Jeder Funken-Leser hat wohl schon einmal von Julius Evola gehört, manche viel­leicht sogar schon ein paar Texte oder gar ein Buch gele­sen. Der Baron gehört seit Jahr­zehn­ten zu den großen Ide­en­ge­bern alter­na­ti­ver rech­ter Grup­pen und Denker. Er ist eine Kult­fi­gur gewor­den, prangt auf T-Shirts, geis­tert durch die social net­works und wird auf den Ober­arm täto­wiert. Ja, sein Status als Ikone kommt mitt­ler­wei­le fast dem Nietz­sches gleich und über­trifft ihn bis­wei­len. Grund dafür ist sicher auch, dass der später gebo­re­ne Evola, anders als Nietz­sche, poli­tisch „aktiv“ war.
 

Baron Giulio Cesare Andrea Evola, so sein voller Name, ver­folg­te von seinem supra­po­li­ti­schen Stand­punkt aus stets mit großem Inter­es­se das Zeit­ge­sche­hen. Als pola­ri­sie­ren­der Intel­lek­tu­el­ler oszil­lier­te er zwi­schen Mus­so­li­ni und der SS, zwi­schen eso­te­ri­schen Zir­keln und poli­ti­schen Think-Tanks, ohne sich dabei voll­kom­men hin­zu­ge­ben oder ein­zu­glie­dern. Ein Grund dafür: Evolas Denken war und ist wesent­lich radi­ka­ler als die Staats­dok­tri­nen des faschis­ti­schen Ita­li­en oder NS-Deutsch­lands. Er ist, wie Jona­than Bowden in einem emp­feh­lens­wer­ten Vor­trag über Evola poin­tiert for­mu­lier­te, „der radi­kals­te Rechte aller Zeiten“. Sein Ein­fluss auf die Neue Rechte ist kaum zu unter­schät­zen. Alex­an­der Dugin schreibt gar:

 

In 20 Jahren werden wir hören, dass Hitler und Mus­so­li­ni poli­ti­sche Figu­ren waren, die in der Ära von Evola und Hei­deg­ger lebten (….)“

 

Alles Grund genug sich auch jen­seits pop­pi­ger Gra­fi­ken und mar­ki­ger Sprü­che mit dem Baron zu beschäf­ti­gen. Doch zuvor eine War­nung: Dieser Text ist von keinem aus­ge­mach­ten Evola-Exper­ten ver­fasst. Mehr als eine kur­so­ri­sche Annä­he­rung an sein Werk — aus einer ganz per­sön­li­chen Per­spek­ti­ve — kann und soll er nicht dar­stel­len.

 

Mein Weg zu Evola

 

Meine Evola-Lek­tü­re begann vor meh­re­ren Jahren, als ich noch teil­wei­se im Bann eines Den­kens stand, das von Rosen­berg, Eggers und einem Nietz­sche ala Krieck, Härtle und Bäum­ler stand. Mit Miss­trau­en schiel­te ich auf den Faschis­mus, der mir als „typisch roma­ni­sche Über­be­to­nung der Form“, als anti­völ­ki­scher Staats­kult suspekt war. Der „inte­gra­le Tra­di­tio­na­lis­mus“ war in meinem Denken eben­falls mehr eine Chi­mä­re, die ich wegen ihrer Apo­li­tik und ihrem ver­mu­te­ten Fata­lis­mus ver­ach­te­te. Mit Guil­lau­me Fayes Archäo­fu­tu­ris­mus als Schlag­wort und einem fröh­lich-fre­chen Vol­un­ta­ris­mus frei nach Jünger und Nietz­sche wisch­te ich diese großen Gedan­ken­ge­bäu­de ein­fach bei­sei­te. Sie wurden mir zu bloßen Aus­drü­cken einer bestimm­ten Psy­cho­lo­gie, einer welt­ab­ge­wand­ten Hal­tung zur Welt, die sich in uni­ver­sa­lis­ti­schen Abs­trak­tio­nen verlor. Alles in Allem Ide­en­ge­bäu­de, deren Grund man in sub­jek­tiv-anthro­po­lo­gi­schen Hal­tun­gen zu suchen hatte und deren kon­kre­te Inhal­te unwich­tig seien. Alle Phi­lo­so­phie ist nur Dich­tung auf die Welt. Und Evola dich­te­te mir damals zu kom­pli­ziert, for­dernd und anma­ßend.
 

Seine Idee eines all­ge­mei­nen Ver­falls und einer all­ge­mei­nen Dege­ne­ra­ti­on sah ich als bloßen Gegen­re­flex zum Fort­schritts­den­ken der Moder­ne. Seinen Aris­to­kra­tis­mus emp­fand ich als gemein­schafts­feind­li­chen Eli­ta­ris­mus, eine Art arro­gan­te „Gegen­in­ter­na­tio­na­le“ zum Pro­le­ta­ri­at. Am meis­ten störte mich aber der nach­tei­li­ge Effekt, den die Evola-Lek­tü­re auf viele Bekann­te und dama­li­ge Mit­strei­ter hatte. „Revol­te gegen die moder­ne Welt“, „Der Wald­gang“ und viel­leicht noch ein paar Schrif­ten Guen­ons und aus ver­bis­se­nen Akti­vis­ten waren „erha­be­ne Tra­di­tio­na­lis­ten“ gewor­den, denen jede poli­ti­sche Beschäf­ti­gung zu „modern“ und jeder Auf­kle­ber zu „ple­be­jisch“ war. In genau diesem Punkt irrte ich aber. Ich beur­teil­te Evola nach der Wir­kung, die er auf bestimm­te Gemü­ter hatte und die seiner eigent­li­chen Inten­ti­on wider­spricht. Hierzu noch einmal Dugin:

 

Tra­di­tio­na­lis­mus ist nie­mals echt ohne poli­ti­schen Ein­satz. Ver­such dich in dieser Welt ein­zu­rich­ten und mit der Anti­tra­di­ti­on abzu­fin­den und träume dabei von Hyper­bo­rea und dem gol­de­nen Zeit­al­ter — das wird nicht funk­tio­nie­ren. Wenn du ein Tra­di­tio­na­list bist, dann ver­än­de­re die Welt, for­de­re das Bestehen­de heraus: Demo­kra­tis­mus, Men­schen­rech­te, Libe­ra­lis­mus, Mate­ria­lis­mus, Ega­li­ta­ris­mus und der ganze ange­sam­mel­te Dreck – tilge sie vom Ange­sicht der Erde! Besie­ge sie oder stirb.“

 

Genau das sieht Dugin als die Lehre Evolas (dessen Lek­tü­re ihm in seiner Jugend sein tra­di­tio­na­les „Damas­kus-Erleb­nis“ beschert hatte.) Wenn dieser von einer „Über­win­dung des Akti­vis­mus“ spricht, meint er damit genau das, was wir seit langem kri­ti­sie­ren. Das hek­ti­sche, fieb­ri­ge Her­um­ge­zap­pel, das stets nach Schema-F ab- und sich im Sand ver­läuft. Er spricht sich aber nie­mals gegen die heroi­sche, poli­ti­sche Tat aus.
 

Es gibt Hand­lung und Hand­lung. Ein gesun­der Akti­vis­mus ist zu unter­schei­den von einem Akti­vis­mus, der nur Fieber, Exal­ta­ti­on, mit­tel­punkt­s­lo­ser Taumel ist, der weit davon ent­fernt, von Kraft zu zeugen – wie die vul­gä­re Auf­fas­sung will – viel­mehr nur auf Unfä­hig­keit und Unver­mö­gen hin­deu­tet.“ 

Julius Evola, Über­win­dung des Akti­vis­mus

 

Evolas Phi­lo­so­phie, die sich der indi­schen Welt­zeit­al­ter­leh­re anschließt und in allen Ideo­lo­gi­en, Reli­gio­nen, Wis­sen­schaf­ten und Kunst­for­men Aus­drü­cke eines all­ge­mei­nen Ver­falls sieht, pre­digt keinen apa­thi­schen Pes­si­mis­mus. Anders als Speng­ler, zu dessen „Unter­gang des Abend­lan­des“ sich Evolas „Revol­te gegen die Moder­ne Welt“ teils wie eine okkult-spi­ri­tu­el­le Erwei­te­rung liest, ruft Evola nicht zur stil­len Betrach­tung, son­dern zur Tat. Stets suchte er daher den Kon­takt zu poli­ti­schen Bewe­gun­gen, in denen er Gegen­re­ak­tio­nen auf den Ver­fall der moder­nen Welt ver­mu­ten durfte. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wurde er zu einer zen­tra­len Leit­fi­gur für den ita­lie­ni­schen rech­ten Unter­grund, für die meta­po­li­ti­sche Neue Rechte und die Schwar­ze Szene, sowie den Neo­folk.
 

Frei­lich, auf schwa­che Geis­ter kann Evolas Theo­rie des Ver­falls und der Des­zen­denz eine demo­ra­li­sie­ren­de Wir­kung haben. Wenn er vom „Halten der Gip­fel­li­nie“ spricht, meint er die Bewah­rung einer inne­ren Form, nicht den Rück­zug ins ein­sa­me Gebir­ge der Apo­li­tik. Wenn er vom Reiten des Tigers spricht, meint er das Aus­hal­ten, Über­dau­ern und Bän­di­gen des Libe­ra­lis­mus, nicht die Kapi­tu­la­ti­on vor dem Hedo­nis­mus, wie sie viele tra­di­tio­na­lis­ti­sche Dandys mit Beru­fung auf Evola und Jünger tun. Evolas Lehre ist an erha­be­ne Cha­rak­te­re gerich­tet, die Askese und Lei­den­schaft, innere Hal­tung und äuße­res Enga­ge­ment ver­ein­ba­ren können.
 

Die anämi­schen Eso­s­pin­ner und geschei­ter­ten Ordens­grün­der, die sich in win­zi­gen Spar­ten­fo­ren her­um­trei­ben und über poli­ti­sche Akti­vis­ten abläs­tern, sind nicht die Erben Evolas!
Wahre Tra­di­tio­na­lis­ten erkennt man immer auch daran, dass sie die bren­nends­te Front ihrer jewei­li­gen Zeit auf­su­chen und dort — auf ihre Weise — tätig sind.

 

Ein heroischer Aktivismus

 

Evolas schein­ba­rer Pes­si­mis­mus, seine Ent­lar­vung des „Geheim­nis des Ver­falls“ und sein Bezug auf die hin­du­is­ti­sche Zeit­al­ter­leh­re sind für einen heroi­schen Men­schen kein Anlass zum Defä­tis­mus. Gerade weil er die Mög­lich­keit, dass all unser Han­deln ver­geb­lich, all unsere Taten nur heroi­sche Volten gegen den schick­sal­haf­ten Ver­fall sind, geis­tig in Kauf nimmt und trotz­dem unbe­irrt kämpft, ist er gegen jede Des­il­lu­sio­nie­rung gefeit. Dort, wo die begeis­ter­ten Akti­vis­ten nach einem ein- bis zwei­jäh­ri­gen poli­ti­schen Rausch das Erreich­te über­bli­cken, ernüch­tert und ent­täuscht „auf­wa­chen“ und „aus­stei­gen“, bleibt der an Evola geschul­te Akti­vist eisern stehen. Er lacht die Sorgen weg, er steht für zwei und arbei­tet eisern weiter. Gerade weil es ihm um eine innere Hal­tung geht, ist er immun gegen jede zeit­geis­ti­ge Anpas­sung und den Ver­kauf von Idea­len (die nichts ande­res als ein Aus­stieg auf Raten sind).
 

Der echte Tra­di­tio­na­list erkennt den Zustand des poli­ti­schen Kamp­fes gegen den äuße­ren Ver­fall als ein­zi­ge Schutz­form gegen seinen eige­nen inne­ren Ver­fall. Der poli­ti­sche Akti­vis­mus wird für ihn zu einem hei­li­gen Krieg gegen die moder­ne Welt, der sich nicht an bestimm­ten Formen, Ideo­lo­gi­en oder poli­ti­schen Träu­me­rei­en fest­macht, son­dern nur zwei Prin­zi­pi­en kennt:

 

1. Tota­ler per­sön­li­cher Ein­satz, abso­lu­te Hin­ga­be an das jewei­li­ge Ziel, Askese und Bedürf­nis­lo­sig­keit, Aus­rich­tung des ganzen Lebens auf den Kampf, kom­pro­miss­lo­se Ein­glie­de­rung in die jewei­li­ge Gruppe und Hier­ar­chie

 

2. Die Errei­chung maxi­ma­ler, tief­grei­fen­der und dau­ern­der Schä­den beim Feind, die rest­lo­se und end­gül­ti­ge Besie­gung der Moder­ne, ihrer Ideo­lo­gi­en und ihrer blu­mi­fi­zier­ten Miss­ge­bur­ten.

 

Das erste Prin­zip bedeu­tet die Bereit­schaft, sich total auf eine Gruppe, Akti­ons­form, Sym­bo­lik und Kampf­pa­ro­le ein­zu­las­sen, jeden affek­tiert-eska­pis­ti­schen Indi­vi­dua­lis­mus abzu­strei­fen und den ganzen Mann ein­zu­set­zen. Das zweite Prin­zip sichert, dass dieser maxi­ma­le Ein­satz stra­te­gisch sinn­voll geplant und ziel­füh­rend ist. „Maxi­ma­ler Scha­den“ bemisst sich näm­lich nicht nach einem „brei­vik­schen Body­count“, wie das rechte Ter­ro­ris­ten oft denken. Maxi­ma­ler Scha­den ist immer auch die Ver­nich­tung eines geis­ti­gen Kno­ten­punkts der herr­schen­den Ideo­lo­gie. Er ist nie­mals ohne meta­po­li­ti­sche Stra­te­gie zu errei­chen.
 

Evolas Lehre rich­tet sich also an Ksha­t­riyas, Krie­ger­na­tu­ren, die den Kampf als inne­res Erleb­nis suchen, die über den dump­fen Paro­len und Res­sen­ti­ments stehen, welche die wüten­den Masse in die Poli­tik treibt und die selbst den­noch poli­tisch aktiv werden. Sie sind hier aller­dings die Macher, die a-pola­ren Zen­tren im Getrie­be, die allein die innere Unge­bun­den­heit besit­zen um im Dickicht der Ideen und Mög­lich­kei­ten, die rich­ti­ge Stra­te­gie und Pro­pa­gan­da zu formen. Sie sind Natu­ren wie Sun­my­ra, den Ernst Jünger in den Mar­mor­klip­pen beschreibt.
 

Der tra­di­tio­na­lis­ti­sche Akti­vist lebt so einen „heroi­schen Akti­vis­mus“, der die stra­te­gisch-radi­ka­le Gip­fel­li­nie zwi­schen feigem Oppor­tu­nis­mus und herostra­ti­scher Selb­stop­fe­rung hält. Es geht ihm nie­mals um äußere Erfol­ge, er „hängt nicht an der Tat“, wie die Bagh­vad Gita schreibt. Es geht ihm um eine innere Hal­tung, eine totale Abgren­zung zum Ver­fall der Moder­ne, für die sein äuße­res Han­deln nur der not­wen­di­ge Beweis ist. Die echte und wahre Hal­tung muss sich im maxi­ma­len Ein­satz auf stra­te­gisch höchst­mög­li­chem Niveau äußern. Inso­fern han­delt der heroi­sche Akti­vist, ohne stän­dig ängst­lich auf den Erfolg seiner Taten zu schie­len, unbe­irrt, unauf­halt­sam, mit maxi­ma­lem Ein­satz und maxi­ma­lem Erfolg.
 

Allein die innere Hal­tung kann ich selbst bestim­men — das äußere Schei­tern kann tra­gi­sches Schick­sal sein, in dem zu Bestehen mir auf­er­legt ist. Daher erträgt der heroi­sche Akti­vist jeden Rück­schlag, jedes Schei­tern, jeden Zer­fall mit stoi­scher Erha­ben­heit – aller­dings nur, solan­ge er nicht auf einen Mangel seines Ein­sat­zes und seiner inne­ren Hal­tung zurück zu führen ist. Genau diese Erkennt­nis­se und Über­le­gun­gen brach­ten mich am Ende dazu, meine anfäng­li­che Miss­gunst gegen­über Evola zu revi­die­ren. Ich erkann­te, dass die meis­ten seiner Fans und beken­nen­den Jünger genau das Gegen­teil von dem waren, was er wollte und lehrte. Erst mit dieser Ein­sicht war ich auch bereit, mich für Evolas phi­lo­so­phi­sche Ideen zu öffnen und mir sein Denken zu erschlie­ßen: ein Pro­zess, der sich noch im mitt­le­ren Sta­di­um befin­det, wes­we­gen wei­ter­hin kein Anspruch auf Voll­stän­dig­keit erho­ben wird.

Traditionalist ohne Tradition

 

Evola ist neben Frit­jof Schuon und Rene Guenon der wich­tigs­te Ver­tre­ter einer Denk­schu­le, die sich als “inte­gra­ler Tra­di­tio­na­lis­mus” bezeich­net. Es geht ihr, kurz und knapp gesagt, um eine pro­fun­de Kritik der moder­nen Welt und ihres Den­kens und eine Wie­der­an­knüp­fung an das prä­mo­der­ne Denken bzw. die Tra­di­ti­on. Es geht darum, aus dem moder­nen Ratio­na­lis­mus, Sub­jek­ti­vis­mus und Huma­nis­mus aus­zu­bre­chen, um wieder einen Zugang zum Sakra­len und eine Über­win­dung des All­zu­mensch­li­chen zu einem Gott­men­schen­tum hin zu ermög­li­chen.
 

Da wir heute ins große Ver­ge­hen und Ver­we­hen gestellt sind, da alle „Ahnen vom Himmel fallen“ (Bagh­vad Gita), alle Bilder und Mythen knir­schend ein­stür­zen, die Fäul­nis des Zwei­fels und des Rela­ti­vis­mus alles befal­len hat, suchen die Tra­di­tio­na­lis­ten einen Ausweg, ein Stelle zum Absprung vom Damp­fer der Moder­ne.
 

In Europa sind alle geis­ti­gen und reli­giö­sen Tra­di­tio­nen kor­rum­piert oder ver­schwun­den. Das Hei­den­tum ist schon lange aus­ge­merzt und auch in das Chris­ten­tum ist der „Rauch des Satans“ bis in den Vati­kan ein­ge­drun­gen. Inte­gra­len Tra­di­tio­na­lis­ten geht es um das Sakra­le, um die Anknüp­fung an eine leben­di­ge Tra­di­ti­on an sich. Damit wäre für sie prin­zi­pi­ell der Wider­spruch zwi­schen Chris­ten­tum und Hei­den­tum nicht unüber­wind­lich. Ihre neu­pla­to­nisch, gnos­ti­sche Deu­tung des Christ­li­chen hat aber ein­deu­tig einen Hang zum Heid­ni­schen — sie sind eben keine reinen Chris­ten son­dern inte­gra­le Tra­di­tio­na­lis­ten, die sich bei der Suche nach einem Gegen­gift zur Moder­ne bei allen prä­mo­der­nen Strö­mun­gen umse­hen. Diese Suche hat die Idee des „sola­ren Chris­ten­tums“ geprägt, indem Evola die posi­ti­ven Aspek­te des katho­li­schen Mit­tel­al­ters zusam­men­fasst. Iro­ni­scher­wei­se sind diese posi­ti­ven Aspek­te genau das, was den moder­nen Medien zur Ver­dam­mung der Kir­chen­ge­schich­te dient (Hier­ar­chie, pries­ter­li­che Elite, Geschlech­ter­tren­nung, Ritus, eccle­sia mili­tans, etc.) und von der heu­ti­gen Amts­kir­che Stück für Stück abge­würgt und ver­nich­tet wird.
 

Genau hier ist aber auch eine Gefahr des Tra­di­tio­na­lis­mus. Er ist eine „Phi­lo­so­phen-Sekte“, die von der Phi­lo­so­phen-Berufs­krank­heit, der Sucht nach All­ge­mein­heit durch­drun­gen ist. Die Tra­di­ti­on „an sich“, das Sakra­le „an sich“ gibt es nicht. Sie sind immer in bestimm­ten eth­no­kul­tu­rel­len Formen ver­mit­telt. Frei­lich gibt es die Ana­lo­gie, die Alle­go­rie, die ver­glei­chen­de Wis­sen­schaft, wie sie Max Weber, Eliade und viele andere auch im Bereich von Reli­gi­on und Gesell­schaft mit glän­zen­den Erfol­gen betrie­ben haben. Diese ist auch nicht frucht­los, son­dern lässt „das Sakra­le“ als unbe­stimm­te Schnitt­men­ge, als mög­li­ches gemein­sa­mes Richt­ziel aller echten Reli­gio­nen erken­nen. Diese „Rich­tig­keit“ der Reli­gio­nen ist ebenso wie die Rich­tig­keit und Stim­mig­keit tra­di­tio­na­lis­ti­scher Theo­ri­en und Geschichts­phi­lo­so­phi­en ein Wert für sich. Doch die echte Wahr­heit, die reli­giö­se Eksta­se, aus der erst die leben­di­ge Tra­di­ti­on fließt, ereig­net sich immer nur im kon­kre­ten Ereig­nis einer kon­kre­ten Tra­di­ti­on. Diese ist nie­mals vom Boden und von der Erde zu tren­nen, die künst­le­risch mit dem Himmel ver­bin­det. „Beten heißt Himmel und Erde ver­bin­den“ sagt ein Sprich­wort. Das Kunst­werk, in dem sich die Wahr­heit ereig­net, stellt die Welt auf und die Erde her, und stif­tet ihren ewig frucht­ba­ren, kom­ple­men­tä­ren Streit an, sagt Hei­deg­ger.
 

Es geht um kon­kre­te Riten, leben­di­ge Tra­di­ti­ons­li­ni­en, echte Mythen und Reli­gio­nen, die man nicht „vom Kon­ven­ti­kel pre­di­gen“ kann. Für den Euro­pä­er gibt es hier nur die Ver­su­che der vital-kon­struk­ti­vis­ti­schen Neu­schöp­fung, die oft mit Eso­te­rik, Okkul­tis­mus und Ordens­grün­dun­gen begin­nen, oder die Suche nach einer leben­di­gen und gesun­den Tra­di­ti­on. Immer muss aber vorher schon eine inner­li­che Über­win­dung des moder­nen Den­kens im Men­schen statt­ge­fun­den haben, wie Evola in seinen Schrif­ten über den Her­me­tis­mus beschreibt. Wäh­rend Guenon und Schoun ihre Suche nach einer „leben­di­gen Tra­di­ti­on“ und der Kampf gegen die moder­ne Welt zum Sufis­mus führte, blieb Evola Europa treu. Er, als Spross eines alten sizi­lia­nisch-nor­man­ni­schen Adels­ge­schlechts, sich bezie­hend auf einen hyper­borä­isch-ark­ti­schen Mythos und einem roma­ni­schen Impe­ri­ums­ge­dan­ken, ist wahr­haft indo­ger­ma­nisch, wahr­haft euro­pä­isch geblie­ben.
 

Evola wider­stand der stän­di­gen Gefahr, die in der Strö­mung des inte­gra­len Tra­di­tio­na­lis­mus liegt. Indem dieser „die Tra­di­ti­on“, „das Sakra­le“, „den Ver­fall“ abs­tra­hiert und uni­ver­sa­li­siert, läuft er Gefahr, jede Boden­haf­tung zu ver­lie­ren und, statt kon­kre­ter Gemein­schaf­ten in ihrem Dasein, abs­trak­te Ideen zu ver­tei­di­gen. Damit reiht er sich als okkult-eli­tä­re Inter­na­tio­na­le in den Wett­streit der moder­nen Uni­ver­sa­lis­men ein, ohne zu merken, dass er hier einen zutiefst moder­nis­ti­schen Gedan­ken ver­tritt. Die glo­ba­le-tra­di­tio­na­lis­ti­sche Front wird dann ein­fach auf die isla­mi­schen Länder pro­ji­ziert. Die Inter­na­tio­na­le der Uni­ver­sa­lis­ten — von David Myatt bis Martin Schwarz — lässt dann fol­ge­rich­tig ihre eth­no­kul­tu­rel­le Iden­ti­tät zurück, um sich ihr anzu­schlie­ßen. Ein absur­der Gedan­ke, der Evola bei alle Kritik am Tri­ba­lis­mus, Natio­na­lis­mus und Bio­lo­gis­mus nie­mals in den Sinn gekom­men wäre.
 

Für Römer, Inder, Ger­ma­nen, Sume­rer, Ägyp­ter, etc. war die Idee einer „Tra­di­ti­on an sich“ keine poli­tisch-gesell­schaft­li­che Rea­li­tät, sie war kein Bezugs­punkt. Ihre leben­di­ge, kon­kre­te Tra­di­ti­on, ihr eth­no­kul­tu­rel­ler Mythos stell­te ihren Bewusst­seins­ho­ri­zont in poli­ti­scher und spi­ri­tu­el­ler Hin­sicht dar. Nur den höchs­ten Ein­ge­weih­ten war die Idee der All-Ein­heit und der Ver­wandt­schaft aller Reli­gio­nen und Tra­di­tio­nen vor­be­hal­ten, die anders als im mono­the­is­ti­schen Uni­ver­sa­lis­mus nicht im Wider­spruch zur exo­te­ri­schen Viel­falt der Götter und Kulte stand.
 

Evolas Sehn­sucht nach Tran­szen­denz, abso­lu­ten Werten, nach Reli­gi­on (re-ligio – Rück­bin­dung) und dem Bewusst­sein des anti­ken Men­schen nahm somit nie­mals die Form eines poli­ti­schen Uni­ver­sa­lis­mus an. Nie­mals ver­ab­schie­de­te er sich vom eth­no­kul­tu­rel­len Gedan­ken, von seiner Treue zu Europa, in dem und für das er erst seine Ideale ver­wirk­li­chen wollte. Evola ver­liert nie diesen Bezug zum Ethnos, der „tiefer geht“ als der Natio­na­lis­mus und sich auch in vor-natio­na­len Gemein­schaf­ten findet. Er ist die Wider­le­gung der „Mensch­heit“, die eine „abs­trak­te Fik­ti­on, die letzte Phase eines Ver­falls­pro­zes­ses, einer Zer­set­zung und eines Kol­laps ist.“ Es ist bezeich­nend, dass Evola, stän­dig im Kampf mit dem Empire, stets dis­si­dent und radi­kal blieb und von poli­ti­schen Akti­vis­ten rezi­piert wurde, wäh­rend die ande­ren Tra­di­tio­na­lis­ten alle in eine aka­de­mi­sche Iso­la­ti­on, eine „New Age“-Beliebigkeit (Dugin) oder in den Islam abdrif­te­ten.
 

Auch wenn Evola mit seiner Grund­idee — das wahre Macht aus inne­rer qua­li­ta­ti­ver Über­le­gen­heit kommt und nicht Über­le­gen­heit durch eine quan­ti­ta­ti­ve Ansamm­lung von Macht — wie eine Anti­po­de zu Nietz­sche scheint, darf man ihn nicht leicht­fer­tig als „Idea­lis­ten“ abtun. Wenn er als Makel der Moder­ne den Ver­lust der Bin­dung zur „ande­ren, über­ra­tio­na­len Welt“ sieht, den früher die Pries­ter und Könige ver­mit­tel­ten, meint er keine erden­feind­li­che Hin­ter­welt. Er geht nicht von einem rein geis­ti­gen, der Erde ent­ge­gen­ge­setz­ten, Gott aus, son­dern von dem Dua­lis­mus aus luna­ren und sola­ren Kräf­ten, die sich wie Form und Mate­rie, hyle und morphe ver­hal­ten. Obwohl bei ihm die herr­schen­de Posi­ti­on des for­men­den, männ­lich-sola­ren, stark betont wird, wird klar, dass beide Pole ein­an­der benö­ti­gen, und jen­seits von Gut und Böse sind. Vor allem in einem Auf­satz über den Femi­nis­mus unter­streicht Evola das:

 

Dabei ist leicht vor­her­zu­se­hen, wohin auch in mate­ri­el­ler Hin­sicht die Ver­hält­nis­se zwi­schen den beiden Geschlech­tern auf dieser Grund­la­ge münden müssen. In der Liebe, wie im Magne­ti­schen und Elek­tri­schen, ist der schöp­fe­ri­sche Funke desto größer und leben­di­ger, je ent­schlos­se­ner die Pola­ri­tät, d.h. die Dif­fe­ren­zie­rung der Geschlech­ter ist: je mehr der Mann wirk­lich Mann und die Frau wirk­lich Frau ist.“

 

Aus der Ver­schmel­zung beider Prin­zi­pi­en ent­steht das Leben. Wie das solare Licht aus der luna­ren Erde das Leben treibt, wie Mann und Frau das Kind zeugen, wie der orga­nisch-männ­li­che, for­men­de Staat mit dem weiblich-“amorphen“ Volk zur Ein­heit wird, so ist die alche­mi­sche Hoch­zeit zwi­schen Mann und Frau Urprin­zip des Kosmos. Evolas aris­to­kra­ti­sches Denken , d. h. seine klare Tren­nung von Oben und Unten, Himmel und Erde, sakral und profan, Gott und Mensch, Herr­scher und Unter­tan, ist kein spal­ten­des und iso­lie­ren­des Denken. Evola will die Trans­for­ma­ti­on des Men­schen zum Gott und in Ana­lo­gie dazu die Ver­wand­lung und Erhe­bung ganzer Völker (die ihnen nur ihr Herr­scher als Brücke zur sakra­len Welt ver­mit­teln kann).
 

Dass Evola so scharf auf die Tren­nung zwi­schen dem lunar-irdi­schen und dem sakral-tran­szen­den­ten beharrt, bedeu­tet keine Pos­tu­lie­rung einer „Hin­ter­welt“ oder „Gegen­welt“. Es ist im Gegen­teil die Set­zung einer Über­welt und eines Ideals, das dem Men­schen ein Ziel der Ent­wick­lung gibt (und anders als bei Nietz­sche einen authen­ti­schen Kern, einen Bezug zu einer eth­no­kul­tu­rel­len Tra­di­ti­on hat). Nur aus der Rein­heit der aus­ein­der­ge­hal­te­nen Pole ent­steht die Span­nung. Nur wenn die Form Form und die Qua­li­tät Qua­li­tät bleibt, kann sie for­mend und ver­wan­delnd auf das quan­ti­ta­tiv-mate­ri­el­le ein­wir­ken. Genau so erklärt sich auch Evolas Aris­to­kra­tis­mus, der auch in Nietz­sches Genea­lo­gie der Moral nach­zu­le­sen ist:

 

Ohne das Pathos der Distanz, wie es aus dem ein­ge­fleisch­ten Unter­schied der Stände, aus dem bestän­di­gen Aus­blick und Her­ab­blick der herr­schen­den Kaste auf Unter­tä­ni­ge und Werk­zeu­ge und aus ihrer ebenso bestän­di­gen Übung im Gehor­chen und Befeh­len, Nieder- und Fern­hal­ten erwächst, könnte auch jenes andere geheim­nis­vol­le­re Pathos gar nicht erwach­sen, jenes Ver­lan­gen nach immer neuer Distanz-Erwei­te­rung inner­halb der Seele selbst, die Her­aus­bil­dung immer höhe­rer, selt­ne­rer, fer­ne­rer, weit­ge­spann­te­rer, umfäng­li­che­rer Zustän­de, kurz eben die Erhö­hung des Typus ›Mensch‹.“

 

Auch die Elite muss ganz sie selbst und nach oben, nie­mals nach unten gerich­tet sein. Wenn ihr Sinn nicht bereits in ihr selbst und ihrer Aus­rich­tung an über­mensch­li­chen Idea­len (Ehre, Mut, Treue, etc.) liegt, son­dern nur in ihrer „Funk­ti­on“ für die Gesell­schaft, so ver­liert sie nach Evola ihre inne­woh­nen­de Kraft. Sie ver­liert ihren Zug nach oben, ver­knö­chert und ver­fällt und ver­liert somit auch und end­gül­tig ihre posi­ti­ve Wir­kung für die Gesell­schaft. Para­do­xer­wei­se erzeugt also ihre Reduk­ti­on auf diese Wir­kung, genau den Ver­lust der­sel­ben. Dieses Para­dox kann analog auf die gesam­te Frage des Sakra­len, Pries­ter­li­chen und Kul­ti­schen ange­wandt werden.
 

Hier ergibt sich auch ein inter­es­san­tes Feld einer echten Demo­kra­tie­kri­tik, die deren moder­nis­ti­sche Aus­klam­me­rung des Sakra­len und ihren zir­ku­lä­ren Selbst­be­zug (vom Volk fürs Volk), sowie ihre Unter­wer­fung der Wahr­heit unter die Masse hin­ter­fragt. Diese Kritik unter­schei­det sich ele­men­tar von jener falsch ver­stan­de­nen „Demo­kra­tie­kri­tik“ moder­ner Natio­na­lis­ten, die eigent­lich Par­la­men­ta­ris­mus­kri­tik ist und nichts vom aris­to­kra­ti­schen Impe­tus eines Speng­ler, Nietz­sche oder Evola hat. Es ist ein Feld das man vor­sich­tig bege­hen muss, da man gerade hier Gefahr läuft in einen Uni­ver­sa­lis­mus zu kippen. Grund dafür ist der reli­giö­se Uni­ver­sa­lis­mus des Mit­tel­al­ters, der aus dem antik-aris­to­kra­ti­schen Gedan­ken eine echte Iso­lie­rung vom Volk machte. Die zahl­lo­sen Mythen in denen Herr­scher­ge­schlech­ter ihre Genea­lo­gie auf die israe­li­ti­schen Apos­tel zurück­führ­ten, sind Zeug­nis dieser Iso­lie­rung vom Volk, die nicht nur qua­li­ta­tiv, aris­to­kra­tisch, son­dern (fiktiv aber doch) eth­no­kul­tu­rell war. Sie erschwer­te somit sicher­lich auch die Mög­lich­keit einer Zir­ku­la­ti­on der Eliten und trug das Ihrige zur Ver­sto­ckung des Adels bei. Auf poli­ti­scher Ebene ent­spricht ihre eth­no­kul­tu­rel­le Iso­la­ti­on und Abkop­pe­lung des Aris­to­kra­ti­schen der rein geis­ti­gen Welt­fer­ne Jeho­vas. Ebenso wenig wie der Held ein Gott werden konnte und durfte, konnte das heid­nisch-ple­be­ji­sche Volk in die ima­gi­nier­ten Apos­tel-Blut­li­ni­en Ein­gang finden.
 

Evola, der mehr das apol­li­nisch-solare betont, erscheint aus dieser Sicht wie ein Gegen­pol, aber nicht wie ein Gegner des eher dio­ny­sisch-luna­ren Nietz­sche. Evolas Thema ist eine ganz­heit­li­che Sicht der Welt, in und nicht jen­seits derer er Wirk­prin­zi­pi­en und Zusam­men­hän­ge erken­nen will. Er ist mit seiner Beto­nung der Form sogar der Inner­welt­lich­keit Aris­to­te­les näher als Pla­tons Ide­en­welt. Evolas Idee des Über­ra­tio­na­len und der Tran­szen­denz ist keine „andere Welt“, es ist ein imma­nen­tes Wirk­prin­zip, das sich als Form und Qua­li­tät über das Quan­ti­ta­tiv-Mate­ri­el­le erhebt. Diese Form ist aber in der Welt und von der Welt — Evolas Sicht der Welt ist keine Flucht vor der Welt. Er hält ein­deu­tig fest: „L’altro mondo.… non e un’ altra realta; e un’altra dimen­sio­ne della realta.“
 

Evolas und Nietz­sches Denk­an­sät­ze als Sym­bo­le für Tra­di­ti­ons­strän­ge der euro­päi­schen Meta­phy­sik, so die Inter­pre­ta­ti­on von Thomas She­en­an und vielen ande­ren, enden und ver­ei­nen sich in der dich­te­ri­schen Phi­lo­so­phie Hei­deg­gers, von dem in diesem Auf­satz auch schon die Rede war. Zusam­men­fas­send kann man sagen, dass Evolas Bezug auf die hin­du­is­ti­sche Zeit­al­ter­leh­re des Ver­falls vor allem eine krie­ge­ri­sche Ent­lar­vung der west­li­chen Fort­schritts­ideo­lo­gie ist, die zur Tat ruft. Sein radi­ka­ler Tra­di­tio­na­lis­mus beharrt darauf, dass keine rein poli­ti­schen Ver­än­de­run­gen, son­dern nur ein echter Aus­bruch aus dem mate­ria­lis­tisch-huma­nis­ti­schen Denken der Moder­ne diesen Ver­fall über­win­den kann. Sein her­me­tisch-aris­to­kra­ti­sches Denken will die Gegen­sät­ze in ihrer Rein­heit aus­ein­an­der­hal­ten, um so eine polare Span­nung zu erzeu­gen. Jeder soll nach einer idea­len Form ganz und gar er selbst werden und seinen telos errei­chen. Es ist zudem immer nach oben gerich­tet und will in diesem großen Zug den ganzen Kosmos mit­rei­ßen und erhe­ben.
 

Der Peren­nia­lis­mus, den Evola (meiner Ansicht nach) besser ver­tritt als die meis­ten Tra­di­tio­na­lis­ten, ist Garant für einen Plu­ra­lis­mus auf der Ebene des Ethnos — einen tra­di­tio­na­lis­ti­schen Eth­nop­lu­ra­lis­mus. Da jedes Volk eine Tra­di­ti­on hat und das Sakra­le an sich in allen authen­ti­schen Tra­di­tio­nen ver­tre­ten ist, hat auch jede Teil an einer Wahr­heit. Dieser Plu­ra­lis­mus ist kein Rela­ti­vis­mus. Er kennt sehr wohl die Häre­sie, die Sekte, den Lebens und gott­feind­li­chen Kult, die Zer­split­te­rung und die Ver­zer­rung, die jede Tra­di­ti­on in ihrer eige­nen Sphäre als Krank­heits- und Zer­falls­er­schei­nung bekämp­fen muss.

 

5 Gründe, Evola zu lesen

 

Ich habe nun, wie gewarnt, etwas kur­so­risch Gründe und Ver­lauf meiner Öff­nung für Evola beschrie­ben. Weit ent­fernt von jeder umfas­sen­den Wie­der­ga­be seines Werks soll dieser Text nun in dem enden, was seine grund­le­gen­de Inten­ti­on war: einem all­ge­mei­nen Lese­be­fehl! Es sollen einige Gründe ange­führt werden, warum sich die Lek­tü­re Evolas gerade heute für uns lohnt. Auch mich selbst will ich damit moti­vie­ren, diese selbst wieder auf­zu­grei­fen und zu ver­tie­fen.

 

1. Evola ist ein Wegweiser zur Überwindung des Faschismus und des NS

 

Evola als Gegen­pol zu Nietz­sche ist das per­fek­te Gegen­mit­tel gegen einen über­trie­be­nen Bio­lo­gis­mus und Sub­jek­ti­vis­mus, zu dem er in einer schlech­ten Lesart führen kann. Evolas Ver­ständ­nis von „Rasse“ ähnelt dem Speng­lers. Er erkennt, dass zur Her­aus­bil­dung einer Elite und zum Erhalt einer Ethnie in aller­ers­ter Linie die geis­ti­ge Kraft eines Form­wil­lens nötig ist. Diese ent­fal­tet sich in Kultur und Reli­gi­on, und schlägt sich selbst­ver­ständ­lich auch in der Bio­lo­gie nieder. Genau wie ein Mensch, der den Ent­schluss fasst zu trai­nie­ren und sich mit geis­ti­ger Härte zu Dis­zi­plin zwingt, auch bald einen stahl­har­ten Körper bekommt. Ein Volk ohne Geist ist aber eine brü­chi­ge Bio­mas­se, die wie ein koma­tö­ser Mensch alles mit sich machen lässt. Geist, Kultur und Phi­lo­so­phie sind keine „bio­lo­gisch not­wen­di­ge Funk­ti­on des Volkes“, wie es Kol­ben­he­yer einmal sagte, was Hei­deg­ger scharf kri­ti­siert hat.
 

Viele Rechte, die sich bisher nur mit Nietz­sche beschäf­tigt haben, werden von einer ober­fläch­li­chen Lek­tü­re zu einem Denken ver­führt, das rein vol­un­ta­ris­tisch, sub­jek­ti­vis­tisch und letzt­lich rela­ti­vis­tisch ist. Es neigt zum Anar­chis­mus und zur Staats­feind­lich­keit, zum Terror und zum Ästhe­ti­zis­mus. In den schlech­tes­ten Fällen führt es zu einer „amo­ra­li­schen“ Recht­fer­ti­gung des Hedo­nis­mus, zu einer „hero­isch-sub­jek­ti­ven“ Unge­duld gegen jedes echte, tiefe Denken, und einer ästhe­tisch-unstra­te­gi­schen Auf­fas­sung von Akti­vis­mus. Ohne etwas am Ver­dienst Nietz­sches schmä­lern zu wollen, ist den­noch ein ord­nen­der Gegen­pol nötig, der den Willen zur Macht in eine orga­ni­sche Form gießt. Ebenso ist aber Nietz­sches schar­fe Kritik, sein anti­zi­pier­ter Sprach- und Kul­tur­re­la­ti­vis­mus ein stän­di­ges Kor­rek­tiv für Evolas Ideen und hin­dert den Tra­di­tio­na­lis­ten daran, zum poli­ti­schen Uni­ver­sa­lis­ten zu werden. Da aber die Lek­tü­re von Evola ungleich schwe­rer und for­dern­der ist als die von Nietz­sche, ist sein Pol oft zu schwach aus­ge­prägt und zu wenig bewusst. Die­je­ni­gen hin­ge­gen, die ihn und nur ihn lesen, die sek­tie­re­ri­sche Schar der tra­di­tio­na­lis­ti­schen Son­der­lin­ge, soll­ten sich lieber Nietz­sches fröh­li­cher Wis­sen­schaft zuwen­den. Alles in allem aber scheint Hei­deg­ger Recht zu haben, wenn er schreibt:

 

Aber auf einem höhe­ren Niveau ist die Aus­ein­an­der­set­zung mit Nietz­sches Meta­phy­sik die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Nihi­lis­mus, als dessen poli­ti­sche Erschei­nungs­form sich der Faschis­mus immer deut­li­cher her­aus­stell­te.“

 

Man kann das zwar nicht direkt Nietz­sche anlas­ten, aber den­noch ist eine Umset­zung seiner Phi­lo­so­phie in eine faschis­ti­sche Poli­tik denk­bar und nahe­lie­gend. Frag­lich ist, ob man mit einem rein nietz­schea­ni­schen Denken über­haupt woan­ders als in einem „uni­ver­sa­len Faschis­mus“ enden kann, wie ihn auch der Nietz­sche-begeis­ter­te Mus­so­li­ni in seiner Jugend ver­tre­ten haben soll. Die totale Mobil­ma­chung, die Ent­fes­se­lung des Arbei­ters und Ele­men­tar­we­sens im Kampf um die Erd­herr­schaft, die futu­ris­ti­schen Maschi­nen­men­schen und Kriegs­fa­bri­ken — all das scheint in Nietz­sches Denken auch vor­ge­zeich­net und bejaht. Und all das ver­puff­te in einer noch tie­fe­ren Depres­si­on, einem noch tie­fe­ren Nihi­lis­mus, als er vorher gege­ben war.
 

Auch Evola voll­zog diese Phase in seiner Jugend mit, war in futu­ris­ti­schen Zir­keln unter­wegs und fabri­zier­te selbst kubis­ti­sche Bilder. Später erklär­te er das als Revol­te gegen die bour­geoi­se Welt, deren wahres Gesicht des Ver­falls diese avant­gar­dis­ti­schen Bewe­gun­gen ent­lar­ven woll­ten. Doch nie­mals verlor Evola sich in der radi­ka­len Kritik und im rei­ni­gen­den Zer­stö­rungs­werk. Es war ihm immer nur Vor­be­rei­tung für eine Neu­ge­burt:

 

Die Grube muß gefüllt sein, und Dünger ist nötig für den neuen Baum, der flam­mend Eurem Ende ent­sprin­gen wird.“ 

Julius Evola, Revol­te gegen die moder­ne Welt

 

Evolas fun­da­men­ta­le Kritik der Moder­ne, des Posi­ti­vis­mus und der Tech­nik scheint hier tiefer zu gehen und zur Wurzel zu führen. Evolas Kritik am real exis­tie­ren­den Faschis­mus: „Wir sind weder Faschis­ten noch Anti­fa­schis­ten“, ähnelt Hei­deg­gers Kritik am NS. Beide sahen die poli­ti­schen Bewe­gun­gen als nichtra­di­kal genug. Ihre Ver­su­che die Moder­ne rein poli­tisch-tech­nisch zu über­win­den; Ihr oft nur bio­lo­gis­ti­sches, tech­no­kra­tisch-prag­ma­ti­sches Denken, dass rein auf quan­ti­ta­ti­ve Macht­an­bal­lung gelenkt war, konnte den Geist der Moder­ne nicht über­win­den.
 

Ihre For­de­rung nach mehr „Radi­ka­li­tät“ ist letzt­lich eine For­de­rung danach, weni­ger modern zu sein. Es bedeu­te­te gegen den NS gewandt vor allem die Moder­ne nicht auf den Juden zu pro­ji­zie­ren, son­dern auf die eige­nen Ver­stri­ckun­gen in ihr zu reflek­tie­ren. Vor allem aber ist ihre Kritik am nietz­schea­nisch-wil­lens­be­ton­ten Gedan­ken des ewigen Daseins­kamp­fes als ein­zi­gen Daseins­sinns zu ver­ste­hen. Krieg, Kampf, Tod und Schmerz dürfen nie aus­ge­blen­det werden — sie allein dürfen aber nie­mals den alten Gott als Leit­ide­en erset­zen. Das führt auf poli­ti­scher Ebene zu Faschis­mus oder NS (je nach­dem ob das eigene Kol­lek­tiv bio­lo­gisch oder staat­lich-kul­tu­rell defi­niert ist), auf per­sön­li­cher Ebene aber zu einem Indi­vi­du­al-Anar­chis­mus und „Sata­nis­mus“, wie ihn Stir­ner, Rand, LaVey und Andere ver­tre­ten. Beides nimmt die Rolle des Schai­tan und Gegen­spie­lers ein — über­win­det aber den „toten Gott“ nicht.

 

2. Evola ist ein Vordenker des einen, indogermanischen Europa

 

Wer Evola liest, ist erst einmal erschla­gen von der unfass­ba­ren Quel­len­kennt­nis dieses Mannes. Wie er sich zwi­schen den reli­giö­sen Tra­di­tio­nen bewegt, wie seine Ana­lo­gi­en blitz­ar­tig zwi­schen Kon­ti­nen­ten und Jahr­hun­der­ten hin und her schie­ßen, raubt einem den Atem. In Evola sam­meln sich wirk­lich die Erin­ne­rung und das Bewusst­sein der prä­mo­der­nen, indo­ger­ma­ni­schen Tra­di­ti­ons­strö­me, zu deren Sprach­rohr er sich macht. Wer hier nicht zuhört, wer nicht aus dieser reinen Quelle schöpft, ist selber Schuld. Evolas Kritik am Natio­na­lis­mus, die man voll teilen kann, sowie seine Kritik am Volks­be­griff und dem Tri­ba­lis­ti­schen, die man rich­tig lesen muss, weisen klar in die Rich­tung des geein­ten, iden­ti­tä­ren Europa.
 

In jedem Falle könnte das Abend­land nur geret­tet werden, wenn es in einem neuen, ein­heit­li­chen euro­päi­schen Bewußt­sein zum tra­di­tio­na­len Geist zurück­kehr­te. Was könnte aber heut­zu­ta­ge wirk­lich als Grund­la­ge für eine solche Rück­kehr dienen? Wir sagten: In einem ein­heit­li­chen euro­päi­schen Bewußt­sein. Hier liegt das wahre Pro­blem. Es würde sich für das Abend­land um eine Rück­kehr zur Tra­di­ti­on im großen, uni­ver­sa­len, ein­stim­mi­gen, alle Licht-und Lebens­for­men umfas­sen­den Sinn han­deln müssen, (…)“ 

Julius Evola, Revol­te gegen die moder­ne Welt

 

3. Evola ist eine Brücke zwischen Christen- und Heidentum

 

Evola ist, wie gesagt, ein Ver­tre­ter des inte­gra­len Tra­di­tio­na­lis­mus und daher auch für den christ­lich-katho­li­schen Kultus auf­ge­schlos­sen und inter­es­siert. Er selbst bezeich­ne­te sich sogar manch­mal als „katho­li­schen Heiden“. Wenn er sich auch, vor allem in seiner radi­ka­len Jugend­schrift, dem „impe­ria­lis­mo pagano“, gegen das Chris­ten­tum als Beschleu­ni­ger des kos­mi­schen Ver­falls rich­tet, sieht er in der „Unter­welt“ des euro­päi­schen Katho­li­zis­mus jene posi­ti­ven Aspek­te, die für das plumpe Neu­hei­den­tum ewig unent­deckt blei­ben müssen. Vor allem der Reichs­ge­dan­ke und das Rit­ter­tum schätz­te er als Ansatz­punk­te einer euro­päi­schen Renais­sance.

 

Rit­ter­tum ver­hält sich zu Reich wie Geist­lich­keit zu Kirche. Wenn das Reich den Ver­such ver­kör­per­te, die beiden Mächte dem heid­ni­schen Ideal gemäß wieder zu ver­ei­ni­gen, so ist im Rit­ter­tum ein gleich gerich­te­ter Ver­such wirk­sam: er will den nach einem heid­ni­schen Ethos gestal­te­ten Typ des Krie­gers, Aris­to­kra­ten und Helden auf ein aske­ti­sches und sogar über­na­tür­li­ches Niveau erhe­ben.“ 

Julius Evola, Die Unter­welt des christ­li­chen Mit­tel­al­ters

 

Evolas Denken ist phi­lo­so­phisch und tief genug, um einen Dialog zwi­schen natio­na­lem Hei­den­tum und tra­di­tio­na­lem Katho­li­zis­mus zu ermög­li­chen. Der Peren­nia­lis­mus, den er ver­tritt, stellt das Sakra­le und den inne­ren Wert über die exo­te­ri­sche Form. Dabei hält er aber beide Seiten immer scharf aus­ein­an­der und ver­hin­dert so ihr Ver­schmel­zen zu einem chau­vi­nis­tisch-uni­ver­sa­lis­ti­schen Moloch, wie er im deutsch­christ­li­chen NS oder im natio­nal­fran­zö­si­schen Katho­li­zis­mus auf­ge­tre­ten ist.

 

4. Evola ermöglicht einen identitären Zugang zu Tradition und Transzendenz.

 

Im ersten Punkt wurde es bereits ange­spro­chen. Dem klas­si­schen Natio­na­lis­mus krankt es am Gefühl für das Sakra­le und Tran­szen­den­te. In seinen schlimms­ten Aus­prä­gun­gen über­nimmt er die plumpe Deu­tung Feu­er­bachs und deutet die Welt in eine rein dar­wi­nis­ti­sche Ent­wick­lungs­ge­schich­te um. Dieser Gedan­ke allein ent­fal­tet aber nie­mals die mythi­sche Kraft eines Men­schen zur Tat, geschwei­ge denn ein Volk zur Selbst­er­hal­tung oder einen Kon­ti­nent zu seiner Ver­tei­di­gung auf­zu­rüt­teln! Lebens­er­hal­tung allein ist kein Ideal, dass den Men­schen dazu befä­higt, sein Leben zu erhal­ten. Stets muss er immer über sich hinaus stre­ben, stets muss er mit der Exis­tenz­be­din­gung seiner eige­nen Sterb­lich­keit fertig werden. Das „bio­lo­gi­sche Wei­ter­le­ben“ in den Nach­kom­men, das der natu­ra­lis­tisch-neu­heid­ni­sche Natio­na­lis­mus empha­tisch pre­digt, ist kein Mythos, auf dem sich ein echter Ahnen­kult und ein echter Fami­li­en­ethos auf­bau­en lassen.


Evolas Denken weist all diese anti­re­li­giö­sen und anti­tran­szen­den­ten Affek­te des Natio­na­lis­mus, die alles auf das phy­sisch-bio­lo­gi­sche redu­zie­ren wollen, äußerst scharf zurück. Genau dieses Kor­rek­tiv ist für die Iden­ti­tä­ren Euro­pas gegen die flach­köp­fi­gen, trans­at­lan­ti­schen Schä­del- und IQ-Messer und ihre evo­lu­ti­ons­psy­cho­lo­gi­schen Kol­le­gen unbe­dingt nötig. Damit eine Gemein­schaft lebt, braucht sie einen Mythos. Dieser kann not­wen­dig nur ein sakra­ler, kos­mi­scher sein, wie er es bei allen indo­ger­ma­ni­schen Hoch­kul­tu­ren seit eh und je war. Mit dem Auf­stand gegen Dog­ma­tis­mus und Mono­the­is­mus nicht das Sakra­le an sich weg­zu­wer­fen ist die Lehre, die Evola, mehr als Nietz­sche, geben kann.

 

Wo hin­ge­gen Nietz­sche vor Evola zu Wort kommen muss, ist bei der Erkennt­nis um den Tod Gottes und der Auf­ga­be der Selbst­über­win­dung, in die der Mensch gestellt ist. Genau dieser Furor Nietz­sches, die Vor­weg­nah­me des Nihi­lis­mus, sein zynisch-lust­vol­les Ein­rei­ßen aller Werte und Götzen der west­li­chen Tra­di­ti­on ist die Flam­men­wand, durch die jeder gehen muss, bevor er tat­säch­lich die Erneue­rung in Angriff nehmen kann. Wer aller­dings in der Flam­men­wand stehen bleibt und Nietz­sche nicht als Weg­wei­ser, son­dern als Ziel ver­steht, den ereilt nach Evola fol­gen­des Schick­sal:

 

Die Flut schwillt an, aber sie kann in nichts münden, findet keine Ver­klä­rung. Der Auf­trieb ist im Grunde umsonst; die Askese ist dunkel, fast “dämo­nisch”, sie genießt sich selbst, ist ohne höhere Bedeu­tung.“ 

Julius Evola, Über­win­dung des Über­men­schen

 

Evola sieht im reinen Willen zum Willen einen Kurz­schluss, eine ziel­lo­se Ver­schüt­tung von Macht. Dabei fühlt man sich an Masch­kes Cha­rak­te­ri­sie­rung des faschis­ti­schen Intel­lek­tu­el­len erin­nert:

 

Er feiert die vita­lis­ti­sche Sub­stanz gerade, weil sie fehlt. Nicht in ihr wur­zelt die Gier nach star­ken Erre­gun­gen, son­dern sie steigt aus dem Rausch und dem Traum, ist aus flüch­ti­gem Stoff. Nach der Anspan­nung, die ganz von der schö­nen Geste lebt, kommt die Erschöp­fung, die Ver­zweif­lung, der Zynis­mus.“ 

Günter Masch­ke: Die schöne Geste des Unter­gangs. Drieu la Rochel­le – ein faschis­ti­scher Déca­dent (1980), in: Das bewaff­ne­te Wort, Wien 1997

 

Der Grund dafür sei Nietz­sches Ableh­nung von Apoll und dem ord­nen­den olym­pi­schen Prin­zip gewe­sen. Tat­säch­lich kann man aber genau in dieser Über­be­to­nung des Rela­ti­vis­tisch-Bio­lo­gi­schen, des Zynis­mus der Zer­stö­rung und des Ham­mers in Nietz­sches Phi­lo­so­phie eine abso­lu­te Not­wen­dig­keit gegen die (im über­tra­ge­nen Sinne) „apol­li­nisch“ ratio­na­lis­ti­sche Ver­här­tung des Wes­tens sehen. Das Dyna­mit, das Nietz­sche war, musste mit voller Über­kraft sich selbst ins Nichts und gegen alles jagen, um die Pan­zer­tür des Uni­ver­sa­lis­mus zu spren­gen, die uns von Tra­di­ti­on und Tran­szen­denz ebenso wie von Ethnos und Kultur in ihrem wahren Sinne abhielt. Evola und Nietz­sche ergän­zen sich und werden in Hei­deg­ger zum Ein­klang gebracht.
 

Auf gewis­se Art und Weise kann man in ihnen auch die Ver­kör­pe­run­gen zweier Typen der indo­ger­ma­ni­schen Gesell­schaft sehen, den Brah­ma­nen Evola und den Ksha­t­riya Nietz­sche. Beide müssen voll in ihrer Rolle auf­ge­hen, die nicht „gleich­ran­gig“, aber gleich­wer­tig ist. Nur gemein­sam ent­fal­ten sie ihre Kraft und nur gemein­sam wirken sie posi­tiv. Aus­ein­an­der­ge­ris­sen und ver­ab­so­lu­tiert werden sie jeweils für sich falsch und schäd­lich. Was sie aber letzt­lich eint ist das Dasein als geschicht­li­ches Volk, als eth­no­kul­tu­rel­le Gemein­schaft, dem sie Sicher­heit, Halt, Struk­tur und Sinn geben. Für die Neu­ge­burt eines indo­eu­ro­päi­schen Mythos wird Evolas sam­meln­des Denken ebenso uner­läss­lich sein wie Nietz­sches Aufruf zur heroi­schen Sinn­stif­tung. Beides ver­eint sich in Hei­deg­gers Ereig­nis.

 

5. Evola treibt dich in den Krieg gegen das Kali Yuga in dir selbst.

 

Evolas Schrif­ten stel­len einen hohen Anspruch an ihren Leser. Sie sind eine Probe. Anders als Speng­ler ist Evola kein Betrach­ter. Er betrau­ert in Würde, aber mit jeder Faser seines Kör­pers die Dege­ne­ra­ti­on der glor­rei­chen indo­ger­ma­ni­schen Hoch­kul­tu­ren, deren kranke Nach­ge­burt die ganze Welt in das Nichts der Post­mo­der­ne zu reißen droht. Evola ent­facht im gesun­den Leser das Fieber und den Hass auf das Bestehen­de, der sich nicht im avant­gar­dis­ti­schen Eska­pis­mus ver­lie­ren kann, son­dern zur Auf­ga­be und zur Pflicht wird. Vor allem aber hält er einem unver­söhn­lich und unbarm­her­zig den Spie­gel vor. Seine unge­küns­tel­te, klare Schil­de­rung des aris­to­kra­ti­schen Ideals, des Ksha­t­riyas und der Anti­ken fides, lässt für jeden selbst-bewuss­ten, wahr­haf­ti­gen Leser die eige­nen Fehler her­vor­tre­ten wie Eiter­beu­len, Furun­keln.
 

Doch Evola lehrt weiter nicht daran zu zer­bre­chen, son­dern sich selbst zum Werk­stück zu machen und zur alten Form hin zu schmie­den. Männ­lich­keit, Ent­halt­sam­keit, Dis­zi­plin, Treue und Auf­rich­tig­keit sind die Tugen­den, die Evola lehrt und for­dert. Er gibt die Form vor, in die Nietz­sches amor­phe Lava des Wil­lens gegos­sen werden muss. Er stellt das Zen­trum, den Ompha­los auf, um den erst Nietz­sches omni­prä­sen­ter Sta­chel der Kritik zum Speer­wall wird — also das Eigene schützt und das Feind­li­che abwehrt. Evola ist ein­deu­tig in seinen For­de­run­gen an den Leser. Ent­we­der er ist Teil des gehei­men Euro­pas, ist Ver­tre­ter der neuen, kom­men­den Elite, oder er ist Knecht der Moder­ne und Ele­ment des Ver­falls. Wer Evola folgt, muss geis­tig aus dem System aus­stei­gen und muss sich von den Zeit­geist­gif­ten unab­hän­gig machen. Er muss Gleich­ge­sinn­te suchen und er muss einen ein­ge­schwo­re­nen Bund formen und die Revol­te gegen die Moder­ne Welt orga­ni­sie­ren. Dugin schreibt:

 

Evola bietet den Leuten an, ent­we­der zu ver­schwin­den oder den ris­kan­ten Ver­such zu unter­neh­men sich selbst zu ver­edeln. Die Erfah­rung dieser Ver­än­de­rung hin­ter­lässt sicht­ba­re, erkenn­ba­re Spuren. Evola will diese sehen bevor er jeman­den ein­lässt. Eine Art Gesichts­kon­trol­le für den Zugang zum Tra­di­tio­na­lis­mus. Um Gold her­zu­stel­len, muss man bereits Gold haben. Die Basis dieser Selek­ti­on ist: Wir werfen Leute in den Fluss, mit einem Mahlstein um den Hals, wenn sie wieder auf­tau­chen sind sie es wert, wenn sie unter­ge­hen… Ein Bas­tard weni­ger!“

 

Evola zeigt klar, dass eine Wende und ein neues Zeit­al­ter auch einen neuen Typus Mensch erfor­dert, der sich aus dem Ver­fall der west­li­chen Welt her­aus­schält. Es reicht nicht nur etwas zu sagen, man muss auch etwas dar­stel­len. Das Kali Yuga muss zuerst in dir selbst bekämpft werden, bevor du es im Außen bekämpfst. Ja mehr noch, die Ver­än­de­rung deiner Selbst ändert gleich­zei­tig auch deine Umwelt mit.
 

Dies alles gilt selbst­ver­ständ­lich nur für eine Elite. Evola ist nicht für jeder­mann und das ist nicht nur auf Intel­lekt oder den poli­ti­schen Rang bezo­gen. Man­chen Leuten wird, so groß­ar­tig sie auf ihrem Gebiet auch sein mögen, der Anruf des Seins ewig fremd blei­ben. Auch sie können, in ihrem Bereich, eine wich­ti­ge Rolle und Funk­ti­on erfül­len — über­haupt ist Evolas Denken nichts, mit dem man mis­sio­nie­ren oder hau­sie­ren gehen sollte. Die, die ihn ver­tra­gen können, die „sakral musi­ka­lisch“ sind, werden von selbst zu ihm finden. Alle soll­ten aber einmal Evola gele­sen haben und ihn auf sich wirken lassen. Sie soll­ten in den Fluss sprin­gen und sehen ob sie mit kla­re­rem Blick wieder auf­tau­chen.
 

Ich hoffe aller­dings, und damit soll dieser Arti­kel enden, bei man­chem Leser ein Inter­es­se für Evola geweckt zu haben. Seine brei­te­re Rezep­ti­on und Lek­tü­re, auch außer­halb sek­tie­re­ri­scher Zirkel, wäre ein wich­ti­ger Schritt für das gesam­te „rechte“ Lager — auch und vor allem in Deutsch­land. Zwar muss er mit Bedacht gele­sen werden und darf kei­nes­falls aus dem Zusam­men­hang mit ande­ren kon­ser­va­tiv-revo­lu­tio­nä­ren und neu­rech­ten Auto­ren geris­sen werden. Doch gerade zur end­gül­ti­gen Über­win­dung des Faschismus/NS als moder­ne Ideo­lo­gi­en ist Evola ein unver­zicht­ba­rer Gewährs­mann.