Dieser Arti­kel erschien Mitte 2015 ursprüng­lich in 4 Teilen:

Jeder Text und jedes Gespräch öffnet einen geis­ti­gen Raum, der die „Teil­neh­mer“, hier Autor und Leser­schaft, ver­bin­det. Diese Buch­sta­ben, Worte und Zeilen, die eine Art „gefro­re­ner Gedan­ke“ sind, werden vom Lesen­den, von Dir, erneut „auf­ge­schmol­zen“ ent­fal­tet und als Denk­weg nach­voll­zo­gen. Dieser ratio­na­le Pro­zess setzt sich von Wort zu Wort, von Bestand­teil zu Bestand­teil fort und ver­sucht gleich­zei­tig das „Ganze“, die Struk­tur und Argu­men­te dahin­ter zu ver­ste­hen,  was bei den selbst­re­fe­ren­ti­el­len Funke-Text­wän­den wohl nur mehr oder weni­ger gut gelingt. 


Gleich­zei­tig zu diesem steu­er­ba­ren und wil­lent­li­chen Pro­zess findet aber auch etwas Ande­res, wesent­lich Geheim­nis­vol­le­res statt. Gleich­zei­tig zu allem unse­rem Denken und Wollen läuft etwas ande­res ab, beglei­tet uns ein geheim­nis­vol­les Phä­no­men, dem wir uns in diesem Text annä­hern wollen: die Stim­mung.


Die Stim­mung

Die Stim­mung, die der Schrei­ber dieser Zeilen fühlt, die eigene Stim­mung, die jeder beim zeit­ver­set­zen Lesen ver­spürt, ist grund­sätz­lich unse­rem Wollen ent­zo­gen. Sie ist auch unse­rem Begrei­fen und Ver­ste­hen ent­zo­gen. Sie ist dabei aber nichts „Unver­nünf­ti­ges“.
Eine echte Ver­nunft, die wie ihr Wort­stamm sagt, vom „ver­neh­men“ kommt, öffnet sich auch der Stim­mung, die „zwi­schen den Zeilen“ eines Texte mit­schwingt, sie erfährt so das, was sich weder aus Bestand­tei­len noch Struk­tur erschließt und den­noch zum Ganzen gehört.

Die Stim­mung in der ein Text, ein Gedicht und ein Bild ensteht, ist jeweils in das Werk ein­ge­las­sen und ent­fal­tet sich, je nach der Kunst­fer­tig­keit des Erschaf­fers und der Tiefe der Stim­mung, im Erleb­nis des Betrach­ters (vor­aus­ge­setzt er ver­fügt über die Kunst des Lesens und den nöti­gen geis­ti­gen „Tief­gang“.)

Doch um diese theo­re­ti­schen Fragen soll es in diesem Text selbst nicht gehen. Sie sollen uns ledig­lich ein Auf­riss sein, aus dem die Frage der „Stim­mung“ begin­nen kann. Über ihr wollen wir uns der Grund­stim­mung der moder­nen Welt, der Stim­mung des rech­ten Lagers und der meta­po­li­ti­schen Bedeu­tung der Stim­mung selbst annä­hern.

Wie gesagt ist die Stim­mung etwas, in der wir uns jeweils schon vor­fin­den. Erst wenn wir sie uns bewusst machen, wird sie über­haupt zum „Gegen­stand“ des Den­kens. Vorher ist sie wie ein Äther, wie ein Grund­zu­stand, der all unsere Erleb­nis­se „ein­färbt“, indem sich die Strah­len aller Sin­nes­er­fah­run­gen bre­chen. (Die „rosa Brille“ bezieht sich auf das.)
Wir wachen bereits in einer Stim­mung auf. Hin­aus­ge­wor­fen aus der Welt von Schlaf und Traum stehen wir mit dem „rich­ti­gen“ oder dem „fal­schen“ Fuß auf, wir sind „gut“ oder „schlecht drauf“. Woher das kommt, wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht, wie wir es „halten“ können.

Klar ist, dass man diese Stim­mun­gen auch „messen“ kann. Wir kennen sie, die Endor­phi­ne, Dopa­mi­ne, und wie die Namen für die phy­si­ka­li­schen Phä­no­me­ne, die unser Gestimmt­sein beglei­ten, sonst heißen mögen. Über die Zufuhr von Sub­stan­zen, wir alle kennen und tun es, können wir unsere Stim­mung mani­pu­lie­ren. Vom Alko­hol, über Niko­tin, bis zur Scho­ko­la­de, schrau­ben wir mit der Zufuhr von bestimm­ten Reizen jeden Tag  künst­lich und so gut es geht an unse­ren Stim­mun­gen herum.
Doch diese mate­ri­el­le Beein­fluss­bar­keit, und der mate­ri­el­le „Nie­der­schlag“ als che­mi­scher Zustand deter­mi­nie­ren und defi­nie­ren die Stim­mung nicht abschlie­ßend. Wir stoßen hier auf den unhin­ter­geh­ba­ren Grund aller „Geist-Mate­rie“ Debat­ten:
Es liegt am Ende ein reiner Par­al­le­lis­mus vor. Wir sehen, dass das „geis­ti­ge“ Phä­no­men der erleb­ten guten oder schlech­ten Stim­mung regel­mä­ßig von dem „mate­ri­el­len“ Phä­no­men gewis­ser Hor­mon­aus­schüt­tun­gen und Pegel­schwan­kun­gen beglei­tet ist . Was aber genau „ver­ant­wort­lich“ ist, was domi­niert, ist nicht nur unbe­kannt, es ist unfest­stell­bar.

Wir sehen näm­lich auch, dass „geis­ti­ge Ein­flüs­se“ die Stim­mung und damit den Hor­mon­spie­gel ver­än­dern können. Die Stim­mung, die selt­sam zwi­schen den Gedan­ken und dem Kör­per­ge­fühl schwingt, beein­flusst beide und wird von beiden beein­flusst.

Gut „auf­ge­legt“ fühlen wir uns wohl. Chro­ni­sche Leiden, etwa Ver­span­nun­gen spüren wir nicht, uns kommen gute Gedan­ken. Bringt uns nun jemand auf schlech­te Gedan­ken, so tritt eine unan­ge­neh­me Aus­sicht auf und diese Stim­mung ver­schlech­tert sich. Sie ist nicht nur mate­ri­ell, son­dern auch „geis­tig“ beein­fluss­bar, und dieser Ein­fluss schlägt sich mate­ri­ell nieder. Das Phä­no­men des Erle­bens und das mensch­li­che Dasein lassen sich sche­ma­tisch in eine „geis­ti­ge“ und eine „mate­ri­el­le“ Seite ein­tei­len. So weit, so ver­zerrt. Kei­nes­falls aber ist es auch noch auf eine dieser kon­stru­ier­ten Seiten zu redu­zie­ren.
Was wir primär auf der „geis­ti­gen Seite“ erle­ben und was durch „mate­ri­el­le Ein­flüs­se“ sel­te­ner geschieht, ist das plötz­li­che Umschla­gen der Stim­mung.  Die Stim­mungs­schwan­kung, der Sturz von der herr­lichs­ten Leich­tig­keit und Auf­ge­räum­theit in die Beklem­mung und Enge, das Schwan­ken von begeis­ter­ter Auf­bruchs­stim­mung zu antriebs­lo­ser Apa­thie — wer hat das noch nicht am eige­nen Leibe erlebt?
Und oft ist es gerade das Fest­hal­ten und Nach­den­ken über eine erleb­te „gute Stim­mung“, dass sie wie eine Schnee­flo­cke auf der warmen Hand zum Schmel­zen bringt und nichts als feuch­te Kälte zurück­lässt.

Eine These und Inten­ti­on dieses Textes baut darauf, dass ein Groß­teil der Leser diese Erfah­rung schon gemacht hat. Dass sie erlebt haben, wie sich ihnen eine gute Stim­mung augen­blick­lich ent­zo­gen hat, wie eine Klei­nig­keit aus­reich­te, um die beste Laune zu zer­stö­ren und sie aus der Begeis­te­rung her­aus­warf. Wie end­lich ganze Tage, oder gar Wochen in einer gleich­gül­ti­gen, antriebs­lo­sen, grauen Apa­thie und Schwe­re ver­flie­gen und sich ein tiefer Lebens­über­druß lang­sam in alle Kno­chen frisst..
Wir – und hier ist die Gemein­schaft zwi­schen Autor und ver­nüf­tig-ver­neh­men­den Lesern, nicht auf die Ratio son­dern auf die Stim­mung bezo­gen, gemeint – haben das alles erlebt. Wir sind bis ins Letzte von unse­rer Stim­mung beein­flusst und diese ist nicht immer gut.

In den letz­ten Wochen erschie­nen viele lau­ni­ge Bei­trä­ge, in denen einige „rechte Typen“ vor­ge­stellt wurden. Wei­te­re werden folgen. Die Beschei­bun­gen sind Früch­te lang­jäh­ri­ger Erfa­rung in der „Szene“, oder Col­la­gen gän­gi­ger Kli­schees. Müsste der Autor dieser Zeilen jedoch ein Cha­rak­ter­bild aus­wäh­len, das ins­ge­samt typisch und sym­pto­ma­tisch für die rech­ten Zusmmen­hän­ge ist, so wäre das ohne jedes Zögern: die mani­sche Depres­si­on. 

Wir wollen uns hier nicht mit Fach­la­tein quälen und pro­fes­sio­nel­le Psy­cho­lo­gen mögen es uns nach­se­hen. Doch die mani­sche Depres­si­on, der jähe Wech­sel von antriebs­lo­ser Apa­thie und beses­se­ner Getrie­ben­heit, von him­mel­ho­hem Jauch­zen und töd­li­cher Betrübt­heit tritt in tau­send rech­ten Typen und Cha­rak­te­ren als Grund­zug hervor. Kratzt man etwas am schi­cken Lack des harten Akti­vis­ten, offen­bart sich bei vielen eine tiefe Innere Ver­zweif­lung.

Sie ist, und das ist ein Grund­ge­dan­ke dieses Textes, nicht nur ein Merk­mal der Rech­ten. Dieses Extrem der Stim­mungs­schwan­kung und die Unfä­hig­keit im Umgang mit ihrer radi­ka­len Auf­bal­lung und ihrer plötz­li­chen Erschlaf­fung, ihrem bru­ta­len Über­fall und ihrem grau­sa­men Entzug ist ein Grund­zug unse­rer Zeit und Gesell­schaft. Es ist die Grund­stim­mung des neu­zeit­li­chen Sub­jekts, des letz­ten Men­schen im „Death of the West“. Wir haben in eini­gen Arti­keln dem Hedo­nis­mus und Nihi­lis­mus dieser Zeit auf den fau­li­gen Zahn gefühlt.

Die Ana­ly­sen, die diese phi­lo­so­phi­schen Kon­zep­te und ihre gesell­schafts­po­li­ti­schen Folgen; die Deka­denz und den Eth­no­sui­zid, sowie ihre phi­lo­so­phi­schen Grund­la­gen, die moder­ne, sub­jek­ti­vis­ti­sche, wer­te­b­lin­de, wahr­heits­ver­ges­se­ne Welt­sicht betrach­te­ten, ver­blie­ben jedoch gewis­ser­ma­ßen auf der „Ober­flä­che“, der Form und der Abs­trak­ti­on. Heute wollen wir ans „Ein­ge­mach­te“ gehen, und uns dem Erleb­nis und dem Voll­zug selbst, also der Stim­mung von Deka­denz und Nihi­lis­mus zuwen­den, die auch uns alle bis in ihre Ana­ly­se umfängt. (Dieser Text kann also als Exkurs und Appen­dix zur erwähn­ten 3teiligen Serie über „Deka­denz und Nihi­lis­mus“ gele­sen werden.)

Wir wollen, dem ratio­na­len Ver­ständ­nis soll auch eine Schnei­se gelegt werden, nach dieser Ein­lei­tung der „Stim­mung“ auf den Grund gehen und ihr Wesen ins Visier nehmen. (Dabei kommen wir, wie zu erwar­ten, nicht an Hei­deg­ger vorbei.) 

Im Anschluss soll die spe­zi­fi­sche Grund­stim­mung der moder­nen Welt beschrie­ben, und, mit­hil­fe von Viktor Frankl, ihr epi­de­mi­sches Auf­tre­ten als Depres­si­on nach­ge­wie­sen werden. Nur mit Hei­deg­gers Daseins­ana­ly­se gelingt uns eine Frage dar­über hinaus, eine Frage nach dem seins­ge­schicht­li­chen Grund dieser Grund­stim­mung und einer Aus­bruchs­mög­lich­keit zu stel­len.
In dieser Frage liegt eine geheim­nis­vol­le Ahnung, dass wir als „Rechte“ und Iden­ti­tä­re, in unse­rem Leiden in und in dieser Zeit, gerade da wo es schein­bar „sinn­los“ und „undank­bar“ erscheint, da wo es an den „vollen Schüs­seln ver­hun­gert“, im Zen­trum der nihi­lis­ti­schen Grund­stim­mung, im Fokus der Schwär­ze und des Nichts stehen. Unsere Frage nach dem eige­nen Lebens­sinn und unsere eigene Nie­der­ge­schla­gen­heit werden so, das ist der Vor­griff auf ein Geheim­nis, zu einer Grund­er­fah­rung des Seins in seiner Ent­zo­gen­heit, die Frage nach uns Selbst und die Suche nach unse­rer eige­nen per­sön­li­chen Erfül­lung werden zum Teil unse­rer geschicht­li­chen Auf­ga­be, zur „Depri­vol­te gegen die Moder­ne Welt“. Sie fragt mit Hei­deg­ger nach dem „Woher“ der Depres­si­on als gesell­schaft­li­che Epi­de­mie. Ein Mut zum Abgrund, eine Freude am Leid, ein Sinn im Nichts und eine Erfah­rung dieser Depres­si­on als „Auf­ga­be“ sind die selt­sa­men Früch­te die am Ende dieses Textes stehen können, indem die Ver­stie­gen­eit der jüngs­ten Fun­ken­ar­ti­kel gewis­ser­ma­ßen ihren Zenit erreicht. (Bald folgen wieder „prak­ti­sche­re“ Texte.)

Das Gestimmt­sein und die Daseins­ana­ly­se

Da wir in diesem Essay jedes psy­cho­ana­ly­ti­sche Fach­vo­ka­bu­lar umschif­fen werden, wollen wir auch nach Mög­lich­keit Hei­deg­gers Begriff­lich­kei­ten ver­mei­den. Zwar sind diese von einer spe­zi­fi­schen „Fach­spra­che“ him­mel­weit ent­fernt, da ihre Inten­ti­on gerade nicht die prä­zi­se­re Fest­stel­lung und Abgren­zung zu ande­ren Berei­chen, son­dern die Öff­nung und Aus­wei­tung einer Frage ist. Den­noch bedeu­tet und erfor­dert sie ein gewis­ses Vor­ver­ständ­nis, auf wel­ches dieser Text nicht auf­bau­en möchte.

Die Wesens­zü­ge der Stim­mung wurden bereits in der Ein­lei­tung umris­sen. Wir wachen in ihr auf. Wir beein­flus­sen sie mit mate­ri­el­len und geis­ti­gem Impul­sen. Mate­ri­el­le und geis­ti­ge Ein­flüs­se um uns herum beein­flus­sen sie ihrer­seits. Letzt­lich ist sie aber unse­rem Willen ent­zo­gen. Wir können nicht gut gelaunt, moti­viert, enga­giert sein nur weil wir „wollen“. Wir können es uns vor­neh­men, es uns wün­schen aber ulti­ma­tiv ist der Strom der Gefüh­le wie ein Fluß dem wir aus­ge­setzt sind, indem wir steu­ern, trei­ben und gegen­hal­ten, aber dessen Ver­lauf wir den­noch nicht beein­flus­sen können. (Auch die gras­sie­ren­de Rat­ge­ber­lek­tü­re die das „posi­tiv Denken“ emp­fiehlt ändert daran nichts.)

Hei­deg­ger ist, da er die Frage nach unse­rer Exis­tenz von Grund auf neu stellt und nicht mit einem vor­ge­fass­ten, bewusstseins­phi­lo­so­phisch gepräg­ten Begriff vom Men­schen ope­riert, der erste der auch die Frage nach der Stim­mung wirk­lich in seine Phi­lo­so­phie ein­flie­ßen lässt.
Der Teil der Psyche, der in der euro­päi­schen Phi­lo­so­phie­ge­schich­te seit Plato ver­drängt und abge­wer­tet wird: die leib­lich-emo­tio­na­le Affek­ti­on, das Durch­drun­gen und Erfasst sein, das Erleb­nis und das „Fleisch“ erhal­ten bei Hei­deg­ger ihr Eigen­recht zurück (ohne wie zum Teil bei Nietz­sches „umge­kehr­ten Pla­to­nis­mus“ die neue höchs­te Instanz zu werden).
Wo die Bewusstseins­phi­lo­so­phie ver­sucht, sich mög­lichst „objek­tiv“, vom eige­nen Leib (und die Stim­mung ist immer auch etwas kör­per­li­ches, ein „Wohl“ oder „Unwohl­sein“) abzu­tren­nen und rein „logisch“ und „ratio­nal“ ihre Urtei­le und Ana­ly­sen zu betrei­ben, lässt sich eine phä­no­me­no­lo­gi­sche Fun­da­men­tal­on­to­lo­gie voll auf diese Dimen­si­on ein.


Anders als diese sieht Hei­deg­ger die Emo­tio­nen und Stim­mun­gen nicht als „stö­ren­de Begleit­phä­no­me­ne, welche man tun­lichst aus­zu­schal­ten hätte“, sonder sieht sie als eine „die Welt und das Selbst erschlie­ßen­de Kraft“. Wahre Selbst­er­kennt­nis ist „ursprüng­lich eine Ange­le­gen­heit der Stim­mun­gen“.  Das Erleb­nis einer Stim­mung kann nie­mals durch eine Über­le­gung, eine neu­tra­le Kon­tem­pla­ti­on oder eine reine Anschau­ung, die sich selbst aus­schaut, ersetzt werden.
„Ein reines Anschau­en, und dränge es in die inners­ten Adern des Seins eines Vor­han­de­nen, ver­möch­te nie so etwas zu ent­de­cken wie Bedroh­li­ches“ ( SuZ, S. 138)


Was heißt das? Die Stim­mung wie z.B. die Angst und die Emo­ti­on der Furcht „ist“ nur in ihrem Erleb­nis. Nur unmit­tel­bar wenn sie mich erfasst, weiß ich was Angst ist. Wenn ich über die kom­men­de oder die ver­gan­ge­ne Angst reflek­tie­re, dann „ist“ es nicht sie, son­dern nur eine Abschat­tung, eine „Gedan­ken­ver­si­on“. Sie kann ich rela­ti­vie­ren und ana­ly­sie­ren. Die Angst und Auf­re­gung selbst ergreift mich im Moment, macht mir Bauch­schmer­zen, bestimmt mein gesam­tes geis­ti­ges und kör­per­li­ches Dasein.  Die Furcht, das Bedrohliche„ist“, wie das Erha­be­ne, das Erfreu­li­che, das Wider­wär­ti­ge, Fest­li­che, Bedau­er­li­che, nur im Voll­zug und im Erle­ben, nicht im vor­grei­fen­den oder rück­grei­fen­den Bezug, oder gar im Theo­re­ti­sie­ren dar­über zugäng­lich. Das Wesen der Stim­mung ist nichts Sta­ti­sches. Es ist ihre Anwe­sen­heit, ihr unkon­trol­lier­tes „Eigen­le­ben“, ihr Kommen und Gehen, dass nicht unse­rem Willen folgt.
„In der Befind­lich­keit ist das Dasein immer schon vor es selbst gebracht, es hat sich immer schon gefun­den, nicht als ein wahr­neh­men­des Sich-vor­fin­den, son­dern als gestimm­tes Sich-befin­den“. (SuZ 135)
Die Stim­mung, die unser Lebens­ge­fühl kör­per­lich und geis­tig bestimmt, die wie eine „Brille“ und ein Filter ein und die­sel­be Welt so und so erschei­nen lässt, unser Augen für die Schön­heit im Ein­fa­chen öffnet oder ver­schließt, macht unser Dasein am Ende „unde­fi­nier­bar“.
Die Stim­mung kann nicht umgrenzt (nichts ande­res heißt „defi­nie­ren“) und auf den Begriff gebracht werden. Jeder, der schon einmal ver­sucht hat, seine Gefüh­le auf einer Skala von 1–10 zu kate­go­ri­sie­ren und zu ver­glei­chen, weiß das. Das zeigt auch: jede abge­schlos­se­ne Defi­ni­ti­on des Daseins, jede Festel­lung des Men­schen, ob sie ihn als mate­ri­el­le Maschi­ne, oder als geis­ti­gen Bewusst­seins­fun­ken sieht, ist eine Reduk­ti­on, welche die Unbe­schreib­bar­keit der Stim­mung aus­blen­det. Die „Welt­fremd­heit“ der klas­si­schen Phi­lo­so­phie rührt auch und vor allem daher, dass sie diese Wirk­lich­keit, die jeder von uns fak­tisch, täg­lich erfährt aus­blen­den und als „sub­jek­tiv“ und „belang­los“ bei­sei­te schie­ben will.

Die Stim­mung ist kein bestimm­ter „Bestand­teil“ meines Dasein, sie kommt nicht zu ihm hinzu. Sie ist immer schon das Wehen, indem mein Dasein je und je steht. Das sind keine „inner­psy­chi­schen Zustän­de“, son­dern sie be-stim­men unser ganzes In-der-Welt-sein, und lassen die Welt in einem bestimm­ten Licht erschei­nen.
„Welt ist auch und sogar primär ein Stim­mungs­ho­ri­zont.“
Das Dasein ist „gestimmt.“

Alfried Längle, Alice Holz­hey-Kunz, Exis­tenz­ana­ly­se und Daseins­ana­ly­se, Facul­tas Verlag, 2008, Wien S. 209

Die Stim­mung ist auch mehr als eine kon­kre­te Emo­ti­on. Stim­mun­gen haben im Unter­schied zu den Gefüh­len kein kon­kre­tes Objekt. Nehmen wir zum Bei­spiel das Gefühl der Freude auf und über etwas und ver­glei­chen es mit der eigen­tüm­li­chen Stim­mung der Fröh­lich­keit. Nehmen wir das Gefühl der kon­kre­ten Furcht vor etwas und ver­glei­chen es mit der eigen­tüm­li­chen (und urdeut­schen) Stim­mung der Angst. Stel­len wir die Erfah­rung des kon­kre­ten Schmer­zes über einen Ver­lust, dem Abgrund des Welt­schmer­zes ent­ge­gen.

Die Stim­mung bildet erst die Grund­la­ge und den Rahmen, indem sich die kon­kre­ten Gefüh­le abspie­len. Sie ist untrenn­bar mit unse­rer Exis­tenz ver­bun­den, die gleich­sam der „Rahmen“ für alles kon­kre­te Ver­hal­ten und tun ist. Sie ist als Befind­lich­keit zuletzt „exis­ten­zi­al“, um Hei­deg­gers Voka­bu­lar grob anzu­wen­den.

Exkurs: Freuds Fehler

Die Stim­mung hat daher auch nichts mit dem „Unter­be­wusst­sein“ zu tun. Die auf der Phi­lo­so­phie von Martin Hei­deg­ger auf­bau­en­de Daseins­ana­ly­se steht gera­de­zu im schärfs­ten Gegen­satz zu Freuds Psy­cho­lo­gie. Diese ist eine zutiefst moder­nis­ti­sche und meta­phy­si­sche Fehl­sicht des Men­schen. Ihr Mate­ria­lis­mus ist nur schein­bar. In Freuds eigent­lich will­kür­li­cher Kon­struk­ti­on von Es, Ich und Über-Ich, vom mensch­li­chen Selbst, das durch unter­be­wuss­te „Trieb­wün­sche“ deter­mi­niert wird, zemen­tiert eigent­lich den neu­zeit­li­chen Sub­jek­ti­vis­mus. Sie war und ist eine der schlag­kräf­tigs­ten Waffen und Werk­zeug­te des Indi­vi­u­da­lis­mus, gegen alle Werte und Tra­di­tio­nen. Sie ist aber mehr als das: sie ist eine ver­arm­te, redu­zier­te und pri­mi­ti­ve Ver­zer­rung des Daseins und der Welt.

Die Daseins­ana­ly­se will im Unter­schied zur Psy­cho­ana­ly­se die auch die „geis­ti­gen“ Phä­no­me­ne in sich selbst und aus sich selbst ver­ste­hen, statt sie als getarn­te Trie­ber­schei­nun­gen zu deuten, die eigent­lich „Ein­bil­dun­gen“ sind.  Freuds Pro­jekt ist in sich ein Teil der auf­klä­re­ri­schen „Ent­lar­vung“ die alle Werte als „Schein“ und „Tar­nung“ für mate­ri­el­le Wün­sche und damit für nich­tig erklärt. Die klas­sisch pla­to­ni­sche Struk­tur, das gesam­te Sei­en­de aus einem bestimm­ten Ein­zel­as­pekt zu erklä­ren, die Annah­me einer „wahren meta­phy­si­schen“ Wirk­lich­keit hinter allen Phä­no­me­nen, die als Uni­ver­sal­erklä­rung dient, haftet auch Freuds schein­ba­rer „Auf­klä­rung“ an. Für ihn gibt es außer den Trie­ben kei­ner­lei „geis­ti­ge“ Grund­kräf­te, wie seine Theo­rie der Sub­li­mi­na­ti­on zeigt. Seine Trieb­leh­re beruht „auf einer natur­wis­sen­schaft­li­chen Modell­vor­stel­lung des Men­schen“.

Gion Con­reau, Daseins­ana­ly­se: phi­lo­so­phi­sche und anthro­po­lo­gi­sche Grund­la­gen; die Bedeu­tung der Spra­che; Psy­cho­the­ra­pie­for­schung aus daseins­ana­ly­ti­scher Sicht, 2. über­ar­bei­te­te Auf­la­ge, Verlag J. H. Röll, Det­tel­bach, S. 1998, S. 173

Die Triebe sind in Freuds kau­sal­ge­ne­ti­scher Ent­wick­lungs­theo­rie – der „Ödi­pus­kom­plex“ ist mitt­ler­wei­le Teil des All­ge­mein­wis­sens – der Ursprung aller Gefüh­le. (Hier tritt auch ein star­ker Milieu­theo­r­ethi­scher Zug Freuds auf.) Mit­mensch­li­ches Ver­hal­ten wird groß­teils aus „Über­tra­gun­gen“  kind­li­cher Trieb­prä­gun­gen erklärt. Träume sind unein­ge­stan­de­ne Trieb­wün­sche, „freud­sche Ver­spre­cher“ ent­lar­ven im Lapsus den wahren An“trieb“.

Diese Pycho­lo­gie sieht als Wesens­kern  und Sub­stanz des Men­schen letzt­lich einen panero­ti­schen, wür­gen­den, zit­tern­den, gie­ri­gen, feuch­ten Fleisch­klum­pen. Ein fleisch­ge­wor­de­nes Lust­prin­zinp, einen quäl­ba­ren Körper. Eine ein­zi­ge ero­ge­ne Zone und Ner­ven­bün­del, das  sich alles in alle mög­li­chen Schlün­de ein­füh­ren, ver­dau­en, kauen und bespei­cheln will, dass gleich­zeitg alles in sich auf­neh­men und alles pene­trie­ren, alles domi­nie­ren und sich in allem auf­lö­sen, alles mit seinen den kleb­ri­gen Spei­chel­fä­den seines „Wil­lens“ durch­zie­hen will. Dieses „Es“, ist die mate­ri­el­le Fas­sung des reinen Willen zum Willen, das ewige Wachs­tum, die unend­li­che Expan­si­on, Mobil­ma­chung und Bün­de­lung.
Es ist die „binge-Exis­tenz“. Es will ewig auf­blei­ben, sich unend­lich betrin­ken, sich bis zum Plat­zen voll­fres­sen. Es will sich mit allen dump­fen Räu­schen betäu­ben und in die spit­zes­ten Exta­sen hoch­kit­zeln. Es will in einer ein­zi­gen logi­schen Sekun­de die ganze Welt, die Summe alles Sei­en­den begat­ten, fres­sen und zugleich von ihm ver­ge­wal­tigt und ver­tilgt werden. Dieses sado­ma­soch­ti­sche Gefühl, dieses eksta­ti­sche Ver­lan­gen, das manch­mal als orgi­as­ti­sches Zit­tern über die „Rand­be­rei­che“ unse­rer Exis­tenz streift, wird von Freud  zu seiner Sub­stanz und seinem Zen­trum erklärt. Es ist die Ver­ge­gen­ständ­li­chung gewis­ser Span­nungs­be­rei­che „rund um“ das Dasein zum Wesens­kern des Trieb-Sub­jekts. Freud schreibt über das Ich, dass es sich als „Herr im Haus“ wähne, wäh­rend es „auf kärg­li­che Nach­rich­ten ange­wie­sen bleibt vom dem, was unbe­wusst in seinem See­len­le­ben vor­geht“.
S. Freud, Vor­le­sun­gen zu Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se, Ges. Werke, Bd. XI, S. 295

Das „Ich“ ist bei Freud nur die „Rin­den­schicht des Es“. Freud pro­je­ziert dieses an den Haaren her­bei­ge­zo­ge­ne Unge­tüm als „wahres“ Wesen in den Men­schen hinein und will fortan all Gedan­ken und Gefühls-„Erscheinungen“ als Schein „ent­lar­ven“.  Alle Werte und Inten­tio­nen, alle Reli­gio­nen, jede Ethik und Moral, sind wesen­lo­se Lügen-Masken, die sich dieser einzig reale Lust­klum­pen über­zieht. Dieser ganze Wahn­sinn lebt und wirkt im Begriff des „Unter­be­wuss­ten“ und seinem Milch­mäd­chen-Psy­cho­lo­gis­mus.

Die Daseins­ana­ly­se, von ihrer Beschrei­bung des Daseins, bishin zu ihrer Traum­deu­tung, ist die Absage an diese Hal­tung des „Ent­lar­vens“ das aus einer Ver­ab­so­lu­tie­rung resul­tiert. Dabei wird das Phä­no­men, dass Freud damit benann­te nicht geleug­net, aller­dings sehr wohl seine „meta­psy­cho­lo­gi­sche Kon­zep­tua­li­sie­rung, dieser Annah­me als einem Teil­be­reich des psy­chi­schen Appa­rats“. Die Daseins­ana­ly­se lässt eine „der­ar­ti­ge Ver­ding­li­chung des See­len­le­bens zu einem vor­han­de­nen Innen­raum mit ver­schie­de­nen Berei­chen“ nicht zu.
oa Holz­hey S. 259f

Die schein­ba­re Kritik des ratio­na­len Sub­jekts bei Freud ent­puppt sich letzt­lich als Bei­be­hal­tung des car­te­sia­ni­schen Sub­jek­ti­vis­mus, nur dass dieses vom Herr­scher zum Skla­ven im „Trieb­ge­fäng­nis“ des Kör­pers wird. Das Unter­be­wusst­sein ist die „Kette“ mit dem das Bewusst­sein darin fest­ge­macht ist und die ihm in seinen Bewe­gun­gen folgt. Das Phä­no­men, der unbe­wuss­ten, unthe­ma­ti­sier­ten Trieb­wün­sche kann nicht zur Aus­le­gungs­mas­ke des gesam­ten Daseins werden. Das „Animal Ratio­na­le“ der moder­nen Phi­lo­so­phie bleibt als Inter­pre­ta­ti­on des Daseins bestehen. Sein Schwer­punkt ver­la­gert sich nur von der Ratio­na­li­tas in die Ani­ma­li­tas. Eine echte phä­no­me­no­lo­gi­sche Neu­erfah­rung des Daseins, seiner Tran­szen­denz und seiner Stim­mun­gen findet nicht statt.  Der Trieb und seine ver­meint­li­che „Befrei­ung“, von Freud über Reich, bis zur sexu­el­len Revo­lu­ti­on und dem pein­lich-pro­pa­gier­ten Hedo­nis­mus der anti­deut­schen Linken ist eigent­lich eine meta­phy­si­sche Ver­klemmt­heit.

Die Daseins­ana­ly­se sieht in dem „was die Psy­cho­lo­gen trieb­haf­tes Ver­hal­ten nennen“ etwas „unfrei­es, an etwas Über­mäch­ti­ges ver­fal­le­nes und diesem aus­ge­lie­fert Exis­tie­ren­des“. Es ist nicht unsere freie Ent­schei­dung, dass diese Phä­no­me­ne exis­tie­ren. Wir können aber meist ent­schei­den, inwie­fern wir sie lei­tend werden lassen und zum zen­tra­len Motiv erhe­ben. Oft ent­schei­det sich aber das Dasein zu seiner Ver­fal­len­heit. Mit Freud wird diese Ver­fal­len­heit aber zum unaus­weich­li­chen Grund­mo­dus.
Gion Con­reau, Daseins­ana­ly­se: phi­lo­so­phi­sche und anthro­po­lo­gi­sche Grund­la­gen; die Bedeu­tung der Spra­che; Psy­cho­the­ra­pie­for­schung aus daseins­ana­ly­ti­scher Sicht, 2. über­ar­bei­te­te Auf­la­ge, Verlag J. H. Röll, Det­tel­bach, S. 1998, S. 174f

Das Dasein und seine Gestimmt­heit sind ein Voll­zug, der sich nicht defi­nie­ren und bestim­men lässt. Schon gar nicht lässt es sich kausal und mecha­nis­tisch erklä­ren, wie Freud es in seiner bio­lo­gi­schen Trieb­leh­re ver­sucht. Nur eine grau­sa­me Sche­ma­ti­sie­rung des Daseins und seiner Stim­mun­gen lässt diese als „Ober­flä­che“ alles bestim­men­der Triebe erschei­nen. Freud wollte eine lücken­lo­se, kau­sa­le Erklä­rung für die psy­chi­schen Phä­no­me­ne im Men­schen finden und erfand dazu das „Unter­be­wuss­te“. Die vielen mensch­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen, die sich nicht aus Trieb­haf­tig­keit und Hedo­nis­mus erklä­ren lassen, führ­ten schließ­lich auch zu Freuds Kapi­tu­la­ti­on, die der geheim­nis­vol­le „Todes­trieb“, der am Ende seines Werkes auf­taucht, mar­kiert. Das was wir mit Stim­mung meinen, ist kein „Unter­be­wuss­tes“ das „neben“ dem ratio­na­len „Ich“ exis­tiert und aus „ver­dräng­ten Trieb­wün­schen“ besteht. Es gibt das Phä­no­men des Trie­bes und es gibt unthe­ma­ti­sier­te Trieb­wün­sche. Kei­nes­falls bestim­men und deter­mi­nie­ren sie jedoch das Dasein. Die Stim­mung geht viel tiefer und beein­flusst zuletzt auch die Art und Weise wie Reize und Triebe auf­tre­ten und wirken. (Jeder der bei sich oder ande­ren erlebt hat wie sie, oft urplötz­lich, zu bestim­men Trieb­voll­zü­gen „nicht mehr in Stim­mung“ waren, kann das bezeu­gen.)

Wir wollen den Exkurs hier abbre­chen und fest­hal­ten, dass Freud das Dasein meta­phy­sisch ein­friert, ver­räum­licht und ver­ein­facht, um letzt­lich Stim­mun­gen und Gefüh­le behan­del­bar und beherrsch­bar zu machen. Er erfin­det Akteu­re (Es, Ich, Über-Ich) und Berei­che, mit denen man alle Phä­no­me­ne „erklä­ren“ kann. Sein Modell des Men­schen bestä­tigt letzt­lich nur das moder­ne Welt­bild von Deka­denz und Nihi­lis­mus. Es ist aber in keiner Weise „beweis­bar“ und „wahr“, ja nicht einmal „wis­sen­schaft­lich“, wie einige jün­ge­re Stu­di­en nach­ge­wie­sen haben.
Die in der west­li­chen Welt seit eini­gen Jahr­hun­der­ten immer stär­ker und inten­si­ver auf­tre­ten­den Ver­stim­mun­gen, Ver­zweif­lun­gen, Depres­sio­nen und Stö­run­gen, werden von Freud nicht einmal ansatz­wei­se erkannt und mit seiner „The­ra­pie“ zum Teil ver­schlim­mert.
Die Folgen von Deka­denz und Nihi­lis­mi­us werden von Freud mit dem nihi­lis­ti­schen Voka­bu­lar und Denken des Mate­ria­lis­mus und Hedo­nis­mus ana­ly­siert und behan­delt. Der wahre Grund des „Unbe­ha­gens in der Kultur“, der Ver­lust aller sinn­stif­ten­den Instan­zen und die geis­tes­ge­schicht­li­che Lage Euro­pas, ent­zieht sich Freuds plum­pen Zugriff total, der dadurch zum Griff in den Abort spät­west­li­cher Deka­denz wird. Karl Kraus’ genia­les Zitat über die Psy­cho­lo­gie trifft auch auf Freud wesent­lich zu: “Psy­cho­ana­ly­se ist jene Geis­tes­krank­heit, für deren The­ra­pie sie sich hält.”  Seine „Ent­de­ckung“ des Unter­be­wuss­ten ist eine bloße Erfin­dung, die leider sehr tief und inten­siv auf das moder­ne Welt­bild ein­gwirkt hat. In diesem Text wird daher das freud­sche Voka­bu­lar tun­lichst ver­mie­den.

Der Common Ground des Elends

Weiter als Freud geht der große Denker und Men­schen­freund Viktor Frankl. Als Holo­caust-Über­le­ben­der und Psy­cho­lo­ge steht er heute für ein empha­ti­sches Ja zum Leben. Die von ihm gepräg­te Logo­the­ra­pie und die Exis­tenz­ana­ly­se, auf die wir hier nicht im Nähe­ren ein­ge­hen können, stehen inso­fern im Gegen­satz zu Freud, als sie nicht von einer kau­sal­ge­ne­ti­schen Ent­wick­lungs­theo­rie aus­geht und alles auf Triebe redu­ziert. Frankl sieht als sie eigent­li­chen Grund der gehäuft auf­tre­ten­den Gefühls­stö­run­gen und see­li­schen Krank­heits­phä­no­me­ne, auf welche die moder­ne Psy­cho­lo­gie reagiert, das Fehlen von Sinn. Viktor Frakl geht tiefer und erkennt, dass nicht allein Trieb­wün­sche und Lus­t­erfül­lung den Men­schen deter­mi­nie­ren. Dass diese und der Schmerz ihrer Ver­sa­gung ins Zen­trum des Daseins rücken ist, im Gegen­teil, wie auch Ernst Jünger in seinem genia­len Essay über den Schmerz erkennt, Anzei­chen einer Ver­schie­bung der „Kom­man­do­hö­he“, bzw des Sinns des Daseins, von Werten und Idea­len auf den eige­nen Leib. Diese Ver­schie­bung kommt einem Sturz und einem Fall gleich: das „Wie“ wird immer unter­träg­li­cher weil das „Wozu“ fehlt.  „Was der Mensch wirk­lich will“, so Frankl „ist letz­ten Endes nicht das Glück­lich­sein, son­dern ein Grund zum Glück­lich­sein.“ Der Ver­lust des „Wozu“, des Sinns kann sogar, wie Frankl erkennt, durch eine Über­fül­le der mate­ri­el­len Mög­lich­kei­ten nicht aus­ge­gli­chen werden. Es ist die berühm­te „innere Leere“, in die sich die Insas­sen des Wes­tens alle mög­li­chen alten und neuen Sinn­an­ge­bo­te hin­ein­st­op­fen. Frankl schreibt:

For too long we have been drea­ming a dream from which we are now waking up: the dream that if we just impro­ve the socio­eco­no­mic situa­ti­on of people, ever­y­thing will be okay, people will become happy. The truth is that as the strugg­le for sur­vi­val has sub­si­ded, the ques­ti­on has emer­ged: sur­vi­val for what? Ever more people today have the means to live, but no mea­ning to live for.“
Frankl, UCM, S. 21

Die Misere des Wes­tens ist in diesem Zitat groß­ar­tig auf den Punkt gebracht. Dem Men­schen geht es nicht primär um Trie­ber­fül­lung.
„Das Wesen der mensch­li­chen Exis­tenz liegt in deren Selbst-Tran­szen­denz. Unter der Selbst-Tran­szen­denz mensch­li­cher Exis­tenz ver­ste­he ich den grund­le­gen­den anthro­po­lo­gi­schen Tat­be­stand, dass Mensch­sein immer über sich selbst hinaus auf etwas ver­weist, das nicht wieder es selbst ist — auf etwas oder auf jeman­den: auf einen Sinn, den da ein Mensch erfüllt, oder auf mit-mensch­li­ches Sein, dem er da begeg­net.“

Fran­kls Schluss­fol­ge­run­gen wirken unmit­tel­bar über­zeu­gend. Wir wollen sie zur tie­fe­ren Durch­drin­gung noch einmal nach­voll­zie­hen. Sinn als eine umfas­sen­de Instanz, die unse­rem Dasein als Ganzes über kon­kre­te ein­zel­ne Bezüge und Ziele hinaus eine Bedeu­tung gibt, ist ein Bedürf­nis, das aus der Selbst­be­wusst­wer­dung und Erschlos­sen­heit des Men­schen seiner selbst erwächst: der „Tran­szen­denz“. Da wir unser Dasein als Ganzes wahr­neh­men und eine Bio­gra­phie haben, fragen wir uns unwei­ger­lich nach dem Sinn des Ganzen, dem Sinn und Ziel unse­res Lebens. Die End­lich­keit unse­res Daseins, sein Sein zum Tode, das in jedem Ver­lust und Abschluss, ja bereits jedem Son­nen­un­ter­gang durch­schim­mert, drängt uns diese Frage uner­bit­ter­lich auf. Sie wirkt sich gleich­zei­tig als umfas­sen­der Rahmen und Maxime in allen kon­kre­ten Ent­schei­dun­gen aus, vor die wir lau­fend gestellt werden. Zwi­schen ver­schie­de­nen Mög­lich­kei­ten, die uns die Refle­xi­on unwill­kür­lich auf­macht, ent­schei­den wir wil­lent­lich anhand von Prä­fe­ren­zen und Prin­zi­pi­en, die ihrer­seits wie­der­um durch „Über­prin­zi­pi­en“ abge­wo­gen werden. Der Sinn des eige­nen Daseins, die Auf­ga­be, der man sich widmet, wirkt in den Ent­schei­dun­gen bewusst oder unbe­wusst mit. Fehlt dieser umfas­sen­de Sinn bedeu­tet das nicht sofort den Zusam­men­bruch. Es ist es mög­lich sich in die „nie­der­schwel­li­gen“ all­täg­li­chen, mate­ri­el­len Her­aus­for­de­run­gen zu werfen, die unre­flek­tier­ten Über­zeu­gun­gen und täg­li­chen Her­aus­for­de­run­gen das Dasein bestim­men zu lassen und die Tran­szen­denz „abzu­blo­cken“. Jedoch im Schei­tern, bei Nie­der­la­gen oder im Zuge von Ver­let­zun­ge und Krank­hei­ten, also dann, wenn der Voll­zug und Betrieb des Lebens aus­setzt, bricht die unter­drück­te Sinn­fra­ge mit voller Gewalt herein. Burn-Out, Mid­life Crisis, Depres­si­on — wir haben viele Namen dafür. In ihnen wirkt sich, so kann man Frankl inter­pre­tie­ren, jedoch bereits eine gewis­se vor­gän­gi­ge Aus­gangs­la­ge aus, die uns anfäl­li­ger macht. Der feh­len­de Sinn erzeugt im gesam­ten Westen eine gedämpf­te Grund­stim­mung, eine Nie­der­ge­drückt­heit, eine „epi­de­mi­sche“ Depres­si­on.

Wir sind eine depres­si­ve Gesell­schaft. Kaum einer hat keinen Bekann­ten, der schon einmal Anti­de­pres­si­va genom­men hat. Die Krank­heit einer Gesell­schaft erkennt man stets an der Anzahl ihrer Ärzte: The­ra­pie­pra­xen, Lebens­be­ra­ter, Gurus und sons­ti­ge Hil­fe­stel­lun­gen für die zerüt­te­ten Psy­chen schie­ßen wie Pilze aus dem Boden.  Die gesam­te Ablen­kungs- und Zer­stre­ungs­ma­schi­ne­rie soll uns letzt­lich über den epo­cha­len Sinn­ver­lust unse­res Daseins ablen­ken. Am Grund aller Sub­kul­tu­ren, im hin­ters­ten Winkel jeder Sze­ne­knei­pe, in den letz­ten Minu­ten vor der Sperr­stun­de, in den weni­gen Sätzen in denen die Masken fallen, sieht man jedoch  das wahre Stim­mungs-Antliz unse­rer Gesell­schaft: gelang­weil­te Ver­zweif­lung und ver­zwei­fel­te Lang­wei­le.
Unsere sinn­lo­se Welt ist farb­los, ent­zau­bert und ster­bens­lang­wei­lig. Es fehlt das Gefühl der Bedeu­tung und Begeis­te­rung, das früher Gene­ra­tio­nen, Völker und Staa­ten trug. Die „Selbst­mo­ti­va­ti­on“, die Auto­sug­ges­ti­on und selbst­in­du­zier­te Empha­se, das „Rein­stei­gern“, der „Trip“, das „Rein­flas­hen“, das Sich-selbst-ver­lie­ren , die Immer­si­on in irgend­ei­ner Fan­ta­sie­welt oder Eksta­se, wird mit dem Preis der bit­te­ren Ernüch­te­rung beim Auf­wa­chen bezahlt. Die Sucht nach der Flucht wird immer stär­ker. Der Wahn sich stän­dig zu beschäf­ti­gen, die stän­di­ge musi­ka­li­sche Beschal­lung, der reflex­ar­ti­ge Griff nach dem Smart­pho­ne sobald es „nichts zu tun gibt“, das Hoch­fah­ren des PCs als erste Hand­lung nach dem Auf­wa­chen – all das sind Flucht­for­men der Lan­ge­wei­le. Wir ertra­gen es nicht mit uns selbst allei­ne zu sein. Wir ertra­gen die stille, unge­fil­ter­te Sicht auf unser lang­wei­li­ges Zeit­al­ter immer schlech­ter.
Die Ablen­kungs-Dosis muss immer höher, die Fanat­sie­wel­ten, in denen es Gut und Böse sowie Auf­ga­ben und „Quests“ gibt, müssen immer glaub­wür­di­ger, „rea­lis­ti­scher“ und raf­fi­nier­ter werden. Würde man die west­li­che Welt nur eine Woche von Kaffe, Alko­hol, Kopf­weh­ta­blet­ten, Anti­de­pres­si­va, jeg­li­chen Drogen, Par­ties, Wlan, Fern­se­hen, etc. „abset­zen“, wären die Folgen unab­seh­bar. Die Zom­bie­fil­me Rom­e­ros würden wohl Wirk­lich­keit werden.
Das pani­sche Weg­ren­nen vor der Lan­ge­wei­le und Sinn­lo­sig­keit ist, wie wir später sehen werden, auch eine Flucht vor der Depres­si­on und dem Tod, deren Vor­bo­te und gehei­mer Thyr­sus­schwin­ger stets die Fadesse ist. Die Flucht­be­we­gung aus der Sinn­kri­se in die Deka­denz führt zu der bekann­ten patho­lo­gi­schen „Triade“ die Frankl fol­gen­der­ma­ße beschreibt:

What threa­tens con­tem­pora­ry man is the alle­ged mea­ning­ful­ness of his life, or, as I call it, the exis­ten­ti­al vacuum within him. And when does this vacuum open up, when does this so often latent vacuum become mani­fest? In the state of bore­dom.“
Frankl, PAE, S.122

Ein Inter­pret schreibt weiter:
Bore­dom is the main sym­ptom of this ill­ness. To see if socie­ty is sick, one just has to obser­ve how deeply bore­dom – in its many forms and mani­fes­ta­ti­ons – over­flows peop­les lives. Some­ti­mes it beco­mes unbe­ara­ble, and then its com­pa­n­ions: addic­tion, depres­si­on and aggres­si­on, become the threat not only to the indi­vi­du­al but also to socie­ty as a whole.“

Jeder von uns hat wohl schon einmal den Höl­len­ritt auf diesem stan­dar­di­sier­ten west­li­chen Gefühls­krei­sel, der den Stru­del auf der gelang­weil­ten Grund­stim­mung des neu­zeit­li­chen Sub­jeks dar­stellt, mit­ge­macht. Das Ver­fal­len in ein Sucht­ver­hal­ten, die vielen klei­nen mate­ri­el­len Impul­se und Kicks, mit denen wir Sinn­lo­sig­keit und Lang­wei­le immer wieder ver­scheu­chen. Wir machen uns so zu Skla­ven von Ver­hal­tens­wei­sen, schaf­fen uns, mit freund­li­cher Unter­stüt­zung der Wer­be­in­dus­trie, immer wieder neue Bedürf­nis­se und genie­ßen ihre kurz­fris­ti­ge Befrie­di­gung. Eine Sucht gibt der ande­ren die Klinke in die Hand. Irgend­wann umstel­len sie uns und drü­cken uns zu Boden. Auf die Eksta­se folgt der Zusam­men­bruch, der Entzug, der Alltag der noch ein Stück grauer gewor­den ist.
Wie einen Ball hiel­ten wir die Grund­stim­mung des Wes­tens mit unse­ren „Kicks“ immer in der Luft. Irgend­wann fällt er auf den Boden, irgend­wann fallen wir auf den Grund zurück.
Die Apa­thie über­kommt uns. Die tiefe Lust­lo­sig­keit, die Kraft­lo­sig­keit, der Über­druss an allem. Das Auf­ste­hen und Zäh­ne­put­zen erscheint mühsam wie das Bestei­gen des Mount Ever­est. Eine Stunde frisst sich sinn­los in die nächs­te. Sinn­los „ver­trei­ben“ wir die Zeit.  Tage, Wochen und Monate können so ver­strei­chen und in eine ein­zi­ge leere End­lo­sig­keit ver­schmel­zen, die uns wie eine Sekun­de erscheint, wenn sie erst vorbei ist.  Rast­los treten wir auf der Stelle — im Inne­ren rast es, nach Außen hängen wir in den Seilen. Wie der Pan­ther in Rilke’s Gedicht krei­sen wir immer mani­scher um unsere Mitte, unse­ren betäub­ten Willen. Eine Ver­zweif­lung wächst im Zen­trum, ein Ekel vor uns selbst. Irgend­wann kommt die Erup­ti­on. Die Agres­si­on bricht sich wütend ihre Bahn. Die auf­ge­stau­te Ener­gie, die wir nicht auf kon­kre­te Ziele rich­ten konn­ten, weil alles sinn­los erschien, ver­pufft. Meist in einer ein­zi­gen aggres­si­ven Ent­la­dung, die oft jene trifft, die uns eigent­lich helfen wollen. Das Tier reißt an seinen inne­ren Ketten. Tob­suchts­an­fäl­le, in die Ecke getre­te­ne Möbel, Schlä­ge in die Wand, mani­sche Phasen.
Wenn wir danach nicht in die Apa­thie zurück­kip­pen, wenn uns irgend­ein glück­li­cher Gefühls-Auf­wind hoch­hebt, finden wir wieder in die „Schie­nen“ zurück, „mana­gen“ unsere Stim­mun­gen und der Krei­sel beginnt erneut. Diese Trias ist der Teu­fels­kreis der Gefüh­le, dessen Stru­del sich not­wen­dig im Gra­vi­ta­ti­ons­zug der west­li­chen Grund­stim­mung der Lan­ge­wei­le voll­zieht. Das was ihn bre­chen, und uns über ihn hin­aus­he­ben kann, ist ein wahrer Lebens­sinn, ist der ver­bo­te­ne Baum im Garten Eden der moder­nen Welt.

Wir müssen ver­ste­hen, dass unsere gesam­te Gesell­schaft in ihrem Kon­sum­ver­hal­ten, in ihrer Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on, in ihrem Sozi­al­ver­hal­ten, in ihrem Rechts­sys­tem und in ihrer Moral von diesem Krei­sel geprägt ist. Dass ein ein­zi­ges tiefes Gähnen, ein zyni­scher Lebens­über­druss der Stoff ist, aus dem der „Ame­ri­can Dream“ gemacht ist. Jeder lebt im Rahmen dieser Stim­mung, und ist im neu­zeit­li­chen Sub­jek­ti­vis­mus, in seinem meta­phy­si­schen Men­schen-, Welt- und Wahr­heits­bild, gefan­gen.
Wir können uns nicht „dage­gen“ Ent­schei­den. Wir sind alle Teil diese „Blooms“. Der Eska­pis­mus ver­strickt uns mit dem Schein der Flucht nur noch tiefer in seinen Fang­ar­men.
„Der Bloom erringt die ein­fachs­ten Siege bei jenen, die sich ihm zu ent­zie­hen trach­ten.“ Tiqqun, Theo­rie vom Bloom, S. 57

Wir sind alle süch­tig und zivi­li­sa­ti­ons­krank, weil wir in einer kran­ken und sinn­ent­leer­ten Gesell­schaft leben, die sich mitt­ler­wei­le „glo­ba­li­siert“ hat und ein welt­wei­tes Phä­no­men gewor­den ist.
Der ein­zi­ge Unter­schied ist, dass manche „besser ein­ge­stellt“ sind, dass sie die depres­siv-apa­thi­schen Phasen „über­tau­chen“, dass sie einen per­fek­ten, sozial und kör­per­lich ver­träg­li­chen Rhyth­mus ihrer mate­ri­el­len Lust-Kicks gefun­den haben, und ein Objekt haben, an dem sie ihre Agres­si­ons­an­fäl­le aus­le­ben können. Sie sind wie „func­tio­nal Alco­ho­lics“. Meist haben sie auch, wie wir später sehen werden, ein stump­fers Sen­so­ri­um für Sinn­fra­gen. Sie sind an sich „sta­bi­le“, unkom­pli­zier­te, unter­kom­ple­xe Men­schen, mit einer natür­li­chen Roh­kraft und wenig geis­ti­ger Tiefe. Diese Men­schen des geis­ti­gen Mit­tel­ma­ßes, arbeits­fä­hig, unbe­rühr­bar, mit abge­stumpf­ten oder abge­schnit­te­nen Anten­nen für Sinn­fra­gen, sind die Kinder der moder­nen Welt. Sie sind die Men­schen der Zukunft, die sich Gene­ra­ti­on für Gene­ra­ti­on stär­ker „her­aus­men­geln“ und durch­set­zen.
Die Emp­find­li­chen, Sen­si­blen, die Sinn­su­cher und Idea­lis­ten landen in der moder­nen Welt meist im Extrem, im Wahn­sinn und in der Droge – oder „frei­wil­lig im Irren­haus“ (Nietz­sche).  Es sind schlech­te Zeiten für Idea­lis­ten. Diese Erkennt­nis begrün­det eine gewis­se „Sym­pa­thie für den Geschei­ter­ten“, wie sie auch Hei­mi­to von Dode­rer bekun­de­te:
„Ich halte jeden Men­schen für voll berech­tigt, auf die – von den Inge­nieurs­ge­sich­tern und Betriebs­wis­sen­schaft­lern her­bei­ge­führ­te – der­zei­ti­ge Beschaf­fung der Welt mit schwers­tem Alko­ho­lis­mus zu reagie­ren, soweit er sich nur etwas zum Saufen beschaf­fen kann. Sich und andere auf solche Weise zu zer­stö­ren ist eine begreif­li­che und durch­aus ent­schuld­ba­re Reak­ti­on. Wer nicht säuft, setzt heut­zu­ta­ge schon eine beacht­li­che und frei­wil­li­ge Mehr-Leis­tung.“

Das Auto­ren­kol­le­tiv Tiqqun sieht gar in der Zer­stö­rung des eige­nen Kör­pers, die wir in den Extre­mis­men von Boder­li­ner und Mager­sucht bis hin zu Body­buil­ding-Wahn, etc. beob­ach­ten können, eine gehei­me Rache, eine Form der Sabo­ta­ge. Man „tötet seinen Körper ab, um sich an der Bio­macht und für die sym­bo­li­schen Ver­ge­wal­ti­gun­gen durch das Spek­ta­kel zu rächen.“ Tiqqun, Theo­rie vom Jun­gen­mäd­chen S.128 

Doch was können wir, wenn wir wieder einen Schritt zurück­tre­ten, poli­tisch aus diesen Über­le­gun­gen ziehen? Nichts weni­ger als den Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis und zum Errei­chen unser „Mit­bür­ger“, die wahre, uner­kann­te und unbe­setz­te Quer­front: der Common-Ground des Elends. Alle, auch die Grün-Poli­ti­ker, die CDU-Appa­rat­schiks, die EU-Bonzen, die Antifa-Schlä­ger­trupps, die Refu­gees-Wel­co­me Wahn­sin­ni­gen und sogar das Groß der Wirt­schafts­flücht­lin­ge selbst, die in den „gol­de­ne Westen“ strö­men sind, je „inte­grier­ter“ sie sind, von der mate­ria­lis­tisch-nihi­lis­ti­schen Grund­stim­mung ange­steckt.
Wir sind die Volks­ge­mein­schaft der Lan­ge­wei­le und Depres­si­on. Sie alle suchen im Grund einen Sinn­ersatz für ihr Leben. Sie suchen eine moti­vie­ren­de Begeis­te­rung in einer Fan­ta­sie­welt, einem Kick, einer Eksta­se, einer Droge, einer Eso­te­rik, oder einer poli­ti­schen Ideo­lo­gie. (In Deutsch­land spielt der Uni­ver­sa­lis­mus der Schuld eine Son­der­rol­le der arti­fi­zi­el­len Sinn­stif­tung die hier nicht behan­delt wird. Schuld ist im Grunde aber die letzte, legi­ti­me Sinn­sti­fungs­in­stanz des west­li­chen Zeit­geist. Alles was irgend­wie mit „Idea­lis­mus“ zu tun hat, von Öko- über Frie­des­be­weg­ten bis hin zu den „Kämp­fern gegen Rechts“ hat daher not­wen­dig etwas mit „his­to­ri­scher Ver­ant­wor­tung“ und eben Schuld zu tun.) Die weni­gen „nicht-tran­szen­den­ten“ Sinn­an­ge­bo­te, die in sich auch eine gewis­se, alt­her­ge­brach­te Resis­tenz gegen das Zeit­al­ter des Nihi­lis­mus haben: tra­di­tio­nel­le Fami­lie, Heimat und Volk, gelten als mora­li­sche Unmög­lich­kei­ten als Zumu­tun­gen für die sub­jek­ti­ven Freiheits“rechte“, des wur­zel­lo­sen Arbeits­no­ma­den. Sie gelten als mora­lisch ver­pöhnt und werden juris­tisch und wirt­schaft­lich sabo­tiert wo es nur geht.


Es muss viel­leicht gar kein gemein­sa­mer ideo­lo­gi­scher Boden für eine Debat­te gefun­den werden. Wir alle grun­deln bereits am Becken­bo­den der west­li­chen Jauch­gru­be herum. Wir suhlen uns in der­sel­ben zyni­schen „Abge­fuckt­heit“, die wir abends – oft in den­sel­ben Bars – mit den­sel­ben Stof­fen betäu­ben.  Ein all­ge­mei­ner Ekel über uns Selbst, über den untrag­ba­ren Zustand unse­rer Gesell­schaft drückt sich in allen poli­ti­schen und sub­kul­tu­rel­len Flucht­be­we­gun­gen aus. Schlägt es sich bei „Linken“ in einer Kritik am ersti­cken­den Über­fluss und seiner Ver­tei­lung nieder, kon­zen­trie­ren sich die Rech­ten vor allem auf den kul­tu­rel­len Nie­der­gang und die Deka­denz. Der Kampf „gegen das System“ oder „gegen Deutsch­land“ ist letzt­lich ein ein­zi­ger gemein­sa­mer Aus­druck der Uner­träg­lich­keit des west­li­chen Status Quo.

Exkurs: Horror Vacui und die poli­ti­schen Theo­ri­en

Genau hier, genau am tiefs­ten Common-Ground des Elends, for­miert sich eine selt­sa­me Quer­front, die sich gegen den eigent­li­chen Haupt­feind rich­tet: das Gefäng­nis der neu­zeit­li­chen Sub­jek­ti­vi­tät, des Indi­vi­dua­lis­mus und Uni­ver­sa­lis­mus, die das „Herz der Hydra“ bilden. Ihre Köpfe, die moder­nen poli­ti­schen Ideo­lo­gi­en, haben sich als Schein­lö­sun­gen, als Aus­wüch­se des Pro­blems erwie­sen. Von Natio­na­lis­mus bis Kom­mu­nis­mus, sind sie alle vom moder­nis­tisch-sub­jek­ti­vis­ti­schen Welt­bild und seiner inhä­ren­ten Sinn­lo­sig­keit und Ver­zweif­lung geprägt.

Ihr Kampf ist ein Bin­nen­krieg — sie hängen am selben Rumpf. Die 3 poli­ti­schen Ideo­lo­gi­en leben letzt­lich nur von diesem Kampf, von dieser Mobi­li­sie­rung, die ihnen kurz­fris­tig Sinn stif­tet. Sorel hat das im Bezug auf den Mar­xis­mus und seinem mobi­li­sie­ren­den Mythos klar erkannt. Was die Mar­xis­ten eigent­lich wollen ist keine „befrei­te Gesell­schaft“, son­dern die Sinn­stif­tung im hier und jetzt, im „Kampf“ um die befrei­te Gesell­schaft.

Der Horror Vacui, der die Akteu­re der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on nach dem Tag des Sieges befiel, führte zu einer schwe­ren „post­re­vo­lu­tio­nä­ren Depres­si­on“, die im Getöse des „Arbeits­kampfs“ und im Kampf gegen „innere Sabo­teu­re“  unter­drückt werden musste, bis sie der 2. Welt­krieg „erlös­te“ . (Die zitier­ten Auto­ren von Tiqqun sehen die zen­tra­le Schwä­che des Mar­xis­mus „in der Unfä­hig­keit, den Lebens­for­men Rech­nung zu tragen“ in denen „unter­schied­li­che Gefühls­wel­ten Gestalt anneh­men.“ Das sei gleich­zei­tig die Stärke des „Reak­tio­nä­ren“ Den­kens.)
Auch das Kol­lek­tiv um den Funken, groß­ge­wor­den in den drei poli­ti­schen Theo­ri­en (3PT), kannte diesen Horror Vacui. Die Frage was „nach“ dem großen Sieg, der Siche­rung unse­rer Exis­tenz und poli­ti­schen Macht, einer wirt­schaft­li­chen Aut­ar­kie, dem Bruch der Herr­schaft der Hoch­fi­na­nuz, etc. pp. erfol­gen sollte, war für den mes­si­an­si­chen Eifer bedrü­cken­der als der Gedan­ke einer „heroi­schen Nie­der­la­ge“.

Die Sinn­stif­tung der 3PTs bricht nie­mals aus dem moder­nis­tisch-sub­jek­ti­vis­ti­schen Welt­bild und seinem mate­ria­lis­ti­schen War­heits­ver­ständ­nis aus. Ihre Sinn­stif­tung ist Selbst­zweck und enfal­tet ihre Wir­kung allein im Kampf um das „große Visio­nä­re Ziel“. Sie ver­lan­gen alle­samt die totale Wahr­heit, die totale Erfül­lung, die totale Prä­senz des Seins, die sie ob als „Kor­rek­tiv“, oder Ide­al­zu­stand nie­mals auf­ge­ge­ben haben. Dieses Ende jedes Wer­dens, diese Til­gung aller Zeit­lich­keit, Dif­fe­renz und „Unge­rech­tig­keit“, ist gleich­zei­tig die Zer­stö­rung jeder Auf­ga­be, jeden Sinns. Ihr ulti­ma­ti­ver Sinn ist die totale Sinn­lo­sig­keit. Der Feind auf der Ebene der „Stim­mung“ und Sinn­stif­tung ist dabei para­do­xer­wei­se der Sieg über den Feind, der Ver­lust der „Reak­ti­on“, das Weg­fal­len der Hin­der­nis­se. Eine kühne These, doch der Zer­fall der west­lich-libe­ra­len Welt nach ihrem Sieg über Kom­mu­nis­mus und NS/Faschismus legt sie nahe. Der moder­ne Libe­ra­lis­mus als reins­ter und kla­res­ter Aus­druck des Nihi­lis­mus tritt, nach­dem seine Gegner besiegt sind, in seine pos­theo­re­ti­sche, post­mo­der­ne Zer­falls­pha­se sein, die Dugin scharf­sin­nig beschrie­ben hat. Ihm fehlen die Rei­be­blö­cke und Gegner, die zwi­schen ihm und seinem „Ende der Geschich­te“, der „One World“ liegen. Die USA ist nach wie vor erfin­de­risch darin Ersatz­feind­bil­der zu finden oder zu erfin­den. Doch auch sie ist längst nicht mehr die „City on the Hill“. Ihre „Mani­fest Desti­ny“, hat die besten Tage hinter sich. Die Dis­kre­panz zwi­schen dem pro­phe­zei­ten „Ende der Geschich­te“ und dem Status Quo tritt offen zutage. Das „Heil“ und die freie Welt ist nicht ein­ge­tre­ten. Das Leid ist nicht ver­schwun­den. Ver­schwun­den ist nur der Sinn, der es ertrag­bar machte.

Der Libe­ra­lis­mus, dessen Men­schen­bild das des Nihi­lis­mus ist, ist gleich­zeitg der Meis­ter der Sedie­rung, der Schmerz­mit­tel und der Zer­streu­ung, um diesen erträg­lich zu machen. Mit seinen glän­zen­den glo­ba­len Wer­be­feld­zü­gen, die sich viral und schwarm­ar­tig ver­brei­ten, hat er die gesam­te Welt „ver­west­licht“. In einem bru­ta­len (und teils willig auf­ge­nom­me­nen) Pro­zess der geis­ti­gen Ver­ge­wal­ti­gung, wurden die west­li­chen Medien in alle Winkel des Globus ver­brei­tet. (Wenige Länder wie zB. Buthan ver­such­ten hier offen­bar eine Zeit lang zu wider­ste­hen und tra­di­tio­nel­le Alter­na­ti­ven zum west­li­chen Glücks­ver­spre­chen und Men­schen­bild auf­recht zu erhal­ten.) Am Ende erfass­te die moder­ne Welt jeodch alle und sie „erkann­ten, dass sie nackt waren“. Auf einen Schlag waren ihnen ihre Leben nicht mehr gut genug, ver­blass­ten ihre Tra­di­tio­nen und Mythen vor einem geball­ten Auf­klä­rungs­schub, ver­fiel ihre Gelas­sen­heit in eine Getrie­ben­heit. Dieser Schub hat über­all sein nihi­lis­tisch-hedo­nis­ti­sches Welt- und Men­schen­bild und damit die Grund­stim­mung der Lang­wei­le und Depres­si­on ein­ge­pflanzt, ohne jedoch alle Men­schen die Mittel zur Sedie­rung zu geben. Die mas­sen­haf­ten, hedo­nis­ti­schen „Pil­ger­zü­ge“ der ver­west­lich­ten Habe­nicht­se ins über­fet­te­te Herz des „Empi­res“ sind die logi­sche Kon­se­quenz. Die „Refu­gees“ leiden mehr­heit­lich nicht an Hunger oder an Krieg, son­dern am moder­nen Nihi­lis­mus, an der moder­nen Sinn­kri­se und Depres­si­on. An einer inne­ren Leere, die auch sie mit der Spaß und Waren­ge­sell­schaft sedie­ren wollen. Wie Demo­gra­phen längst nach­ge­wie­sen haben, ist es nicht der „mate­ri­el­le“ Hunger, der zur Massenaus/einwanderung führt, son­dern der Hunger nach „Status“, nach dem Ideal, das man in west­li­chen Musik­vi­de­os und Kino­fil­men vor­ge­gau­kelt bekommt.

Libe­ra­le, Linke, Rechte, Refu­gees — sie alle, Nein, wir alle hängen im Common-Ground des Elends fest. Wir sind die Quer­front des moder­nen Nihi­lis­mus. (Die Rolle des Islams, indem Ernst Nolte einen letzen Gegner dieser moder­nen Front sieht, kann hier nicht eigens bear­bei­tet werden. Seine uni­ver­sa­lis­ti­sche-mosai­sche Wurzel und ihre moder­ne dschi­ha­dis­ti­sche Renais­sance ent­lar­ven ihn aber auch als einen Schein­geg­ner. Letzt­lich bedeu­ten ISIS und Co in den tri­ba­len Stam­mes­ge­sell­schaf­ten einen „Moder­ni­sie­rungs- und Inter­na­tio­na­li­sie­rungs­schub“, wie ihn der NS für Deutsch­land dar­stell­te) Woge­gen steht diese Front? Die Ana­ly­se der Grund­stim­mung und ihres Gefühls­ka­rus­sells hilft uns nicht nur unsere eigene Ver­haf­tung darin zu ver­ste­hen son­dern gibt uns, wenn wir ihre Wir­kung auf die Ideo­lo­gi­en betrach­ten, auch einen Blick auf die große gemein­sa­me Sehn­sucht, die geschicht­li­che Auf­ga­be, den letz­ten Ausweg einer „Revol­te gegen die moder­ne Welt“.

Diese Auf­ga­be bedeu­tet auf poli­ti­scher Ebene klar eine kon­ser­va­tiv-patrio­ti­sche Hal­tung, einen Kampf für die ver­blie­be­nen Tra­di­tio­nen und die letz­ten sta­bi­len Gren­zen. Auf phi­lo­so­phisch-geis­ti­ger Ebene führt sie uns zu in der Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Nihi­lis­mus und Deka­denz in die Sinn­fra­ge. Hier ist es eine Frage und Suche nach der „Wahr­heit“, ohne der  Tra­di­tio­nen, Ganz­hei­ten, Gemein­schaf­ten und Gren­zen, Mythen und Stile weder wach­sen noch bestehen können. Es ist keine unge­frag­te Defen­si­ve des Kon­kre­ten, son­dern ein Auf­bruch ins Unge­wis­se, eine Frage nach dem Grund. Dieser Text bewegt sich in dieser Pro­blem­stel­lung, im Kampf gegen die poli­ti­schen, und in der Aus­ein­an­der­set­zung mit den phi­lo­so­phi­schen Impli­ka­tio­nen der Moder­ne. Er ver­schiebt aller­dings den Winkel, blickt „von unten“, auf die Grund­stim­mung.

Unser Kampf einer „Revol­te gegen die moder­ne Welt“ ist zual­lerst und am Ende vor allem ein Kampf gegen die Grund­stim­mung der Moder­nen Welt, die uns, unser Volk, und heute alle Völker umfängt. Sie bestimmt vor allen phi­lo­so­phi­schen Ana­ly­sen von Sub­jekt, Wahr­heit und Meta­phy­sik unsere Gefüh­le und unser Ver­hält­nis zur Welt.
In der moder­nen Grund­stim­mung der Lan­ge­wei­le und Depres­si­on ersti­cken alle Ideale, alles Kon­kre­te, Bedeu­tungs­vol­le und selbst­ver­ständ­lich auch das Volks­be­wusst­sein. Wir können daher, wenn wir uns an die Masse rich­ten, an diese Werte kaum mehr appel­lie­ren, weil sie ein­fach nicht mehr vor­han­den sind. Der rechte Popu­lis­mus ist damit, wie in diesem Arti­kel xx beschrie­ben, oft eine Art par­ti­ku­lä­rer Uni­ver­sa­lis­mus, der die west­lich-moder­nen Ideen ver­wirk­li­chen, aber auf einen bestimm­ten natio­na­len Rahmen beschrän­ken will.  Er will Gleich­heit, Frei­heit und Konsum – aber nur in einem bestimm­ten Rahmen (gegen den seine logi­schen „Kinder“, als per­so­nif­zier­tes schlech­tes Gewis­sen mit mar­xis­ti­schen For­de­run­gen rebel­lie­ren.)

Er will mit der moder­nen Grund­stim­mung nicht bre­chen, son­dern sie erhal­ten und ver­ewi­gen. Er will sie gegen ihre eige­nen Folgen (Deka­denz, Demo­gra­phie­kol­laps, Mas­sen­ein­wan­de­rung, Isla­mi­sie­rung) ver­tei­di­gen. Es ist, als würde man einen Körper voller Tumore gegen die Sym­pto­me des Krebs ver­tei­di­gen.

Das gesam­te Geflecht der moder­nen Ideo­lo­gi­en ver­strickt sich in seinen fana­ti­schen Krämp­fen nur immer Tiefer in diesem Nihi­lis­mus.
Die gehei­men Sehn­süch­te, die vom moder­nen-sub­jek­ti­vis­ti­schen Welt­bild nicht befrie­digt werden, die nach einer Über­win­dung der Grund­stim­mung von Depres­si­on und Lan­ge­wei­le ver­lan­gen, werden nicht ange­spro­chen. In ihnen liegt das Ver­spre­chen nicht nur unser Volk zu seiner Selbst­ver­tei­di­gung auf­zu­we­cken, son­dern letzt­lich alle, die im moder­nen Common-Ground des Elends gefan­gen sind, aus ihren sinn­lo­sen Zer­falls- und Wan­de­rungs­be­we­gun­gen wieder in ihren sinn­haf­ten Eigen­be­reich zu fügen.

Die Daseins­ana­ly­se

Der zen­tra­le Erkennt­nis­ge­winn von Freud zu Frankl ist ein tie­fe­res Ver­ständ­nis der „Con­di­tio Humana“, die jeder von uns im Inners­ten nach­voll­zie­hen kann. Wir wissen, dass es nicht um die „Means“ zur Lus­t­erfül­lung, son­dern um die Bedeu­tung, um „Mea­ning“ geht. Dass die höhere Sinn­lo­sig­keit der moder­nen Gesell­schaft die Grund­stim­mung von Lang­wei­le und Depres­si­on sowie die Gefühl­stri­as aus Abhän­gig­keit, Apha­tie und Agres­si­on erzeugt, hat Frankl gut her­aus­ge­ar­bei­tet.
Sein Schluss, und mithin die Ziel­set­zung seiner Exis­tenz­ana­ly­se geht aber nicht tief genug. Ziel ist, platt gesagt, dass der Mensch „sich einen Sinn findet“. Dieser kann auch völlig sub­jek­tiv aus­ge­stal­tet sein: seine Fami­lie, ein Hobby, ein sozia­les Enga­ge­ment etc.

Im End­ef­fekt ver­bleibt Frankl hier in einem sub­jek­ti­vis­ti­schen-vol­un­ta­ris­ti­schen Welt­bild, das gerade die Grund­la­ge für die moder­ne Epi­de­mie der Depres­si­on bildet. Frankl ist daher vor­zu­wer­fen, dass er den epo­cha­len Grund dieses epi­de­mi­schen Depres­si­ons­auf­kom­mens in der Moder­ne nicht hin­ter­fragt hat. Es fehlte ihm wohl auch die Fähig­keit, die phi­lo­so­phie­ge­schicht­li­che Dimen­si­on zu erfas­sen. Er, als echter Men­schen­freund, wollte im Grunde ein­fach nur „helfen“ und hat das sicher in Ein­zel­fäl­len auch getan. Doch er konnte und kann mit der Sicht­wei­se seiner The­ra­pie nicht „heilen“ undden Pro­ble­men nicht auf den Grund gehen.

Die per­sön­li­che, belie­bi­ge „the­ra­peu­ti­sche“ Sinn­su­che und Sinn­stif­tung macht den Sinn letzt­lich zu einer Funk­ti­on des Wohl­be­fin­dens. Sie funk­tio­niert nicht anders als Freuds Trieb­wün­sche, und ist ledig­lich auf einer ande­ren Ebene mit ande­ren Gesetz­mä­ßig­kei­ten ver­or­tet. Der Sinn ver­liert damit seinen Bezug zur Wahr­heit, zur Welt und zum Sein. Die Erfah­rung der Ange­spro­chen­heit und Unver­füg­bar­keit, die eine echte Sin­n­erfah­rung aus­macht, wird so gar nicht erst ermög­licht. Statt­des­sen geht es um eine (Er)Findung des DIY-Sinns aus dem nahe­lie­gen­den Gesichts­kreis des All­tags. Diese Schief­hei­lung per­p­etu­iert die Fun­da­men­te des Nihi­lis­mus, und damit der Grund­stim­mung der Lan­ge­wei­le und Depres­si­on. Sie ist letzt­lich nur eine aus­ge­feil­te­re Form der Sedie­rung, ein beson­de­res Ange­bot am Jahr­markt der Sinn­stif­tung, die nur wirkt, wenn man nie­mals ernst­haft nach Sinn und Wahr­heit und ihrem Entzug in der Moder­ne gefragt hat.

Es ist am Ende nur die Daseins­ana­ly­se, eine von Medard Boss in Zusam­men­ar­beit mit Hei­deg­ger ent­wi­ckel­te The­ra­pie­form, die diese Fra­ge­stel­lung ermög­licht. Es fehlt hier der Raum um sie in ihrer Gesamt­heit zu beschrei­ben. Für alle Inter­es­sier­ten sei gesagt, dass sie nach dem Krieg in den sog. „Zol­li­ko­ner Semi­na­ren“ aus Vor­trä­gen Hei­deg­gers an ein aus­ge­wähl­tes, medi­zi­ni­sches Fach­pu­bli­kum ent­wi­ckelt wurde. Die Daseins­ana­ly­se steht in einer Fun­da­men­tal­op­po­si­ti­on zum moder­nis­tisch-mecha­nis­ti­schen Men­schen­bild der Schul­me­di­zin und zum Sub­jek­ti­vis­mus der freu­dia­ni­schen Psy­cho­ana­ly­se.
Sie erkennt darin den Aus­druck eines moder­nis­tisch-meta­phy­si­schen Welt- und Men­schen­bil­des, dass das Dasein des Men­schen miss­deu­tet. Viele Ansät­ze der kon­tem­po­rä­ren Alter­na­tiv­me­di­zin, vor allem die „Ganz­heit­lich­keit“, wurden in diesen Semi­na­ren bereits vor­weg­ge­nom­men und in phi­lo­so­phi­scher Tiefe beschrie­ben.
In Hei­deg­gers Inter­es­se an der Daseins­ana­ly­se zeigt sich klar sein eige­ner, „ganz­heit­li­cher“, seins­ge­schicht­li­cher Ansatz. Die Frage nach dem Sein ist kein abs­trak­tes Thema der Phi­lo­so­phie. Genau wie Hei­deg­ger das Dasein in seinem vollen exis­ten­zia­len Umfang von der Ratio über die Kör­per­lich­keit bis zur Stim­mung erkennt, so betrifft auch die erneu­te Frage nach Wahr­heit und Sinn diesen vollen Umfang. Sie erfor­dert den Sprung in die kon­kre­te geschicht­lich-poli­ti­sche Lage und die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem kon­kre­ten Leiden des per­sön­li­chen Daseins, in wel­chem es von der Welt durch­furcht und durch­zo­gen wird.
Das moder­ne Welt­bild des „Huma­nis­mus“ ist für all das blind. Es miss­deu­tet den Men­schen, die Welt und jedes Leiden als mate­ri­el­len Mangel. Seine Ant­wort und seine Lösun­gen sind zutiefst unmensch­lich. In der Moder­ne gehen nicht nur die Umwelt, die Völker und die Kul­tu­ren, son­dern auch die ein­zel­nen — die Men­schen selbst — zugrun­de. Wer sich in ihren urba­nen Zen­tra­len um und den Men­schen in die Augen sieht, weiß, wovon die Rede ist.
Genau­so zer­stö­re­risch wie auf die Poli­tik und die Gemein­schaft (Ato­mi­sie­rung, Gesell­schafts­ver­trag, Indi­vi­dua­lis­mus, Kol­lek­ti­vis­mus) so wirkte der car­te­sia­ni­sche Sub­jek­ti­vis­mus letzt­lich auch auf den Ein­zel­nen, indem er das Dasein in das nackte Bewusst­sein und seine bio­lo­gi­sche „Kör­per­ma­schi­ne“ spal­tet. Die mit der moder­nen Phi­lo­so­phie anhe­ben­de, kon­tem­po­rä­re Medi­zin betrach­tet den Körper als eine Art Trieb­werk und Ersatz­teil­la­ger, an dem man bio­me­cha­nisch her­um­schrau­ben kann. Freuds Psy­cho­ana­ly­se ist die gewalt­sa­me Über­tra­gung des­sel­ben Denk­mo­dells auf die „Psyche“.

In der Daseins­ana­ly­se gewinnt der mensch­li­che Leib seinen Eigen­be­reich wieder zurück, ohne dass ein „Ani­ma­lis­mus“ und Trieb­kult gepre­digt wird. Der Leib des Daseins ist nicht rein kör­per­lich, denn er endet nicht mit der Haut­gren­ze — man darf ihn nicht mit dem Körper ver­wech­seln. Die Gleich­set­zung ist eine Fehl­deu­tung, die das „hin­ter­her­lau­fen­de Suchen nach dem see­li­schen, vorher als Körper miss­deu­te­ten Leib“ bedeu­tet.
Mer­leau Ponty hat das in der Nach­fol­ge Hei­deg­gers in seiner Leib­phi­lo­so­phie wun­der­bar aus­ge­ar­bei­tet. Unser Leib strahlt aus, er ist ein­ge­fügt in das Fleisch der Welt. Wir selber erle­ben das jeden Moment, da wir uns nicht als „Bewusst­sein mit einem Körper“, son­dern im Hören von Geräu­schen, im Schme­cken, Tasten und Denken als leibhaft(ig) erfah­ren. Der Leib ist kein „Gegen­stand“, er ist eine Art und Weise des Exis­tie­rens nach der wir „leiben und leben“. Wir „haben“ keinen Körper, son­dern als Dasein, sind wir ein Leib, unsere Exis­tenz ist leib­lich, ver­letz­bar, robust, bedingt und gebun­den. Der geis­ti­gen „Selbst­re­fle­xi­on“ ent­spricht die eigene sen­su­el­le Wahr­neh­mung unse­res Leibes.
Dieses „Leiben“ gehört zu unse­rem Dasein und seinem in der Welt sein, da Dies ohne es nicht mög­lich ist.
Auch das Denken ist daher, wie die Inder und viele andere mit nicht uni­ver­sa­lis­tisch-bewusstseins­phi­lo­so­phi­sche Tra­di­tio­nen immer schon wuss­ten, ein zutiefst „leib­li­cher“ Akt. Wir „ver­fü­gen“ über es ebenso begrenzt wie über unse­ren eige­nen Körper. Die Tren­nung von Geist und Körper, von „reinem abs­trak­ten Denken“ und “nack­tem sen­su­el­len”, ist eine der tief­schür­fends­ten Folgen des neu­zeit­li­chen Den­kens. Ob das eine oder das andere als höher­wer­tig gepre­digt wird, ob man einen klas­si­schen Ratio­na­lis­mus und eine Zurich­tung und Ver­skla­vung des Kör­pers ver­tritt, ob man einen roman­ti­schen Irra­tio­na­lis­mus und Gefühls­kult, ein „aus-dem-Bauch-heraus“ Leben, pre­digt – man tritt nicht aus der Spal­tung heraus. Der zot­te­li­ge Orgon-Urschrei-Kom­mu­n­en­geist ist genau wie der Body­buil­ding-Wahn nur ein Modus dieses fal­schen Kör­per­ver­hält­nis­ses.
Krank­heit wird in der Daseins­ana­ly­se nicht als eine mecha­ni­sche oder psy­chi­sche Funk­ti­ons­stö­rung gese­hen, die vom Kör­per­me­cha­ni­ker beho­ben werden muss, son­dern als eine Ein­schrän­kung des freien Voll­zugs des Daseins eine „Seins­min­de­rung des Daseins“. (Cond­reau, S. 189)

Krank­heit ist immer eine Frage des eige­nen Lebens­ge­fühls, und auch teil­wei­se eine gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Kon­ven­ti­on. (Homo­se­xua­li­tät schien noch vor weni­gen Jahr­zehn­ten als Krank­heit auf, wäh­rend heute Homo­pho­bie als psy­cho­pa­tho­lo­gi­scher Zug gilt.) Men­schen, die von der Natur­me­di­zin als Krank beschrie­ben werden, können sich selbst völlig gesund fühlen und auch gesund leben. Men­schen die eigent­lich „kern­ge­sund“ sind, können in ihrem Lebens­voll­zug völlig ein­ge­schränkt sein. Gesund­heit ist, wie Nietz­sche sagt, „das­je­ni­ge Maß an Krank­heit, das es mir noch erlaubt, meinen wesent­li­chen Beschäf­ti­gun­gen nach­zu­ge­hen.“ Patho­lo­gisch ist, was den freien und gesell­schaft­lich als normal erach­te­ten Voll­zug des sozia­len und beruf­li­chen Lebens beein­träch­tigt.
Wir nähern uns hier wieder der Pro­ble­ma­tik des „Par­al­le­lis­mus“, wollen aber nicht zu tief in die Fragen der Medi­zin und der Psy­cho­so­ma­tik ein­tau­chen. Nicht zu leug­nen ist, dass die moder­ne Natur­me­di­zin, die auf dem neu­zeit­li­chen Sub­jek­ti­vis­mus und Mate­ria­lis­mus auf­baut, das gesam­te mensch­li­che Dasein ebenso ver­kennt, wie die moder­nen Gesell­schafts- und Staats­theo­ri­en das Volk.

Diese Sicht ist dabei nicht grund­falsch, son­dern eher ver­kürzt. Sie wird „falsch“, wenn sie diese Ver­kür­zung und Per­spek­ti­vi­tät ver­gisst und sich ver­ab­so­lu­tiert. Auch eine Sicht, die den Mensch nur als etwas Sei­en­des und jemand Sei­en­den auf­fasst und ihn ver­gen­ständ­licht, wird Rich­ti­ges über ihn aus­sa­gen, aber ihr bleibt das Wahre, das „Zen­tra­le des Mensch­seins“, ver­bor­gen. „Natür­lich kann man den Men­schen auch natur­wis­sen­schaft­lich als Natur­teil betrach­ten. Die Frage bleibt nur, ob dann noch etwas Mensch­li­ches her­aus­kommt, das den Men­schen als Men­schen trifft.“ (Hei­deg­ger, Zol­li­ko­ner Semi­na­re, Klos­ter­mann, Frankfurt,1987, S. 34)

Die Daseins­ana­ly­se befasst sich dage­gen aus fuda­men­tal­on­to­lo­gi­scher Sicht mit der Befind­lich­keit und Gestimmt­heit des Daseins. Sie ist nicht wis­sen­schafts­feind­lich, son­dern gegen die Ver­ab­so­lu­tie­rung der Natur­wis­sen­schaft. Im Grunde ist die Daseins­ana­ly­se die medi­zi­ni­sche und vor allem psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Kon­se­quenz aus der umfas­sen­den phi­lo­so­phi­schen Frage Hei­deg­gers. Die gigan­ti­schen Erfol­ge der Alter­na­tiv­me­di­zin, die im Fahr­was­ser der gesam­ten post­mo­der­nen Wis­sen­schafts­kri­tik auf­ka­men, zeigen, dass Hei­deg­ger hier, ähn­lich wie Nietz­sche, in einer phi­lo­so­phi­schen „Pro­phe­tie“, eine unter­drück­te Sehn­sucht, ein Defi­zit des moder­nen Men­schen vor­aus­ge­se­hen hatte.

Die Daseins­ana­ly­se ist der Sprung aus dem moder­nen Welt­bild in „eine ent­sub­jek­ti­vier­te Ein­stel­lung gegen­über der Welt, welche das, was begeg­net, nicht mehr als ver­füg­ba­re Objek­te in Besitz nimmt, son­dern als das sein lässt und behü­tet, was es selbst ist.“ (vgl. Boss, Grund­riss, S. 391, S.585)

Bei bekun­de­tem Inter­es­se kann sie hier am Funken in Zukunft ein­ge­hen­der the­ma­ti­siert werden. Ihre Bedeu­tung für unse­ren poli­ti­schen Wider­stand könnte aber bereits klar gewor­den sein. Die epi­de­mi­sche Depres­si­on unse­rer Gesell­schaft, die Grund­stim­mung die sich zwi­schen Deka­denz und Nihi­lis­mus ent­fal­tet, prägt und frag­men­tiert jeden ein­zel­nen „Insass­sen“, egal welche sozia­le Stel­lung und poli­ti­sche Über­zeu­gung er hat. Wenn wir in unse­rer Revol­te gegen die Moder­ne Welt nicht nur popu­lis­ti­sche Rota­ti­ons­ma­schi­nen zum Druck sein wollen, son­dern in die phi­lo­so­phisch-see­li­sche Aus­ei­an­der­set­zung ein­tre­ten, muss diese Stim­mung „psy­cho­nau­tisch“ erforscht werden.

In diesem von Wis­sen­schaft und Schul­p­hi­lo­so­phie ver­ges­se­nen Bereich wuchern die eso­te­ri­schen Lehren, die abstru­ses­ten Dok­tri­ne, wirrs­ten Geheim­bün­de, Orden und Sekten. Mit der Daseins­ana­ly­se bietet sich nun ein orga­nisch in Hei­deg­gers und Dugins phi­lo­so­phisch-poli­ti­sche Ana­ly­se ein­ge­füg­ter Ver­ständ­nis­zu­gang zur Stim­mung und zum See­len­le­ben des moder­nen Men­schen.
Das hat einer­seits eine Bedeu­tung für den poli­ti­schen Kampf, für das Finden der rich­ti­gen Bilder und Worte, die einer­seits tak­tisch-popu­lis­tisch die Refle­xe des moder­nen Sub­jekts bedie­nen können, wo es nötig ist (etwa im lokal­pa­trio­ti­schen Stand­ort­pa­trio­tis­mus, im west­li­chen Anti-Isla­mis­mus und sons­ti­gen „par­ti­ku­la­ris­ti­schen Zuckun­gen“ der Moder­ne, die nicht poli­ti­schen Dil­le­t­an­ten über­las­sen werden dürfen).
Vor allem aber ist die Daseins­ana­ly­se uner­läss­lich für das wahre Ziel, den Aus­bruch aus dem neu­zeit­li­chen Sub­jek­ti­vis­mus und seinen sozio­po­li­ti­schen Kon­se­quen­zen. Hier hilft sie uns die gehei­me Sehn­sucht, den ver­steck­ten „Hunger nach Iden­ti­tät“, der Ver­söh­nung mit dem eige­nen Dasein und seiner Geschicht­lich­keit in ihren aktu­ten Erschei­nungs- und Andock­for­men zu erken­nen.

Ohne in einen reinen Prag­ma­tis­mus zu ver­fal­len, wie es die Tech­ni­ken des Neu­ro­mar­ke­ting und der poli­ti­schen Pro­pa­gan­da tun (die ebenso stu­diert und gemeis­tert werden müssen), oder einem sek­tie­re­ri­schen Eso­te­ris­mus zu fröh­nen, wie es ein Groß­teil der tra­di­tio­na­lis­ti­schen Schu­len tun, stellt die Daseins­ana­ly­se die Grund­fra­ge und bringt das pri­va­te Elend des Ein­zel­nen mit der seins­ge­schicht­li­chen Lage des Ganzen zusam­men.
Sie deckt eigent­lich den Zusam­men­hang auf. Sie fragt näm­lich stets nach dem „Onto­lo­gi­schen Sinn des see­li­schen Lei­dens“ (Holz­hey). Und hier schließt sich der Kreis zur Anfangs­fra­ge des Textes. Die Häu­fung des manisch-depres­si­ven, sen­si­blen Typus, welche vor allem am moder­nen Nihi­lis­mus leidet, in den rech­ten Zusam­men­hän­gen, ver­bin­det sich mit der daseins­ana­ly­ti­schen Ergrün­dung der Depres­si­on und ihres Bezugs zur Seins­fra­ge.

Depri­vol­te gegen die moder­ne Welt

Daseins­ana­lys­tisch stößt man auf den onto­lo­gi­schen Sinn see­li­schen Lei­dens, wenn man von der Frage aus­geht, woran der see­lisch Lei­den­de eigent­lich leidet. (…) Das Beson­de­re des daseins­ana­ly­ti­schen Ans­sat­zes liegt also darin, see­li­sches Leiden nicht mit einem „Zuwe­nig“ (Beein­träch­ti­gung, Defi­zi­te, Miss­lin­gen), son­dern mit einem „Zuviel“ in Ver­bin­dung zu brin­gen, näm­lich einer zu großen Hell­hö­rig­keit oder Hell­sich­tig­keit für die beängs­ti­gen­de Grund­si­tua­ti­on mensch­li­chen Exis­tie­rens. Je hell­hö­ri­ger ein Mensch für die abgrün­di­gen exis­ten­zi­el­len Wahr­hei­ten ist (End­lich­keit, Frei­heit, Unge­bor­gen­heit, Schuld) je weni­ger er diese im All­tags­be­trieb „ver­ges­sen“ kann, umso größer ist die Gefahr, dass er see­lisch „erkrankt“.“
Holz­hey, S. 19f

Das Rechte Lager: die Patrio­ten, Kon­ser­va­ti­ven, die Par­tei­gän­ger der gefal­le­nen Werte und umge­wor­fe­nen Ideale, die sich heim­lich in den Kata­kom­ben der mul­ti­kul­tu­rel­len Par­ty­welt sam­meln und sich in alte Zeiten sehnen, stehen heute im Kreuz­feu­er des gesell­schaft­li­chen Hasses und der staat­li­chen Repres­si­on. Es scheint als würde sich der Hass des Welt­geists, die Destil­la­ti­on des Ver­nich­tungs­wahn aus Hexen­ver­fol­gung, Holo­caust und Holdo­mor heute, voll­streckt durch gut­mensch­li­che Pri­vat­in­qui­si­to­ren, gegen die „Nazis“ ent­la­den. Hinter dem „raus“, in „Nazis raus“ ver­birgt sich ein klarer Ver­nich­tungs­wunsch, dem man heute, gesell­schaft­lich aner­kannt, fröh­nen kann und den zu kri­ti­sie­ren sofort den Ver­dacht auf­kom­men lässt, selbst ein „Nazi“ zu sein. (Also lässt man es lieber blei­ben.)
Iden­ti­tä­re, die eine Sehn­sucht nach Wahr­heit, Sinn, Stil und Werten haben, stehen aber auch gleich­zei­tig im Wet­ter­zen­trum eines „meta­phy­si­schen“ Hoch­druck­ge­biets.
Der Entzug von Wahr­heit und Sinn trifft uns so inten­siv wie nie­man­den sonst. Nicht umsonst sind es die Sub­kul­tu­ren mit dem größ­ten Hang zum einem gewis­sen Kul­tur­pes­si­mis­mus wie Metal, Gothic, Neo­folk, etc, die die engste Ver­wandt­schaft mit der poli­ti­schen Rech­ten auf­wei­sen. (Auch der lang­sa­me Trend der Meme-Sub­kul­tur, die mit ihrer Zusam­men­bal­lung aus tota­lem Zynis­mus, Emo­ti­ons­kult und mora­li­scher Indif­fe­renz gera­de­zu sym­pto­ma­tisch für die Grund­stim­mung steht, ten­diert fol­ge­rich­tig immer mehr nach „rechts“ ins emo­tio­na­le Schmerz­zen­trum. )

 Wir sind in Wahr­heit die „Sen­si­ble­ren“, die Roman­ti­ker und die Fein­füh­li­gen, die neben dem mate­ri­el­len Schmerz eine Ader für den „geis­ti­gen Schmerz“ haben. Die stum­men Schmer­zens­schreie der gefal­le­nen Götter und Kathe­dra­len, der ster­ben­den Ideale, Werte und Tra­di­tio­nen schnei­den uns ins Fleisch. Uns erfüllt eine „höhe­res Mit­lei­den“ mit den letz­ten Mit­men­schen, das ihnen weni­ger ihr Harz4, die Por­no­flat­rate und die Tief­kühl­la­sa­gne als eine erlö­sen­de Krise wünscht, die ihnen ihre eigene Klein­heit bewusst macht. Dieses Leiden ist in den Augen der moder­nen Blooms eine Tor­heit, in den Augen der Linken ein Ärger­nis. Es gilt als Dek­dadenz, als Aus­fluss bür­ger­li­chen Über­flus­ses, als Frech­heit, ange­sichts des immer noch bestehen­den Welt­hun­gers. Tat­säch­lich ist der Zustand des mate­ri­el­len Über­flus­ses, indem sich dieser Über­druss, der erleb­te Nihi­lis­mus, der in der poli­ti­schen Rech­ten zum „akti­ven Nihi­lis­mus“ wird,  kein Zei­chen von Heu­che­lei oder „Cha­rak­ter­schwä­che“. Die Deka­denz selbst ist ein Flucht­phä­no­men des Nihi­lis­mus in die Quan­ti­tät. Die Depres­si­on ist ihr wesens­ver­wandt.

Sie ist eine Avant­gar­de­be­we­gung des Ver­falls, die not­wen­dig an der Spitze und im über­fet­te­ten Zen­trum des west­li­chen Fort­schritts ent­ste­hen muss. Wir erle­ben darin, am Gipfel aller Sehn­süch­te und Wün­sche der Ent­wick­lungs­län­der und Wirt­schafts­flücht­lin­ge ste­hend, den epo­cha­len Betrug, den dieses Glücks­ver­spre­chen bedeu­tet. Wir sind der leuch­ten­den Neon­röh­re, die sie wie die Motten anzieht, bereits zu nahe gekom­men und kleben ver­brannt und aus­ge­brannt an ihrer Schei­be.  Anders als die oben erwähn­ten, rohe­ren Natu­ren sind wir nicht in der Lage in der nächs­ten Nähe zu leben, uns maß­voll zu berau­schen, wie Nietz­sches letz­ter Mensch. Der Typus der in den rech­ten Zusam­men­hän­gen behei­ma­tet ist, geht auf das Ganze. Wenn er in den Konsum geht, die Kicks, den Rausch und die Flucht in die Fan­ta­sie sucht, geht er immer aufs Ganze, er will das Voll­kom­me­ne. Oft zer­bricht er daran phy­sisch oder psy­chisch.
Er sucht das erfül­len­de Ganze und findet in dieser Gesell­schaft nichts.

Genau um dieses Nichts wird es jetzt gehen, wenn wir die Her­an­ge­hens­wei­se der Daseins­ana­ly­se auf die Grund­stim­mung des Wes­tens anwen­den, und ihr Wesen ana­ly­sie­ren. Wir werden dabei erken­nen, dass die epi­de­mi­sche Depres­si­on, in deren Epi­zen­trum die manisch depres­si­ven Rech­ten zap­peln, ein Leiden am Entzug des Seins selbst sein könnte. Es wäre ein seins­ge­schicht­li­ches Leiden am Gestell, das, wenn es sich als sol­ches erkennt,  zu einer Auf­ga­be werden kann. Die soge­nann­te „Hei­lung“, d.h. die Sedie­rung dieses Lei­dens erscheint in diesem Licht womög­lich als ein Abschnei­den der Fühler, ein Abstump­fen des Sen­so­ri­ums für den Zustand der Gesell­schaft. Das Anpas­sen an und Funk­tio­nie­ren in einer kran­ken Gesell­schaft ist kein Zei­chen von Gesund­heit und keine Hei­lung: es ist die Unter­drü­ckung des ver­bor­ge­nen Sinns, der uns uns in der Nie­der­ge­schla­gen­heit und im Leiden anspricht. Dieser Sinn ist zugleich auch der Grund des Lei­dens. Wir leiden an nichts. Der Sinn unse­res Leides ist das Nichts.

Wir leiden an nichts. 

Hei­deg­gers seins­ge­schicht­li­che Frage erkennt in einer über­epo­cha­len Sicht den Ver­häng­nis­zu­sam­men­hang der abend­län­di­schen Phi­lo­so­phie­ge­schich­te als Ent­fal­tung des Nihi­lis­mus. Er erkennt mit der moder­nen Aus­le­gung von Mensch, Welt und Wahr­heit, dass die gesam­te Gesell­schaft, Poli­tik, Reli­gi­on, Wirt­schaft und Kultur in einen kris­tal­li­nen Ver­ständ­nis­ho­ri­zont ein­ge­sperrt ist, der sie blind für neue Erfah­run­gen des Seins macht. Im Unter­schied zu frü­he­ren seins­ge­schicht­li­chen Epo­chen ist im neu­zeit­li­chen Sub­jek­ti­vis­mus der Moder­ne kein Raum mehr für Sinn und Wahr­heit. Das Quan­ti­ta­ti­ve, das Rech­ne­ri­sche, das „Rie­si­ge“ hat jede Wahr­heit der Kunst und Reli­gi­on ver­drängt. Gegen­ständ­lich­keit hat alle Dinge ver­tilgt und der Huma­nis­mus ertränkt die Welt in agres­si­ven Mora­lis­mus, der alles andere zer­frisst und Rich­tung One World spült. Ein qua­li­ta­ti­ver, his­to­ri­scher Bruch, der das gesam­te Dasein betrifft, hat statt­ge­fun­den. Das Denken ist nach ihm prä­for­miert. Der Körper ist in seine „Bio­macht“ ein­ge­spannt. Vor allem aber ist auch die Stim­mung der Ein­zel­nen in die Grund­stim­mung dieser Seins­ge­schicht­li­chen Epoche ein­ge­las­sen. Fran­kls Ana­ly­se trifft, doch sie fragt nicht nach dem Wesen und dem Woher dieser Grund­stim­mung, noch dem Grund des Enzugs von Sinn. Gion Cond­reau schreibt dazu:

Und bedeu­tet „Sinn“ für jenen, der keinen Sinn mehr darin sieht, wei­ter­zu­le­ben, das­sel­be wie für jenen, der seinem Lieben wieder einen Sinn geben möchte, oder für den ande­ren, der an unse­rer Zeit­krank­heit der „Sinn­lo­sig­keits­neu­ro­se“ leidet? Sinn, das sahen wir bereits, kommt von „sinan“ und bedeu­tet „auf-dem-Wege“. Es ist also zukunfts­wei­send. Wenn ich nach dem Sinn meines Lebens, meines Tuns und Han­dels frage, so meint die Frage gleich­zei­tig, ob ich auf dem rech­ten Weg sei. Inso­fern beinhal­tet der Sinn nicht nur den Weg, son­dern auch das Ziel.“
Cond­reau S. 115F

Die Ziel­lo­sigg­keit und Weg­lo­sig­keit, das Fehlen einer his­to­ri­schen Auf­ga­be für die Völker wie für den Ein­zel­nen, das „Ende der Geschich­te“, führt zum Nihi­lis­mus, zur „Sinn­lo­sig­keits­neu­ro­se“ und zur all­ge­gen­wär­ti­gen Lan­ge­wei­le. Das Ende der Geschich­te stellt sich in der Seins­ver­ges­sen­heit und im Ein­frie­ren des Welt­bil­des auf das Gestell und die moder­nis­ti­sche Sicht des Seins ein. Die moder­ne Welt­sicht schot­tet sich gegen alle ande­ren ver­gan­gen und mög­li­chen kom­men­den ab. Jene erklärt sie als „unmensch­lich“, „reak­tio­när“, „ewig­gest­rig“ oder als „wahn­haft“. Sie pro­ji­ziert ihre Aus­le­gungs­ka­te­go­ri­en in die Ver­gan­gen­heit und in die Zukunft. Im mono­to­nen Takt der Wie­der­ho­lung des Immer­glei­chen friert der Hori­zont ein. Dieser Sinn­ver­lust ist der Grund für die moder­ne Stei­ge­rung der Depres­si­on.

Der qua­li­ta­ti­ve Bruch

Diese Depres­si­on selbst ist natür­lich kein exklu­siv moder­nes Phä­no­men. Sinn ver­stand sich nie­mals „von selbst“. Sinn und die Erfah­rung von Sein muss­ten immer errun­gen werden. Selbst­ver­ständ­lich gibt es auch gene­ti­sche Ver­an­la­gun­gen oder geis­tig-umwelt­li­che Beein­flus­sung in der Kind­heit, die den Ein­zel­nen für ein Leben in der Depres­si­on prä­de­sti­nie­ren können.  Es gibt exo­ge­ne Trau­ma­ta, schreck­li­che Erleb­nis­se die ihre Schnit­zer hin­ter­las­sen. Immer schon gab es auch endo­ge­ne geis­ti­ge Stö­run­gen wie Schi­zo­phre­nie und Epi­lep­sie. (Hier ist aller­dings wie­der­um der neu­zeit­lich-mate­ria­lis­ti­sche Blick auf die Krank­heit kri­tisch zu betrach­ten. Viele Auto­ren beschrei­ben die bestimm­ten sozia­len und reli­giö­sen Rolle, die solche „kranke“ Men­schen in stän­disch geglie­der­ten tra­di­tio­nel­len Gesell­schaf­ten inhat­ten.) Den­noch spie­len sich auch all diese psy­chi­schen Vor­fäl­le und Zufäl­le im Rahmen einer Grund­stim­mung und der von ihr bestimm­ten Gesell­schaft ab, und werden von ihr inten­si­viert und begüns­tigt.

Wich­tig ist, dass wir die qua­li­ta­ti­ve Ver­än­de­rung und den „Quan­ten­sprung“ klar her­aus­ar­bei­ten, in dem die Depres­si­on von der Aus­nah­me zur gesell­schaft­li­chen Epi­de­mie und damit zur Grund­stim­mung wird. Diese Ver­än­de­rung geht Hand in Hand mit dem „Tod Gottes“, dem Ver­lust aller sinn­stif­ten­den Instan­zen. Sie wurde von den feins­ten Geis­tern, wie etwa Nietz­sche, welche die Hin­fäl­lig­keit dieser Instan­zen erkann­ten als sie noch gesell­schaft­lich „wirk­sam“ waren, bereits lange vor­aus­ge­se­hen.
Wir sehen in der Ver­än­de­rung hin zur Grund­stim­mung der Lan­ge­wei­le eine Ana­lo­gie zur qua­li­ta­ti­ven Ver­än­de­rung der öko­no­mi­schen Ver­ständ­nis­se im Kapi­ta­lis­mus, wie sie Max Weber her­aus­ar­bei­tet, ebenso wie in der qua­li­ta­ti­ven Ver­schie­bung des Welt­bil­des im Empi­ris­mus.
Immer schon gab es Sinn­lo­sig­keits­neu­ro­sen (zahl­rei­che Werke der Lite­ra­tur zeugen davon), es gab die mit­tel­al­ter­li­chen „Cal­cu­la­to­res“, den „Aben­teu­er­ka­pi­ta­lis­mus“, der Medi­cis, Fugger und Roth­schilds. Die Enste­hung des tech­ni­schen Welt­bil­des, des Kapi­ta­lis­mus und des moder­nen Nihi­lis­mus sind jedoch qua­li­ta­ti­ve Sprün­ge in denen bis­he­ri­ge „Aus­nah­me­fäl­le“ zur gesell­schaft­li­chen Norm werden. Ein län­ge­res Zitat einer Daseins­ana­ly­ti­kern fasst das bisher Gesag­te gut zusam­men:

Jede Kultur lie­fert kol­lek­ti­ve Sinn­deu­tun­gen, welche sich expli­zit auf exis­ten­zi­el­le Grund­er­fah­run­gen bezie­hen. Sie sind in der Regel reli­giö­ser oder qua­si­re­li­giö­ser Art und nehmen (mit Aus­nah­me des Bud­dhis­mus) eine tran­szen­den­te Instanz „jen­seits der Welt“ als Sinn­stif­te­rin und Sinn­be­wah­re­rin in Anspruch. Tran­szen­den­te (meta­phy­si­sche) Sinn­deu­tun­gen sind ins­be­son­de­re dann gefragt, wenn durch kata­stro­pha­le Ereig­nis­se aller inner­welt­li­cher Sinn frag­lich gewor­den ist. Sie haben meist eine lange Tra­di­ti­on. Der gesun­de Men­schen­ver­stand findet in diesem tra­dier­ten Sinn­wis­sen seine not­wen­di­ge Ergän­zung. Seine Stand­haf­tig­keit rührt also auch daher, dass er in alten Tra­di­tio­nen wur­zelt. Die Moder­ne hat hier aller­dings einen radi­ka­len Wandel mit sich gebracht. Ein mehr oder weni­ger geschlos­se­nes und all­ge­mein ver­bind­li­ches Welt­bild ist durch eine Viel­zahl von Sinn­an­ge­bo­ten abge­löst worden. Damit hat sich für das Indi­vi­du­um ein früher unvor­stell­ba­rer Spiel­raum eige­ner Lebens­ge­stal­tung eröff­net. Diese Eman­zi­pa­ti­on des moder­nen Sub­jekts hat aller­dings eine Kehr­sei­te, wenn man beach­tet, dass mit der Ver­bind­lich­keit tra­dier­ter Welt­deu­tun­gen auch ihre immu­ni­si­ern­de Wir­kung gegen­über Seins­er­fah­rung weg­ge­fal­len ist. Unter den Bedin­gun­gen der Moder­ne drän­gen sich nun auch im Alltag die onto­lo­gi­schen Ein­schlüs­se schnel­ler und wirk­sa­mer, ver­wir­ren­der und beun­ru­hi­gen­der auf. Viele Men­schen emp­fin­den hier­bei ein Defi­zit, das sie durch Ori­en­tie­rung an neuen Heils­leh­ren zu behe­ben suchen. Das typisch moder­ne bzw. post­mo­der­ne Waren­la­ger von Sinn­an­ge­bo­ten aus allen Kul­tur­krei­sen ist aber in sich so wider­sprüch­lich, dass es nur schwach und meist nur für kurze Zeit eine immu­ni­sie­ren­de Wir­kung ent­fal­ten kann. Mit der fort­schrei­ten­den Auf­lö­sung über­lie­fer­ten Sinn­wis­sens hat auch der gesun­de Men­schen­ver­stand sowohl an Sta­bi­li­tät wie an Tiefe ver­lo­ren. Er äußert sich heute ver­mehrt in kurz­le­bi­gen Auf­fas­sun­gen, die gerade im Trend sind und dar­über Aus­kunft geben, was der­zeit „in“ ist. Das legt den Schluss nahe, dass das moder­ne Sub­jekt für see­li­sches Leiden dis­po­nier­ter ist, weil es ohne jene Schutz­vor­keh­run­gen aus­kom­men muss, die es tra­di­tio­nel­ler­wei­se vor über­for­dern­den und des­halb „krank machen­den“ Seins­er­fah­run­gen schütz­te. Sein Alltag ist nicht mehr „seins­be­ru­higt“, und das gilt nicht nur für den Alltag von Erwach­se­nen, son­dern ganz genau­so und wohl noch mehr für den Alltag von Kin­dern, die beson­ders darauf ange­wie­sen sind, den Umgang mit Seins­er­fah­rung zu lernen. Die Folgen bestehen darin, dass ganz tri­via­le Ent­täu­schun­gen und Krän­kun­gen unkon­trol­lier­ba­re see­li­sche Pro­zes­se in Gang zu setzen ver­mö­gen.“
Holz­hey S. 216F

Man kann über Holz­he­ys Aus­le­gung des Sinns als „immu­ni­si­ern­de Wir­kung gegen­über krank­ma­chen­den Seins­er­fah­run­gen“ strei­ten. Fak­tisch ist aber, dass man­gels Sinn die unaus­lösch­ba­re Sinn- und Seins­fra­ge, die unsere eigene Sterb­lich­keit uns auf­drängt, krank macht. Der moder­ne Mensch ist zugleich völlig abge­stumpft und irsin­nig emp­find­lich. Mit Ironie und Gleich­gül­tig­keit bedenkt er das, was einem ande­ren Men­schen­tum als höchs­te Blas­phe­mie galt. Jedoch die kleins­te Kritik an seiner Person, die kleins­te Erin­ne­rung seiner End­lich­keit, den Ver­lust seiner Schön­heit, seiner Arbeits­fä­hig­keit und seiner Kon­sum­mög­lich­kei­ten kann ihn in die tiefs­te Ver­zweif­lung stür­zen. Die Grund­stim­mung treibt nicht alle in eine patho­lo­gi­sche, das heißt sozia­les und beruf­li­ches Funk­tio­nie­ren beein­träch­ti­gen­de, Depres­si­on, jedoch ist jeder unwei­ger­lich in ihr ver­fan­gen. Das Arbeits­pen­sum der stei­gen­de Zahl an The­ra­peu­ten für die immer mehr wer­den­den „Ver­stimm­ten“ ist letzt­lich ver­ge­be­ne Lie­bes­müh. Sie ist in der Regel eine reine Umver­tei­lung des schwin­den­den Sinn­an­ge­bots, eine „Erfolgs­op­ti­mie­rung durch Erwar­tungs­re­duk­ti­on“, die die Tran­szen­denz der „Patie­ten“ wird betäubt, um sie mit dem Leben im Fal­schen „zufrie­den“ zu machen. Ein „eigent­lich Depres­si­ver“, wie wir ihn später beschrei­ben werden, kann durch eine der­ar­ti­ge The­ra­pie in keiner Weise berührt werden. Alle ande­ren werden von ihr ledig­lich neu und besser „ein­ge­stellt“. 

Hei­deg­gers seins­ge­schicht­li­che Ana­ly­se erkennt den qua­li­ta­ti­ven Sprung der neu­zeit­li­chen Grund­stim­mung, über alle kul­tur­kon­ser­va­ti­ven Inter­pre­ta­tio­nen hinaus, in seiner vollen Größe. Die Daseins­ana­ly­se erkennt und beschreibt seine Wir­kung in der Kon­kre­ti­on im unmit­tel­ba­ren ein­zel­nen Erle­ben. Im Gestell erscheint das Sein nicht mehr. Das bedeu­tet: Es gibt keine echten Sinn­zu­sam­men­hän­ge, keine echten Ganz­hei­ten, keinen orga­ni­schen inne­ren Zusam­men­hang, keine Qua­li­tät mehr. Alles erscheint nur mehr not­wen­dig im Licht der Bere­chen­bar­keit und Mani­pu­la­ti­on. Gleich­zei­tig ist der Zugriff und die Erwar­tung des Men­schen nur auf der­ar­ti­ge Erschei­nun­gen gerich­tet. Da, wo in ande­ren seins­ge­schicht­li­chen Epo­chen Sinn, Werte und Auf­ga­ben waren, ist heute nichts.


Was bedeu­tet das für die kon­kre­te Depres­si­on?

Hei­deg­ger beschäf­tig­te sich lange vor der Ent­wick­lung der Daseins­ana­ly­se mit den Stim­mun­gen und Gestimmt­hei­ten des Daseins. Der Bedeu­tung der Stim­mung wan­delt sich dabei analog zu seiner eige­nen Ent­wick­lung von der tran­szen­den­tal-hori­zon­ta­len Fun­da­men­tal­on­to­lo­gie als Befind­lich­keit in Sein und Zeit bis zur Grund­stim­mung des Ereig­nis­den­kens. Stets ist sie aber von “vul­gä­ren” kon­kre­ten Gefüh­len zu unter­schei­den, und hat eine onto­lo­gi­sche Bedeu­tung. Die Stim­mung bildet, ein­fach gespro­chen, erst den Rahmen für unsere Welt­erfah­rung, für Gefüh­le und Hal­tun­gen, die uns durch die Stim­mung als Ganzes erschlos­sen sind. Eine beson­de­re Rolle hat für Hei­deg­ger die Stim­mung der Lan­ge­wei­le. Sie über­kommt uns „wenn wir mit den Dingen und uns selbst nicht eigens beschäf­tigt sind“
Was ist MP, S. 110

Diese Erfah­rung ist nicht grund­sätz­lich nega­tiv, son­dern für Hei­deg­ger der fun­da­men­tal­on­tol­goi­sche Ansatz einer Sinn und Seins­fra­ge, sofern die Lan­ge­wei­le uns aus den kon­kre­ten, betrieb­li­chen und rou­ti­nier­ten Bezü­gen aus­lässt, und das Sei­en­de in seiner Ganz­heit erfah­ren lässt. (Wir ver­zich­ten darauf, auf die Lan­ge­wei­le näher ein­zu­ge­hen, wie wir auch eine Erläu­te­rung des Begrif­fes „Nichts“ hier unter­las­sen werden.) In der Lan­ge­wei­le streift uns ein Hauch des Nichts an. Es geht uns um nichts mehr. Nichts beschäf­tigt uns, nichts erfasst unsere Auf­merk­sam­keit.
In der Lan­ge­wei­le lösen sich Sub­jekt und Objekt gleich­sam auf:„Sie bricht auf, wenn »es einem lang­wei­lig ist«. Die tiefe Lan­ge­wei­le in den Abgrün­den des Daseins wie ein schwei­gen­der Nebel hin- und her­zie­hend, rückt alle Dinge, Men­schen und einen selbst mit ihnen in eine merk­wür­di­ge Gleich-gül­tig­keit zusam­men.“
oa S. 110

Die „eigent­li­che“ Lan­ge­wei­le, wenn man sich auf sie ein­lässt, ist ein Gestimmt­sein in der sich jeder Fokus ver­liert, eine medi­ta­ti­ve Stim­mung, in der alles zusam­men­fließt. Wir kennen sie viel­leicht aus ver­träum­ten Nach­mit­ta­gen, wenn wir als Kinder im licht­durch­flu­te­ten Wohn­zim­mer am Boden lagen und „nichts“ mach­ten. Diese Lan­ge­wei­le hat ein krea­ti­ves Poten­ti­al, sie ist den Tieren unbe­kannt und eine zutiefst mensch­li­che, phi­lo­so­phi­sche Eigen­schaft, aus der wir uns oft mit genia­len Ein­fäl­len und unge­ahn­ten Antrie­ben in die Welt zurück­ge­wor­fen vor­fin­den. Doch in der Lan­ge­wei­le als Grund­stim­mung, die eigent­lich als eine auf­ge­zwun­ge­ne Gleich­gül­tig­keit auf­tritt, ist diese krea­ti­ve Qua­li­tät völlig ver­lo­ren. Es ist alles gleich­gül­tig. In einer apha­ti­schen, defo­kus­sier­ten Stim­mung sind wir unfä­hig, unse­ren Willen auf Ziele zu rich­ten. Alles erscheint in einem glei­chen, ein­tö­ni­gen Grau, das sogar Geschmack und Ton­rei­ze ein­hüllt und fade werden lässt.

Diese Unfä­hig­keit unser Inter­es­se an eine Sache zu heften, sich für irgend­et­was zu begeis­tern, diese totale tiefe Antriebs­lo­sig­keit, die über kon­kre­te Faul­heit weit hin­aus­geht, ist ein Grund­sta­di­um der Depres­si­on und Nie­der­ge­schla­gen­heit. Sie äußert sich in einem all­ge­mei­nen Gefühl der Schwä­che, Pas­si­vi­tät, Über­for­de­rung. Es ist von ande­rer Qua­li­tät als die „hys­te­ri­sche Schwä­che“ einer Diva, in der es immer um die Aus­übung einer bestimm­ten Wir­kung auf andere geht, auch wenn sie manch­mal anders beginnt. Die echte Depres­si­on ist keine Pose, ist kein Thea­ter mehr. „Der Depres­si­ve ist außer­stan­de, irgend­ei­ne Selbst­dar­stel­lung zu insze­nie­ren. Er kann nicht anders, als sich so zu zeigen, wie er ist bzw. wie er sich fühlt.“
Holz­hey S. 304

Der plötz­li­che Entzug aus der Gesell­schaft, das Alles absa­gen, das Allein­sein wollen und das Erle­ben der Uner­träg­lich­keit von Gesell­schaft zeich­nen die Depres­si­on aus. Es ist kein gehei­mer Zweck mehr hinter dem Ver­hal­ten. Man ist über­for­dert, leidet an sich selbst und stößt auf das völ­li­ge Unver­ständ­nis der Ande­ren.  Die Daseins­ana­ly­ti­kern Alice Holz­hey-Kuhn schreibt:

Die her­me­neu­ti­sche Daseins­ana­ly­se hin­ge­gen setzt darauf, dass nicht ein kon­kre­ter Ver­lust als sol­cher, sei er nun bewusst oder unbe­wusst, depres­siv macht, son­dern der Ver­lust jenes Seins­sinns, in dem das bis­he­ri­ge Leben grün­det, wobei dieser onto­lo­gi­sche Ver­lust durch einen kon­kre­ten Ver­lust von etwas aus­ge­löst sein kann, oder auch nicht.“

Holz­hey S. 306

Dieser Ver­lust ist der Entzug jedes kon­kre­ten Welt­be­zugs, der als Grund­stim­mung der Gleich­gül­tig­keit alle Emo­tio­nen auf­frisst. Ein Grauen gegen das oft sogar das Erlei­den kon­kre­ter Schmer­zen (die Selbst­ver­stüm­me­lung), die kon­kre­te Selbst­zer­stö­rung, ein kon­kre­ter Hass, eine kon­kre­te Ernied­ri­gung lebens­wer­ter erschei­nen. Man will „irgend­was“ spüren. Was ist dieser Ver­lust, der die Depres­si­on aus­macht? Das Fragen sich auch immer die Umste­hen­den, die Ange­hö­ri­gen und Bekann­ten. „Was hat sie/er denn?“ „Was fehlt ihr/ihm denn? Die Fragen und Auf­mun­te­run­gen sind stets auf kon­kre­te Dinge, auf Fähig­kei­ten und Chan­cen die man hat, auf Fehler und Ein­schrän­kun­gen die man nicht hat, bezo­gen. Sie rich­ten sich an das Gefühl der kon­kre­te Trauer, das von der Grund­stim­mung der Depres­si­on unter­schie­den ist.

Alle Lösungs­an­ge­bo­te gehen ins Leere. Am Ende bleibt meist der Vor­wurf, dass man sich „etwas ein­bil­de“. Warum kann man nicht funk­tio­nie­ren wie die andern? Warum ist man so undank­bar? Warum regt man sich so auf wegen „nichts“? Und hier ist der Nagel auf den Kopf getrof­fen.

Der wahr­haft Depres­si­ve leidet an nichts. Es gibt keinen Grund für sein Leiden. Er leidet am Nichts. Sein Leiden ist, dass es keinen Grund für irgend­et­was gibt. Er hat damit in der heu­ti­gen seins­ge­schicht­li­chen Epoche nicht einen bestehen­den Sinn ver­lo­ren. Er hat letzt­lich über den Rand der tau­send Instant-Sinn­stif­tun­gen geblickt und ihre tie­fe­re meta­phy­si­sche Nich­tig­keit erkannt. Das Leben ist ihm in seiner Ganz­heit sinn- und wert­los gewor­den, wes­we­gen auch kein kon­kre­ter Anreiz eine Aus­sicht auf Bes­se­rung brin­gen kann. In ihm selbst, in seinem Dasein sitzt ein Sta­chel, der alles erschein­den­de Sei­en­de, alle Mit­men­schen im Licht der Gleich­gül­tig­keit erschei­nen lässt. Ja auch er selbst erscheint seiner Umge­bung als gleich­gül­tig kalt und gefühl­los. Was ist dieser „Sta­chel“? Kann man ihn ziehen? Nein.

Denn es ist kein Sta­chel. Nichts ist hin­zu­ge­kom­men. Wenn es eine echte, exis­ten­zi­el­le Depres­si­on ist, ist auch nichts weg­ge­fal­len, dessen Wie­der­kehr das Leiden stil­len könnte. Es ist viel­mehr “ein Zuviel” da.
Ein Zuviel an Emp­fin­dung, das einen erst das uner­mess­li­che “Zuwe­nig” spüren lässt. Es ist kein Sta­chel, son­dern eher ein „Fühler“ und eine „Anten­ne“. Der eigent­lich Depres­si­ve der am tota­len Sinn­ver­lust leidet, hat keinen echten Ver­lust, keine echte Beschä­di­gung erlit­ten. Er hat nichts. Das Nichts. Was er „hat“ ist das Zuviel an Emp­find­sam­keit, das ihn den Common Ground des Elends nicht ver­drän­gen lässt. Er hat ein Zuwe­nig an Zynis­mus, Roh­heit, am „So tun als ob“, an Selbst­täu­schung und höhe­rer Gleich­gül­tig­keit. Weil er diese nicht hat und die höhere Sinn­lo­sig­keit erkennt und daran leidet, muss ihm alles Kon­kre­te als gleich­gül­tig erschei­nen.

„Er weiß zu viel – zu viel, um noch wei­ter­ma­chen, das Lebens­pro­jekt wei­ter­füh­ren zu können, weil sich das, was seinem Leben bisher Kraft und Antrieb gab, als Illu­si­on ent­larvt hat. Damit ist die Beson­der­heit jenes Ver­lusts, den der Depres­si­ve beklagt, an den Tag gekom­men.“

Holz­hey S. 307

Es ist nicht der Ver­lust eines „Objekts“ wie beim Trau­ern­den. Dieser sieht das Leben per se als sinn­haft und sinn­mög­lich — allein der Ver­lust des ersehn­ten Objekts macht es „sinn­los“. Ein Hal­tung in der dieses Sinn­va­ku­um durch­aus ander­wei­tig erfüllt werden könnte. Er will nicht unbe­dingt den Suizid. Selbst der Akt des Sui­zids hat für ihn keinen Sinn, keine Bedeu­tung mehr. (Diese Gefahr besteht jedoch beim Umschla­gen von der depres­si­ven in die mani­sche Phase und umge­kehrt.) Er ist auch nicht wirk­lich „ver­zwei­felt“. Sogar zu dieser Emo­ti­on fehlt ihm das Inter­es­se. Es ist ein ein­zi­ges langes, trau­ri­ges, antriebs­lo­ses Gähnen, das durch sein Dasein fährt. 

Der Depres­si­ve hat die Über­zeu­gung, dass das Leben per se sinn­haft ist und sein könnte, und durch eigene Taten oder Wunder werden kann, ver­lo­ren. Darin hat er einen wesent­li­chen Zug des Gestells und des heu­ti­gen Nihi­lis­mus erkannt, der auch Nietz­sche ver­bor­gen blieb. Es ist unse­rer Will­kür ent­zo­gen. Der Glaube sich selbst einen Sinn stif­ten und bas­teln zu können, der Glaube, dass wir Gott getö­tet haben und neue Götter schaf­fen können ist die totale Stei­ge­rung des moder­nen Sub­jek­ti­vis­mus und der Machen­schaft. Das Nichts regiert, das moder­ne Leben ist sinn­los und es gibt erst­mal nichts, was wir per­sön­lich daran ändern können. Nicht nur eine kon­kre­te Situa­ti­on ist sinn­los. Das Dasein und In-der-Welt-sein an sich ist es. Kein neuer Job, kein Urlaub, keine Gön­nung, kein Freund, keine Bezie­hung, kein Kind, nichts, kann diese Grund­stim­mung ändern, wenn sie echt ist.

Wenn man diese „helle Nacht des Nichts“, die Wel­ten­nacht, einmal erfah­ren hat, einmal an diesem wahr­haf­ten „Rock Bottom“ ange­langt ist, trägt das eigene Dasein fortan eine Narbe, eine stän­dig, schmer­zen­de Öff­nung, die sich nie wieder schlie­ßen und kaum über­de­cken lässt. Man hat es sich nicht aus­ge­sucht, es hat einen aus­ge­sucht. Viele Ver­stim­mun­gen schram­men hier nur der an Ober­flä­che. Die “Mode­de­pres­si­on”, der Emo­kult, der Trend­nihi­lis­mus auf Image­boards und Social Medias ist keine exis­ten­zi­el­le Depres­si­on, son­dern nur eine Pose. Sie dockt am onto­lo­gi­schen Kern der Moder­ne, Mate­ria­lis­mus, Hedo­nis­mus und Huma­nis­mus an und ist letzt­lich nur eine (beson­ders ner­vi­ge) Vari­an­te des neu­zeit­li­chen Indi­vi­dua­lis­mus. Zur exis­ten­zi­el­len Depres­si­on gehört die geis­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zung und die Suche nach ihrer Wurzel, die unwei­ger­lich zur Revol­te gegen die moder­ne Welt und ins rechte Lager führen muss. Daher trifft man hier viele, die das Nichts wie einen Nie­der­schlag erfah­ren haben. Ein Nie­der­schlag, der sich in ihrem Gesicht, im Zucken eins Mund­win­kels, im trau­ri­gen Blit­zen eines Augen­blicks oder in einer ner­vö­sen Geste unaus­lösch­bar ein­ge­gra­ben hat.
Es gibt aus dieser Stim­mung kein Ent­kom­men duch ein „Zusam­men­rei­ßen“, genau wie es kein Ent­kom­men aus dem Gestell und Nihi­lis­mus allein durch eine geis­ti­ge Anstren­gung, oder eine poli­ti­sche Bün­de­lung (vgl fasces; Bündel) der Kräfte gibt.

Die Welt wirkt wie eine glatte graue Ober­flä­che, die sich als Zel­len­wand ent­puppt. Nir­gends findet der Wille oder das Inter­es­se mehr halt. Alles ver­schwimmt zur ein­för­mi­gen Masse, die nur mehr als Gleich­gül­tig­keit oder Belas­tung emp­fun­den wird. Reale kör­per­li­che Schmer­zen (sie haben eine Son­der­stel­lung, siehe oben Bor­der­li­ner) und Krän­kun­gen ver­schwin­den damit nicht, son­dern werden auf eine eigene indif­fe­ren­te Art und Weise erlit­ten, hin­ge­nom­men und nur mehr als Bestä­ti­gung erlebt. Der Depres­si­ve schleift, ohne Welt­ent­wurf und Ori­en­tie­rung, frei flot­tie­rend, wie ein Gefährt ohne Steu­er­mann, über die Zacken des Sei­en­den.
Er sieht sein eige­nes Dasein, und das Dasein an sich als sinn­lo­se Zumu­tung und kapi­tu­liert davor. Seine letzte heim­li­che Freude, die hin und wieder auf­blitzt, ist es, diese Kapi­tu­la­ti­on als Denk­mal der Nich­tig­keit zur Ver­zweif­lung der Umste­hen­den auf­zu­stel­len. Allen Auf­mun­te­run­gen zum Trotz am Leben zu ver­zwei­feln.

Die Antriebs­lo­sig­keit des Depres­si­ven, die als Faul­heit erscheint, ist die Nach­wir­kung des onto­lo­gi­schen Sinn­ver­lus­tes. Sie äußert sich zuerst in einem unge­sun­den, selbst­zer­stö­re­ri­schen Lebens­ryth­mus, der sich auch auf das Immun­sys­tem und die all­ge­mei­ne Lebens­kraft aus­wirkt und geis­ti­ges durch ein kör­per­li­ches Krän­keln ergänzt. Äußere Ver­än­de­run­gen dieses Lebens­wan­dels, etwa durch Sta­bi­li­sie­rung der Schlafryth­men, Sport, bes­se­re Ernär­hung, gere­gel­tes Leben durch Arbeit etc. führt meist nur kurz­fris­tig zu posi­ti­ven Schü­ben und sta­bi­len Phasen.
Die totale Dys­funk­ti­on des Depres­si­ven in der moder­nen Gesell­schaft wirft ihn aus der vor­ge­se­he­nen Lebens­bahn. Er ver­geu­det seine Zeit. Er ver­liert seine Arbeit, ver­passt seine Aus­bil­dungs­zie­le. Irgend­wann befin­det er sich jen­seits jedes Lebens­ent­wurfs.

Jedes see­li­sche Leiden führt zu einem gestör­ten Zeit­ver­hält­nis, „aber nur in der Depres­si­on wird diese Ver­än­de­rung wahr­ge­nom­men und als leid­voll erlebt, wes­halb es als ein typisch depres­si­ves Sym­ptom gilt. Der Depres­si­ve erlebt sich als abge­kop­pelt von der inter­sub­jek­ti­ven Zeit. Sie geht an ihm vorbei, geht nur für die ande­ren weiter, wäh­rend seine eigene Zeit still­steht.” Holz­hey S. 311f
Er ist aus der Zeit wie aus den Welt­be­zü­gen „her­aus­ge­fal­len“. Er wird ein „leben­der Ana­chro­nis­mus“ (Fuchs). Immer wieder wird aber dem Depres­si­ven schlag­ar­tig bewusst, dass trotz seiner zeit­los lei­den­den Stim­mung die Zeit real wei­ter­läuft und – GEGEN ihn läuft. Einer­seits schafft sein Ein­igeln im Gesamt­nein zum Dasein eine Erlö­sung vom Lebens­kampf, also den Her­aus­for­de­run­gen des All­tags vom gerin­gen sozia­len Kon­takt bis zur Kar­rie­re. Ande­rer­seits baut es einen immer grö­ße­ren Erwar­tungs­druck eine immer unein­hol­ba­re Nach­hol­last ein, vor der er irgend­wann nur mehr kapi­tu­lie­ren kann. Er findet sich in der Rolle des Ver­sa­gers, des Geschei­ter­ten ein. Er ist der­je­ni­ge über den Rilke schreibt. „Es sind Abfäl­le, Scha­len von Men­schen, die das Schick­sal aus­ge­spie­en hat.“  (Rilke, Malte)

Ein Ver­ach­tung vor sich selbst, die die Ver­ach­tung der ande­ren hun­dert­fach über­steigt, schleicht sich ein. Er ver­sagt sich auch das Genie­ßen klei­ner Freu­den und Ablen­kun­gen, er bekommt eine Gefühl  der „Lei­dens­pflicht“, in der Rolle der geschei­ter­ten Exis­tenz. Sie über­fällt ihn oft in den unpas­sends­ten Momen­ten und befiehlt den Rück­zug aus der Gesell­schaft. Diese Rolle des Lei­den­den und durch nichts Auf­zu­hei­tern­den muss der schwe­re Fall der Depres­si­on später auch in abge­schwäch­ten Phasen gegen­über der Außen­welt auf­recht­erhal­ten. Kleine kon­kre­te Genuß­mo­men­te und Phasen der Erho­lung und Auf­hei­te­rung werden vor ande­ren ver­bor­gen und ver­leug­net. Das eigene kurze Wil­lens- und Begeis­te­rungs­auf­fla­ckern wird sogar vor sich selbst ver­steckt und ver­leug­net. Es würde am “ontol­gi­schen Gesamt­nein” rüt­teln.
Es würde mit einem mal wieder das „Funk­tio­nie­ren“ erfor­dern, was das in der Depres­si­on auf­ge­stau­te Schuld- und Arbeits­pen­sum über einen her­ein­bre­chen lassen würde. Eine Gewalt, zu wel­cher man in diesem Zustand der leich­ten Erho­lung meist auch fak­tisch zu schwach ist. Die Schwä­che und Nie­der­ge­schla­gen­heit, die Grund­stim­mung in der sich der Depres­si­ve befin­det, ent­steht selten durch eine Über­las­tung mit Arbeit. Das Über­las­tungs­ge­fühl ist meist Ergeb­nis des Sinn- und Kraft­ver­lusts im Zuge der Depres­si­on.

Zusam­men­ge­fasst macht die Depres­si­on, die ihren Ursprung in einer „onto­lo­gi­schen“ Ebene hat, den Willen „krank“ und führt zur Apa­thie und Dys­funk­ti­on im „onti­schen“ Bereich. Diese wie­der­um führt zu einer Ansamm­lung an „onti­schen“ Lebens­druck aus dem Umfeld, sei es nun finan­zi­ell, beruf­lich etc., was die Ver­ewi­gung der Depres­si­on, das Ein­fin­den in der Rolle des Total­ver­sa­gens, auch als die „öko­no­misch“ güns­ti­ge­re Per­spek­ti­ve erschei­nen lässt. Der kleine Schritt „heraus“ scheint unmög­lich, auch weil das Umfeld eine totale sofor­ti­ge Hei­lung aus der „Ein­bil­dung“, in die man ja ebenso plötz­lich ver­fal­len ist, erwar­tet. Damit ver­stärkt und ver­ewigt sich die Depres­si­on selbst und unter­drückt die Aus­bruchs­chan­cen, die auch ein schö­ner Tag, ein gutes Essen, eine nette Unter­hal­tung zuspie­len können. Zahl­rei­che Dopa­min­ma­schi­nen, ein schier end­lo­ses Reser­voir an Serien, Filmen, Games und Pornos stehen bereit um den iso­lier­ten Depres­si­ven in den kurzen Momen­ten der Erho­lung die Lebens­kraft und Lebens­zeit abzu­sau­gen und ihn nach einer “Binge-ses­si­on”, wieder in Selbst­mit­leid und Apa­thie sinken zu lassen. Gefäng­nis der Depres­si­on, aus dem keine pos­ti­ven Stim­mungs­schwan­kung mehr her­aus­führt ist per­fekt. Gibt es einen Aus­bruch aus diesem Gefäng­nis?

Im Licht der Daseins­ana­ly­se und Hei­deg­gers Phi­lo­so­phie erscheint das per­sön­li­che Gefäng­nis der exis­ten­zi­el­len Sinn-Depres­si­on letzt­lich als Bestand­teil der seins­ge­schicht­li­chen Lage. Der Aus­bruch aus dieser Depres­si­on ist daher von einer Seins­fra­ge und der Poli­tik nicht zu tren­nen. Phi­lo­so­phie ist, wie Hei­deg­ger schreibt, nichts vom nor­ma­len Leben Abge­trenn­tes, son­dern ein not­wen­di­ger mensch­li­cher Voll­zug, der sich aus der „Tran­szen­denz“ und Sinn­fra­ge des Daseins ergibt.

Wäh­rend kleine affek­tier­te Nie­der­ge­schla­gen­hei­ten, gerade als Mode­er­schei­nun­gen in der Gothic­sze­ne, oft nur ein Koket­tie­ren mit dieser Grund­stim­mung der Nihi­lis­mus sind, und ein Groß­teil der Blooms eine mach­ba­re „Ein­stel­lung“ gegen­über und in der sinn­lo­sen Lan­ge­wei­le des Wes­tens gefun­det hat, ist bei der eigent­li­chen Depres­si­on, die in der hellen Nacht des Nichts die totale Sinn­ent­leert­heit der Zeit erfah­ren hat, eine „Hei­lung“ im Sinne einer indi­vi­du­el­len Repe­ra­tur nicht mög­lich.

Das ergibt sich not­wen­dig aus dem Gesag­ten. Ein Depres­si­ver, der an die Mög­lich­keit pri­va­ter Sinn­stif­tung durch Hob­bies, Fami­lie, Beruf, Enga­ge­ments, Arbeit und sons­ti­ger Ver­bes­se­rung seiner Lage glaubt, hat die höhere Sinn­lo­sig­keit des sub­jek­ti­vis­ti­schen Nihi­lis­mus gar nicht erfah­ren. Seine „Hei­lung“, soll heißen seine Anpas­sung, die Über­schal­lung des onto­lo­gi­schen Grund­rau­schen des Nichts, ist des­halb mög­lich, weil er eigent­lich nie „krank“ war. Ihm kann ein Pick-up-Semi­nar, das ihm einen One-Night-Stand ver­schafft, ein Lebens­hil­fe­buch, das zu einem Vor­stel­lungs­ge­spräch führt oder ein Trai­nings­plan, der seinen Kör­per­bau ver­bes­sert, “heilen”. Er war nie eigent­lich depres­siv.

Die eigent­lich Depres­si­ven werden jedoch, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht, nie­mals wirk­lich ent­kom­men. Ihr Leiden ist an die Epoche und den Zustand der Welt gebun­den. Ihre Depres­si­on ist die Trauer über die Flucht der Götter. Kurze Phasen des „Auf­tau­chens“, in denen man erlebt wie „das umfas­sen­de Gefühl von Bedrückt­heit, Sinn­lo­sig­keit und eige­ner Wert­lo­sig­keit wie von selbst weicht“, müssen tem­po­rär blei­ben. Nur eine echte Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Grund der Depres­si­on, mit dem „Nichts“ das einen befal­len hat, kann eine Ver­än­de­rung brin­gen. Diese ist keine Lin­de­rung, oder Repa­ra­tur son­dern eine Ver­wand­lung des Lei­dens in eine Auf­ga­be.

Es ist schwer Ver­mu­tun­gen über den Anteil jener „unei­gent­lich Depres­si­ven“ in den Heer­scha­ren, die an der epi­de­mi­schen Sinn-Depres­si­on leiden, anzu­stel­len. Letz­te­re leiden zwar auch an einem Aspekt der Moder­ne und des Nihi­lis­mus, jedoch reicht ihnen, wie Nietz­sche schrieb, nur als “Lüst­chen für die Nacht”. Die “Depri-Phase” ist eine Stim­mung, die von vorn­her­ein als tem­po­rä­re Ver­stimmt­heit und ober­fläch­li­che Melan­cho­lie in Kauf genom­men wird, nur um sich danach noch inten­si­ver am Hedo­nis­mus zu bespa­ßen. Genau hier kommen wir an einen ent­schei­den­den Punkt. Das gesell­schaft­li­chen Funk­tio­nie­ren von Betrof­fe­nen der epi­de­mi­schen Depres­si­on ist nur des­halb mög­lich, weil ein gigan­ti­scher Zer­streu­ungs­be­trieb von der Suche nach dem Grund der Depres­si­on ablenkt. Zu ver­mu­ten ist, dass mit einer Ver­schlech­te­rung der Lebens­be­dinun­gen und Ver­schär­fung der mate­ri­el­len Lage die seda­ti­ve Kraft des Wes­tens ver­siegt und die Anzahl der eigent­lich Depres­si­ven stei­gen wird. Die aber­tau­sen­den Depri-Poser, die Gothic-Gir­lies, die ihre Pseu­do­mis­an­thro­pie und auf sozia­len Netz­wer­ken zur Schau stel­len, könn­ten bald tat­säch­lich am Common Ground des Elends auf­schla­gen. Mit dem Kippen der Gesell­schaft in eine wirt­schaft­li­che Depres­si­on wird kein „Auf­wa­chen“ erfol­gen. Noch fehlt jede Alter­na­ti­ve zur herr­schen­den Onto­lo­gie, womit auch jede echte poli­ti­sche Oppo­si­ti­on fehlen muss.
Ein Ein­bruch der Kon­sum­welt könnte jedoch in einer Zuspit­zung zur echten Depres­si­on führen und folg­lich eine grö­ße­re Anzahl an wirk­lich Suchen­den und Fra­gen­den erzeu­gen, die von einer ver­spreng­ten Rand­grup­pe zur Bewe­gung werden könn­ten.
Dies bedeu­tet ein geis­ti­ges revo­lu­tio­nä­res Poten­ti­al und die Mög­lich­keit einer Mobil­ma­chung der “Quer­front des Elends”. Dieses Poten­ti­al ist aber nur dann revo­lu­tio­när, wenn es die seins­ge­schicht­li­che Bedeu­tung ihrer Depres­si­on erken­net und sich darin als „vom Gestell her­aus­ge­for­dert“ fühlt.

Depri­vol­te gegen die moder­ne Welt 

Dieser Exkurs in die Welt­erfah­rung des Depres­si­ven kann viel­leicht aus per­sön­li­chen Erfah­run­gen des einen oder ande­ren Lesers bestä­tigt werden. Die Grenze zwi­schen Depri-Phase und eigent­li­cher Depres­si­on an der oft, wie Aris­to­te­les sagte, die „außer­ge­wöhn­li­chen Men­schen“ leiden, kann natür­lich nicht klar gezo­gen werden. (Aris­to­te­les, Pro­ble­ma­ta, phy­si­ca, S. 953a)

Es ist, wie beschrie­ben, ein tie­fe­res Gefühl und ein „Mehr­wis­sen“, worin „das depres­si­ve Leiden das phi­lo­so­phischs­te Leiden” ist. Depres­siv wird nur wer jene zwei­fa­che Illu­si­on, die den Men­schen gemein­hin vor der nack­ten Kon­fron­ta­ti­on mit sich selbst — seinem eige­nen Sein, schützt, ver­lo­ren hat: den illu­sio­nä­ren Glau­ben, das eigene Sein sei grund­sätz­lich in Sinn auf­ge­ho­ben, auch wenn dieser oft ver­lo­ren bleibe und die alter­na­ti­ve Illu­si­on, man könne die als Unheil erkann­ten Grund­be­din­gun­gen des Lebens agie­rend ver­bes­sern.“ Holz­hey S. 308

Der eigent­lich Depres­si­ve ist kein „Son­der­fall“, der aus der Art schlägt. Er ist nicht ein­fach „krank“ und schei­tert des­we­gen an der Nor­ma­li­tät. Eher ist die Nor­ma­li­tät selbst „krank“ und er ist einer der weni­gen, die das erken­nen. Seine Erfah­rung des Nichts, der tota­len Nich­tig­keit und Sinn­lo­sig­keit ist keine unge­schicht­li­che „pri­va­te Spin­ne­rei“ — es ist eine Erfah­rung der „onto­lo­gi­schen“ Wahr­heit dieser Zeit: dass es in ihr keine Wahr­heit mehr gibt, dass in ihr die Grund­stim­mung der Lan­ge­wei­le regiert.

Im eigent­lich Depres­si­ven „ereig­net“ sich etwas. Er ist Zeuge eines geschicht­li­chen Ent­zugs von Sein, Sinn und Wahr­heit. In ihm tut sich der unge­fühl­te Schmerz der ganzen Welt über den Tod Gottes und die Ent­wer­tung der höchs­ten Werte auf. Wie die moder­ne Kunst in ihrer Stil­lo­sig­keit und Häss­lich­keit, so drückt auch die Depres­si­on in ihrer Stim­mung die Wahr­heit des Seins im Entzug seines Sinnes aus. Die eigent­lich Depres­si­ven sind viel­leicht die letz­ten „Hei­li­gen“ dieser Zeit, die als sinn­los Lei­den­de, als „blinde Zweige gen Mit­ter­nacht glim­men“ (Trakl), von dessen leerer Schwär­ze sie sinn­los nie­der­ge­schla­gen werden. Sie leiden an der Flucht der Götter und halten ihnen in ihrem Leid die Treue. Die Fak­ti­zi­tät ihrer Depres­si­on ist ein Hin­weis auf das Sein dieser Gött­li­chen und die (ver­lo­re­ne) Mög­lich­keit einer ande­ren Welt. Was ver­lo­ren und geflo­hen ist, ist aber nicht inexis­tent, son­dern kann wie­der­ge­fun­den werden. Es ist keine Täu­schung und Kon­struk­ti­on, die man über­wun­den hat. Das die Welt nicht über die “Göt­ter­nacht” hin­weg­ge­kom­men ist, bewei­sen die, die immer noch des­we­gen leiden, und sei es nur an der leit­be­frei­ten “Not der Not­lo­sig­keit” ande­rer.
Die Depres­si­on ist damit, frei nach Erich Fromm, Zei­chen eines „gesun­den Sen­so­ri­um“ gegen­über der Gesell­schaft. Und ja: je unver­ständ­li­cher und „undank­ba­rer“ die Depres­si­on ist, je fre­cher sie ange­sichts feh­len­der „echter Pro­ble­me“ im Leben des Betrof­fe­nen erscheint, desto wahrer wird sie. Die völ­li­ge Grund­lo­sig­keit des Ver­zweif­lens, wenn es einem eigent­lich „an Nichts“ fehlt, das Fehlen jedes kon­kre­ten, „onti­schen“ Grun­des für die Depres­si­on macht womög­lich ihre „onto­lo­gi­sche“ Wahr­heit aus.  Der Über­fluss an Gütern ist der „mate­ri­el­le Druck“, in wel­chem sich die Grund­stim­mung der Lang­wei­le fes­tigt. Sie „mate­ria­li­siert“ sich und tritt in einem kon­kre­ten Träger auf, der sie sicht­bar macht. Die eigent­lich Depres­si­ven sind die leben­di­gen Denk­mä­ler der Seins­ver­ges­sen­heit und Sinn­lo­sig­keit. In ihnen ereig­net sich bewusst­los der letzte Akt der abend­län­di­schen Meta­phy­sik­ge­schich­te. Sie sind krank am Willen, in einer Welt des Wil­lens. “Da-sein als Ge-müt die Gestimmt­heit durch die Stimme des Seyns.” Hei­deg­ger, GA 70 131.

Sie sind die Pri­va­ti­on der Par­ty­stim­mung, die Nicht­sei­en­den in einer Welt deren Zen­trum und Essenz Wille, Spaß und Mach­bar­keit sind. Die echte Depres­si­on ist Teil des Wär­me­to­des des Willen, den Nietz­sche bereits vor­her­ge­se­hen hat. Anders als die bloße Lan­ge­wei­le des letz­ten Men­schen trägt sie aber noch etwas „Chaos“ in sich. In ihrem ohn­mäch­ti­gen Trotz tut sie mehr: sie negiert den Willen an sich als „illu­si­ons­schaf­fen­de Kraft“ und Werk­zeug zur Sinn­stif­tung. Sie ist das reine, per­for­ma­ti­ve Nein zu einer Welt der Machen­schaft, des Funk­tio­nie­rens, des DIY-Lebens­sinns. In ihr begeht der Wille Suizid. Sie ist seine geschicht­li­che Selbst­auf­he­bung. Eigent­lich Depres­si­ve bilden damit die innere Wahr­heit des Gestells ab. Ihr Leiden ist viel­leicht die letzte Hoff­nung auf eine Über­win­dung der Meta­phy­sik, des neu­zeit­li­chen Sub­jek­ti­vis­mus und einen neuen Anfang, auch und ins­be­son­de­re dann, wenn ihnen das nicht bewusst ist. Ist ihr Leiden ein “Phan­tom­schmerz des Daseins” oder gar die erste Geburts­we­he eines des letz­ten Gottes?

Wir wollen im letz­ten Teil des Textes einen selt­sa­men und expe­ri­men­tel­len Weg andeu­ten, zu dem auf­bre­chen könnte, wer sich in der eigent­li­chen Depres­si­on als vom Gestell her­aus­ge­for­dert erfährt. Es ist kein Weg aus der Depres­si­on zurück zum gesell­schaft­li­chen Funk­tio­nie­ren und zum guten Leben, viel­leicht aber zu einem tie­fe­ren, bewuss­te­ren, oder ver­edel­ten Leiden.
(Dieser Teil ist nie erschie­nen.)