Im vor­her­ge­hen­den Teil haben wir die Ideo­lo­gi­schen Staats­ap­pa­ra­te betrach­tet. Wich­tig ist, zu erin­nern, dass Althus­ser zwi­schen dem repres­si­ven Staats­ap­pa­rat (Regie­rung, Ver­wal­tung, Poli­zei, Jus­tiz­voll­zug  fast voll­stän­dig öffent­lich) und den Ideo­lo­gi­schen Staats­ap­pa­ra­ten (Erzie­hungs- und Bil­dungs­sys­tem, Fami­lie, poli­ti­sches System, Kir­chen, Inter­es­sen­ver­bän­de, Medien, etc.  öffent­lich und privat) trennt. Beide, repres­si­ver Staats­ap­pa­rat und ISA, bilden Teile des gesell­schaft­li­chen Über­baus, der zwar einen erheb­li­chen Ein­fluss auf die öko­no­mi­sche Basis nehmen kann, jedoch letzt­lich von jener deter­mi­niert wird. Das bedeu­tet im Klar­text, dass für den Mar­xis­ten Althus­ser trotz aller Kom­ple­xi­tät moder­ner Gesell­schaf­ten der Klas­sen­kon­flikt zwi­schen den Bour­geoi­sie­frak­tio­nen, den Mit­tel­schich­ten und der Arbei­ter­klas­se der geschicht­lich wirk­mäch­ti­ge Faktor ist, von dem alles andere sich ablei­tet. Ist die Bour­geoi­sie his­to­risch stark, drückt sich dies in ihrer ideo­lo­gi­schen Macht in den ISA aus. Hin­ge­gen können sowohl ehe­mals herr­schen­de Klas­sen – bei­spiels­wei­se der Land­adel bis tief ins 19. Jahr­hun­dert – oder auch aktu­ell beherrsch­te Klas­sen (das Pro­le­ta­ri­at) „Kampf­po­si­tio­nen“ in den ISA erobern. Dar­un­ter würde nach Althussers Bild ein Arbei­ter­sohn zählen, der den Auf­stieg in den Lehr­be­ruf geschafft hat und nun als Lehrer ande­ren Arbei­ter­kin­dern hilft. Als herr­schen­den ISA seiner Zeit (1970) und der gesam­ten kapi­ta­lis­ti­schen Moder­ne betrach­tet Althus­ser fol­ge­rich­tig den schu­li­schen (Bil­dungs-) ISA, der den kirch­li­chen abge­löst habe.

Für uns als Iden­ti­tä­re kann zunächst egal sein, ob und inwie­fern Althussers Ana­ly­se für seine Zeit zutrifft. Es ist evi­dent, dass in der Moder­ne die gesell­schaft­li­che Macht vom Adel auf das Bür­ger­tum über­ge­gan­gen ist, und es darf als ebenso evi­dent gelten, dass der Natio­nal­reich­tum Frank­reichs oder Eng­lands wesent­lich auf der Nut­zung der tech­nisch-ratio­na­li­sier­ten Arbeits­kraft der fran­zö­si­schen und eng­li­schen Arbei­ter fußte, sowie in nicht unwe­sent­li­chem Maße auf dem natür­li­chen Reich­tum der Kolo­ni­en. Ob man diese Gemenge­la­ge nun als Klas­sen­kampf und, weiter noch, jenen als aus­schlag­ge­ben­des his­to­ri­sches Moment deuten will, sei dahin­ge­stellt; diese Deu­tung hängt bei den Mar­xis­ten an einer bestimm­ten his­to­ri­schen Syn­the­se aus Links­he­ge­lia­nis­mus, fran­zö­si­schem Uto­pie­den­ken und eng­li­scher Arbei­ter­be­we­gung. Unge­ach­tet dessen lässt sich der aktu­el­le Kon­flikt zwi­schen Glo­ba­lis­ten und Volk als Klas­sen­kampf zwi­schen inter­na­tio­na­lem Kapi­tal, poli­tisch-media­len Eliten und mobi­ler Mit­tel­schicht auf der einen und natio­na­lem Kapi­tal, loka­ler Mit­tel­schicht, Arbei­tern und Ange­stell­ten auf der ande­ren Seite dar­stel­len. Die große Stärke dieser Betrach­tung – die Reduk­ti­on der Gemenge­la­ge auf ihre öko­no­mi­sche Dimen­si­on – stellt zugleich ihre größte Schwä­che dar: Indem wir, wie Althus­ser und die Mar­xis­ten, von der eth­no­kul­tu­rel­len Iden­ti­tät abs­tra­hie­ren, ver­schwin­den die Gren­zen zwi­schen der auto­chtho­nen Bevöl­ke­rung und der zuge­zo­ge­nen. Da letz­te­re jedoch einen nicht unwe­sent­li­chen Teil der unte­ren Klas­sen dar­stellt, muss ihre Rolle an ande­rer Stelle geson­dert betrach­tet werden. Die Ein­schät­zung jedoch, dass die Erset­zungs­mi­gra­ti­on auf jeden Fall als Waffe der Glo­ba­lis­ten im Kampf gegen die Völker dient, darf unter Iden­ti­tä­ren vor­aus­ge­setzt werden.

Mit dieser Pro­blem­be­stim­mung sind wir auch schon einen großen Schritt näher auf unser Thema in diesem drit­ten Teil der Althus­ser-Reihe gelangt. Die Frage, warum der Mar­xist ohne Wei­te­res von der eth­no­kul­tu­rel­len Iden­ti­tät der Men­schen abs­tra­hie­ren und sie rein nach ihren öko­no­mi­schen Klas­sen­la­gen betrach­ten kann, weiß jeder von uns mit „Uni­ver­sa­lis­mus“ zu beant­wor­ten. Die his­to­ri­sche Genese und logi­sche Struk­tur dieses Uni­ver­sa­lis­mus einmal außen vor gelas­sen, können wir auch schnell und unschwer erken­nen, dass es sich dabei um die Essenz der Global-Ideo­lo­gi­en han­delt, stre­ben diese nun die klas­sen­lo­se Welt­ge­sell­schaft oder die welt­wei­te Durch­set­zung demo­kra­ti­scher Markt­ge­sell­schaf­ten an. Zuletzt können wir auf Basis des Erar­bei­te­ten fest­stel­len, dass die Behaup­tung der grund­sätz­li­chen Wesens­gleich­heit und also Aus­tausch­bar­keit aller Men­schen die adäqua­te Ideo­lo­gie der herr­schen­den glo­ba­lis­ti­schen Klasse(n) dar­stellt, und dass ihre Hege­mo­nie in den ISA ein Indi­ka­tor für die Stärke jener spä­tes­tens seit 1990 im Auf­stieg befind­li­chen Klasse ist, sowie für die Schwä­che der natio­na­len Klas­sen bzw. des Volkes.

Aus dieser Per­spek­ti­ve erscheint uns Ideo­lo­gie nicht mehr wie eine Idee, auf die man eben von selbst oder durch Fremd­ein­fluss gekom­men ist, son­dern viel­mehr wie ein Werk­zeug bzw. eine Waffe zur Eta­blie­rung und Auf­recht­erhal­tung der Herr­schaft einer bestimm­ten Klasse und zur Unter­drü­ckung einer ande­ren. Damit schlie­ßen wir zu Althus­ser auf:

III — Ideo­lo­gie

Defi­ni­ti­on

Althus­ser defi­niert Ideo­lo­gie fun­da­men­tal als „das System von Ideen und Vor­stel­lun­gen, das den Geist eines Men­schen oder einer gesell­schaft­li­chen Gruppe beherrscht“, welche „in letz­ter Instanz auf der Geschich­te der Gesell­schafts­for­ma­tio­nen, also den in den Gesell­schafts­for­ma­tio­nen kom­bi­nier­ten Pro­duk­ti­ons­wei­sen und den sich darin ent­wi­ckeln­den Klas­sen­kämp­fen beruht.“ (S. 71f.) Die spe­zi­fi­schen Ideo­lo­gi­en haben jeweils ihre eige­nen Geschich­ten; als Bei­spiel kann der um die Jahr­hun­dert­wen­de ver­brei­te­te Sozi­al­dar­wi­nis­mus ganz ein­fach als Folge des bio­lo­gi­schen Dar­wi­nis­mus und dessen Nutz­bar­ma­chung zur Recht­fer­ti­gung der Herr­schaft eini­ger Weni­ger über die brei­ten Massen gedeu­tet werden.

Im Gegen­satz zu dieser Geschich­te ein­zel­ner Ideo­lo­gi­en hat die Ideo­lo­gie im All­ge­mei­nen jedoch für Althus­ser „keine Geschich­te“. Damit knüpft er an die psy­cho­ana­ly­ti­sche Theo­rie an, der­zu­fol­ge das Unbe­wuss­te keine Geschich­te habe, also an sich struk­tu­rell immer gleich bleibe und nur anders sym­bo­lisch aus­ge­füllt würde. So wie das Unbe­wuss­te – wie sich etwa in der Traum­deu­tung zeige – „all­ge­gen­wär­tig und trans­his­to­risch ist“ (S. 74), ist auch die Ideo­lo­gie an sich, unab­hän­gig von ihren jewei­li­gen Inhal­ten und deren Logik und Geschich­te (etwa dem oben ange­führ­ten Sozi­al­dar­wi­nis­mus), struk­tu­rell immer gleich. Diese behaup­te­te ewige (zumin­dest für die Geschich­te der Klas­sen­ge­sell­schaf­ten gel­ten­de) Struk­tur der Ideo­lo­gie fasst Althus­ser in drei Thesen zusam­men:

Struk­tur

1. „Die Ideo­lo­gie reprä­sen­tiert das ima­gi­nä­re Ver­hält­nis der Indi­vi­du­en zu ihren realen Exis­tenz­be­din­gun­gen“ (S. 75).

Mit dieser ersten These nimmt Althus­ser Bezug auf Marx‘ Ideo­lo­gi­e­n­leh­re. Marx ver­stand die Ideo­lo­gi­en (zu denen er, wie Althus­ser, auch die Reli­gio­nen rech­ne­te) als not­wen­dig fal­sches Bewusst­sein von den Ver­hält­nis­sen. Die feu­da­le Klas­sen­ge­sell­schaft und ihre Unter­drü­ckung der leib­ei­ge­nen Bauern durch Adel und Klerus stelle sich dem­nach für die Betei­lig­ten als gött­lich gefüg­te Ord­nung mit Adel und Klerus an ihrer Spitze dar. Althus­ser wider­spricht Marx in einem ent­schei­den­den Punkt, nennt dessen Ideo­lo­gi­e­n­leh­re gar „unmar­xis­tisch“: Nicht die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se stel­len sich laut ihm in der Ideo­lo­gie für das Sub­jekt falsch dar, son­dern dessen eige­nes Ver­hält­nis zu den gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen. Anders for­mu­liert könnte man auch fragen, wie der ein­zel­ne leib­ei­ge­ne Bauer bitte eine all­ge­mei­ne Erfah­rung der gesam­ten gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se hätte machen können, welche sich ihm dann falsch dar­stell­ten. Selbst­ver­ständ­lich erlebt er als indi­vi­du­el­les Sub­jekt nicht die Feu­dal­ge­sell­schaft, son­dern vor allem seine Posi­ti­on in der Feu­dal­ge­sell­schaft; er nimmt also nicht seine realen Exis­tenz­be­din­gun­gen wahr, son­dern sein Ver­hält­nis zu seinen realen Exis­tenz­be­din­gun­gen. Dieses sein Ver­hält­nis – sprich: seine eigene Posi­ti­on als Leib­ei­ge­ner – stellt sich ihm nun ver­kehrt, da ideo­lo­gisch, dar: Er ist von Gott zum Dienen und Harren geschaf­fen worden. Hin­ge­gen stellt sich dem Feu­dal­her­ren dessen eige­nes Ver­hält­nis zur Feu­dal­ge­sell­schaft selbst­ver­ständ­lich als Her­ren­mo­ral dar: Er ist zum Herr­schen und Kämp­fen geschaf­fen. Die­sel­be Ideo­lo­gie ist in der Lage, zwei unter­schied­li­chen Indi­vi­du­en ihre gesell­schaft­li­che Stel­lung jeweils ima­gi­när zu reprä­sen­tie­ren.

2. „Die Ideo­lo­gie hat eine mate­ri­el­le Exis­tenz“ (S. 79).

Im Abschnitt zu den ISA hat Althus­ser bereits ange­schnit­ten, dass diese ihre jewei­li­ge Funk­ti­on, näm­lich die ideo­lo­gi­sche Unter­wer­fung der beherrsch­ten Klasse durch die herr­schen­de, durch eine Reihe von Ritua­len und Prak­ti­ken voll­zie­hen. „Wir grei­fen diese  These hier wieder auf: Eine Ideo­lo­gie exis­tiert immer in einem Appa­rat und in dessen Praxis oder dessen Prak­ti­ken. Diese Exis­tenz ist mate­ri­ell.“ (S. 80) Frei nach dem Motto ‚Knie nieder, bete, und du wirst glau­ben!‘ skiz­ziert Althus­ser: 

Wenn [ein Sub­jekt] an Gott glaubt, geht es in die Kirche, um der Messe bei­zu­woh­nen, es kniet nieder, es betet, es beich­tet, es tut Buße und selbst­ver­ständ­lich bereut es und macht dann weiter usw. Wenn es an die Pflicht glaubt, wird es ein ent­spre­chen­des Ver­hal­ten an den Tag legen, das in bestimm­te ritu­el­le Prak­ti­ken ein­ge­bet­tet ist, welche ‚mit den guten Sitten über­ein­stim­men‘. Wenn es an die Gerech­tig­keit glaubt, wird es sich den Regeln des Rechts ohne Wider­re­de unter­wer­fen und womög­lich sogar pro­tes­tie­ren, wenn diese ver­letzt werden, und Peti­tio­nen unter­schrei­ben, an einer Demons­tra­ti­on teil­neh­men usw. (S. 81)

Die Ideo­lo­gi­en gewin­nen ihre Exis­tenz also erst mit und durch gewis­se Taten, die von gewis­sen Insti­tu­tio­nen (Ideo­lo­gi­schen Staats­ap­pa­ra­ten) ritu­ell kodi­fi­ziert werden. Will man bei­spiels­wei­se einer Gene­ra­ti­on von Schü­lern gewis­ses Geschichts­bild ein­prä­gen, reicht es nicht, ihnen ein ein­zi­ges mal jenes Bild zu erklä­ren: Statt­des­sen muss man, um ein ein­zel­nes Thema zum sinn­stif­ten­den und zen­tra­len Ele­ment der Geschichts­ideo­lo­gie zu machen, dieses Thema ritu­ell immer wieder Bespre­chen, Videos dazu anschau­en, Texte dazu lesen, bestimm­te Orte des geschicht­li­chen Geden­kens auf­su­chen, usw. usw. Würde man dies einige Jahre lang mit ange­hen­den Abitu­ri­en­ten zum Thema „Bis­marcks Größe“ machen, würde man eine Gene­ra­ti­on erge­be­ner Kai­ser­reichs­an­hän­ger her­an­zie­hen; macht man dies einige Jahre lang mit einem ande­ren Thema, erzeugt man erge­be­ne Anhän­ger einer ande­ren Ideo­lo­gie. Ein ande­res Bei­spiel sind Anti­ras­sis­mus- oder Anti­se­xis­mus-Work­shops. Es reicht nicht aus, einer Beleg­schaft einmal zu erklä­ren, dass sie Ras­sis­ten und Sexis­ten sind und ihre Pri­vi­le­gi­en reflek­tie­ren sollen. Statt­des­sen muss man, um ihnen die Anti­ras­sis­mus- und Anti­se­xis­mus-Ideo­lo­gi­en ein­zu­prä­gen, regel­mä­ßi­ge Reflek­ti­ons­run­den, Rol­len­spie­le, etc. abhal­ten, an denen alle teil­neh­men müssen:

Wir werden also sagen, indem wir nur ein Sub­jekt (ein ganz belie­bi­ges Indi­vi­du­um) betrach­ten, dass die Exis­tenz der Ideen seines Glau­bens selbst mate­ri­ell ist, inso­fern seine Ideen seine mate­ri­el­len Taten sind, welche in mate­ri­el­le Prak­ti­ken ein­ge­bet­tet und durch mate­ri­el­le Ritua­le gere­gelt sind, die ihrer­seits wie­der­um durch den mate­ri­el­len ideo­lo­gi­schen Appa­rat defi­niert werden, zu dem die Ideen dieses Sub­jekts gehö­ren. […] Die Ideen sind als solche ver­schwun­den (inso­fern sie mit einer idea­len, geis­ti­gen Exis­tenz ver­se­hen sind), und zwar in genau dem Maße, wie es klar her­vor­ge­tre­ten ist, dass ihre Exis­tenz in die Taten der durch Ritua­le gere­gel­ten Prak­ti­ken ein­ge­bet­tet ist, wie sie in letz­ter Instanz durch einen ideo­lo­gi­schen Appa­rat defi­niert werden. (S. 83)

Diese Betrach­tung ist unge­heu­er zynisch, möchte man als Leser ein­wen­den, dem seine Reli­gi­on am Herzen liegt. Doch wie in Bezug auf Volk und Fami­lie können wir sagen: Althus­ser ver­kennt in seinem Uni­ver­sa­lis­mus zwar die reale, geschichts­wirk­sa­me, vor­ideo­lo­gi­sche Wahr­heit der anthro­po­lo­gi­schen Kon­stan­ten Volk, Fami­lie und Glaube. Für die moder­ne Gesell­schaft hin­ge­gen trifft das, was er als „all­ge­gen­wär­tig und trans­his­to­risch“ begreift, jedoch abso­lut zu: So wie die Fami­lie zur post­he­te­ro­se­xu­el­len Repro­duk­ti­ons­stät­te für Steu­er­zah­ler und Kon­su­men­ten umde­fi­niert wird und das Volk allen­falls noch als Sam­mel­be­zeich­nung für die Gesamt­heit der Staats­bür­ger dient, mit der man sich höchs­tens zur Fußbal-WM iden­ti­fi­zie­ren und ihre Tri­kots kaufen soll, so können auch die Römisch-Katho­li­sche Kirche und die Evan­ge­li­schen Kir­chen in Deutsch­land ein­wand­frei zu den Pro­pa­gan­da­zen­tren der glo­ba­lis­ti­schen Ideo­lo­gie gerech­net werden. Der prak­ti­zier­te Glaube  – die Teil­ha­be an den Ritua­len und Bekennt­nis­sen dieser Insti­tu­tio­nen – dient de facto der Abseg­nung der eige­nen Erset­zung. 

3. „Die Ideo­lo­gie ruft die Indi­vi­du­en als Sub­jek­te an“ (S. 84).

Althus­ser wird eso­te­risch und kommt zugleich der Wahr­heit näher als je zuvor: Er spal­tet den Men­schen ideell in ein real exis­tie­ren­des Indi­vi­du­um und ein ideo­lo­gisch for­mier­tes Sub­jekt, das von diesem Indi­vi­du­um getra­gen wird. Die Ideo­lo­gie macht aus dem kon­kre­ten Indi­vi­du­um ein Sub­jekt, indem sie es durch direk­te Anru­fung (der Poli­zist ruft: „Sie da! Ste­hen­ge­blie­ben“ – Ich bleibe stehen und bestä­ti­ge meine Rolle als Befehls­emp­fän­ger) unter­wirft. Wir erin­nern uns an das Sinn­bild aus dem ersten Arti­kel dieser Reihe, von den semi­au­to­no­men „Unter­ein­hei­ten“ der auto­ma­ti­sier­ten Pro­duk­ti­ons­stra­ße, auf denen „Kon­sens­pro­gram­me“ laufen und finden in der Hard­ware-Soft­ware-Dia­lek­tik die tech­ni­sche Ana­lo­gie zu Althussers Indi­vi­du­um-Sub­jekt-Dia­lek­tik. Wei­ter­hin erken­nen wir – womit wir Althus­ser einen bedeu­ten­den Schritt voraus sind – dass die „Indi­vi­du­en“, die von der Ideo­lo­gie qua Anru­fung zu Sub­jek­ten (lat. die Dar­un­ter­ge­wor­fe­nen, d.h. die Unter­wor­fe­nen) werden, an sich die kon­kret exis­tie­ren­den Men­schen mit bestimm­ter vor­ideo­lo­gi­scher Iden­ti­tät sind. Wo diese vor­ideo­lo­gi­sche Iden­ti­tät des Indi­vi­du­ums auf­hört und die ideo­lo­gi­sche Sub­jek­ti­vie­rung anhört – letzt­lich, bis zu wel­chem Grade Volks­zu­ge­hö­rig­keit, Geschlecht, etc. essen­ti­ell sind – müssen wir nicht abschlie­ßend beant­wor­ten können, um fest­zu­stel­len, dass sie bis zu einem gewis­sen Grade essen­ti­ell sind. 

Für Althus­ser hin­ge­gen sind sie über­haupt nicht essen­ti­ell, sein Uni­ver­sa­lis­mus ent­tarnt sich: Die kon­kre­ten Indi­vi­du­en, die zu Sub­jek­ten for­miert werden, sind für ihn rein abs­trak­te Wesen – Mensch und sonst nichts – denen Geschlecht, Fami­li­en­zu­ge­hö­rig­keit, Name (!), Natio­na­li­tät, Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit etc. erst in Akten ideo­lo­gi­scher Sub­jek­ti­vie­rung – der Althusserschü­ler Fou­cault sagte später: durch den Dis­kurs – auf­ge­prägt werden. Es gibt kein natür­li­ches Sub­strat außer dem abs­trak­ten Mensch­sein, es gibt keine vor­po­li­ti­sche und vor­ideo­lo­gi­sche Kultur, als welche etwa die anthro­po­lo­gisch-kon­stan­te Tat­sa­che gelten könnte, dass Men­schen Namen tragen und in Fami­li­en­ver­hält­nis­sen leben. All dies ist für Althus­ser Pro­dukt des Klas­sen­kamp­fes und also Aus­druck von Herr­schaft. An dieser Stelle end­lich haben wir das Rätsel gelüf­tet, wie die post­mo­der­nen Iden­ti­täts­po­li­ti­ken sich direkt aus dem klas­si­schen Mar­xis­mus ablei­ten, was auch wir als Nutz­nie­ßer der mar­xis­ti­schen Theo­rie­bil­dung ein­ge­ste­hen müssen: Um den Mar­xis­mus vor seiner intel­lek­tu­el­len Nie­der­la­ge zu retten, muss Althus­ser am wei­tes­ten in dessen Aus­le­gung gehen und den Men­schen zum abso­lu­ten blank slate und vor­po­li­ti­schen Gat­tungs­we­sen zu erklä­ren, dessen jede kon­kre­te Lebens­äu­ße­rung ideo­lo­gisch for­miert und also Aus­druck des Klas­sen­kamp­fes ist.

Dabei geht er bis zum Ende: Als Grund­funk­tio­nen der Ideo­lo­gie beschreibt er „Wie­der­erken­nung und Aner­ken­nung“ auf der einen Seite und „Ver­ken­nung“ auf der ande­ren. Da alles Klas­sen­kampf ist, ist auch jeder mensch­li­che Bezug auf jeden ande­ren Men­schen – und auf sich selbst – stets ein ideo­lo­gi­scher Akt; unwei­ger­lich kommt Althus­ser zu ganz absur­den Schlüs­sen: „Um ein hoch­gra­dig ‚kon­kre­tes‘ Bei­spiel zu nehmen: Wir alle haben Freun­de, die, wenn sie bei uns anklop­fen und wir durch die geschlos­se­ne Tür fragen: ‚Wer ist da?‘, ant­wor­ten (denn ‚das ist evi­dent‘): ‚Ich bin es!‘ Und wir erken­nen in der Tat wieder, dass ‚sie es ist‘ oder dass ‚er es ist‘. Wir öffnen die Tür und ‚es ist wahr, sie ist es wirk­lich, die da steht.‘“ (S. 86) Diese bana­len all­täg­li­chen Szenen, wie auch der Akt des Hän­de­schüt­telns unter Bekann­ten, sind „in Frank­reich übli­che mate­ri­el­le ritu­el­le Praxis der ideo­lo­gi­schen Wie­der­erken­nung im Alltag; in ande­ren Län­dern gibt es andere Ritua­le“ (S. 87). Ohne uns von Althussers Wahn weiter über­rum­peln zu lassen, halten wir mental fest: Die Ideo­lo­gie funk­tio­niert durch Anru­fung, Aner­ken­nung, Wie­der­erken­nung und Ver­ken­nung.

Sein ideo­lo­gie­kri­ti­scher Tota­li­ta­ris­mus stellt Althus­ser wäh­rend­des­sen vor das Pro­blem, dass auch die Nie­der­schrift seines Buches und unser Akt des Lesens ideo­lo­gi­sche Akte sein müssen: Als Ausweg aus diesem Dilem­ma emp­fiehlt er den Ver­such, einen ideo­lo­gie­frei­en wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs zu kon­stru­ie­ren. Da die zen­tra­le Kon­sti­tu­ti­ve der Ideo­lo­gie das Sub­jekt ist, muss dieser Dis­kurs also sub­jekt­frei sein. Wir sehen, wohin Althussers (und alle mar­xis­ti­sche) Ideo­lo­gie­kri­tik uns führt: Anstatt zu unter­schei­den zwi­schen wahr und falsch, zwi­schen ideo­lo­gisch for­mier­ter und authen­ti­scher Iden­ti­tät, sollen wir alle Kate­go­ri­en unse­rer Iden­ti­tät als ideo­lo­gisch ver­nei­nen und uns auf den Stand­punkt des Indi­vi­du­ums dar­stel­len, das aber für Althus­ser gar kein kon­kre­ter Mensch ist, son­dern der abs­trak­te Mensch. Sein vor­po­li­ti­scher bias schlägt also genau in dem höchs­ten Punkt seiner Erkennt­nis durch: Wenn die inners­te Funk­ti­ons­wei­se der Ideo­lo­gie offen vor uns liegt, sollen wir diese nicht vom dies­sei­ti­gen Stand­punkt des echten Men­schen und seiner gewach­se­nen Iden­ti­tät abstrei­fen, son­dern vom jen­sei­ti­gen (nihi­lis­ti­schen) Stand­punkt des all­ge­mei­nen Men­schen auf­he­ben. 

Das SUBJEKT

Aller­dings hat Althus­ser uns selbst schon die Schlüs­sel für die Tür zur Hand gege­ben, durch die er nun nicht treten und sich statt­des­sen selbst ver­nei­nen will: Wir wissen nun, dass dieses all­ge­mei­ne mensch­li­che Indi­vi­du­um – dieser abs­trak­te Mensch ohne Her­kunft und Geschlecht – das eigent­li­che Sub­jekt der Ideo­lo­gie und somit das Sub­jekt der kapi­ta­lis­ti­schen Moder­ne und aller ihrer his­to­ri­schen Erschei­nungs­for­men seit 1789 ist, wel­ches his­to­risch zuerst im „ältes­ten über­le­ben­den Patri­ar­chat“ (Adorno) erschien, sich durch ein unge­heu­res Opfer ver­all­ge­mei­ner­te und heute die herr­schen­de Klasse der gesam­ten Welt außer den soge­nann­ten rogue states kon­sti­tu­iert.

Althus­ser selbst kann dies frei­lich nicht sehen: Geblen­det von seinem Glau­ben an das Sub­jekt der Men­schen­rech­te theo­re­ti­siert er weiter: Nun will er das Chris­ten­tum als Urbild aller moder­nen Ideo­lo­gi­en ana­ly­sie­ren. Es fängt an mit der Anru­fung: „Siehe, wer du bist, Du bist Pierre! Siehe, woher Du kommst: Du bist von Gott seit aller Ewig­keit geschaf­fen, auch wenn Du erst 1920 nach Chris­tus gebo­ren bist! Siehe, wel­ches Dein Platz in der Welt ist! Siehe, was Du zu tun hast! Auf diesem Wege wirst Du, wenn Du das Gebot der ‚Nächs­ten­lie­be‘ befolgst, erlöst werden! Du, Pierre, wirst dann zum Glor­rei­chen Leib Chris­ti gehö­ren!“ (S. 93) Auf die Anru­fung folgt die Aner­ken­nung der Ideo­lo­gie durch das Sub­jekt: „Ja, ich bin es!“ 

Hier­bei han­delt es sich offen­kun­dig um eine rezi­pro­ke Bezie­hung: Das ange­ru­fe­ne Sub­jekt hat sei­ner­seits den Anru­fer aner­kannt, sich ihm unter­wor­fen. Diesen Anru­fer bezeich­net Althus­ser als das SUBJEKT; in der christ­li­chen Reli­gi­on ist es Gott. Das SUBJEKT ist zwar einer­seits selbst­be­züg­lich („Ich bin, der Ich bin“), aber ande­rer­seits und zugleich voll­kom­men auf seine Aner­ken­nung durch die ange­ru­fe­nen Sub­jek­te (auf ihren Glau­ben) ange­wie­sen. Die Sub­jek­te, die es anruft, sind jedoch in seinem Eben­bild geschaf­fen und bedür­fen daher ebenso des SUBJEKTS, wie dieses ihrer:

Diese spie­gel­haf­te Ver­dopp­lung ist für die Ideo­lo­gie kon­sti­tu­tiv und sie gewähr­leis­tet zugleich ihr Funk­tio­nie­ren. Das bedeu­tet, dass jede Ideo­lo­gie zen­trierst ist, dass das Abso­lu­te Sub­jekt den ein­zi­gen Platz im Zen­trum ein­nimmt und rund um sich herum die Indi­vi­du­en in ihrer unend­li­chen Zahl als Sub­jek­te anruft. […] Die rie­si­ge Mehr­zahl der Sub­jek­te funk­tio­niert tat­säch­lich ‚ganz von selber‘ [denn] sie fügen sich ein in die Prak­ti­ken, die von den Ritua­len der ISAs beherrscht werden. […] Ihr kon­kre­tes mate­ri­el­les Ver­hal­ten ist nichts ande­res als die leben­di­ge Ver­kör­pe­rung des bewun­derns­wür­di­gen Wortes ihres Gebe­tes [Amen!]: „So sei es!“. (S. 98)

Althus­ser beschreibt also eine Art NPC-Meme. Das Meme zeigt Men­schen, die alle das­sel­be Gesicht tragen, näm­lich das Gesicht des NPC-SUBJEKTES, wel­ches sie jeweils zu NPC-Sub­jek­ten macht. Jedes NPC-Sub­jekt hält sich für eine höchst indi­vi­du­el­le Inkar­na­ti­on des all­ge­mei­nen und wahr­heits­stif­ten­den SUBJEKTS, und gerade darum denken und sagen sie alle das­sel­be. Was das NPC-Meme jedoch nicht sicht­bar macht, ist das SUBJEKT selbst, wel­ches quasi als all­ge­mei­ner NPC über diesen schwe­ben müsste. Das Meme ist folg­lich nicht in der Lage zu begrei­fen, was die eigent­li­che Erkennt­nis Althussers ist, deren er sich jedoch selbst nicht bewusst wird: Nach­dem er die Kirche aus­führ­lich als den Proto-ISA beschrie­ben hatte, wählt er nun aus­ge­rech­net das Chris­ten­tum als all­ge­mein­gül­ti­ges Modell für seine Ideo­lo­gi­e­n­leh­re. Den­noch sieht er nicht und will nicht sehen, welche Wahr­heit er aus­spricht: All moder­ne Ideo­lo­gie – die Ideo­lo­gie der Men­schen­rech­te an sich – ist säku­la­ri­sier­tes Chris­ten­tum.

Die Ideo­lo­gi­en und die Men­schen­rech­te

In diesem säku­la­ri­sier­ten Chris­ten­tum ist der Mensch an die Stelle Gottes (SUBJEKT) getre­ten, die ent­wur­zel­ten Indi­vi­du­en an die Stelle der got­tes­eben­bild­li­chen his­to­ri­schen Men­schen (Sub­jek­te), unter denen Gott als Chris­tus leib­haf­tig erschien („spie­gel­haf­te Ver­dop­pe­lung“ von SUBJEKT und Sub­jek­ten); die omi­nö­sen Rechte des Men­schen haben gleich­sam anstel­le des Hei­li­gen Geis­tes das Band zwi­schen SUBJEKT und Sub­jek­ten über­nom­men:

Als aktu­ells­te Aus­prä­gung dieses Sche­mas kann der ame­ri­ka­ni­sche Anti­ras­sis­mus gelten: Der freie und glei­che Mensch ist das höchs­te Wesen, die kon­kre­ten Men­schen jedoch leiden unter ihrer reel­len Unfrei­heit und Ungleich­heit, ver­ur­sacht durch die Erb­sün­de der Dis­kri­mi­nie­rung. Einer unter ihnen erlei­det den Opfer­tod (George Floyd) für besag­te Erb­sün­de und sym­bo­li­siert fortan die Erschei­nung des Men­schen (SUBJEKT) und den kon­kre­ten Men­schen (Sub­jek­ten). Die ande­ren Sub­jek­te fangen an, seinen Tod ritu­ell nach­zu­ah­men; anstatt sich zu bekreu­zi­gen, legen sie sich auf den Boden oder knien sym­bo­lisch auf seinem Nacken. Sie sind Mörder und Ermor­de­te zugleich, haben ihren Anti­chris­tus getö­tet und sind gleich­sam mit ihm den Erlö­sungs­tod gestor­ben.

Neue Ideo­lo­gi­en befin­den sich anfangs immer in einer quasi-reli­giö­sen Phase, in wel­cher sie das Chris­ten­tum so offen­sicht­lich nach­ah­men. Jedoch kann eine ein­gäng­li­che Unter­su­chung auch in eta­blier­ten oder bereits aus­ge­stor­be­nen Ideo­lo­gi­en die­sel­be Struk­tur nach­wei­sen: Die klas­si­sche kom­mu­nis­ti­sche Pro­pa­gan­da sprach die Pro­le­ta­ri­er (Sub­jek­te) an, indem sie ihnen das PROLETARIAT ent­ge­gen­stell­te, diesen all­ge­mei­nen Men­schen­ty­pus, der allein das schöp­fe­ri­sche (d.h. das gött­li­che) Prin­zip ver­kör­per­te. Über­all dort, wo der Kom­mu­nis­mus die Herr­schaft errang, erschien dann auch wie von selbst ein pro­le­ta­ri­scher Pries­ter­kö­nig, der die Sub­jek­te der kom­mu­nis­ti­schen Natio­nen vor dem welt­his­to­ri­schen PROLETARIAT ver­trat, wie Chris­tus als gleich­zei­ti­ger Gott und Mensch (SUB­JEKT-Sub­jekt) die Men­schen vor Gott. Inso­fern der Kom­mu­nis­mus jedoch seinem Welt­herr­schafts­an­spruch nie gerecht werden, das PROLETARIAT nie­mals zum allei­ni­gen Gott der Mensch­heit erhe­ben konnte, blieb ein wesent­li­cher Aspekt dieser Ideo­lo­gie stets in der manichäi­schen, vor-christ­li­chen Phase befan­gen: Dem PROLETARIAT stand von Anfang an das KAPITAL als sata­ni­scher „Gott dieser Welt“ ent­ge­gen, wel­ches den Got­tes­staat, das Vater­land der Werk­tä­ti­gen, dann auch 1989ff. nie­der­rin­gen sollte.

Der Natio­nal­so­zia­lis­mus ging reli­gi­ons­ge­schicht­lich sogar noch einen Schritt weiter zurück und bean­spruch­te für seine Sub­jek­te (die Deut­schen bzw. „Arier“) den Anspruch eines aus­er­wähl­ten Volkes im alt­tes­ta­men­ta­ri­schen Sinne. Als gött­li­ches SUBJEKT diente in diesem säku­la­ri­sier­ten Chris­ten­tum „die Vor­se­hung“, als Mann Moses der soge­nann­te Führer. Wäh­rend sich der NS somit in Bezug auf die eige­nen Sub­jek­te (die dt. Volks­ge­nos­sen) als Chris­ten­tum dar­stell­te und gegen seine ideo­lo­gi­schen Gegner (Kom­mu­nis­mus und Libe­ra­lis­mus) in einen manichäi­schen Krieg der Welt­an­schau­un­gen trat, wollte er den Juden den Status des his­to­ri­schen Aus­er­wähltseins ent­rei­ßen und die ost­eu­ro­päi­schen Völker im Sinne einer kana­a­näi­schen Land­nah­me ver­trei­ben. Ähn­lich wie die kom­mu­nis­ti­sche Ideo­lo­gie griff dieses säku­la­ri­sier­te Chris­ten­tum also bestimm­te reelle Erschei­nun­gen der moder­nen Gesell­schaft heraus (Pro­le­ta­ri­at und Klas­sen­kampf bzw. Volk und Raum­ord­nung) und ver­ab­so­lu­tier­te sie reli­gi­ös. Gegen­über dem Kom­mu­nis­mus ist dem NS eigen, dass er in einem gewis­sen Sinne eine per­ver­tier­te Kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on dar­stell­te, inso­fern seine ideo­lo­gisch ver­ab­so­lu­tier­ten Ele­men­te (zum Teil) keine genuin moder­nen Phä­no­me­ne waren, son­dern im Ver­fall befind­li­che vor­mo­der­ne Relik­te; aus dieser Per­spek­ti­ve kann er als ideo­lo­gi­sches Bas­tard­kind von moder­nem Uni­ver­sa­lis­mus und vor­mo­der­nem Eth­no­par­ti­ku­la­ris­mus gelten, der Kom­mu­nis­mus hin­ge­gen als genuin modern-uni­ver­sa­lis­ti­sche Miss­ge­burt.

Wenn wir sagen, dass alle diese Ideo­lo­gi­en säku­la­ri­sier­tes Chris­ten­tum dar­stel­len, meinen wir, dass sie alle die Struk­tur aus abs­trakt-all­ge­mei­nem und selbst­be­züg­li­chem SUBJEKT und von diesem ange­ru­fe­nen, sich in ihm wie­der­erken­nen­den Sub­jek­ten inne­ha­ben. Ihre jewei­li­gen Geschich­ten finden die gemein­sa­me his­to­ri­sche Geburts­stun­de in der Dekla­ra­ti­on der Men­schen­rech­te, d.h., in der Behaup­tung, dass statt Gott ein all­ge­mei­ner, abs­trak­ter Mensch es sei, von dem alle gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se sich ablei­ten sollen. Dieser Mensch, der mate­ri­ell nicht exis­tiert und zu den kon­kre­ten Men­schen in etwa die­sel­be Bezie­hung hat wie das Geld zu den ver­schie­de­nen kon­kre­ten Waren, ist der säku­la­re Gott, den die Men­schen sich in ihrem eige­nen Ant­litz geschaf­fen haben und fort­lau­fend schaf­fen; um ihn jedoch zu schaf­fen, müssen sie jeder für sich ihre par­ti­ku­la­ren und his­to­risch gewach­se­nen Unter­schie­de ver­nei­nen und Geschlecht, Her­kunft, Rasse, Reli­gi­on, Fami­li­en­stand, etc. able­gen. Dieser Götze ist es eben­falls, dessen „Würde“ laut GG 1 unver­letz­lich ist, womit empi­risch weder seine kör­per­li­che Unver­sehrt­heit noch sein Eigen­tum gemeint sein können, son­dern aus­schließ­lich seine zen­tra­le Rolle als SUBJEKT der moder­nen Ideo­lo­gie. Im Glo­ba­lis­mus, der die moder­nen Natio­nal­staa­ten selbst dann noch negiert, wenn sie den Men­schen schon auf dem Thron in Tempel plat­ziert haben wie die Ame­ri­ka­ner ihren Men­schen­be­frei­er Abra­ham Lin­coln, findet der Men­schen­rechts­uni­ver­sa­lis­mus seinen kon­se­quen­ten, nihi­lis­ti­schen Flucht­punkt: Die Herr­schaft des Men­schen kann nur erfol­gen, indem alle Unter­schie­de zwi­schen den Men­schen pla­niert werden. Retro­spek­tiv werden alle Ideo­lo­gi­en des 19. und 20. Jahr­hun­derts zu Erfül­lungs­ge­hil­fen der Durch­set­zung dieses tota­li­tä­ren Pro­gramms.

Ideo­lo­gie als Klas­sen­kampf­platz

Althus­ser selbst könnte diese letz­ten Betrach­tun­gen nicht mehr teilen, denn auch er selbst glaubt an die Ideo­lo­gie des Men­schen und hofft, dieser im welt­wei­ten Kom­mu­nis­mus zur Gel­tung zu ver­hel­fen. Doch erwei­sen sich seine eige­nen Schluss­fol­ge­run­gen, wenn auch unfrei­wil­lig, den­noch für uns als hilf­reich: Mit seiner ver­meint­li­chen Ent­lar­vung aller (!) mensch­li­chen Lebens­äu­ße­run­gen als Ideo­lo­gie zur fort­lau­fen­den Unter­wer­fung der Arbei­ter­klas­se zielt er zwar wieder weit über das Ziel hinaus, trifft aber den­noch mitten ins Schwar­ze:

So sei es! …“ […] Dieses Wort beweist, dass es so sein muss, damit die Dinge so sind, wie sie zu sein haben, d.h. – spre­chen wir es doch end­lich aus – damit die Repro­duk­ti­on der Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se bis in den Pro­duk­ti­ons- und Zir­ku­la­ti­ons­pro­zess hinein Tag für Tag im „Bewusst­sein“, d.h. im Ver­hal­ten der Indi­vi­du­en-Sub­jek­te gewähr­leis­tet wird […].  Denn worum geht es eigent­lich wirk­lich bei diesem Mecha­nis­mus der spie­gel­haf­ten Wie­der­erken­nung […]? Die Wirk­lich­keit, um die es in diesem Mecha­nis­mus geht und die in den Formen dieser Wie­der­erken­nung not­wen­dig ver­kannt wird (Ideo­lo­gie = Wie­der­erken­nung/Ver­ken­nung), ist in der Tat in letz­ter Instanz die Repro­duk­ti­on der Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se und der Ver­hält­nis­se, welche sich aus ihnen ablei­ten. (S. 98f.)

Unab­hän­gig davon, ob wir wie Althus­ser an den ewigen Klas­sen­kampf zwi­schen Bour­geoi­sie und Pro­le­ta­ri­at glau­ben, können wir – wie bereits mehr­fach vor­ge­bracht – den gegen­wär­ti­gen Ver­such, die euro­päi­schen eth­no­kul­tu­rel­len Iden­ti­tä­ten unwie­der­bring­lich aus­zu­lö­schen, öko­no­misch als Klas­sen­kampf der Glo­ba­lis­ten (inter­na­tio­na­les Kapi­tal, polit-media­le Eliten und mobile Mit­tel­schich­ten) gegen die Völker bzw. das Volk (natio­na­les Kapi­tal, lokale Mit­tel­schicht, (auto­chtho­ne) Arbei­ter & Ange­stell­te) deuten. Wie vor diesem Hin­ter­grund ersicht­lich gewor­den ist, warum Linke, Libe­ra­le, Kon­ser­va­ti­ve und alle ande­ren ideo­lo­gi­schen Frak­tio­nen das­sel­be Ziel – die Abschaf­fung der auto­chtho­nen Völker Euro­pas – teilen, wird ebenso ersicht­lich, warum alle gesell­schaft­li­chen Insti­tu­tio­nen auf das­sel­be Ziel hin­ar­bei­ten: Die Ver­wand­lung der his­to­risch gewach­se­nen euro­päi­schen Völker in aus­tausch­ba­re Massen an Kon­su­men­ten und Steu­er­zah­lern ent­spricht den Inter­es­sen aller inter­na­tio­nal agie­ren­den Kon­zer­ne und wird ebenso lange vor­an­schrei­ten, wie diese bzw. ihre Reprä­sen­tan­ten die herr­schen­de Klasse bilden.

Selbst­ver­ständ­lich müssen wir in unse­rer abschlie­ßen­den Betrach­tung noch einmal daran erin­nern, dass seit der Nie­der­schrift durch Althus­ser 50 Jahre ver­gan­gen sind und nicht nur die Bedeu­tung und Kräf­te­ver­hält­nis­se in den bestehen­den ISA sich ver­än­dert haben, son­dern auch gänz­lich neue ent­stan­den sind. Der ganze Bereich der Anti­dis­kri­mi­nie­rungs- und Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten und -insti­tu­tio­nen, sowie aka­de­mi­sche Felder wie die Gender und Post­co­lo­ni­al Stu­dies sind neu­ge­grün­de­te ISA der glo­ba­lis­ti­schen Klasse, und daher findet in ihnen im Gegen­satz zu den alten ISA kein ideo­lo­gi­scher Kampf zwi­schen Glo­ba­lis­ten und kon­ser­va­ti­ven Über­res­ten statt, wie es bei­spiels­wei­se in den Kir­chen oder (mini­mal) im Bil­dungs­sys­tem der Fall ist. Wie­der­um wollen wir gar nicht ver­nei­nen, dass es auch in diesen neue­ren ISA ihrer­seits Kämpfe zwi­schen ver­schie­de­nen Frak­tio­nen gibt: Unter Femi­nis­tin­nen (und, daraus abge­lei­tet, in den Gleich­stel­lungs­bü­ros) herrscht aktu­ell ein ideo­lo­gi­scher Kampf zwi­schen soge­nann­ten Dif­fe­renz­fe­mi­nis­tin­nen, Queer­fe­mi­nis­tin­nen und (mar­gi­nal) mate­ria­lis­ti­schen Femi­nis­tin­nen. Diese Drei­tei­lung spie­gelt in etwa eine Tei­lung in klas­si­schen Libe­ra­lis­mus, pro­gres­si­ven Libe­ra­lis­mus und mar­xis­ti­schen Links­ex­tre­mis­mus wieder und bildet daher die inter­ne Aus­dif­fe­ren­zie­rung der glo­ba­lis­ti­schen Klasse in Wirt­schafts­li­be­ra­le, post­mo­der­ne Kul­tur­re­vo­lu­tio­nä­re und – als pseu­do­op­po­si­tio­nel­len Links­an­hang – pro-glo­ba­lis­ti­sche Sozia­lis­ten ohne läs­ti­gen reak­tio­nä­ren Bal­last ab.

Aus­blick

Althus­ser schreibt noch vieles wei­te­re, was uns aber nicht mehr beson­ders inter­es­sie­ren muss; teils, weil seine Ana­ly­se eben von 1970 stammt, größ­ten­teils aber, weil er seinen eige­nen Blin­den Fleck nicht über­win­det – die Tat­sa­che näm­lich, dass er das abs­trak­te und ahis­to­ri­sche Indi­vi­du­um den ideo­lo­gi­sier­ten Sub­jek­ten ent­ge­gen­stel­len, also gerade mit dem SUBJEKT der Men­schen­rech­te gegen dessen eigene Sub­jek­te in den nihi­list­schen Krieg bis zum Kom­mu­nis­mus ziehen will. Auf Grund­la­ge dieses Blin­den Flecks ver­dreht sich aber alles Wei­te­re, was er zur Ideo­lo­gie sagen will, in sein Gegen­teil. So behaup­tet Althus­ser zum Schluss ein­fach, dass die Kom­mu­nis­ti­sche Partei als ein­zi­ge Partei kein ISA sei, weil sie eben die Klas­sen­herr­schaft an und für sich bekämp­fe; dass die KP Frank­reichs sich ab den 1970ern von einer Arbei­ter­par­tei in eine glo­ba­lis­ti­sche Migra­ti­ons­par­tei ver­wan­del­te, ver­moch­te er hin­ge­gen nicht vor­aus­zu­se­hen.

Was Althus­ser hin­ge­gen am Ende seinen Lesern mehr­mals ein­häm­mert – und ihm sogar noch einen ganzen Anhang widmet – ist die Tat­sa­che, dass die ISA nicht ein­fach als neu­tra­le „Funk­tio­nen“ der Gesell­schaft zu deuten sind, die eben Kon­sens unter ihren Mit­glie­dern her­stel­len muss, son­dern als Orte und Werk­zeu­ge des Klas­sen­kampfs, und zwar immer des Klas­sen­kampfs von oben. Dies müssen wir uns zum Ende auch noch einmal klar machen: Alle Ideo­lo­gie, jede Bot­schaft von jeder Insti­tu­ti­on (sei diese nun staat­lich, ein Pri­vat­un­ter­neh­men, oder etwa eine Kirche) ist, vor allem ande­ren, ein Ideo­lo­gem im tota­li­tä­ren Klas­sen­kampf der herr­schen­den glo­ba­lis­ti­schen Klasse gegen die Völker der Erde, gegen unsere Iden­ti­tät im Beson­de­ren. Zwar gibt es durch­aus auch „neu­tra­le“ Bot­schaf­ten, also solche, die tat­säch­lich ein­fach als „Funk­tio­nen“ einer Gesell­schaft gedeu­tet werden könne, wie etwa das STOP-Schild oder das „DRÜCKEN“ bzw. „ZIEHEN“ an einer Tür. Doch auch solche schein­bar neu­tra­len Felder wie Stadt-/Ver­kehrs­pla­nung und Gebäu­de­ma­nage­ment können sich nicht dem ideo­lo­gi­schen Ein­fluss ent­zie­hen, und so kann, wer sich die Mühe machen und aktu­el­le Ent­wick­lun­gen in diesen Berei­chen ver­fol­gen will, jetzt schon einen deut­li­chen Ent­wick­lungs­druck hin zu einer „femi­nis­ti­schen Stadt­pla­nung“ etc. beob­ach­ten. Die glo­ba­lis­ti­sche Ideo­lo­gie der abso­lu­ten und tota­len Ver­glei­chung aller Men­schen zum abs­trak­ten, all­ge­mei­nen SUBJEKT, dem Men­schen ohne Eigen­schaf­ten, wird von den ISA solan­ge aus­ge­übt werden, wie die glo­ba­lis­ti­sche Klasse an der Macht ist.