Dieser Arti­kel erschien im Jahr 2013

Why con­ser­va­ti­ves always lose”, so lautet der Titel eines wich­ti­gen Auf­sat­zes von Alex Kur­ta­gic, den auch sein höchst­per­sön­li­cher Kapla­ken­band trägt, der kürz­lich erschie­nen ist. Gleich­mal vorweg: dieses Buch ist eine abso­lu­te Pflicht­lek­tü­re und mit einer der besten Bände der Serie. Martin Licht­mesz ver­gleicht ihn in seinem Vor­wort völlig zurecht mit Armin Mohler und fügt auch eine not­wen­di­ge Begriffs­klä­rung hinzu. Wenn Kur­ta­gic in der Folge das Kon­ser­va­ti­ve dem Tra­di­tio­na­lis­mus gegen­über­stellt, sieht er in letz­te­rem die Essenz und die phi­lo­so­phi­sche Basis allen nicht-ega­li­ta­ris­ti­schen, volks- und kul­tur­be­zo­ge­nen Den­kens. Im Kon­ser­va­ti­vis­mus sieht er hin­ge­gen das, was wir vor allem als Neo­kon­ser­va­ti­vis­mus, Rechts­he­ge­lia­nis­mus und Struk­tur­kon­ser­va­ti­vis­mus kennen. Doch Kur­ta­gics Kritik ist bewusst weit gefasst. Will er damit doch nicht nur ein paar Neo­cons atta­ckie­ren, son­dern die gesam­ten rech­ten, patrio­ti­schen Zusam­men­hän­ge zum Nach­den­ken brin­gen. Er kri­ti­siert typi­sche Miss­ver­ständ­nis­se, ein­ge­fah­re­ne Dogmen und schlech­te Gewohn­hei­ten, die in unse­rem Lager schon viel zu lange gras­sie­ren. Da lacht das Herz der Funken-Redak­ti­on. Wir wollen in der Folge zwei Gedan­ken aus seinem Buch, die uns als beson­ders wich­tig erschei­nen, her­aus­grei­fen, aus­brei­ten und mit Zita­ten unter­le­gen. Das Resul­tat, so hoffen wir, ist, dass unsere Leser gleich nach der Lek­tü­re sofort zur Bestel­lung dieses groß­ar­ti­gen Textes schrei­ten. Wir werden dabei Kur­ta­gics Kritik an der Idee des Kon­ser­va­ti­vis­mus nur strei­fen und uns auf andere Aspek­te, die uns inter­es­san­ter erschei­nen, kon­zen­trie­ren.

Das Herz siegt über den Ver­stand

Kur­ta­gic hat eine beweg­te Geschich­te hinter sich und seine Wur­zeln ver­zwei­gen sich bis nach Spa­ni­en und Slo­we­ni­en. Sein Leben führte ihn durch die ver­schie­dens­ten Länder und die ver­schie­dens­ten beruf­li­chen Metiers. Viel­leicht ist es genau diese absei­ti­ge Stel­lung, die ihm die Fähig­keit zur genau­en Ana­ly­se der Zusam­men­hän­ge gab, in denen er erst recht spät als  Denker  auf­trat. Wir erleb­ten ihn bei der “Iden­ti­tä­ren Kon­fe­renz” in Stock­holm als sym­pa­thi­schen, elo­quen­ten und beschei­de­nen Mann, dessen über­le­ge­nes Ver­ständ­nis vieler Abläu­fe und Zusam­men­hän­ge sich nicht in Arro­ganz und Zynis­mus son­dern güti­gem, wis­sen­dem Lächeln aus­drück­te. Seinen Roman “Mister” haben einige von uns gleich bei Erschei­nen ver­schlun­gen. Wir legen ihn auch hier jedem ans Herz, der plas­ti­sche Schil­de­run­gen und bit­ter­schwar­zen Humor liebt. Auf jeden Fall ist Kur­ta­gic ein sehr emp­find­sa­mer, künst­le­ri­scher Mensch (eine beruf­li­che Etappe von ihm war die Gestal­tung von CD-Covers), der eine Anten­ne für die unsicht­ba­ren, wahren Kraft­strö­me hat, die die Poli­tik leiten und formen. Genau das unter­schei­det ihn ange­nehm von den angel­säch­si­schen Flach­köp­fen, die groß­teils sein Publi­kum bilden und gegen deren posi­ti­vis­tisch-empi­ris­ti­schen Wahn er mit spit­zer Feder anschreibt. Kaum ein Auf­satz aus diesem Sprach­raum kommt ohne wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en oder IQ-Tabel­len aus. Stets wird mit kühler Ratio auf die Wis­sen­schaft ver­wie­sen, die unsere Welt­an­schau­ung stütze und die geg­ne­ri­sche wider­le­ge. Poli­ti­schen Visio­nen oder bewuss­ten, uto­pi­schen Phan­ta­si­en begeg­net man in diesen nüch­ter­nen Gefil­den mit Abscheu oder Arro­ganz. Ein plum­pes Ver­ständ­nis von Poli­tik und Macht, das dem eng­li­schen Krä­mer­geist so tief inne wohnt, ließ die andere Seite jen­seits des Kanals und Atlan­tiks zur meta­po­li­ti­schen Wüste werden. Kur­ta­gic schreibt gegen all das tapfer an. Sein Text ist ein Plä­doy­er für die Vision, die bewuss­te Utopie, den Traum und die Meta­po­li­tik.

Des­halb kann man mit eini­ger Berech­ti­gung sagen, dass der Tag­träu­mer, der die Fähig­keit hat, andere mit seinen Träu­men anzu­ste­cken, ein grö­ße­rer Prag­ma­ti­ker ist als der selbst­er­nann­te, prag­ma­tisch ori­en­tier­te Ratio­na­list, der andere über Ver­nunft zu über­zeu­gen ver­sucht. Der erste ver­steht näm­lich die Irra­tio­na­li­tät der mensch­li­chen Natur und spielt mit ihr, wäh­rend letz­te­rer von abs­trak­ten Men­schen träumt, die stets aus ratio­nal begrün­de­ten Eigen­in­ter­es­sen heraus han­deln. oa S. 18f

Die Unfä­hig­keit zu ver­ste­hen, dass Mythen und Ideen ihr Eigen­le­ben haben und Men­schen ganz und gar erfas­sen können, drückt sich auch in Deutsch­land im ewigen Ver­schwö­rungs­den­ken und der Schel­te der Re-edu­ca­ti­on aus. Anstatt eine Idee und ihre Wir­kung auf andere zu ver­ste­hen und sie emo­tio­nal und ratio­nal zu über­win­den, sucht man, ewig per­so­na­li­sie­rend, nach den Hin­ter­män­nern und sieht als ein­zi­ges Gegen­mit­tel durch Gewalt am Tage X die Macht über die Medien in die Hand zu bekom­men. Auch der Holz­weg des Revi­sio­nis­mus gehört zu diesem fal­schen Prag­ma­tis­mus. Abge­se­hen davon, dass er unleug­ba­re Rea­li­tä­ren aus­blen­det, ver­kennt er, dass wir es mit einem fana­tisch-reli­giö­sen Kultur der eige­nen Schuld zu tun haben, der die schwar­ze Blüte eines jahr­tau­sen­de­al­ten uni­ver­sa­lis­ti­schen Trau­mas ist. (Das erklärt auch, warum er nicht nur in den Ver­lie­rer­staa­ten des 2. WK auf­tritt)

Kur­ta­gic wider­legt diesen anti­in­tel­lek­tua­lis­tisch-antikünst­le­ri­schen Affekt mit anschau­li­chen Bei­spie­len. Würden die Men­schen eher auf ratio­na­le Argu­men­te reagie­ren, so schreibt er, würde die Wer­bung im Fern­se­hen im nüch­ter­nen Ambi­en­te von seriö­sen Schlips­trä­gern mit ver­nünf­ti­gen Argu­men­ten prä­sen­tiert. Doch statt­des­sen zielt die Wer­bung fast aus­schließ­lich auf die Emo­tio­nen ab. Dass ihr Ziel, die immer neue Erwe­ckung von mas­si­vem, sinn­lo­sen Konsum, kein gutes ist, ändert nichts an ihrem durch­schla­gen­den Erfolg. Kur­ta­gic wie­der­holt noch einmal: “Die Inten­si­tät mit der Werte ver­in­ner­licht werden, hat über­haupt nichts mit logi­scher oder wis­sen­schaft­lich kor­rek­ter Prä­sen­ta­ti­on zu tun, son­dern allein mit kunst­vol­len, attrak­ti­ven und ästhe­tisch anspre­chen­den Formen der Ver­mitt­lung, die bei den Rezi­pi­en­ten starke emo­tio­na­le Bewe­gun­gen aus­zu­lö­sen imstan­de sind. Und jeder, der ein Gespür für Popu­lär­kul­tur hat, weiß, dass ihre Macht, extre­me Gefüh­le aus­zu­lö­sen und die Massen zu mobi­li­sie­ren bis zu einem Grade an dem sie gewalt­tä­tig, irra­tio­nal und wider ihre ver­nunft­ge­mä­ßen Eigen­in­ter­es­sen han­deln, nicht unter­schätzt werden darf.” oa S. 24f

Genau hier liegt der Schlüs­sel zu jener Wende, die man seit Jahr­zehn­ten her­bei­sehnt. Sie hängt von einem mobi­li­sie­ren­den Mythos ab, einem Traum, der zur Tat ruft. Kur­ta­gic beschreibt plas­tisch und ein­dring­lich, wie stark Men­schen von den pop­kul­tu­rel­len Strö­mun­gen geprägt werden. Über peer groups gelan­gen sie in bestimm­te Gedan­ken­wel­ten, die sie als nost­al­gi­sche Jugend­träu­me bis zum Ende ihres Lebens prägen.

Die ein­zi­gen Erfol­ge natio­na­ler Kreise in Europa hängen iro­ni­scher­wei­se genau von diesen, unbe­wusst voll­zo­ge­nen, meta­po­li­ti­schen Akten ab, die sich am Rande stra­te­gi­scher und theo­re­ti­scher Irr­we­ge abspiel­ten. Eine bewuss­te und geziel­te meta­po­li­ti­sche Arbeit wurde aus dem von Kur­ta­gic beschrie­be­nen fal­schen Prag­ma­tis­mus und der dog­ma­ti­schen Fixie­rung auf den NS stets unter­las­sen. Auch der vor allem in den Krä­mer­na­tio­nen Eng­land und USA gras­sie­ren­de Bio­lo­gis­mus und Mate­ria­lis­mus spiel­te in der Ver­ach­tung der Ideen, Visio­nen und Träume eine wesent­li­che Rolle. Der eigene Kampf wurde als gene­tisch deter­mi­niert auf­ge­fasst und ver­zwei­felt war­te­te man darauf, dass die Über­frem­dung den gene­tisch pro­gram­mier­ten, xeno­pho­bi­schen Abwehr­re­flex im Volk aus­lö­sen würde. 

Man erkann­te nicht, dass die bio­lo­gi­schen Unter­schie­de der Men­schen selbst eine viel gerin­ge­re Rolle spie­len, als die poli­ti­sche Bedeu­tung, die man ihnen bei­misst. Anders gesagt: der Mythos der allei­ni­gen gene­ti­schen Deter­mi­na­ti­on ist es, der diese Leute antreibt, nicht die Gene­tik selbst. Dass der Mensch sich auch gegen seine Triebe und gegen die von der Natur indi­zier­ten Fakten ent­schei­den kann, zeigen die Mil­lio­nen Euro­pä­er, die heute frei­wil­lig und lust­voll auf Fort­pflan­zung und Revier­ver­tei­di­gung ver­zich­ten. Sie tun das, weil eine fremde und gif­ti­ge Idee von ihnen Besitz ergrif­fen hat und ihren Geist besetzt hält. Dies ist das Schlacht­feld der Meta­po­li­tik, das viele Ras­sen­rea­lis­ten als Kin­de­rei, als belang­lo­se soft-sci­ence abtun. Ihre Prag­ma­tik ist eine Illi­si­on, weil sie die Macht von Illu­sio­nen nicht aner­kennt. Ihnen fehlt ein tiefer Schluck aus dem Brun­nen Nietz­sches, um so zu denken wie Kur­ta­gic oder Faye. Mit der Erkennt­nis, dass jede Wahr­heit letz­lich eine Illu­si­on ist und dass wir hier nur gute, not­wen­di­ge lebens­stei­gern­de und welt­ver­nei­nen­de, deka­den­te, schlech­te Illu­sio­nen unter­schei­den können, ändert auch die poli­ti­sche Agi­ta­ti­on total. Anstatt auf die magi­sche Kraft der eige­nen empi­ri­schen Daten zu ver­trau­en, sich an IQ-Tabel­len und gene­ti­sche Ana­ly­sen zu klam­mern, über­denkt man deren Wir­kung. Anstatt krampf­haft und im schlech­tes­ten Sinne kon­ser­va­tiv an bestimm­ten Sym­bo­len, Stra­te­gi­en und natio­na­len Mythen fest­zu­hal­ten, erkennt und bejaht man ihre Geschaf­fen­heit und Zeit­ge­bun­den­heit. Hero­isch-sub­jek­ti­vis­tisch erzählt man sie weiter oder schafft sich neue Geschich­ten, so Kur­ta­gics Appell zur bewaff­ne­ten Ästhe­tik:

Ich behaup­te, dass die man­geln­de Glaub­wür­dig­keit unse­rer Werte und Ideale außer­halb unse­res unmit­tel­ba­ren Milieus zum Teil mit dem Mangel an pro­fes­sio­nell aus­ge­führ­ten ästhe­ti­schen Kon­zep­ten zu tun hat, die unse­ren meta­po­li­ti­schen Ideen eine adäqua­te Form geben und unsere Ideen auf eine leben­di­ge, zeit­ge­mä­ße und (da die Men­schen Hoff­nung und Ver­än­de­rung brau­chen) vor allem eine zukunfts­ge­rich­te­te Weise neu for­mu­lie­ren.” oa S. 28

Getreu dem Titel seines Buches ortet Kur­ta­gic das wahre Pro­blem in den eige­nen Reihen und umreißt eine bestimm­te — leider allzu häu­fi­ge — Figur des Kon­ser­va­ti­ven als Haupt­grund für unser Schei­tern. Ein prag­ma­ti­scher, mate­ria­lis­ti­scher Schmal­spur­geist, voll anti­re­li­giö­ser und anti­in­tel­lek­tua­lis­ti­scher Res­sen­ti­ments, der mit Inbrunst glaubt, Macht käme nur aus den Geweh­ren, Kultur nur aus den Genen, Meta­po­li­tik sei Fir­le­fanz und Mul­ti­kul­ti müsse man natur­wis­sen­schaft­lich wider­le­gen; diese Loser­ty­pen sind es, die nie­mals zum wahren Kern unse­rer Welt­an­schau­ung vor­ge­drun­gen sind und mit ihrem Dog­ma­tis­mus die Bewe­gung in einem leeren, abge­stor­be­nen Trakt fest­set­zen. Ihre Gering­schät­zung von Visio­nen und Ideen erkennt Kur­ta­gic klar als Krank­heits­sym­pto­me der Moder­ne. Lange bevor die IB das Licht der Welt erblick­te, schrieb er: “Man wird nach sinn­stif­ten­den Sym­bo­len suchen, nach uto­pi­schen Tag­träu­men, nach neuen Formen der Roman­tik, nach etwas, das Ord­nung und Kraft aus­strahlt, das sich aus dem Chaos her­aus­hebt und dem Ein­zel­nen das Gefühl gibt, Teil von etwas Kraft­vol­lem und Mäch­ti­gem zu sein. Diese Vision mag nun über­trie­ben klin­gen aber ihre Anfän­ge liegen näher als man glaubt: In der Tat begin­nen sie mit Stift und Papier, mit Pinsel und Lein­wand, mit Gitar­re und Plek­trum; sie grün­den auf der Fan­ta­sie, die diese Uten­si­li­en mit Leben erfüllt.” oa S. 30

Es geht um die Moral. Wir sind die Guten!

Eigent­lich könnte man mit diesen pro­gram­ma­ti­schen Worten diese Rezen­si­on been­den. Doch noch ein wich­ti­ger Gedan­ke, den Kur­ta­gic in einem wei­te­ren Auf­satz auf­führt, ver­langt es, vor­ge­stellt zu werden. Es geht um ein Thema, das den Autor und auch uns vom Funken seit langem tief beschäf­tigt. Schon bei seinem Vor­trag in Schwe­den spiel­te es eine zen­tra­le Rolle. Es geht um die Frage der Moral und die Frage des Guten, die zuletzt eine Frage der Reli­gi­on ist. Kur­ta­gic knüpft dabei an das oben Beschrie­be­ne an. Der Typ des fal­schen Prag­ma­ti­kers und kon­ser­va­ti­ven Losers ver­steht nicht, dass die Men­schen nicht auf dröbe Fakten son­dern Emo­tio­nen und Ästhe­tik reagie­ren. Auf­grund seines feh­len­den Gespürs für Ideen und Meta­po­li­tik erkennt er auch das wahre Wesen der herr­schen­den Ideo­lo­gie nicht. Sie ist eine Zivil­re­li­gi­on, die ihre fana­ti­schen Gläu­bi­gen, ihre satu­rier­ten Hohe­pries­ter und ihre gelang­weil­ten Tauf­schein-Kirch­gän­ger hat. Ihre Grund­idee ist der totale Ega­li­ta­ris­mus, der sich in einem glo­ba­lis­ti­schen Uni­ver­sa­lis­mus äußert. Ungleich­heit, Gren­zen, Bewah­rung und Ver­tei­di­gung des Eige­nen sind dieser Reli­gi­on ein Gräuel. Jede exklu­si­ve orga­nisch gewach­se­ne Gemein­schaft ist für sie das mani­fes­tier­te Böse.

Diese Grund­hal­tung ist es, mit der die meis­ten Bürger so gut wie auch alle Intel­lek­tu­el­len ihre Wahr­neh­mung fil­tern. Sie bildet die meta­po­li­ti­sche Schwer­kraft, von der wir so oft schrei­ben. Die Begrif­fe “gut” und “böse” sind die Pole dieses Kraft­fel­des und die Herr­schaft über sie gehört unse­ren Geg­nern. Des­halb sind wir immer in die Defen­si­ve gedrängt, des­halb ist jeder Schritt von uns ein Kraft­akt gegen eine feind­li­che Stei­gung. Gegen den Panzer der ega­li­ta­ris­ti­schen Grund­mo­ral pral­len alle Fakten, alle Tat­sa­chen, alle Sta­tis­ti­ken und ratio­na­len Argu­men­te ab wie Sand­kör­ner. Der geis­ti­ge Kampf um den Westen dreht sich also nicht um Wahr­heit oder fak­ti­sche Genau­ig­keit, son­dern um die Basis­über­zeu­gun­gen und Wert­vor­stel­lun­gen, die unsere Inter­pre­ta­tio­nen und Wirk­lich­kei­ten formen. Es geht nicht um Fakten son­dern um Gefüh­le, die die Fakten in uns aus­lö­sen und die Gründe, warum die Men­schen so fühlen und nicht anders. Genau hier liegt unser eigent­li­ches Schlacht­feld. oa. 66f

Bevor man mit ratio­na­ler Argu­men­ta­ti­on kommen kann, muss man den Panzer der Ideo­lo­gie geknackt haben. Man muss erkannt haben, warum und wieso das Gegen­über nicht WILL, dass die Welt so ist wie sie ist. Bevor man diesen gif­ti­gen Sta­chel nicht erkannt und her­aus­ge­zo­gen hat, ist jede Über­zeu­gungs­ar­beit sinn­los und bohrt ihn oft nur noch tiefer ins Fleisch. Man muss das ideo­lo­gi­sche Schwe­re­zen­trum des Geg­ners orten und atta­ckie­ren, erst dann wird er zugäng­lich für die empi­ri­sche Unter­füt­te­rung. Dieser Gegner, von dem Kur­ta­gic spricht, ist die intel­lek­tu­el­le Elite, die libe­ra­lis­tisch, uni­ver­sa­lis­tisch und ega­li­ta­ris­tisch ist. Sie pfle­gen, erhal­ten und erneu­ern den ega­li­ta­ris­ti­schen Mythos und mit ihm die meta­po­li­ti­sche Schwer­kraft. Sie ziehen, weil sie als die Guten und Intel­lek­tu­el­len gelten, ihrer­seits ehr­gei­zi­ge, begab­te und kri­ti­sche Jugend­li­che an. Allein durch ihre mora­li­sche Hege­mo­nie ist die herr­schen­de Ideo­lo­gie unum­gäng­lich für alle, die einen hohen sozia­len Status errei­chen wollen. Kur­ta­gic schreibt:
“Ver­hal­ten, das als unmo­ra­lisch wahr­ge­nom­men wird, führt zur Abwen­dung von Fami­lie und Freun­den, zur Abwen­dung von sozia­len Indi­vi­du­en mit Hoch­sta­tus, zum Ver­lust der sozia­len Stel­lung, zu Schuld­ge­füh­len, Scham und Zorn. Die Folge davon ist, daß man das Spiel mit den Fakten nicht gewin­nen kann.” oa 76

Der Kampf dage­gen ist in erster Linie eine Atta­cke auf ihre Idee von Moral und Wahr­heit. Man muss die feind­li­che Welt­an­schau­ung durch­leuch­ten, begrei­fen und als falsch, schlecht, unmo­ra­lisch, dumm und vor allem lächer­lich ent­lar­ven. Das erreicht man aber nicht durch plumpe popu­lis­ti­sche Hetz­kam­pa­gnen ala “Gegen Kin­der­schän­der”, “Gegen Tür­ken­gangs”, usw. Man erreicht es nur indem man die eigene Idee als die eigent­lich wahre und gute auf­weist. Da die rech­ten Zusam­men­hän­ge der letz­ten Jahr­zehn­te zwi­schen dog­ma­ti­scher NS-Ver­klä­rung und welt­an­schau­ungs­lo­sem Rechts­po­pu­lis­mus beweg­ten, änder­te sich auch hier nichts. Die poli­ti­sche Moral ist in Stein gemei­ßelt. Man findet sich ent­we­der mit der Rolle des Bösen ab und genießt sie, oder man unter­wirft sich der mora­li­schen Hege­mo­nie der uni­ver­sa­lis­ti­schen Ideen indem man sie als “kon­ser­va­ti­ver Rea­list” als schöne Utopie abtut, aber ihre Ver­wirk­li­chung bezwei­felt.

Nein, wir müssen weiter gehen! Wir müssen mit Oswald Speng­ler sagen lernen: Die Idee der einen Welt, der einen Mensch­heit, des Welt­frie­dens, des einen Men­schen­ty­pus, des einen Welt­mark­tes, des einen Welt­staa­tes und der einen Welt­kir­che ist ein Traum — und nicht einmal ein schö­ner!  Kur­ta­gic beschreibt die herr­schen­de libe­ra­lis­ti­sche Moral als Säku­la­ri­sie­rung des christ­li­chen Men­schen­bil­des. (Der Uni­ver­sa­lis­mus der Ver­nunft, der sich in einer kon­for­mis­ti­schen Revol­te dia­lek­tisch gegen den Uni­ver­sa­lis­mus der Reli­gi­on auf­bäum­te. Welt­kir­che wurde zur Welt­re­pu­blik. Statt dem welt­fer­nen ein­zi­gen Gott der Offen­ba­rung und seiner inter­na­tio­na­lis­ti­schen Herde wurde das welt­fer­ne abs­trak­te Indi­vi­du­um [das ans cogi­tans] und das Mensch­heits­kol­lek­tiv zum Sub­jek­tiv der Geschich­te) Sie hat einen rechts­kon­ser­va­ti­ven und einen links­pro­gres­si­ven Strang, die um die Grund­idee der Frei­heit als totale Bin­dungs­lo­sig­keit des Ein­zel­in­di­vi­du­ums krei­sen. Die Ent­wick­lung dieser Grund­idee in der Zeit bildet ihre gemein­sa­me linea­re Geschichts­be­trach­tung, um deren Deu­tungs­ho­heit sie sich strei­ten. Neo­cons und Mar­xis­ten gehen hier Hand in Hand, in Zwie­tracht ver­eint auf ein gemein­sa­mes Ziel zu.

Beide gemein­sam schlie­ßen alle, die kein ega­li­ta­ris­ti­sches Men­schen­bild, kein linea­res Zeit­ver­ständ­nis, keinen uni­ver­sa­lis­ti­schen Wahr­heits­be­griff und keine Ambi­tio­nen auf Welt­he­ge­mo­nie haben, als böse aus. Kurz alle, die an exklu­si­ven und ein­zig­ar­ti­gen Gemein­schaf­ten und ihren Kul­tu­ren fest­hal­ten und sie zen­tral für ihre Welt­an­schau­ung machen, sind indis­ku­ta­ble Hetzer; rück­stän­dig, dumm, unauf­ge­klärt und unmensch­lich. Bei ihnen stellt sich nicht die Frage, ob son­dern wie man sie am besten bekämp­fen soll. (Als media­les Para­de­bei­spiel für die Bös­ar­tig­keit dieser Idee und als unschlag­ba­re Super­waf­fe der herr­schen­den Ideo­lo­gie gegen sie dient das Gespenst des NS, das ein fixer Bestand­teil im Gru­sel­ka­bi­nett der Moder­ne gewor­den ist. Mit ihm wird allen, die nach einem Ausweg suchen, eine Schein­lö­sung ange­bo­ten, die stra­te­gisch und theo­re­tisch tot ist. Er ist die Attrap­pe eines Not­aus­gang aus der Moder­ne, die eigent­lich eine Fall­tür in eine ihrer ver­dräng­ten Aus­buch­tun­gen ist. Wir haben das bereits in vielen Arti­keln ange­deu­tet und werden es bald im Spe­zi­el­le­ren aus­füh­ren.)

Wir müssen, so Kur­ta­gic, aus dem mora­li­schen Spiel des Wes­tens aus­stei­gen und auf künst­le­ri­sche, mit­rei­ßen­de Art und Weise zeigen, dass unsere Welt­sicht der Viel­falt, der tau­send Welten, Pla­teaus und Kul­tu­ren, schö­ner, aben­teu­er­li­cher, wahrer und besser ist. Wir müssen zeigen, warum das uni­ver­sa­lis­ti­sche Pro­jekt nicht nur an der Rea­li­tät vor­bei­geht, son­dern auch in sich unlo­gisch und seine Uto­pi­en nicht wün­schens­wert sind. Wir müssen den letz­ten Sta­chel des Uni­ver­sa­lis­mus, des Hasses auf Unbe­stimm­tes, Mythi­sches, auf den Tod und den Schmerz und damit einen Teil der Welt ziehen. Wir müssen auf den Selbst­hass und den Schuld­kult ein­ge­hen und ihn in einer Art meta­po­li­ti­schen Volks­the­ra­pie heilen und über­win­den. Dazu müssen wir als Aus­druck und Ent­ber­gung eines bestimm­ten Wesens der Welt und des Men­schen ver­ste­hen, ernst nehmen und tran­szen­die­ren (Dugin deutet das mit dem Bezug auf Husserl und das radi­ka­le Sub­jekt in seinem Grund­la­gen­werk der 4. poli­ti­schen Theo­rie an). “Trotz­dem Ja zum Leben sagen” — das ist die Bot­schaft, die wir unse­ren vom Uni­ver­sa­lis­mus und Eth­no­ma­so­chis­mus zer­fres­se­nen Schick­sals­ge­nos­sen brin­gen müssen; ihnen das Schlech­te und Bös­ar­ti­ge ihrer Ideo­lo­gie bewusst zu machen,

Diese Mam­mut­auf­ga­be ist ein meta­po­li­ti­sches Pro­jekt, das auf dem Feld der Lite­ra­tur, der Kunst, der Phi­lo­so­phie und des poli­ti­schen Akti­vis­mus aus­ge­foch­ten wird. Es ist die Schaf­fung einer neuen Moral, einer neuen Bestim­mung von Wahr­heit, Zeit, Mensch und Welt. In einem bemer­kens­wer­ten Absatz beschreibt Kur­ta­gic die abso­lu­te Not­wen­dig­keit dieser geis­tig-mora­li­schen Grund­la­gen für jede poli­ti­sche Bewe­gung. “Jede Bewe­gung, die sozia­le Ver­än­de­rung bewir­ken will, ope­riert auf ver­schie­de­nen, hier­ar­chisch gege­lie­der­ten Ebenen, die ein not­wen­di­ges Ganzes bilden. An der Spitze stehen die Denker, denn diese beein­flus­sen die Stra­te­gen, die wie­der­um die Orga­ni­sa­to­ren beein­flus­sen, und diese wie­der­um die Aki­vis­ten, die sich an den Mann auf der Straße wenden. Ein Slogan auf einem Plakat, ein über­zeu­gen­des Schlag­wort, ja sogar ein Molo­tow­cock­tail und ein kon­kre­tes phy­si­sches Ziel haben alle­samt eine Theo­rie hinter sich, destil­lie­ren sich aus kom­ple­xen Kon­zep­ten und Wert­vor­stel­lun­gen, die einer abs­trak­ten Ebene ent­stam­men. Mil­lio­nen Worte werden geschrie­ben, ehe ein Spruch­band aus­ge­rollt wird, ein Schlag­wort in einer Dis­kus­son auf­taucht, oder eine Fla­sche mit Benzin gefüllt wird. Der Ran­da­lie­rer mit der Sturm­müt­ze auf dem Kopf ver­steht ver­mut­lich kein ein­zi­ges Wort der theo­re­ti­schen Texte, die die intel­lek­tu­el­le Basis seiner poli­ti­schen Bewe­gung bilden. Den­noch wird er durch die in seinem Milieu absor­bier­ten Worte, Gefüh­le und Hal­tun­gen instink­tiv wissen, wel­ches Ziel sein Molo­tow­cock­tail tref­fen soll, und warum es genau dieses und kein ande­res sein muss.” oa S. 77

Der Autor kommt allen übli­chen Ein­wän­den gegen Theo­rie, Stra­te­gie und Meta­po­li­tik zuvor. Dass keine Zeit für einen Marsch durch die Insti­tu­tio­nen und lang­wie­ri­ges Theo­re­ti­sie­ren sei, weil Selbst­ab­schaf­fung und Eth­no­zid des Westen so schnell von­stat­ten gingen, weist er zurecht zurück. Wie wir in vor­an­ge­gan­ge­nen Arti­keln beschrie­ben haben, ist diese Argu­men­ta­ti­on ein Ste­cken­pferd der anti­stra­te­gi­schen, dau­er­pa­the­ti­schen Tag-X-Frak­ti­on, deren jahr­zehn­te­lan­ge stra­te­gi­sche Igno­ranz erst die Umstän­de zuge­las­sen hat, die sie heute mit noch mehr Igno­ranz bekämp­fen wollen. Das ist so, als würde man bei einem Schiff, das tage­lang ohne Steu­er­mann und mit gereff­ten Segeln trotz unko­or­di­nier­tem Her­um­ge­ru­de­re auf ein Riff zuge­trie­ben wäre, im Ange­sicht des Riffs nicht sofort das Steuer her­um­rei­ßen und die Segeln setzen, son­dern noch ver­bis­se­ner wei­ter­pfu­schen. Den Ein­wand, dass Meta­po­li­tik eine unnö­ti­ge Neu­erfin­dung des Rades wäre, kon­tert Kur­ta­gic mit einer Atta­cke. Frei­mü­tig gesteht er — und wir pflich­ten ihm bei: Nichts ande­res sind Meta­po­li­tik und Kultur. Es ist die immer neue Anknüp­fung an die eth­no­kul­tu­rel­le Iden­ti­tät, das ewige Krei­sen um den glei­chen Kern. Das ist kein Argu­ment gegen, son­dern eines für die schöp­fe­ri­sche Zer­stö­rung und Erneue­rung. Auch in jedem Fern­seh­kri­mi geschieht im Grunde immer wieder das Glei­che. Doch die erzäh­le­ri­sche Aus­ge­stal­tung erschafft jedes Mal aufs Neue Span­nung und fes­selt die Zuse­her.

Das ganze Büch­lein ist im Grunde ein Aufruf, unse­ren poli­ti­schen Kampf wie eine Geschich­te zu erzäh­len und wie ein Aben­teu­er zu leben. Diese Erzäh­lung muss so mit­rei­ßend, so tief­grün­dig, so pro­fes­sio­nell ver­mit­telt und so ästhe­tisch aus­ge­drückt sein, dass sie alle in ihren Bann zieht und jeder wissen will, wie sie weiter geht. Nur auf diese Art schaf­fen es auch unter­drück­te und an den Rand gedräng­te Ansich­ten, wie unsere, eine breite Wir­kung zu erzeu­gen. Die kon­ser­va­ti­ven Loser, die Kur­ta­gics Auf­sät­ze tref­fen wollen, sind neben den Neo­kon­ser­va­ti­ven und Mitte-Rechts­par­tei­en, jene Flach­köp­fe, denen das künst­le­ri­sche Gespür für die Meta­po­li­tik fehlt und die der Geburt eines neuen Mythos im Wege stehen. Seine Worte klin­gen im heu­ti­gen Licht wie eine pro­phe­ti­sche Beschwö­rung der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung. Sein Ruf nach einer pro­fes­sio­nel­len, zeit­ge­mä­ßen Ver­brei­tung und nach Bezü­gen auf die aktu­el­le Pop­kul­tur wurde von ihr in nie dage­we­se­ner Form beant­wor­tet. Und sein (und unser) zen­tra­les Anlie­gen, die herr­schen­de Moral zu bre­chen und eine Neu­be­wer­tung der Idee der Viel­falt zu errei­chen, scheint auch in zen­tra­les Anlie­gen dieser jungen Bewe­gung zu sein. Ohne große Theo­rie und Über­le­gun­gen ist die Parole “Wir sind die Guten!” (natür­lich leicht iro­nisch gebro­chen wie es zum Stil der IB gehört) oft im Umfeld der IB zu hören. Vor allem aber macht ihr plötz­li­ches Auf­tre­ten, ihre Neu­ar­tig­keit in Inhalt und Sym­bo­lik Lust darauf zu erfah­ren, wie es mit ihr wei­ter­geht. Zu einer tra­di­tio­nal-wer­te­kon­ser­va­ti­ven Hal­tung kommt bei ihr eine gehöre Prise Witz, Revo­lu­ti­on und Pop. Loser sehen anders aus und wir dürfen gespannt sein. Jedem Iden­ti­tä­ren und jedem, der es werden möchte, sei hier­mit dieser Kapla­ken-Band ein­dring­lich ans Herz gelegt. Wer in Zukunft über Meta­po­li­tik mit­re­den will, sollte ihn gele­sen haben.