Es fehlt Iden­ti­tät. Man nahm sie uns, so denken wir. Was aber, wenn Iden­ti­tät aus unver­rück­ba­ren Basen wächst? Was, wenn es nur einen Blick bräuch­te, um „[…] anfäng­li­cher den Anfang anfan­gen“1 zu lassen? Dann wäre Iden­ti­tät nicht genom­men, son­dern ledig­lich ver­deckt. Es bräuch­te nur die Kraft, den Kopf zu drehen. Die zu sehen, die mit uns dasit­zen und die Schat­ten an der Wand für die Rea­li­tät halten. Die zu sein, die — im Sinne des pla­to­ni­schen Höh­len­gleich­nis­ses — den Mut haben, auf­zu­ste­hen und in Rich­tung Licht zu gehen.

 

Es ginge bei einer sol­chen Reise aber nicht darum, nur zu sehen. Womög­lich bei ande­ren Schat­ten hängen zu blei­ben oder gar selbst ein Schat­ten­ma­cher zu werden. Son­dern darum, ins Licht zu kommen. Im Licht gibt es keinen Schat­ten mehr. Das Licht lich­tet, es lässt die Lich­tung ent­ste­hen. Das heißt, dass es nicht blind macht oder blen­det. Es ist gleich­sam in (!) dieser Welt. Es erscheint — oder, wie Hei­deg­ger sagen würde, es ent­birgt aus der Ver­ber­gung.

 

Licht und Kehre gehö­ren zusam­men, denn wir müssen kehrt­ma­chen, uns dem zuwen­den, das ver­deckt wurde. Gemeint ist hier ein Anfang, der der unsere ist. Hei­deg­ger ent­fal­tet hier auch sein zen­tra­les Credo: die Seins­ver­ges­sen­heit.

 

Die Umkehr ist jene Kehr, durch die wir uns eigens und damit eins­tig dem Licht­strahl zukeh­ren, der uns das eigene Wesen zeigt.“2

 

Im ersten Drit­tel des 20. Jahr­hun­derts, geprägt von Nietz­sche und dessen Lebens-, Dyna­mik- und  Wil­lens­me­ta­phy­sik, beschreibt die Kehre einen Para­dig­men­wech­sel. Es geht Hei­deg­ger um die im Zeit­al­ter des Rela­ti­vis­mus in Abrede gestell­te Wahr­heit, aller­dings eine, die aus dem Sein erwächst. Die Wahr­heit zeigt sich in einem Gesche­hen — nicht mehr, nicht weni­ger und nicht zu ver­wech­seln mit einem nietz­schea­nisch moti­vier­ten Hero­is­mus der Tat.

 

Auch die Unter­schei­dung in Sein und Dasein (onto­lo­gi­sche Dif­fe­renz) falle einer Ver­wüs­tung durch den Willen zum Willen zum Opfer:

Die Kehre in ihrem vollen Wesen kehrt zurück, näm­lich vom Aus­gang in die Unter­schei­dung, die sich im Sein als Sei­end­heit zum Unwe­sen ver­lau­fen hat.3“

Die Kehre er-eignet (man achte auf das Eigene in diesem Begriff) also die Wahr­heit. Aller­dings ver­kop­pe­le sie diese nicht mit dem Seins­ge­sche­hen, son­dern stifte „[…] die auf­ge­hen­de Lich­tung ihrer selbst.“4

 

Der Mensch wird nicht aus dem Seins­ge­sche­hen her­aus­ge­bucht. Er bleibt ver­bun­den:

Alles Seyn ist Da-seyn.“5

Dasein aller­dings erschöp­fe sich nicht im Sei­en­den. Hier zeigt sich Hei­deg­gers Alter­na­ti­ve zur her­kömm­li­chen Meta­phy­sik, denn das Sein stif­tet zunächst ein Ver­hält­nis, näm­lich das Er-eignis einer Lich­tung, als Wesung der Wahr­heit.Diese Alter­na­ti­ve wird in der Folge aus­buch­sta­biert und mit neuen Begrif­fen hin­ter­legt. Eine Metho­de, die Hei­deg­ger bewusst nutzt, um aus kon­di­tio­nier­ten Mus­tern her­aus­zu­fin­den: Nicht Unter­schei­dung, son­dern Ver­win­dung, nicht Seiendes/Seiendheit, son­dern Dasein/Mensch flan­kie­ren das Zwi­schen der Lich­tung, in der die Kehre in den Anfang das Sein grün­det.

 

Wenn die Unter­schei­dung im Seins­ge­sche­hen durch die Ver­win­dung ersetzt wird, so auch das dia­lek­ti­sche Prin­zip durch ein „Krei­sen­las­sen im Ereig­nis“6. Seins­ge­schicht­li­ches Denken mache es mög­lich, das Dasein in seiner Ein­zig­ar­tig­keit zu erfah­ren. Das Ereig­nis sei: „[…] anfäng­li­cher als das Wesen des Men­schen und ist doch nicht das volle Wesen des Seyns selbst.“7

 

Das Ereig­nis über­eig­ne in das Wesen der Wahr­heit. Wie­der­um zeigt Hei­deg­ger damit seinen „drit­ten Weg“ zwi­schen pas­si­vem Men­schen­ge­schöpf und auto­no­men Schöp­fer­sub­jekt auf: „Das Sein fängt an und dies wesen­haft: Es ist der eig­nen­de Anfang. Das Ereig­nis erlich­tet die Lich­tung des Anfangs.“8 Die Kehre wie­der­um stehe hier­für.

 

Die Über­tra­gun­gen in das Poli­ti­sche fallen der­ge­stalt aus. So gehe es auf dem Weg zu einem ande­ren Anfang um die Mög­lich­keit, dem Dasein im oben beschrie­be­nen Sinne als „[…] geschicht­li­che —geschichts­grün­den­de — volk-bil­den­de Grund­macht“9  zur Ent­fal­tung zu ver­hel­fen. Der Weg zum Sein gelän­ge also über Kehre zum Dasein: „Die Kehre in ein­an­der im Inein­an­der der Kehre wesend. Der ursprüng­lichs­te Sprung. Die Blitz­ar­tig­keit und Augen­blick­lich­keit (Zeit) (Raum) des Seins“.10

 

In den „Anmer­kun­gen“ erteilt Hei­deg­ger denn auch fol­ge­rich­tig demo­kra­ti­schen oder faschis­ti­schen Idea­len Absa­gen — dezi­diert auch poli­ti­scher Erzie­hung, maß­lo­ser Lehr­haf­tig­keit und mora­li­scher Bevor­mun­dung. Er plä­diert hin­ge­gen für das: „[…] wofür unser ver­bor­ge­nes Wesen von eins­ther gebraucht und geru­fen ist, wel­ches Wesen sich aus dem Seyn selbst bestimmt.“ 11

 

Klar ist für ihn, dass unser Wesen nicht in unse­rer Macht liegt. Es sei uns immer schon auf­ge­tra­gen und habe nichts mit Ideo­lo­gie zu tun. Man könne es erfah­ren im Andenken und dieses stehe in Ver­bin­dung mit Geden­ken und Gedächt­nis. Letz­te­res sei das „ereig­nen­de Eigen­tum des Ereig­nis­ses“.12 Was geden­ken, mag sich viel­leicht der ein oder andere Leser fragen. Lassen wir auch hier noch einmal Hei­deg­ger direkt ant­wor­ten:

Auf dem Steg blei­ben und anfäng­li­cher erfah­ren [spüren]: das Ein­zi­ge des Ereig­nis­ses wohnt nur in der Heimat.“13

 

 

Fuß­no­ten


1) Hei­deg­ger Gesamt­aus­ga­be „GA“, Bd. 97, S. 21

2) GA 97, 35

3) GA 71, 139

4) GA 71, 140

5) GA 71, 140

6) GA 71, 141

7) GA  71, 189

8) GA 71, 147

9) GA 71, 92

10) GA 71, 273

11) GA 97, 44

12) GA 97, 49

13) GA 97, 60