Dieser Gast­bei­trag von Dimi­trij erschien auch auf seinem Blog und wurde mit Geneh­mi­gung hier ver­öf­fent­licht. Auch die wei­te­ren Teile der groß­ar­ti­gen Serie werden hier erschei­nen.

Die erste Arti­kel­rei­he der hier­mit ein­ge­lei­te­ten Serie Linke Theo­rie für Iden­ti­tä­re behan­delt das Werk Ideo­lo­gie und ideo­lo­gi­sche Staats­ap­pa­ra­te (1970) des fran­zö­si­schen Mar­xis­ten Louis Althus­ser (1918 – 1990). Nach­dem die Neue Rechte seit gerau­mer Zeit Anto­nio Gram­sci für sich ent­deckt hat, halte ich es für sinn­voll, eine Ein­füh­rung in das Denken des unter deut­schen Neu­rech­ten meines Wis­sens noch weit­ge­hend unbe­kann­ten Althus­ser zu schrei­ben. Grund­la­ge dieses und fol­gen­der Arti­kel ist die Aus­ga­be: Louis Althus­ser (2019). Ideo­lo­gie und ideo­lo­gi­sche Staats­ap­pa­ra­te. Ham­burg: VSA.

Im vor­lie­gen­den ersten Teil behan­deln wir die Abschnit­te Über die Repro­duk­ti­on der Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen und Basis und Über­bau. Diese umfas­sen nur die ersten zehn Seiten des Textes, in der vor­lie­gen­den Aus­ga­be die Seiten 37–47. Nach­fol­gen­de Arti­kel werden län­ge­re Text­pas­sa­gen in kom­pri­mier­te­rer Form behan­deln. Da die Reihe jedoch expli­zit nicht als Zusam­men­fas­sung, son­dern als Theo­rie­ver­mitt­lung für Leser kon­zi­piert ist, die noch wenige oder gar keine Kennt­nis­se von mar­xis­ti­scher Theo­rie­bil­dung haben, sind diesem ersten Arti­kel umfang­rei­che­re Erläu­te­run­gen zu ein­zel­nen Begrif­fen bei­ge­stellt.

Ich halte die mar­xis­ti­sche Theo­rie­tra­di­ti­on für eine der stärks­ten und gleich­zei­tig fatals­ten Schöp­fun­gen des euro­päi­schen Geis­tes. Für sich genom­men erlaubt sie eine bestechen­de Theo­rie und Kritik der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft. Ihr unver­gäng­li­cher Geburts­feh­ler jedoch und der Grund, warum kein Iden­ti­tä­rer oder Patri­ot sich in der Gegen­wart als Mar­xist begrei­fen kann, liegt an dem in ihrem Kern bern­stein­ar­tig ein­ge­schlos­se­nen Uni­ver­sa­lis­mus. Die Theo­rie großer mar­xis­ti­scher Denker bezieht sich stets auf die Gesell­schaft und den in ihr wal­ten­den abs­trak­ten Men­schen, nie auf den kon­kre­ten Deut­schen, Eng­län­der, Fran­zo­sen, Russen, etc. Pfeil­gift­ar­tig lähmt diese im Mar­xis­mus zwangs­läu­fig ent­hal­te­ne Abs­trak­ti­on der Eth­no­par­ti­ku­la­ri­tät jede wirk­sa­me linke Kritik am Glo­ba­lis­mus. Zwar gibt es und gab es stets links­na­tio­na­lis­ti­sche Strö­mun­gen, und auch die „natio­na­len Befrei­ungs­ar­me­en“ ver­knüpf­ten immer den Mar­xis­mus mit der For­de­rung nach natio­na­ler Selbst­be­stim­mung. Doch lässt sich die eth­no­kul­tu­rel­le Iden­ti­tät trotz alle­dem nicht recht in das mar­xis­ti­sche Theo­rie­ge­bäu­de ein­bau­en. Sie bleibt somit popu­lis­ti­scher Teil der Praxis, wird nie Teil der eigent­li­chen Theo­rie; am Ende des Tages betrach­tet der mar­xis­ti­sche Theo­re­ti­ker die Welt nicht als Neben­ein­an­der von Völ­kern und Kul­tu­ren, son­dern als uni­ver­sel­len Klas­sen­kampf­platz. Und doch lie­fert die Theo­rie, gewis­ser­ma­ßen als List der Ver­nunft, selbst die Kritik an jenem eige­nen Geburts­feh­ler. Ziel dieser Reihe ist daher zwei­er­lei: Ers­tens, Iden­ti­tä­ren und Patrio­ten die mäch­ti­ge Waffe der mar­xis­ti­schen Gesell­schafts­theo­rie an die Hand zu rei­chen; zwei­tens, die im Mar­xis­mus impli­zi­te Kritik an seinen eige­nen uni­ver­sa­lis­ti­schen Grund­an­nah­men her­aus­zu­keh­ren.

Welt­an­schau­ung und Kritik

Wich­tig für kon­ser­va­tiv und rechts poli­ti­sier­te Leser ist vor allem, eines vorweg zu begrei­fen: Die ver­brei­te­te Pole­mik, dass Marx (und Mar­xis­ten wie Althus­ser) den Men­schen als einen rein inter­es­sen­ge­lei­te­ten homo oeco­no­mi­c­us begrei­fen würden, trifft ihr Ziel in dem­sel­ben Maße wie sie es ver­fehlt. Wahr ist daran, was oben schon ange­schnit­ten wurde: Der Mensch erscheint für die Mar­xis­ten – wie in der ganzen west­lich-uni­ver­sa­lis­ti­schen Denk­tra­di­ti­on – als abs­trak­tes Gat­tungs­we­sen, nicht als his­to­risch und iden­ti­tär ver­wur­zel­ter Ange­hö­ri­ger eines Volkes; Par­ti­ku­la­ri­tät besitzt der Mensch erst als Ange­hö­ri­ger seiner Klasse. Trotz­dem zielen die meis­ten mar­xis­ti­schen Theo­ri­en nicht auf die Errich­tung eines Amei­sen­staa­tes ab – im Gegen­teil kri­ti­sie­ren sie den Kapi­ta­lis­mus meist gerade des­halb, weil er ein sich in Frei­heit und Men­schen­rech­te klei­den­der Amei­sen­staat sei – son­dern stets auf eine welt­wei­te har­mo­ni­sche Koexis­tenz sich frei ent­fal­ten­der Indi­vi­du­en. Dass diese uto­pisch-kom­mu­nis­ti­schen Men­schen sich im jet­zi­gen Zustand durch ihnen über­mäch­tig gegen­über­ste­hen­de öko­no­mi­sche Struk­turzwän­ge dazu genö­tigt sehen, als homi­nes oeco­no­mici zu agie­ren, ist also kei­nes­wegs Ziel der uto­pi­schen Mar­xis­ten, son­dern stets Objekt ihrer Kritik. Den­noch bestä­tigt sich der Vor­wurf, die mar­xis­ti­sche Theo­rie würde den Men­schen auf sein öko­no­mi­sche Han­deln redu­zie­ren, in der Rea­li­tät aller real­so­zia­lis­ti­scher Expe­ri­men­te: Anstatt den pro­pa­gier­ten Zustand der „wahren“ Frei­heit und Gleich­heit her­bei­zu­füh­ren, schaf­fen sie stets nur einen Amei­sen­staat ohne bür­ger­li­che Ver­klei­dung. In der Umset­zung der mar­xis­ti­schen Gesell­schafts­ex­pe­ri­men­te erweist sich der uni­ver­sa­lis­ti­sche und also nihi­lis­ti­sche Geburts­feh­ler des Mar­xis­mus.

Was wir von den Mar­xis­ten lernen können, ist ihre kri­ti­sche Hal­tung gegen­über allen Insti­tu­tio­nen der bür­ger­li­chen Gesell­schaft. Bei­spiels­wei­se gilt die Fami­lie den Mar­xis­ten ledig­lich als Repro­duk­ti­ons­stät­te der kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft, letzt­lich als Ort, wo jene ihre Arbei­ter her­an­züch­tet. Die Mar­xis­ten for­dern daher die Auf­lö­sung der Fami­lie und die „Ver­ge­sell­schaf­tung“ der Kin­der­er­zie­hung im Sozia­lis­mus. Wir können den ersten Schritt mit­ge­hen und fest­stel­len, dass der Fami­lie tat­säch­lich jede über das bloße Her­an­zie­hen neuer Arbeit­neh­mer für den glo­ba­li­sier­ten Arbeits­markt hin­aus­ge­hen­de Bedeu­tung geraubt wurde. Anstatt wie die Mar­xis­ten das Heil im Hirn­ge­spinst des welt­wei­ten uto­pi­schen Kom­mu­nis­mus zu suchen, können wir jedoch auf Basis der­sel­ben Kritik an der Fami­lie diese als ele­men­ta­re Insti­tu­ti­on zur Bewah­rung und Wei­ter­ga­be eth­no­kul­tu­rel­ler Iden­ti­tät refor­mu­lie­ren. Im Grunde kann die mar­xis­ti­sche Theo­rie als Selbst­kri­tik der bür­ger­li­chen Gesell­schaft ver­stan­den werden, welche ihren eige­nen Anspruch mit ihrer Rea­li­tät abgleicht. Anstatt wie die Kon­ser­va­ti­ven die Dis­kre­panz zwi­schen Anspruch und Rea­li­tät zu ent­schul­di­gen oder schlicht­weg zu ver­nei­nen, können wir die mar­xis­ti­sche Nega­ti­on in den meis­ten Fällen laut­stark und affir­ma­tiv teilen, ihre irr­sin­ni­gen Alter­na­tiv­vor­schlä­ge jedoch getrost ver­wer­fen und ihnen unser eige­nes Ide­al­bild ent­ge­gen­stel­len. Wo wir sie letzt­lich über­win­den müssen und ideell schon über­wun­den haben, ist ihr nihi­lis­ti­scher Glau­ben an die Mensch­heit und an das darin sich ver­klei­den­de Telos, die Ver­spre­chen der bür­ger­li­chen Gesell­schaft gegen ihre eigene Rea­li­tät in Anspruch zu brin­gen. Unsere Loya­li­tät gehört allei­ne unse­rer Iden­ti­tät, der Fort­exis­tenz unse­res Volkes. Ohne wei­te­re Umschwei­fe fangen wir an:

I — Mar­xis­ti­sche Grund­la­gen

Über die Repro­duk­ti­on der Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen

Als Mar­xist betrach­tet Althus­ser die Gesell­schaft stets als eine bestimm­te Gesell­schafts­for­ma­ti­on. Diese wird durch die herr­schen­de Pro­duk­ti­ons­wei­se und die daraus sich ablei­ten­den Klas­sen­ver­hält­nis­se orga­ni­siert. Als Ablö­sung der feu­da­len Gesell­schaft, welche auf unmit­tel­ba­rer Aus­beu­tung der Bauern durch Adel und Klerus beruh­te, ist die kapi­ta­lis­ti­sche gespal­ten in eine ver­hält­nis­mä­ßig kleine Anzahl Kapi­ta­lis­ten – Besit­zer von Kapi­tal – und eine ihr gegen­über­ste­hen­de große Anzahl Arbei­ter – Besit­zer ihrer Arbeits­kraft, die sie an die Kapi­ta­lis­ten ver­kau­fen müssen. Von ande­ren Fak­to­ren, etwa der eth­ni­schen Zusam­men­set­zung dieser Gesell­schaf­ten, wird fast gänz­lich abge­se­hen. Im Grunde spielt also das, was eigent­lich zur Gesell­schaft for­miert wird, keine Rolle.

Wenn die Pro­duk­ti­ons­wei­se für die Gesell­schafts­for­ma­ti­on aus­schlag­ge­bend ist, muss die Frage nach ihren Bedin­gun­gen gestellt werden, also etwa der bür­ger­li­chen Rechts­for­men oder dem Vor­han­den­sein einer genü­gen­den Anzahl Arbei­ter. Als letzte und wich­tigs­te dieser Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen betrach­tet Althus­ser unter Beru­fung auf Marx die Repro­duk­ti­on der Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen, da ohne sie keine Fort­exis­tenz der Gesell­schaft mög­lich ist.

In der mar­xis­ti­schen Theo­rie­tra­di­ti­on spie­len hier die Pro­duk­ti­ons­mit­tel eine zen­tra­le Rolle, also etwa Maschi­nen, Werk­zeug, Roh­ma­te­ri­al, Ener­gie, im mar­xis­ti­schen Jargon „kon­stan­tes Kapi­tal“. Die Repro­duk­ti­on dieser Mittel geschieht im Wesent­li­chen auf dem natio­na­len Markt bzw. dem Welt­markt. Damit ist ein Pro­zess der fort­schrei­ten­den Glo­ba­li­sie­rung schon ange­deu­tet, auch wenn auf diesen nicht weiter ein­ge­gan­gen wird. Althus­ser schreibt dazu:

Herr X als Kapi­ta­list, der in seiner Webe­rei Woll­stof­fe pro­du­ziert, muss seinen Roh­stoff, seine Maschi­nen usw. ‚repro­du­zie­ren‘. Er ist es aber nicht, der sie für seine Pro­duk­ti­on pro­du­ziert, son­dern das tun andere Kapi­ta­lis­ten: ein großer Schaf­züch­ter in Aus­tra­li­en, Herr Y, ein Groß­un­ter­neh­mer der Metall­in­dus­trie, der Werk­zeug­ma­schi­nen her­stellt, Herr Z. usw. usf. Diese Herren müssen ihrer­seits, um die Pro­duk­te zu pro­du­zie­ren, welche zur Repro­duk­ti­on der Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen von Herrn X gehö­ren, wie­der­um ihre eige­nen Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen repro­du­zie­ren usw. Dies setzt sich bis ins Unend­li­che fort […]“ (S. 39)

Neben den Pro­duk­ti­ons­mit­teln muss die mensch­li­che Arbeits­kraft, auch Pro­duk­tiv­kraft genannt, repro­du­ziert werden. Dies geschieht auf meh­re­ren Ebenen: Die mate­ri­el­le Repro­duk­ti­on der Arbeits­kraft läuft über den Arbeits­lohn – zum Erwerb der Lebens­mit­tel, etc. – und die bio­lo­gi­sche Fort­pflan­zung der Arbei­ter. Althus­ser schil­dert dabei, wie die eth­no­kul­tu­rel­le Iden­ti­tät der Arbei­ter zu einem Manage­ment­fak­tor unter ande­ren wird: „Marx hat darauf hin­ge­wie­sen, dass die eng­li­schen Arbei­ter Bier und die fran­zö­si­schen Wein brau­chen“ (S. 41). Sol­cher­lei his­to­risch gewach­se­ne Unter­schie­de, letzt­lich Fragen der Iden­ti­tät, werden von Althus­ser durch­aus aner­kannt und er selbst kri­ti­siert, dass sie aus der Sicht des Kapi­tals zum reinen Akzi­dens der Arbeits­kraft ver­kom­men. Außer ihrer mate­ri­el­len Basis muss die Qua­li­fi­ka­ti­on der Arbeits­kraft repro­du­ziert werden, dies geschieht wesent­lich im Bil­dungs- und Aus­bil­dungs­sys­tem. Hier beschreibt Althus­ser, wie his­to­ri­sche Kul­tur­gü­ter zu reinen Dis­tink­ti­ons­merk­ma­len unter­schied­li­cher Funk­ti­ons­trä­ger werden, zu „gewisse[n] Arten von Know-how (savoir-faire).“ (S.42) Der ein­fa­che Arbei­ter muss vor allem Gehor­chen lernen, der lei­ten­de Ange­stell­te erwirbt neben tech­ni­schen Fähig­kei­ten auch die kul­tu­rel­le Bil­dung, die seiner her­vor­ge­ho­be­nen Rolle ent­spricht. Was bei Althus­ser noch rela­tiv kon­stru­iert und wie eine Pole­mik wirkt – wozu, fragt man sich, sollte ein Mana­ger Goe­thes Faust kennen müssen – erweist sich dem Betrach­ter heu­ti­ger Lehr­plä­ne als evi­dent: Die dort ver­mit­tel­te kul­tu­rel­le Bil­dung scheint tat­säch­lich vor­ran­gig der inter­kul­tu­rel­len Kom­mu­ni­ka­ti­on auf dem trans­na­tio­na­len Arbeits­markt zu dienen. Hier wie an ande­rer Stelle ent­puppt sich der zyni­sche und letzt­lich nihi­lis­ti­sche Blick des Mate­ria­lis­ten als ziel­si­che­re Vor­aus­sa­ge gesell­schaft­li­cher Ent­wick­lun­gen.

Zuletzt muss neben Mate­ria­li­tät und Qua­li­fi­ka­ti­on der Arbeits­kraft das repro­du­ziert werden, was Althus­ser als ihre „Unter­wer­fung unter die Regeln der eta­blier­ten Ord­nung“ beschreibt (S. 43), also als Bereit­schaft der Arbei­ter, einen bestimm­ten Platz in der gesell­schaft­li­chen Arbeits­tei­lung für sich zu akzep­tie­ren. Für Althus­ser, der als Mar­xist von der grund­sätz­li­chen und sys­te­ma­ti­schen Unter­drü­ckung und Aus­beu­tung der Arbei­ter als welt­wei­ter Klasse aus­geht, kann jede Akzep­tanz der Arbei­ter gegen­über ihrer Rolle im Pro­duk­ti­ons­pro­zess, gar ihr Stolz auf die eigene Arbeit, nur als Inter­na­li­sie­rung der eige­nen Unter­drü­ckung und Aus­beu­tung gelten. Was diese Inter­na­li­sie­rung in den Köpfen der Arbei­ter ver­ur­sacht, ist für Althus­ser die herr­schen­de Ideo­lo­gie. Auf der ande­ren Seite müssen die Kapi­ta­lis­ten und ihre Agen­ten – Mana­ger, etc. – diese Ideo­lo­gie gekonnt „hand­ha­ben, um auch ‚durch das Wort‘ die Herr­schaft der herr­schen­den Klasse abzu­si­chern.“ (ebd.) Was genau unter Ideo­lo­gie und Ideo­lo­gi­schen Staats­ap­pa­ra­ten zu ver­ste­hen ist, wird in den kom­men­den Arti­keln dieser Reihe behan­delt.

Basis und Über­bau

Althus­ser ist der Auf­fas­sung, dass die Frage nach der Repro­duk­ti­on der herr­schen­den Ideo­lo­gie in der mar­xis­ti­schen Tra­di­ti­on sträf­lich ver­nach­läs­sigt wurde. Bevor er sich der Frage nach den Umstän­den dieser Repro­duk­ti­on widmet, beschwört er ein in der mar­xis­ti­schen Tra­di­ti­on ver­brei­te­tes Struk­tur­bild: Die Gesell­schaft als Gebäu­de mit einem Fun­da­ment (Basis) und dar­über lie­gen­den Stock­wer­ken (Über­bau). Die öko­no­mi­sche Basis bildet die Ein­heit der Pro­duk­tiv­kräf­te und der Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se ab, wäh­rend sich der den Über­bau in zwei teilt: Recht und Staat auf der einen Seite und Ideo­lo­gie auf der ande­ren. Das Ver­hält­nis zwi­schen Basis und Über­bau ist wie­der­um drei­fach: Ers­tens ist die Basis die letzte, deter­mi­nie­ren­de Distanz. Zwei­tens besteht eine rela­ti­ve Auto­no­mie des Über­baus. Drit­tens gibt es eine Rück­wir­kung des Über­baus auf die Basis. Das von Althus­ser gezeich­ne­te Bild eines Gebäu­des lässt sich für den heu­ti­gen Leser besser (und ergie­bi­ger) wie folgt nach­zeich­nen:

Meta­pher P. Dimi­trij: Die Gesell­schaft erscheint als kom­ple­xer Pro­duk­ti­ons­ro­bo­ter (man denke an eine auto­ma­ti­sier­te Fabrik) mit einer Hard­ware (Basis), auf wel­cher eine Soft­ware (Über­bau) mit meh­re­ren Instan­zen läuft: Betriebs­sys­tem (Recht), Steue­rungs­soft­ware (Staat) und Sicher­heits­pro­gram­me (Ideo­lo­gie). Die Hard­ware ist in letz­ter Instanz deter­mi­nie­rend, d.h. ihre Kon­fi­gu­ra­ti­on begrenzt die mög­li­chen phy­si­schen Akti­vi­tä­ten des Robo­ters – im Gegen­satz etwa zu einem PC, der nicht für phy­si­sche Akti­vi­tä­ten wie Schrau­ben und Schwei­ßen, son­dern für die Ope­ra­ti­on ver­schie­de­ner Soft­ware­an­wen­dun­gen kon­zi­piert ist. Das Betriebs­sys­tem liegt unmit­tel­bar auf der Hard­ware auf und über­setzt deren Akti­vi­tä­ten und Signa­le in für die Steue­rungs­soft­ware nutz­ba­re Daten. Damit der Robo­ter seiner durch seine Hard­ware­kon­fi­gu­ra­ti­on deter­mi­nier­ten Auf­ga­be rich­tig nach­geht (Die Gesells­schaft arbei­tet, d.h. akku­mu­liert Kapi­tal), über­prüft diese seine Steue­rungs­soft­ware bestän­dig die Para­me­ter seiner Arbeit, z.B. Tem­pe­ra­tur und Vis­ko­si­tät der vom Robo­ter her­zu­stel­len­den Che­mi­ka­lie im Falle einer che­mi­schen Fabrik. (Auf die Gesell­schaft abge­bil­det wäre dies etwa der regu­lie­ren­de Markt­ein­griff durch den Staat.)

Jedoch trägt unser Robo­ter den Makel, selbst aus vielen klei­nen Robo­tern zusam­men­ge­setzt zu sein, welche als Pro­duk­ti­ons­feh­ler mit eige­ner, auto­no­mer Soft­ware aus­ge­stat­tet wurden (die mensch­li­chen Arbei­ter, mit eige­nem Willen ver­se­hen) und ihre Exis­tenz nicht not­wen­di­ger­wei­se dem jewei­li­gen Funk­tio­nie­ren im Pro­duk­ti­ons­zu­sam­men­hang widmen wollen. Damit die auto­no­men Ope­ra­tio­nen dieser Unter­ein­hei­ten nicht den Gesamt­pro­zess behin­dern, oder sich die klei­nen Robo­ter gar ihres gemein­sa­men Inter­es­ses bewusst werden und das Gesamt­sys­tem zu ihrem nutzen umfunk­tio­nie­ren (Kom­mu­nis­mus), muss das Gesamt­sys­tem bestän­dig ihre Unter­wer­fung unter den Pro­duk­ti­ons­pro­zess sicher­stel­len. Die Steue­rungs­soft­ware (der Staat) könnte hier zu radi­ka­len Mit­teln grei­fen, indem sie bei­spiels­wei­se mit extra dafür ange­brach­ten Hard­ware-Armen die rebel­li­schen Unter­ein­hei­ten schlicht aus dem Gesamt­sys­tem ent­fernt und in con­tain­ment areas sperrt (Gefäng­nis­se, Arbeits­la­ger, etc.). Um solche inva­si­ven Ein­grif­fe in den eige­nen Funk­ti­ons­zu­sam­men­hang zu mini­mie­ren, arbei­tet jedoch eine Reihe Sicher­heits­pro­gram­me, die besser als Kon­sens­pro­gram­me (Ideo­lo­ge) bezeich­net werden können, lau­fend daran, auf den semi-auto­no­men Unter­ein­hei­ten (Arbei­ter) und ihren eben­falls semi-auto­no­men Steue­rungs­ein­hei­ten (mana­ge­ri­al class) Anwen­dun­gen zu instal­lie­ren, die die auto­no­men Rechen- und Ver­hal­tenspro­zes­se ent­we­der unter­bin­den oder in für das Gesamt­sys­tem nutz­brin­gen­de Bahnen lenken.

Dieses Bild von der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft als selbst­re­gu­lie­ren­dem Pro­duk­ti­ons­zu­sam­men­hang, der letzt­lich jedoch nicht den Inter­es­sen der Arbei­ter, son­dern denen des Kapi­tals dient, wel­ches ihn besitzt und damit beherrscht, ließe sich belie­big erwei­tern. Es trifft im Kern die mar­xis­ti­sche Gesell­schafts­auf­fas­sung Althussers, auch wenn er selbst eine viel ein­fa­che­rer räum­li­che Gebäu­de-Meta­pher wählt: Staat, Recht und Ideo­lo­gie liegen als Stock­wer­ke auf einem öko­no­mi­schen Fun­da­ment auf. Aller­dings ist ihm selbst bewusst, dass es sich dabei bloß um eine Meta­pher han­delt, eine „beschrei­ben­de“ Theo­rie (S.46). Um tiefer in die Erkennt­nis der Gesell­schafts­for­ma­ti­on und ins­be­son­de­re ihres ideo­lo­gi­schen Über­baus vor­zu­drin­gen, will er die Meta­pher nun „vom Stand­punkt der Repro­duk­ti­on“ aus betrach­ten (S. 47), also letzt­lich aus­ge­hend von der Frage nach der Unter­wer­fung der Arbei­ter­klas­se unter die herr­schen­den Ver­hält­nis­se: „Wir werden in aller Kürze von diesem Stand­punkt aus das Recht, den Staat und die Ideo­lo­gie ana­ly­sie­ren.“ (S. 47)

Diesen Gedan­ken Althussers werden wir uns im nächs­ten Arti­kel widmen, zunächst jedoch eine Über­sicht der bisher erar­bei­te­ten mar­xis­ti­schen Begrif­fe:

Begrif­fe

Pro­duk­ti­on und Repro­duk­ti­on: Die zwei belieb­tes­ten Wörter der Mar­xis­ten; sie bezeich­nen im Wesent­li­chen den gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Arbeits­pro­zess und die Auf­recht­erhal­tung von dessen Grund­la­gen. Sie sind zu tren­nen von der Zir­ku­la­ti­on, d.h. vom gesell­schaft­li­chen Tausch­pro­zess von Ware und Geld.

Kapi­tal: Von Althus­ser bis jetzt nicht sys­te­ma­tisch ein­ge­führ­ter Begriff. Bezeich­net bei Marx eine Summe Geld, die die Eigen­schaft hat, zu mehr Geld zu werden, bzw. zu mehr Geld werden zu können. Dieser sog. Akku­mu­la­ti­ons­pro­zess des Kapi­tals stellt sich im Zins und im Han­dels­ge­winn am unmit­tel­bars­ten dar, fußt laut Marx jedoch auf dem struk­tu­rel­len Aus­beu­tungs­ver­hält­nis von Arbei­ter und Kapi­ta­list. Damit tran­szen­diert das Kapi­tal Pro­duk­ti­on und Zir­ku­la­ti­on.

Gesell­schafts­for­ma­ti­on: Gesamt­heit der Pro­duk­ti­ons- und Herr­schafts­ver­hält­nis­se einer bestimm­ten Gesell­schaft zu einer bestimm­ten Zeit. Die herr­schen­de Gesell­schafts­for­ma­ti­on, der Kapi­ta­lis­mus, zeich­net sich laut Mar­xis­ten aus durch die Kon­zen­tra­ti­on der Pro­duk­ti­ons­mit­tel in den Händen der Kapi­ta­lis­ten­klas­se, sowie durch die Aus­beu­tung des Rests der Gesell­schaft als Arbei­ter. Als kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se wird typi­scher­wei­se der von Marx theo­re­ti­sier­te und in sich para­do­xe („dia­lek­ti­sche“) Pro­zess bezeich­net, der die Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on als Aus­beu­tung der Arbei­ter durch den gerecht erschei­nen­den Tausch von Äqui­va­len­ten – Arbeits­kraft gegen Lohn – orga­ni­siert.

Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen: Fak­to­ren, die für die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se und damit schließ­lich zur Auf­recht­erhal­tung der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schafts­for­ma­ti­on not­wen­dig sind. Die Gesell­schaft muss sie folg­lich fort­lau­fend repro­du­zie­ren.

Pro­duk­ti­ons­mit­tel: Die Gesamt­heit der von Marx auch „tote, ver­gan­ge­ne Arbeit“ genann­ten Gerät­schaf­ten, Gebäu­de, Maschi­nen, Roh­stof­fe, Werk­stof­fe, etc. Als „kon­stan­tes Kapi­tal“ bilden sie den Groß­teil des kapi­ta­lis­ti­schen Eigen­tums.

Pro­duk­tiv­kräf­te: Die mensch­li­che Arbeits­kraft in ihrer kon­kre­ten Anwen­dung. Es ist hier also nicht ein­fach die Rede von den 0,14 PS, die ein Erwach­se­ner durch­schnitt­lich kör­per­lich auf­brin­gen kann, son­dern von den kon­kre­ten his­to­ri­schen Aus­prü­gun­gen der Kopf- und Hand­ar­beit. So ist die Arbeits­kraft eines Bau­in­ge­nieurs oder eines spe­zia­li­sier­ten Mecha­ni­kers im mar­xis­ti­schen Jargon weiter „ent­fal­tet“ als die eines ange­lern­ten Fließ­band­ar­bei­ters. Als „varia­bles Kapi­tal“ bildet die Arbeits­kraft, so der Kapi­ta­list sie auf dem Arbeits­markt gekauft hat, seine mensch­li­che Ver­fü­gungs­mas­se. Lassen sich etwa aus einer bestimm­ten Menge Leder nur eine bestimm­te Menge Schuhe her­stel­len, kann eine bestimm­te Menge Arbei­ter je nach „Ent­fal­tung“ ihrer Pro­duk­tiv­kraft, sowie Inten­si­tät und Länge des Arbeits­ta­ges mehr oder weni­ger effek­tiv aus­ge­beu­tet werden.

Ideo­lo­gie: Wird im Fort­lauf detail­liert erklärt. Zu diesem Zeit­punkt beschreibt Ideo­lo­gie noch am besten die oben ein­ge­führ­te Meta­pher der „Kon­sens­pro­gram­me“, also der auf den ein­zel­nen gesell­schaft­li­chen Sub-Robo­tern lau­fen­den Pro­gram­me, die eine sub­jek­ti­ve Unter­ord­nung unter den gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons­pro­zess bewir­ken. Auch der pop­kul­tu­rell gepräg­te Aus­druck „blaue Pille“ eignet sich zu diesem Zeit­punkt noch für das Ver­ständ­nis.