder­nen Ideen”: alle­samt Men­schen ohne Ein­sam­keit, ohne eigne Ein­sam­keit, plumpe brave Bur­schen, wel­chen weder Muth noch acht­ba­re Sitte abge­spro­chen werden soll, nur dass sie eben unfrei und zum Lachen ober­fläch­lich sind, vor Allem mit ihrem Grund­han­ge, in den Formen der bis­he­ri­gen alten Gesell­schaft unge­fähr die Ursa­che für alles mensch­li­che Elend und Miss­ra­then zu sehn: wobei die Wahr­heit glück­lich auf den Kopf zu stehn kommt! Was sie mit allen Kräf­ten erstre­ben möch­ten, ist das all­ge­mei­ne grüne Weide-Glück der Herde, mit Sicher­heit, Unge­fähr­lich­keit, Beha­gen, Erleich­te­rung des Lebens für Jeder­mann; ihre beiden am reich­lichs­ten abge­sung­nen Lieder und Lehren heis­sen “Gleich­heit der Rechte” und “Mit­ge­fühl für alles Leidende,”—und das Leiden selbst wird von ihnen als Etwas genom­men, das man abschaf­fen muss.


Die Post­mo­der­ne-Uni­ver­sa­lis­ten sind nur die lal­len­den Har­le­ki­ne im Lager des Uni­ver­sa­lis­mus, die eine neue glo­ba­le Tota­li­tät des Rela­ti­vis­mus schaf­fen wollen. Doch wir erken­nen auch die große Chance, die in ihrem Ansatz steckt und die uns zum heim­li­chen Vater der Post­mo­der­ne führen wird. Ebenso werden wir erken­nen, dass, wie es der Volks­mund sagt, Narren oft die Wahr­heit kund­tun, und im post­mo­der­nen Far­ben­rei­gen auch die Schwach­stel­le der herr­schen­den Ideo­lo­gie und des west­li­chen Uni­ver­sa­lis­mus aus­ge­plau­dert wird. Im zwei­ten Teil unse­res Bei­trags werden wir uns der Chance des Rela­ti­vis­mus widmen. Ach ja — an alle, die tat­säch­lich bis hier­hin gele­sen haben ein herz­li­ches Dan­ke­schön und Respekt. Dieser Arti­kel spreng­te etwas den Rahmen.