Die Buch­hal­ter des Schre­ckens

Der zweite Grund, wes­we­gen der Info­krieg keinen stra­te­gi­schen Durch­bruch erzie­len kann, ist seine not­wen­dig feh­len­de ideo­lo­gi­sche Tiefe. Ebenso wie der Main­stream will er die Masse errei­chen. Akku­mu­la­ti­on von Zuse­hern und Mas­sen­taug­lich­keit der Inhal­te sind daher Teil seiner Schein­stra­te­gie. Diese Mas­sen­taug­lich­keit führt aber zu einer ideo­lo­gi­schen Ober­fläch­lich­keit. Die Videos, die „am besten gehen“, sind in der Regel spek­ta­ku­lä­re Szenen auf der Straße, emo­tio­na­le Rants über aktu­el­le Ereig­nis­se oder humor­vol­le Ant­wort­vi­de­os. Die Leute wollen unter­hal­ten werden. Der Info­krieg kann also nur als Info­tain­ment mas­sen­wirk­sam werden, wor­un­ter logi­scher­wei­se der Inhalt leidet. Auch im rech­ten Lager findet eine Anpas­sung an den Mas­sen­ge­schmack und an das Over­ton­fens­ter statt. In Fragen wie Trans- und Homo­se­xua­li­tät über­neh­men immer mehr rechte Medi­en­ma­cher Main­strea­m­ide­en. Sie tun das nicht aus ideo­lo­gi­schen Über­le­gun­gen und der Ent­wick­lung oder Inte­gra­ti­on neuer Ideen in ihr Denken. Sie denken meist an gar nichts, außer an dein Ein­fluss auf ihre Abo­zah­len. Um ja nie­man­den zu ver­schre­cken, wird die eigene Bot­schaft zu einem ein­fach genieß­ba­ren, ent­rin­de­ten Mei­nungs-Snack zurecht­ge­schnit­ten. Man unter­wirft sich der Kon­trol­le der linken Mei­nungs­kli­ma­an­la­ge. Der kleins­te gemein­sa­me Nenner „Gegen den Islam!“ oder „Gegen Ein­wan­de­rung!“ wird nicht zur Basis für eine poli­ti­sche Alli­anz oder Koope­ra­ti­on mit einem kon­kre­ten stra­te­gi­schen Ziel. Er wird zum ideo­lo­gi­schen Kern eines farb­lo­sen und  rich­tungs­lo­sen Spek­ta­kels der Selbst­ver­harm­lo­sung. Man will „everybody’s Dar­ling“ sein, meidet jeden Kon­flikt und jede welt­an­schau­li­che Debat­te und lügt sich dabei in die Tasche, dass das „Stra­te­gie“ sei.

Das „intel­lek­tu­el­le Opfer“, wel­ches auch manche vor­geb­lich Rechts­in­tel­lek­tu­el­le dafür täti­gen, wird zum intel­lek­tu­el­len Selbst­mord. Die erst instru­men­tel­le Nut­zung von Medien und Platt­for­men für den Info­krieg wird zur Gewohn­heit und scha­det am Ende dem eige­nen Denken, indem es sich der Auf­merk­sam­keits­span­ne der Rezi­pi­en­ten und der ideo­lo­gi­schen Lage der Nation anpasst. Der Inhalt der meis­ten rech­ten You­Tube-Videos ist, es muss schlicht so gesagt werden, daher ein­fach nur Mist. Zu jedem Ereig­nis kann man die immer selben „empör­ten“ Reka­ti­ons­film­chen sehen, die meist nichts ande­res tun, als Bild­ar­ti­kel vor­zu­le­sen und mit Aus­ru­fen wie „unfass­bar“ oder „unglaub­lich“ zu reagie­ren. Beim hun­derts­ten Mal kann diese Reak­ti­on nur mehr als Schau­spie­le­rei inter­pre­tiert werden, es sei denn, den Video­er­stel­lern fehlt jedes Lang­zeit­ge­dächt­nis. Oft wirken sie wie eine gro­tes­ke Comic­fi­gur, die eins mit der Keule über­ge­zo­gen bekommt, sich unsag­bar dar­über empört, das dann ver­gisst und im nächs­ten Comic­strip das­sel­be erfährt, nur um genau gleich zu reagie­ren. Diese Schlag­zei­len-Reak­ti­ons­vi­de­os sind damit weni­ger Bericht­erstat­tung als Unter­hal­tung. Die Leute, die sie sehen, wissen meist, was pas­siert ist. Sie können es auf zahl­rei­chen Blogs nach­le­sen, aber sie wollen sehen, wie jemand dazu reagiert, und einen wüten­den Kom­men­tar hin­ter­las­sen.

Es erin­nert ent­fernt an Strea­mer, denen man beim Com­pu­ter­spie­len zusieht, anstatt selbst zu spie­len, oder noch tref­fen­der an einen asia­ti­schen Trend, bei dem man jungen Mäd­chen (wem sonst, es ist Asien) beim Essen zusieht. Das Ziel dieses Info­tai­ne­ments ist weni­ger eine Ver­schär­fung des Bewusst­seins, son­dern ein Anstieg der eige­nen Reich­wei­te (und damit der eige­nen Ein­nah­men). Ein Groß­teil der Zuse­her und mitt­ler­wei­le auch der Erstel­ler dieser Videos gehört zudem der Alters­klas­se der „Boomer“ an, womit jeder avant­gar­dis­ti­scher Anspruch ver­fliegt. Dazu kommen in letz­ter Zeit immer mehr „Live­streams“, die meist aus kon­zept­lo­sem, sinn­be­frei­tem Gela­ber bestehen. Ein ermü­den­des Gespräch, in das lau­fend neue Strea­mer ein­spei­sen, wäh­rend andere aus­fal­len, das sich um alles und nichts und am Ende nur sich selbst dreht. In der Regel landet man am Ende bei Gerüch­ten und inter­nem Drama. Andere Videos sind krea­ti­ver und auf­wen­di­ger erstellt, haben krea­ti­ve Schnit­te, gute Hin­ter­grund­mu­sik und kri­ti­sie­ren gezielt Ver­tre­ter oder Inhal­te der feind­li­chen Öffent­lich­keit. Ihr Unter­hal­tungs­wert ist dem­nach höher. Die Ver­diens­te von all dem sollen nicht unter den Tisch fallen. Ja, viele Leute wurden und werden durch Videos, gerade weil ihr Ziel die Unter­hal­tung ist, „poli­ti­siert“. Doch wenn diese Poli­ti­sie­rung nur darin besteht, dass sie weiter unter­hal­ten werden, bringt das wenig. Eine echte meta­po­li­ti­sche Leiter, die gerade junge Zuse­her von nie­der­schwel­li­gen tages­po­li­ti­schen zu inten­si­ve­ren welt­an­schau­li­chen Inhal­ten führen könnte, fehlt jedoch. (Was leider vor allem daran liegt, dass jene, welche wei­ter­füh­ren­de Inhal­te erstel­len könn­ten, lieber in Gemein­schafts- und Akti­vis­mus­si­mu­la­tio­nen auf Twit­ter und Dis­cord abhän­gen und auf „Boomer“ schimp­fen.)

Die herr­schen­de Öffent­lich­keit leitet sich von einer herr­schen­den Ideo­lo­gie ab, die sie in Mini-Nar­ra­ti­ven und „emo­tio­nal Designs“ mas­sen­haft repli­ziert und ver­brei­tet. Die wöchent­li­che Medi­en­sau, welche die Gegen­öf­fent­lich­keit durchs digi­ta­le Dorf jagt, hat mit dieser ideo­lo­gi­schen Super­struk­tur wenig zu tun. Die meis­ten Medi­en­ma­cher bewe­gen sich aus tak­ti­schen Grün­den und Grün­den der Reich­wei­te nur an dieser Ober­flä­che, und ver­lie­ren dabei den ideo­lo­gi­schen Antriebs­kern der Mei­nungs­kli­ma­an­la­ge aus den Augen. Es liegt an sich nicht im Auf­ga­ben­be­reich der Gegen­öf­fent­lich­keit, diesen direkt zu kri­ti­sie­ren und eine neue rechte Idee zu ent­wick­len. Dazu fehlt ihr das geis­ti­ge Instru­men­ta­ri­um. Ihre Auf­ga­be ist die Pro­pa­gie­rung, also die Pro­duk­ti­on von „wenig Text für Viele“. Die Auf­ga­be der geis­ti­gen Über­win­dung der herr­schen­den Ideo­lo­gie, die Hand in Hand mit der Über­win­dung der Gegen­öf­fent­lich­keit gehen sollte, wäre die der rech­ten Theo­rie, also „viel Text für Wenige“.

Für eine lang­fris­ti­ge Info­kriegs­stra­te­gie ist es aller­dings unab­ding­bar, dass die Mul­ti­pli­ka­to­ren und Pro­pa­gan­dis­ten einer alter­na­ti­ven Welt­an­schau­ung folgen. Eine revo­lu­tio­nä­re Idee, die an den Grund­la­gen der herr­schen­den Ideo­lo­gie ansetzt, und sie von der Wurzel an kri­ti­siert, muss das magne­ti­sche Kraft­zen­trum sein, nach dem sich die ober­fläch­li­che und anschluss­fä­hi­ge Info­ar­beit aus­rich­tet. Ist das nicht der Fall, gerät sie unwei­ger­lich ins Kraft­zen­trum der geg­ne­ri­schen Ideo­lo­gie. Wir erle­ben das heute rei­hen­wei­se bei libe­ra­len Islam­kri­ti­kern und Kon­ser­va­tiv-Libe­ra­len, die an der Ober­flä­che Kritik am Bevöl­ke­rungs­aus­tausch üben, sich dabei jedoch unter den mora­li­schen Schirm des links­li­be­ra­len Uni­ver­sa­lis­mus stel­len. Ihre Kritik an dessen Aus­wüch­sen, von Trans­kin­der-Drag­queens bis zur Gen­der­ideo­lo­gie, ist rein defen­siv und reak­tio­när. In weni­gen Jahr­zehn­ten werden sie Trans­kin­der „in Ord­nung“ finden, und sich nur mehr gegen „Trans­ba­bies“ wehren.

Als Cuck­ser­va­ti­ve-Kom­men­ta­to­ren des Tages­ge­sche­hens fehlt ihnen jede ideo­lo­gi­sche Ver­wur­ze­lung und stra­te­gi­sche Weit­sicht. Zan­kend und kra­kee­lend, voller großer Volten und Wide­stands­ges­ten, folgen sie dem Trend des Over­ton-Fens­ters seit Jahr­zehn­ten nach links. Diese „Kon­ser­va­ti­ven“ haben nichts bewahrt, außer ihrer Talk­show­taug­lich­keit als „salon­fä­hi­ge Dis­si­den­ten“, die sich scharf gegen „völ­ki­sche“ Rechte abgren­zen. Der Info­krieg stößt also nicht nur mate­ri­ell an quan­ti­ta­ti­ve Gren­zen. Auch qua­li­ta­tiv kann er, in seinem Stre­ben nach Reich­wei­te, zu einer Ver­wäs­se­rung und Anpas­sung führen. Das ideo­lo­gi­sche „Ent­ge­gen­kom­men“ und der nackte Prag­ma­tis­mus geben den eige­nen geis­ti­gen Kern preis und ver­nich­ten damit das, was man eigent­lich mehr­heits­fä­hig machen will. Das sper­ri­ge welt­an­schau­li­che Marsch­ge­päck wird beim Marsch in die Mitte der Gesell­schaft ein­fach am Weges­rand depo­niert. Sollte man irgend­wann ankom­men, hat man nichts mehr zu sagen und zu geben.


Kon­kret bleibt beim patrio­ti­schen Info­krieg eini­ges auf der Stre­cke. Wäh­rend man die Sus­pen­die­rung einer neu­rech­ten Kritik am Chris­ten­tum und reli­giö­sen Uni­ver­sa­lis­mus, oder auf der ande­ren Seite eine tra­di­tio­na­lis­tisch-reli­giö­se Kritik der Moder­ne und der Mas­sen­de­mo­kra­tie noch recht­fer­ti­gen kann, erweist sich die Tole­ranz für Deka­denz, Ega­li­ta­ris­mus, Hedo­nis­mus und Indi­vi­dua­lis­mus als fatal. Am Ende blei­ben nicht nur die Defi­ni­ti­on des Volks­be­griffs auf der Stre­cke, son­dern auch klare Kon­zep­te für eine andere Bevöl­ke­rungs­po­li­tik.
Wenn sich der patrio­ti­sche Info­krieg man­gels ideo­lo­gi­scher Kor­rek­ti­ve links­li­be­ra­len Moral­vor­stel­lun­gen, einem indi­vi­dua­lis­ti­schen Men­schen­bild und einer ato­mis­ti­schen Gesell­schafts­idee unter­wirft, rich­tet er sich lang­fris­tig gegen das eigene Volk. Er rich­tet sich nicht gegen die Domi­nanz der Mei­nungs­kli­ma­an­la­ge, son­dern passt sich dem gesell­schaft­li­chen Klima an.

Eine reak­ti­ve Islam­kritk, die den Islam nur dort kri­ti­siert, wo er einer angeb­li­chen „Selbst­ver­wirk­li­chung“ im Wege steht, ver­tei­digt die „Krank­heit“ gegen ihr „Sym­ptom“. Man argu­men­tiert gegen die herr­schen­den Dogmen, doch beruft sich in dieser Kritik auf deren Kern­the­sen und hei­li­ge Schrif­ten. Denn auch der Pro­zess der Isla­mi­sie­rung ist nur als Neben­ef­fekt des Bevöl­ke­rungs­aus­tauschs und seiner Ursa­chen ver­ständ­lich. Wer die „Werte“ einer anti­na­ta­lis­ti­schen, hedo­nis­ti­schen, ato­mi­sier­ten Gesell­schaft, und ihre Ideo­lo­gie des Fort­schritts, der glo­ba­len Gleich­heit und der tota­len Eman­zi­pa­ti­on „gegen den Islam“ ver­tei­digt, ist weder Rech­ter, noch Kon­ser­va­ti­ver oder Patri­ot. Er ist nütz­li­cher Idiot des Uni­ver­sa­lis­mus und geht einer hege­lia­ni­schen „List der Ver­nunft“ auf den Leim. Ein instru­men­tel­ler Libe­ral­pa­trio­tis­mus, der selek­tiv manche Aspek­te der Isla­mi­sie­rung kri­ti­siert, wo sie „indi­vi­du­el­len Frei­heits­rech­ten“ wider­spre­chen, und statt­des­sen eine Assi­mi­la­ti­on der Frem­den in die post­mo­der­ne Kon­sum­ge­sell­schaft for­dert, dient den Inter­es­sen unse­rer Gegner. Dass viele, ins­be­son­de­re ideo­lo­gisch unbe­leck­te Info­krie­ger, in diesen Sog gera­ten, liegt daran, dass der Weg des Main­streams brei­ter, ange­neh­mer und gefahr­lo­ser ist. Die Gra­vi­ta­ti­ons­kraft der herr­schen­den Ideo­lo­gie zieht jeden, der sich ihrer nicht bewusst ist und aktiv dage­gen­ar­bei­tet, in ihren Bann. Je „neu­tra­ler“ und „ver­nünf­ti­ger“ sich der­je­ni­ge dabei hält, desto tiefer ist seine Ver­stri­ckung in dieses Dok­trin. 

Diese Kritik rich­te­te sich nicht nur gegen die Info­krie­ger. Der Trend zur Anpas­sung an die herr­schen­de Ideo­lo­gie, zur Ober­fläch­lich­keit und Mas­sen­taug­lich­keit ist not­wen­di­ger Bestand­teil ihres Metiers. Was fehlt ist ein meta­po­li­ti­sches Kor­rek­tiv von rechts, das anders als in bil­li­gen per­sön­li­chen Atta­cken „Thot-Patro­ling“, Live­stream­ge­trol­le, etc. attrak­ti­ve, intel­lek­tu­ell über­le­ge­ne und tiefe Kritik an diesen Trends pro­du­ziert. Dieses Kor­rek­tiv würde sich damit auch als neues geis­ti­ges Pla­teau über den bana­len Info­krieg erhe­ben, und für die­je­ni­gen, die dazu gewillt und fähig sind, einen Trend nach oben schaf­fen. Das fehlt im deut­schen Sprach­raum bis auf wenige lön­li­che Aus­nah­men, kleine Ver­la­ge, Pod­casts und Maga­zi­ne. Die man­geln­de intel­lek­tu­el­le Arbeit rech­ter Kreise und die in der Folge man­geln­de Schu­lung, Kader­bil­dung und Kor­rek­tiv­funk­ti­on für die über­all auf­tau­chen­den Info­krie­ger lässt viele poten­ti­el­le geis­ti­ge Bio­gra­phi­en auf der unters­ten Ebene ver­küm­mern.
Der Effekt ist ein “Fach­kräf­te­man­gel von rechts“. Selbst wenn die im vor­he­ri­gen Kapi­tel ange­spro­che­nen finan­zi­el­len Res­sour­cen vor­han­den wären, gäbe es der­zeit nicht genü­gend geis­ti­ge Arbeits­kräf­te, um die offe­nen Stel­len zu beset­zen.

Inso­fern der Info­krieg also ober­fläch­lich und ideo­lo­gisch ziel­los bleibt, rich­tet er sich nach den Normen der geg­ne­ri­schen Ideo­lo­gie aus und gerät in den Sog der „libe­ra­len Islam­kri­tik“. Er ist damit von vorn­her­ein unfä­hig die norm­set­zen­de Kraft der feind­li­chen Öffent­lich­keit abzu­wen­den. Seine Arbeit besteht in einer „Buch­hal­tung des Schre­ckens“, die sich Tag für Tag über Ein­zel­fäl­le empört, Unge­rech­tig­kei­ten beklagt, den Unter­gang des Abend­lands in Glos­sen kom­men­tiert aber nichts daran ändern wird.

Der Neid der Divas

Fassen wir das bisher gesag­te zusam­men, so sehen wir, dass der Info­krieg im Unter­schied zu alt­rech­ter Mili­tanz und popu­lis­ti­schem Par­la­ments­pa­trio­tis­mus zwar das Schwe­re­zen­trum des Geg­ners erkannt, jedoch keinen Plan hat wie er es erobern kann.

Die feind­li­che Öffent­lich­keit, die mit ihrer norm­set­zen­den Kraft das Over­ton-Fens­ter ver­schiebt, mit sozia­ler Kon­trol­le Dis­si­den­ten ver­nich­tet und über das Mei­nungs­kli­ma die Wahlen beein­flusst, ist die zen­tra­le Macht­säu­le unse­rer Gegner. Der patrio­ti­sche Info­krieg ver­folgt jedoch eine frucht­lo­se Stra­te­gie der All­mäh­lich­keit und des sanf­ten Über­gangs. Die „Gegen­öf­fent­lich­keit“ hofft durch eine Akku­mu­la­ti­on von Zuse­hern und Reich­wei­te lang­sam die Öffent­lich­keit abzu­lö­sen. Dass dieser Plan an mate­ri­el­le „Pan­zer­glas­de­cken” stößt und ohne einem unplan­ba­ren „Faktor X“ nie­mals erfolg­reich sein wird, haben wir erschöp­fend dar­ge­legt. Die Gefahr, auf der Jagd nach Reich­wei­te und Anschuss­fä­hig­keit im Rahmen dieser frucht­lo­sen Stra­te­gie sogar den eige­nen welt­an­schau­li­chen Kern zu ver­lie­ren, haben wir ebenso beschrie­ben. Die Stra­te­gie, welche einen meta­po­li­ti­schen Durch­bruch ermög­licht, soll in kom­men­den Texten erläu­tert werden. In diesem Arti­kel wollen wir zum Abschluss noch auf eine Men­ta­li­tät ein­ge­hen, die im Info­krieg Hoch­kon­junk­tur hat, und dem Akti­vis­mus poli­ti­scher Bewe­gun­gen großen Scha­den zufügt: die Atti­fü­de diven­haf­ter Gla­dia­to­ren.

Die Gegen­öf­fent­lich­keit hat ihre Ver­diens­te und Not­wen­dig­keit und ist in ihrer Wich­tig­keit womög­lich über den rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en ein­zu­stu­fen. Gefähr­lich wird es jedoch da, wo sie ver­sucht sich die Rolle einer Bewe­gung anzu­ma­ßen und ihr eige­nes, dif­fu­ses Wirken als „Akti­vis­mus“ dar­zu­stel­len, der einer angeb­li­chen „Stra­te­gie“ folgen würde.
Grund dafür ist wohl glei­cher­ma­ßen die Beru­hi­gung des besorg­ten und auf­ge­brach­ten Publi­kums, ebenso wie die des eige­nen Gewis­sens. Tat­säch­lich fehlt dieses Ziel und ein gemein­sa­mer Plan nicht zufäl­lig, son­dern not­wen­dig. Bericht­erstat­ten­de patrio­ti­sche Medien, egal ob Blogs, YT-Kanäle oder Think Tanks stehen zuein­an­der in einem Kon­kur­renz­ver­hält­nis um Auf­ru­fe, exklu­si­ve Geschich­ten und Infos, Abon­nen­ten und Spen­den. Alle Info­krie­ger wissen, dass der lang­sam wach­sen­de Reso­nanz­raum begrenzt ist. Täg­lich steht allen patrio­ti­schen Medi­en­ma­chern eine Masse an Auf­merk­sam­keit, Enga­ge­ment und Unter­stüt­zungs­be­reit­schaft zur Ver­fü­gung, die end­lich ist. Sie rit­tern, ob sie es wollen oder nicht, um die ebenso begrenz­te Zahl an besten Geschich­ten, inter­es­san­tes­ten Inter­view­part­nern, die rasches­te Bericht­erstat­tung und die grells­ten Thumb­nails.


Diese Kon­kur­renz ist einer­seits frucht­bar und führt zu einer all­ge­mei­nen Pro­fes­sio­na­li­sie­rung und Inno­va­ti­ons­kraft der Gegen­öf­fent­lich­keit. Sie macht es auf Dauer aber schwer eine „Ein­heit” zu bilden, oder an einem Strang zu ziehen. Die Men­ta­li­tät des Auto­ren und „Urhe­bers“, die intel­lek­tu­el­le Eitel­keit und der Neid der Diva, sind im Pres­se­mi­lieu not­wen­dig vor­herr­schend. Der Jour­na­list erstellt kein Werk­stück, das mate­ri­el­le Sub­stanz hat. Seine Texte, Videos und Berich­te sind nichts ohne die Auf­merk­sam­keit und das Publi­kum. Als geis­ti­ge Fabri­ka­tio­nen „exis­tie­ren“ sie nur wirk­lich, wenn sie gese­hen und gele­sen werden. Dass ein Text, ein neuer Begriff, ein Kon­zept, oder eine Idee von ihm stammt und er deren geis­ti­ger Urhe­ber ist, dass das all­ge­mein aner­kannt wird, das ist für den Jour­na­lis­ten daher enorm wich­tig.
Autor­schaft ist in der Regel keine Gemein­schafts­ar­beit wie eine poli­ti­sche Aktion, son­dern eine sin­gu­lä­re Tätig­keit, bei der der Autor und Urhe­ber seine indi­vi­du­el­len Gedan­ken mate­ria­li­siert und ver­ewigt. Wäh­rend im Bereich der Bewe­gung jeder Akti­vist froh ist, wenn seine Akti­ons­idee von ande­ren über­nom­men wird, sieht der Info­krie­ger das­sel­be not­wen­dig als Dieb­stahl seines „geis­ti­gen Eigen­tums“ (und seiner Ein­nah­me­quel­le).

Wäh­rend ein Akti­vist froh ist, wenn sich an mög­lichst vielen Orten gleich­ge­ar­te­te Bewe­gun­gen grün­den, da das die Reich­wei­te seiner Bot­schaft erhöht, das Soli­dar­netz­werk stärkt und die Repres­si­on schwächt und streut, sieht der Info­krie­ger in jedem neuen You­Tuber und Blog­ger immer auch einen Kon­kur­ren­ten. Da seine Tätig­keit oft sein Ein­kom­men dar­stellt und dieses Ein­kom­men durch andere geschmä­lert werden kann, ist es voll­kom­men logisch, ver­nünf­tig und mensch­lich, dass der Info­krie­ger auch als Idea­list immer auch an sein eige­nes Über­le­ben und seine eigene Reich­wei­te und erst dann an den ins­ge­sam­ten Erfolg der Gegen­öf­fent­lich­keit denkt. Patrio­ti­sche Jour­na­lis­ten, die das leug­nen, lügen, oder haben den finan­zi­el­len Luxus ihre Tätig­keit rein als Hobby zu betrei­ben (was sich auch auf deren Qua­li­tät aus­wirkt). Zu dieser beruf­li­chen Kon­kur­renz um ein begrenz­tes Publi­kum kommen die stän­di­gen per­sön­li­chen Strei­tig­kei­ten, die emo­tio­na­len Dramen, Belei­di­gun­gen und Konter. Da das maxi­mal Klick bringt, wird es oft bewusst insze­niert. Ins­be­son­de­re in der alter­na­tiv­rech­ten US-Ame­ri­ka­ni­schen Szene, in der die Gegen­öf­fent­lich­keit der You­Tuber von Anfang an das Lager domi­nier­te, sind diese diven­haf­ten, öffent­lich aus­ge­tra­ge­nen Strei­tig­kei­ten häufig.


Das Fazit lautet: Die Gegen­öf­fent­lich­keit ist auf­grund der unaus­weich­li­chen Kon­kur­renz der jour­na­lis­ti­schen Ich-AGs nicht zur Orga­ni­sa­ti­on im Stil einer Bewe­gung fähig. Damit ist sie kaum in der Lage gemein­sam lang­fris­ti­ge Ziele zu ver­fol­gen. Mög­lich und wün­schens­wert wäre, dass ein welt­an­schau­lich gefes­tig­tes Medi­en­pro­jekt mit­tel­fris­tig domi­nant wird, alle Talen­te „unter Ver­trag“ nimmt und das Feld beherrscht. Das ist jedoch aus ande­ren, oben ange­spro­che­nen, Grün­den unwahr­schein­lich. Vieles spricht dafür, dass auf Main­stream­platt­for­men ein gewis­ser Reso­nanz­raum für den Info­krie­ger bewusst zuge­las­sen wird. Regel­mä­ßig „schlach­tet“ man einen Akteur, der zu groß gewor­den ist ab und lässt neue klei­ne­re nach­wach­sen, die sich um den Kuchen der Auf­merk­sam­keit bekrie­gen. Ihr Ziel ist es „genau­so groß“ zu werden wie ihre bewun­der­ten Vor­bil­der, was sie aber nur reif zur Schlach­tung macht. Das ändert nichts, daran, dass sie sich zu Trog drän­gen um solan­ge dran zu blei­ben wie mög­lich. Das dro­hen­de Damo­kles­schwert bringt sie nicht zum soli­da­ri­schen Zusam­men­schluss, son­dern ver­stärkt im Gegen­teil den Ego­is­mus. Solan­ge man noch da ist muss man schau­en wo man bleibt! So ver­hin­dert man mit einer Hin­hal­te- und Spal­tungs­tak­tik eine echte Soli­da­ri­tät unter den Info­krie­gern. Würden sich alle zusam­men­schlie­ßen, um gemein­sam eine alter­na­ti­ve Videoatt­form für zB die DACH-Regio­nen zu grün­den, auf der sie primär ihre Videos hoch­la­den, würde YT viel von seinem Ein­fluss ein­bü­ßen. Doch auch hier gehen die patrio­ti­schen Ein­zel­un­ter­neh­men lieber ihren eige­nen Weg. 

Vom Akti­vist zum Influ­en­cer

Die Arbeit als freier Info­krie­ger ist in vie­ler­lei Hin­sicht attrak­ti­ver als der Ein­satz als Akti­vist in einer Bewe­gung. In den letz­ten Jahren erle­ben wir daher einen Trend weg von der Bewe­gung, und hin zum Info­krieg. Wäh­rend große Orga­ni­sa­tio­nen und poli­ti­sche Bewe­gun­gen sta­gnie­ren und zer­fal­len, findet eine digi­ta­le Diver­si­fi­ka­ti­on statt. Der Akti­vist wird zum Influ­en­cer. Für diesen Trend gibt es viele Gründe. Leider lautet kein ein­zi­ger, dass es stra­te­gisch sinn­vol­ler sei.
Der erste Grund ist ein psy­cho­lo­gi­scher. Die direk­te Wert­schät­zung, die man als Influ­en­cer erhält, über­steigt die mit­tel­ba­re Aner­ken­nung, die er durch Betei­li­gung an einer Aktion erfährt bei weitem. Teil einer patrio­ti­schen Bewe­gung zu sein, heißt das Ego zurück­zu­stel­len, Auf­ga­ben­tei­lung zu akzep­tie­ren und unter Umstän­den sogar in Kauf zu nehmen, dass zB ein Pres­se­spre­cher die Lor­bee­ren und das Lob für die eigene Aktion kas­siert. Als Vlog­ger muss man seinen Ruhm mit nie­man­dem teilen. Posi­ti­ve Rück­mel­dung kommt immer unmit­tel­bar im Livechat. Man­gels akti­vis­ti­scher Alter­na­ti­ven ver­wech­seln sogar erstaun­lich viele Zuse­her die Erstel­lung von Videos mit echtem Akti­vis­mus, und beju­beln die Strea­mer als wären sie Akt­vis­ten.

Der zweite Grund ist ein mate­ri­el­ler. Eine erfolg­rei­che Groß­ak­ti­on ist sehr auf­wän­dig und ris­kant. Sie braucht immense Vor­be­rei­tung und viele Arbeits­stun­den vieler Akti­vis­ten. Sie kann schei­tern und im schlimms­ten Fall kos­ten­in­ten­si­ve Ver­fah­ren nach sich ziehen. Man ris­kiert dabei geou­tet zu werden und im eige­nen Umfeld ange­grif­fen zu werden. Sie ist anstren­gend und ner­ven­auf­rei­bend. Man muss die Kom­fort­zo­ne ver­las­sen, oft sehr früh auf­ste­hen und weit fahren. Meist geht die gesam­te Frei­zeit für den Akti­vis­mus drauf. Ein You­Tube Video hin­ge­gen ist schnell erstellt. Man muss dazu nicht seine Woh­nung ver­las­sen und braucht in der Regel keine Unter­stüt­zer und keine Gruppe, die man voher orga­ni­sie­ren und lau­fend moti­vie­ren muss. Man kann sich Sen­de­zei­ten schön ein­tei­len, sodass Hob­bies, Bezie­hung, Fami­lie und Frei­zeit nicht dar­un­ter leiden müssen.
Vlog­gen ist auch wesent­lich siche­rer. Man hat abso­lu­te Kon­trol­le über das, was nach Außen dringt, ebenso wie über die Kom­men­tar­spal­te. Im schlimms­ten Fall kann man ein Video auch noch online edi­tie­ren oder schlicht löschen. Juris­ti­sche Kon­se­quen­zen sind kaum zu befürch­ten und abso­lut kal­ku­lier­bar. Man wird nicht von Infil­tra­to­ren und Pro­vo­ka­teu­ren, die sich in eine Bewe­gung ein­schlei­chen, in den Dreck gezo­gen. Man muss sich nicht für die Fehler ande­rer Recht­fer­ti­gen. Es ist also schlicht tau­send­mal ange­neh­mer und siche­rer, wäh­rend Akti­vis­mus nerv­lich auf­rei­bend und phy­sisch anstren­gend ist.
Der dritte Grund ist ein finan­zi­el­ler. Akti­vis­mus ist ein „Ver­lust­ge­schäft“. Von Zeit und Sprit­kos­ten gar nicht zu reden, ist es oft so, dass Akti­vis­ten Mate­ri­al­kos­ten und sons­ti­ge Spesen selbst tragen. Bewe­gun­gen, die Spen­den requi­rie­ren um diese Kosten wett zu machen und im Fall der Repres­si­on Unter­stüt­zung leis­ten, sind selten und viel leich­ter angreif­bar als ein ein­zel­ner Info­krie­ger und sein YT-Kanal. Im schlimms­ten Fall blei­ben Akti­vis­ten sogar auf Anwalts­kos­ten sitzen. (Da sie in der Regel keine Info­krie­ger sind, haben sie auch keine Reich­wei­te und Fan­ba­se, die sie zur Unter­stüt­zung auf­ru­fen könn­ten.) Dage­gen ist das Dasein als patrio­ti­scher Lai­en­jour­na­list durch­aus ein­träg­lich. Ist man mone­ta­ri­siert, bringt jeder Klick Geld. Falls nicht, bekommt man ab einer gewis­sen Reich­wei­te mit rela­ti­ver Sicher­heit finan­zi­el­le Unter­stüt­zung durch sym­pa­thi­sie­ren­de Zuse­her. Das Erstel­len von Videos und Arti­keln ist also nicht nur ein­fa­cher, risiko- und stress­frei­er, psy­cho­lo­gisch loh­nen­der und ver­schafft per­sön­li­che Popu­la­ri­tät, es bringt auch keinen Ver­lust, son­dern häufig finan­zi­el­len Gewinn. In vielen Fällen kann man den Info­krieg sogar zum Beruf machen, was beim Akti­vis­mus schwer mög­lich ist.


Damit hat die Gegen­öf­fent­lich­keit dem Akti­vis­mus einen ent­schei­den­den Punkt voraus. Dieser besteht aus unzäh­li­gen Stun­den unsicht­ba­rer, frei­wil­li­ger Arbeit, die weder hono­riert noch ent­lohnt wird. Kein Wunder also, dass ein Trend vom Akti­vis­ten zum Influ­en­cer bemerk­bar ist. Auch im deutsch­spra­chi­gen Raum nähern wir uns daher immer mehr ame­ri­ka­ni­schen Ver­hält­nis­sen an. Der Wider­stand wird zur Show. Nicht jeder Info­krie­ger sendet von seiner Woh­nung aus. Bei jeder Demo schwir­ren dut­zen­de „freie patrio­ti­sche Repor­ter“ mit ihren Sel­fiesticks herum und werden selbst von einer Traube an Fans umschwärmt. Die Zuse­her können auf der COUCH einen POV-Polit­por­no ver­fol­gen, und brau­chen für das Demo­er­leb­nis nicht einmal mehr auf die Straße zu gehen. Eini­ges spricht dafür, dass ver­läss­li­che Live­stream bei Demos dafür Sorge tragen, dass weni­ger Leute auf die Straße gehen.
Statt Aktio­nen setzen Info­kriegs-Influ­en­cer hin und wieder geziel­te Publi­ci­ty Stunts, machen eine Stra­ßen­um­fra­ge, ein „Change my Mind“, ein Stör­ak­ti­on oder einen „Prank“, um die eigene Reich­wei­te und Rele­vanz zu erhö­hen. All das folgt natür­lich keiner Stra­te­gie und keiner Kam­pa­gne. Es soll keine neuen Akti­vis­ten für eine bestehen­de Bewe­gung rekru­tie­ren, son­dern Abos und Klicks gene­rie­ren. Influ­en­cer erschei­nen manch­mal wie Gla­dia­to­ren, die stell­ver­tre­tend für ihre jubeln­den oder buhen­den Zuse­her den poli­ti­schen Kampf führen. Um jeden dieser Info­kriegs­häu­plin­ge bildet sich eine Gruppe an Bewun­de­rern und Unter­stüt­zern wie ein klei­ner Hof­staat. Jeder baut mit seinem eige­nen Dis­cord­ser­ver, seinem eige­nen Patre­on, seinem eige­nen Rund­brief und seinem eige­nen Tele­gram­ka­nal einen klei­nen Kosmos um sich auf, dessen Zen­tral­ge­stirn er selbst ist. Da man als Zuse­her unmög­lich jedem You­Tuber auf Tele­gram folgen, und erst recht nicht jeden finan­zi­ell unter­stüt­zen kann, ent­steht hier wieder eine Kon­kur­renz­si­tua­ti­on. Wie Wrest­ling­s­tars oder Rapper tragen diese Info­kriegs­gla­dia­tio­ren Kon­flik­te und Dramen aus und ver­söh­nen sich wieder. Sie gehen gemein­sam auf Reisen, strea­men mal mit dem dann mit jenem, geben Fea­tures und Shou­touts, arbei­ten hin und wieder lose für eine „Kol­la­bo­ra­ti­on“ zusam­men, aber stehen am Ende nur für sich selbst. Sie sind nicht Teil einer Bewe­gung oder Orga­ni­sa­ti­on, son­dern ein Kon­glo­me­rat aus Ich-AGs.

Wich­tig ist dabei zu ver­ste­hen, dass das nur zu einem gerin­gen Maß ihre Schuld ist. Schuld daran sind nicht sie, son­dern die Mecha­nis­men ihres Gewer­bes. Gäbe es einen ebenso star­ken, domi­nan­ten Akti­vis­mus und zahl­rei­che aktive poli­ti­sche Bewe­gun­gen, könn­ten die Info­krie­ger sogar eine gute Ergän­zung sein. Grund­sätz­lich wider­spre­chen sich beide Rollen nicht. Eine Bewe­gung mit einer meta­po­li­ti­schen Ziel­set­zung, einer klaren Struk­tur und einer guten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie kann und soll sogar Influ­en­cer auf­bau­en und nutzen. Diese dienen dann mit ihrer Reich­wei­te und ihrer Gene­rie­rung von Auf­merk­sam­keit und Unter­stüt­zung jedoch primär der Bewe­gung. Ihre Videos bauen dann nicht sinn­los Emo­tio­nen auf, die im digi­ta­len Nichts ver­puf­fen. Sie wären Teil einer lang­fris­ti­gen meta­po­li­ti­schen Publi­ka­ti­ons­stra­te­gie, die einem meta­po­li­ti­schen, also welt­an­schau­li­chen Ziel folgt. Davon ist aber weit und breit nichts zu sehen. Statt­des­sen gibt es immer mehr Influ­en­cer, die ihre Bericht­erstat­tung und ihre Stuns als neue, zeit­ge­mä­ße Form des Akti­vis­mus betrach­ten, Demos, Kam­pa­ge­nen, Bewe­gun­gen und echtem Basis­ak­ti­vis­mus das Exis­tenz­recht abspre­chen und diesen „Info­krieg“ als Hoff­nung auf eine Wende ver­kau­fen. Diesen Gipfel des Unsinns wollen wir am Ende unse­rer Kritik ins Visier nehmen.



Der impo­ten­te Call to Action 

Der Call to Action oder „CTA“ stammt aus der Spra­che des Mar­ke­ting und bezeich­net den fina­len und zen­tra­len Aufruf den jede Wer­bung, ins­be­son­de­re im digi­ta­len Bereich, ent­hal­ten muss. Der poten­ti­el­le Kunde muss genau wissen was er, nach­dem er in der Bot­schaft emo­tio­nal vor­be­rei­tet wurde, jetzt tun soll um diese geis­ti­ge Lagee­n­er­gie abzu­bau­en. Der CTA muss klar for­mu­liert und sin­gu­lär sein. Er muss optisch auf­fal­len und soll unmit­tel­bar nach Betrach­ten der Bot­schaft durch Klick auf zB. einen Abo- oder Spen­den­but­ton mög­lich sein. Betrach­tet man den gesam­ten Patrio­ti­schen Info­krieg aus der Vogel­per­spek­ti­ve, so stellt er sich als ein ein­zi­ger großer, emo­tio­na­li­sie­ren­der Kom­men­tar zum Gesche­hen dar. Es ist ein gigan­ti­scher Aufbau emo­tio­na­ler Lagee­n­er­gie, die nach Aus­drucks- und Ablei­tungs­mög­lich­kei­ten sucht.
Was poli­tisch pas­siert, ist im Großen jedem klar. Der Info­krie­ger bespricht es im Detail, ver­passt den Fakten ein emo­tio­na­les Set­ting und ent­lässt den Zuse­her nach Betrach­tung seines Inhalts mit Zorn und Taten­drang in den Alltag. Die Videos und Arti­kel kon­zen­trie­ren und beschrei­ben das herr­schen­de Unrecht, sie spit­zen zu, und brin­gen die Gefüh­le in Fahrt. All das ist die opti­ma­le Vor­be­rei­tung für einen CTA. Doch worin besteht er in 90% der Fälle?

Ers­tens in einem Aufruf, den emo­tio­na­li­sie­ren­den Inhalt selbst zu teilen, was nichts ande­res heißt als andere zu emo­tio­na­li­sie­ren. Zwei­tens darin den Kanal zu abon­nie­ren und finan­zi­ell zu unter­stüt­zen, d.h. sicher­zu­stel­len, dass der Info­krie­ger weiter emo­tio­na­le Lagee­n­er­gie auf­bau­en kann, und man keines seiner Info­pro­duk­te ver­passt. All das ist ist ein gigan­ti­scher „Circle Jerk“. Es ist ein sich selbst erhal­ten­der und stei­gern­der Kreis­lauf, der zu nichts führt. Emo­tio­na­le Lagee­n­er­gie wird auf­ge­baut und dann dazu genutzt um noch mehr auf­zu­bau­en, um noch mehr auf­zu­bau­en, usw. Die Masse an Zuse­hern wächst und ebenso wächst ihr Zorn und ihre Unruhe. Die vor­han­de­nen Akti­ons­mög­lich­kei­ten schwin­den aber mit jedem Akti­vis­ten, der die poli­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on auf­gibt und den ver­lo­cken­den Weg des Influ­en­cers ein­schlägt. Kein Wunder, dass sich ins Publi­kum all­mäh­lich ein Gefühl der Ohn­macht ein­schleicht, dass immer häu­fi­ger in blinde Wut auf die vorher unter­stütz­ten und hoch­ge­lob­ten, sog. „Spen­den­pa­trio­ten“ und „Payt­rio­ten“ umschlägt. Diese Wut ist ver­ständ­lich, aber frucht­los und fehl­ge­lei­tet. Die You­Tuber und Blog­ger tun ja genau das, was sie ver­spre­chen, nicht weni­ger und vor allem nicht mehr. Das Pro­blem ist, dass man­gels Alter­na­ti­ven ihr Info­krieg die Rolle einer Stra­te­gie, und ihre Bericht­erstat­tung die Rolle der Aktion ein­neh­men muss. Nicht wenige Influ­en­cer plagt des­we­gen ein schlech­tes Gewis­sen und sie ver­su­chen in fah­ri­gen, mit der heißen Nadel gestrick­ten „Ver­net­zungs-” und „Mit­mach-” Initia­ti­ven einen Schwarm­ak­ti­vis­mus zu evo­zie­ren, der ohne den Aufbau einer echten Bewe­gung mach­bar ist. (All das ist nütz­lich, wün­schens­wert und sinn­voll, aber nur solan­ge es beglei­tend zu einer poli­ti­schen Bewe­gung mit einem kon­kre­ten Ziel geschieht.) Das Pro­blem ist, dass die finan­zi­el­le Unter­stüt­zung für viele Zuse­her eine Art mora­li­scher „Ablass“ und  eine Ersatz­hand­lung für die poli­ti­sche Tat ein­stellt. Der Info­kriegs­gla­dia­tor, tut so als wäre er wirk­lich aktiv und wir dafür von Leuten unter­stützt die so tun als wäre das Akti­vis­mus. Da sich trotz dieser Spen­den aber keine poli­ti­sche Ver­än­de­rung ein­stellt, ver­lie­ren einige lang­sam aber sicher die Geduld. Es ist eine bri­san­te Situa­ti­on.


Opi­ni­on Leader statt Poli­ti­sche Leader

In Deutsch­land gibt es im Moment ein gewis­ses Wider­stands­po­ten­ti­al, das ist nicht zu leugen. Es ist zwar nicht beein­dru­ckend, aber es ist da. Eine Masse an per­so­nel­len, geis­ti­gen und finan­zi­el­len Res­sour­cen. Eine große Gruppe an Men­schen hat sich geis­tig vom System ent­frem­det. Ein Teil von ihr ist zur Tat bereit. Ja, viele davon sind Boomer, ja die meis­ten davon haben keine höhere Bil­dung, sind nicht bele­sen, haben keine krea­ti­ven Fähig­kei­ten, keine Elo­quenz und keinen Mode­ge­schmack. Aber sie sind da. In Deutsch­land bro­delt eine Masse an tat­be­rei­ten Men­schen vor sich hin wie eine che­mi­sche Lösung. Sie wächst und ebenso steigt ihre Tem­pe­ra­tur, doch die “Akti­vie­rungs­en­thal­pie” wird von selbst nicht erreicht.

Es ist in der Tat ein psy­cho­ch­e­mi­sches Poten­ti­al. Liter an Tes­to­ste­ron, Gehirn- und Mus­kel­mas­se, Stun­den an Lebens­zeit, Aus­bil­dung und Lebens­er­fah­rung, Dezi­bel an Stimm­vo­lu­men, Waren­la­ger voller Kame­ras, Dru­ckern, PKWs, Tau­sen­de Hektar an ver­füg­ba­rer Grund­stü­cken, Kon­tak­ten, und Euros liegen brach und bereit. Dieser quan­ti­tai­ven Masse fehlt die qua­li­ta­ti­ve Orga­ni­sa­ti­on. Sie findet kein poli­ti­sches Ziel, auf das sie sich fokus­sie­ren kann. Was dieses Poten­ti­al „von allei­ne“ zustan­de bringt, sieht man täg­lich auf Face­book. Es betreibt ziel­lo­sem Demo-Akti­vis­mus, erstellt häss­li­che Gra­fi­ken und ver­fällt Ver­schwö­run­ges­theo­ri­en. Doch dieses Poten­ti­al wäre womög­lich bereit, sich von „revo­lu­tio­nä­ren Fach­ar­bei­tern” führen, formen und ein­set­zen zu lassen, um die meta­po­li­ti­sche Kli­ma­an­la­ge aus­zu­schal­ten. Statt von Wahl zu Wahl zu hoff­fen, oder von einer Armada an Info­kriegs­gla­dia­to­ren unter­hal­ten und gemol­ken zu werden, könnte eine kri­ti­sche Masse zu meta­po­li­ti­schen Maschi­nen­stür­mern werden. Es könnte ein Weg gefun­den werden, diese geis­ti­ge Kli­ma­an­la­ge kurz­zu­schlie­ßen und zu zer­stö­ren, statt auf eine All­mäh­lich­keit zu setzen und auf ein Wunder zu warten.
Wir wissen nicht, ob das gelingt, denn es hat bisher kaum jemand ver­sucht. Der tat­be­rei­te Teil des deut­schen Pro­test­po­ten­ti­als hat bisher kaum andere Tat­mög­lich­kei­ten als Demo­auf­ru­fe, Spen­den­auf­ru­fe und Peti­ti­ons­auf­ru­fe zur Aus­wahl. Er hat bereits zig­tau­sen­de Euros gespen­det, dut­zen­de Demos besucht und gefühlt hun­der­te Peti­tio­nen unter­schrie­ben. Ein großer Teil dieses Poten­ti­als könnte bald resi­gnie­ren. Ein Teil der bro­deln­den Masse könnte in klei­nen häss­li­chen Blasen der Gewalt und des Ter­rors, explo­die­ren und dem Gegner als Spreng­satz für das bestehen­de patrio­ti­sche Lager dienen.
Leute, die fall­wei­se in der Lage wären, ernst­haft an der Frage der Stra­te­gie zu arbei­ten, und dann diese kri­ti­sche Masse zu orga­ni­sie­ren und zu führen, ver­wei­len im digi­ta­len Grand Hotel Abgrund, oder — schlim­mer — führen diese Masse bewusst oder unbe­wusst an der Nase herum. Gerade die patrio­ti­schen Info­krie­ger haben bereits Gesicht gezeigt, also nichts mehr zu ver­lie­ren. Sie sind in der Regel extro­ver­tiert, elo­quent und medi­en­af­fin. Sie haben auf­grund ihrer Bekannt­heit bereits eine gewis­se Auto­ri­tät, und könn­ten pro­blem­los eine Anzahl an Per­so­nen mobi­li­sie­ren. Jeder der Info­kriegs-Influ­en­cer könnte ohne Schwie­rig­kei­ten zumin­dest in seiner Stadt eine echte patrio­ti­sche Bewe­gung grün­den, um zumin­dest das auf­ge­wir­bel­te Zuschau­er­po­ten­ti­al in seinem Ein­zugs­ge­biet zu orga­ni­sie­ren und zu akti­vie­ren, kurz einen bes­sern Call To Action als den ewigen Spen­de­but­ton bieten. Sollte einer der Kri­ti­sier­ten sich nach der Lek­tü­re dieses Textes dazu ent­schlie­ßen, dann war er jede Zeile wert.